Selfie or not

Smelly Cat
Smelly Cat

Zufällig passend zu Achims Post The Fear of the Self Portrait einen interessanten Artikel im National Geographic gelesen: The Un-Selfie: Taking Back the Self-Portrait.

Daraus das Zitat von Felicia Simion:

At one point, the self-portrait became more than just a portrait of myself. I started to look beyond what I saw inside the mirror, searching for my one and only identity. I noticed that while trying to showcase our multiple selves, we tend to peril our individuality, and it becomes more and more difficult to embrace our uniqueness. I called these multiple selves “shadows.” Doppelgängers. Perhaps things we want to be but we’re not.

Perhaps things we want to be but we’re not. Vielleicht auch Dinge, die wir gerne aus unserem Selbstbild verdrängen.

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A girl’s best friends

Puppen und Bären. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Ich war ein kränkelndes Kind. Im Bild mit einem Hasen, an den ich mich nicht erinnere, und mit meiner ersten Puppe. Die Susi. Auf diesen Namen war sie sicher von meiner Mutter getauft worden. Ich sollte nämlich Susanne heißen. Es war die Hebamme, die meine Mutter in letzter Minute davon abhielt. Dann bleibt sie ihr Leben lang eine Susi. Keine schönen Aussichten. Also wurde sich umentschieden in etwas Blühendes, das auch in einem deutschen Volkslied besungen wird, welches mein Vater angeblich schon als Junge geträllert hatte. Wenn er das damals schon gewusst hätte, pflegte meine Oma immer zu sagen, dass er einmal eine Tochter mit diesem Namen haben würde. Das war die eine Seite der Medaille. Auf einer ähnlichen Aufnahme kniet meine Mutter am Bettrand und trägt einen weißen Kittel. Wie eine Krankenschwester. Der Kittel war vermutlich ein Requisit aus der Praxis meines Vaters. Womöglich trug auch er einen, als er dieses Foto machte, was aber sicher nicht der Grund dafür ist, weshalb ich so traurig dreinblicke. Die Bedeutung des weißen Kittels dürfte ich mit kaum zwei Jahren noch nicht durchschaut haben. Das kam später und wäre die andere Seite der Medaille. Genug davon. Zurück zu dieser Puppe, der Susi. Ich mochte sie nicht wirklich. Der Bruder meiner Mutter, der in den Staaten lebte und einmal im Jahr zu Besuch kam, brachte mir später eine andere mit, die, nicht zuletzt weil ein Geschenk meines Lieblingsonkels, dann zu meiner Lieblingspuppe wurde. Da war ich auch schon alt genug, ihr selbst einen Namen zu geben. Gloria. Wie ich darauf kam, weiß ich heute nicht mehr. Ihrem zerzausten Haar rückte ich irgendwann mit der Schere zu Leibe. Und als ihre Glieder schon ganz lose um den weichen Körper baumelten, fasste ich sie nur noch mit Samthandschuhen an, um ihr keines davon auszureißen. Puppendoktoren sind leider eine ausgestorbene Zunft, sonst hätte ich sie vielleicht eines Tages einem solchen Weißkittel anvertraut. Aber ich habe mich erkundigt. Selbst Schildkröt legt an seine alten Modelle keine Hand mehr.

Puppen, also. Und Bären. Wie gesagt. Ich war ein kränkelndes Kind. Die Zeiten lassen sich rückblickend nicht zählen, in denen ich das Bett hüten musste. Als ich schon lesen konnte, vertrieb ich sie mir mit den Märchen der Brüder Grimm und denen von Wilhelm Hauff. Zwei große schwere Bände, die irgendwann so zerfleddert waren wie meine Gloria. Im Vergleich zu heute waren es damals natürlich ganz andere Stellen, die mich faszinierten. In Schneeweißchen und Rosenrot zum Beispiel die Szene mit dem Zwerg, dessen Bart sich in einem Baumstamm verheddert. Was es bedeuten mochte, seinen Freier totzuschlagen, davon hatte ich keine Ahnung. Es sind diese im eigentlichen Sinn des Wortes früher un-erhörten Märchenmomente, die heute die altvertrauten Geschichten in einem neuen Licht erscheinen lassen. Manchmal ist es ein unruhig flackerndes, meistens jedoch eine hell auflodernde Flamme.