Entrücke dich dem Stein!

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Bürgermeistergarten, Nürnberg

Breite dich hin. Zerblühe dich. O, blute / dein weiches Beet aus großen Wunden hin: / Sieh, Venus mit den Tauben gürtet / sich Rosen um der Hüften Liebestor –

Gottfried Benn

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Karyatide

Sieh‘ dieses Sommers letzten blauen Hauch / auf Astermeeren an die fernen  / baumbraunen Ufer treiben, tagen / Sieh‘ diese letzte Glück-Lügenstunde / unserer Südlichkeit, / hochgewölbt.

Gottfried Benn

Atempause Juli

Wer rücklings unter den hohen Bäumen liegt, / ist auch da oben. Er strömt in Tausende von Zweigen aus, / schaukelt hin und her, / sitzt in einem Schleudersitz, der in Zeitlupentempo wegfliegt.

Wer unten an den Bootsstegen steht, blinzelt den Wassern zu. / Die Bootsstege altern schneller als Menschen. / Sie haben silbergraues Holz und Steine im Magen. / Das blendende Licht schlägt tief hinein.

Wer den ganzen Tag in offenem Boot / über die glitzernden Buchten fährt, / wird schließlich in einer blauen Lampe einschlummern,  / während die Inseln über das Glas kriechen wie große Nachtfalter.

Tomas Tranströmer, „Atempause Juli“ in „Sämtliche Gedichte“

Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel

No dar papaya

No dar papaya, is a common expression unique to Colombia which means show no vulnerabilities and present no easy target…

Andernorts trugen Mädchen Schuluniformen. Lange Zeit, eine sehr lange Zeit musste ich um eines dieser kurzen, dunkelblauen, plissierten Röckchen bitten und betteln. A vertically hanging piece of fabric such as a skirt or a drape will often be described in terms of its „fullness.“ An einem Sonntagvormittag im April saß ich schließlich neben meinem Vater im Auto. Zu einer Zeit, da es einer besonderen Belohnung gleichkam, als Kind auf dem Beifahrersitz Platz nehmen zu dürfen. Wir fuhren über eine Grenze, fremdes Territorium betreten. Fast wie etwas Verbotenes tun. Ganz tief in meinem Innersten fühlte ich: Ich bin frei.

Auch Klimaanlagen gab es noch keine. Durch die Frontscheibe prallte ungebremst die Sonne in meinen Schoß und ergoss sich wie ein warmer Wasserfall über meine nackten Oberschenkel unter dem heißgeliebten Röckchen. Selbst meine Mutter war einem ihrer Prinzipien untreu geworden an diesem Tag im April: Keine Kniestrümpfe in einem Monat mit „r“! Einer jener seltenen Momente, in denen ich Anteil hatte an der Fülle des Lebens, ja, für den Augenblick sogar die Anwesenheit des Vaters vergaß. Ich zog das dunkelblaue Tuch ein Stückchen weiter über die Beine und entblößte meine Knie.

Ohne Worte legte sich eine schwere Hand auf meine Beine und schob den gefältelten Stoff mit einem Ruck zurück. Ich hatte eine Grenze überschritten. Ich war nicht frei.

Gesichter

Nachfolgend vier Bilder einer Ausstellung im Neuen Museum in Nürnberg. Gesichter – Ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske, so der Titel. Einen unauslöschlichen Eindruck haben die Arbeiten von Cindy Sherman und Gillian Wearing bei mir hinterlassen. Sherman zerstört den schönen Schein, Wearing spielt mit Identität, während sie sich als Dreijährige, August Sander oder Claude Cahun inszeniert. Ihr wahres Gesicht baumelt als Maske in der Hand von Cahun. Als gäbe es hinter tausend Masken kein Selbst…

Loseblattsammlung

LoseblattsammlungSanfte Brise aus der Bibliothek des Baches, sein leises Murmeln im Ohr. So geheimnisvoll, dass ich es nicht entschlüsseln kann. Langsam fallen die Blätter wie lose Seiten aus einem Buch. Taumeln beschwipst im lauen Oktoberwind, rascheln unter jedem Schritt. Ein verworfenes Manuskript. Seine Schrift verblasst im Sonnenglast, das Murmeln verklingt. Zieht sich zurück wie ein ganzes Meer bei Ebbe. Nur mitten in der Bibliothek des Baches die Loseblattsammlung, geborgen von Strömung und Schatten.

Das Fähnchen hoch halten

Bubble BathMeine Schwester badet nicht.

Sie vermachte mir kürzlich diverse Tütchen der tetesept Sinnensalze des Jahres “Zeit für Dich” sowie ein kleines Nackenkissen für die Wanne.

Sehen Sie die harmonische Farbe von hellem Rosé.

Riechen Sie den blumig-leichten Duft mit Hibiskus und weißem Tee.

Reimt sich sogar. Außerdem sind diese Sinnensalze frei von allem möglichen. Frei von Farbstoffen sind sie offensichtlich nicht.

