Loseblattsammlung

LoseblattsammlungSanfte Brise aus der Bibliothek des Baches, sein leises Murmeln im Ohr. So geheimnisvoll, dass ich es nicht entschlüsseln kann. Langsam fallen die Blätter wie lose Seiten aus einem Buch. Taumeln beschwipst im lauen Oktoberwind, rascheln unter jedem Schritt. Ein verworfenes Manuskript. Seine Schrift verblasst im Sonnenglast, das Murmeln verklingt. Zieht sich zurück wie ein ganzes Meer bei Ebbe. Nur mitten in der Bibliothek des Baches die Loseblattsammlung, geborgen von Strömung und Schatten.

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Versuchsanordnung

Mother & Child
Sonderweg Fußgänger

Wie Motten, die genug vom Licht haben, fallen die Blüten von meiner Königin der Blumen. Während meine Tochter mir mit Verve und Vehemenz am Küchentisch auseinandersetzt, woran es liegt, dass aus der jüngsten Liebschaft nun doch nichts wird, löst sich die letzte Blüte vom Stengel und fällt raschelnd zu Boden. (Dieses Kind. Erzählt mit demselben Temperament, mit dem es dereinst darauf drängte, das Licht der Welt zu erblicken und jetzt in sie hinaus will.) Sie zeigt mir den Entwurf eines filigranen Blumenmusters. Im Geiste gieße ich die noch fehlende Farbe hinein für ein Feld aus Rotem Mohn. Solange es den Klatschmohn gibt, muss gelebt werden.* Ich zeige ihr das Winterquartier für meine Königin der Blumen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nach der Blütezeit soll man sie vergessen. Einen grünen Daumen hatte ich noch nie. Eine schlichte Versuchsanordnung, das vermeintlich Unmögliche möglich zu machen. Am Abend sehen wir eine Dokumentation über die Waffenarsenale, die nach dem Weltkrieg tonnenweise ins Meer gekippt wurden. Tonnenweise Giftstoffe, die im Begriff sind, aus ihrer durchrostenden Ummantelung zu diffundieren. Wir fragen uns, welche Blüten das noch treiben wird. Ob es irgendwann überhaupt noch Blumen geben wird. Als ich meine Tochter am nächsten Tag auf den Weg bringe, lichtet sich gerade der Morgennebel. Aus den Dunstschleiern schält sich immer wieder schemenhaft auch die Hoffnung auf Herbstzeitloses.

*Zitat: Sorab Sepehri

Herbstlaubtrittvergnügen

HerbstlaubtrittvergnügenEs gibt Worte, die scheinen mir im Englischen manchmal prägnanter, schöner auch als ihre deutschen Äquivalente. Der glückliche Zufall zum Beispiel. Sofern so willfährig, irgendwann einmal wieder meinen Weg zu kreuzen, werde ich ihn Serendipity nennen. Eine kleine Hommage an die englische Sprache by the way.

Umgekehrt kommt das auch vor. In der New York Post findet sich dieser Tage ein Beitrag, der wiederum die Fähigkeit der deutschen Sprache preist, mit immer neuen Wortschöpfungen eigentlich Unsagbares auszudrücken. Von Zeitgeist und Doppelgänger bis Wanderlust und Schadenfreude haben solche Lehnwörter Einzug gehalten in den anglo-amerikanischen Sprachraum.

Dort erscheint demnächst auch ein Buch  von Ben Schott mit „German Words for the Human Condition“. Allerbeste Aussichten im Rennen um mein persönliches Lieblingswort in diesem Jahr hat die Eisenbahnscheinbewegung. Wer wissen will, was das ist und Lust auf mehr hat, dem sei der erwähnte Artikel Schottenfreude empfohlen.