Schon vorgestern tauchte ich meinen Körper in die hochgebaute Wanne voll warmen Wassers mit Meersalz und einer Kombination ätherischer Öle aus Orange, Mandarine, Lavendel sowie Limette und ließ den Kopf ins Nackenkissen sinken. Dabei schwebte mir das in Entwicklerflüssigkeit schwimmende latente Bild eines belichteten Films vor Augen, das in der Fotoemulsion allmählich sichtbar werden würde. Wie vom Rotlicht einer Dunkelkammerleuchte bestrahlt glühte das Wasser in einem tiefen Orangerot und verstärkte die Illusion, es ließe sich darin tatsächlich ein Entwicklungsfortschritt in statu nascendi beobachten. Kein schlechtes Setting für einen Psychothriller, dachte ich.

Gleichzeitig bildete die intensive Farbe einen wohltuenden Kontrast zur nebelverhangenen Außenwelt.

Heute badete ich also in Hibiskus und weißem Tee, der sich aber nicht wie angekündigt als helles Rosé entpuppte sondern himbeerrot wie die gute alte AHOJ-BRAUSE in der Wanne sprudelte. Und wie der Matrose sein Frigeo-Fähnchen, so hielt ich das Lesebändchen meiner Lektüre hoch, um Virginia Woolf vor einem zweiten Tod durch Ertrinken zu bewahren.

Wenn ich lese, läuft ein purpurfarbener Rand um die schwarze Kante des Schulbuchs. Doch kann ich keinem Wort durch seine Abwandlungen folgen. Ich kann keinem Gedanken aus der Gegenwart in die Vergangenheit folgen. Ich stehe nicht verloren herum, wie Susan, mit Tränen in den Augen, wenn ich mich an zu Hause erinnere; noch liege ich, wie Rhoda, zerknittert unter den Farnkräutern und mache grüne Flecken auf mein rosa Baumwollkleid, während ich von Pflanzen träume, die unter der Meeresoberfläche blühen, und von Felsen, zwischen denen gemächlich die Fische dahinschwimmen. Ich träume nicht.

So schwebt durch Traum und Wachen hin die Welle, heißt es bei Tieck. Ja. So schwebt sie hin… und in einer Endlosschleife Louise and the Pins mit ihrem „Bell Jar“.

…und schon ist es Abend.

Und schon ist es AbendEin jeder steht allein auf dem Herzen der Erde
getroffen von einem Sonnenstrahl:
und schon ist es Abend.

Salvatore Quasimodo

Aus der Sammlung “Acque è terre” (Meere und Länder), entstanden zwischen 1920-1929.

Nur eines von vielen Kleinoden aus der Italienischen Woche bei Sätze&Schätze

Gedankenranken

Himbeere
Himbeere

Um Himbeeren, Sprechblasen, Spruchbänder und Erdbeeren. Der Auslöser war ein Gedicht. Das Gedicht folgt im Anschluss.

Die Fähigkeit, aus dem eigenen Speichel Blasen zu bilden, ist Teil der sprachlichen Entwicklung des Menschen. Bevor das erste Wort seine Lippen verlässt, müssen sämtliche Sprechwerkzeuge aufeinander abgestimmt werden. Spitting bubbles ist eine der kleinstkindlichen Übungen, um die Bewegungen des Mundes koordiniert zu bekommen. Erwachsene haben diese Fähigkeit insofern verfeinert, als sie den Speichel nach bestem Vermögen durch die reine Atemluft ersetzen. Blowing raspberries nennt sich das auf Englisch. Mütter und Väter tun es gerne auf den nackten Bäuchen ihrer Babys:

Enge Grünlippmuschel Himbeer Mund spucken; Komödie Küsse, Lippen klatscht, Himbeeren & Pfeifen.

So lautet die Beschreibung der sich dahinter verbergenden Sounddatei. Der geneigte Leser klicke also auf den Link, um zu hören, wovon hier die Rede ist.

In diesem Zusammenhang fiel mir auf, dass ich die Sprechblase bislang vollkommen vernachlässigt habe. Dabei wurde schon im Mittelalter Gesprochenes auf Gemälden und Druckgrafiken durch flatternde Bänder (Spruchbänder) angedeutet.

Venus steckt in allen Frauen, meint der Kunsthistoriker Professor Eberhard König zum Liebeszauber eines unbekannten niederrheinischen Meisters. Es lässt sich also nicht genau sagen, ob eine heidnische Göttin, eine gute Fee oder nur ein einfaches Mädchen vom Niederrhein das riesige Herz beträufelt, das in einer eigens dafür vorgesehen Schatulle ruht. Versonnen blickt die Frau auf ihr magisches Werk, während in ihrem Rücken ein junger Mann den Raum betritt. Der Meister selbst mag gespürt haben, dass seine Kunst dem Anspruch nicht genügen wollte, nämlich das eigentlich Gemeinte adäquat auszudrücken. Vielleicht lässt er deshalb die Frau und den Mann in ihrem Rücken selber zu Wort kommen und ihre Sätze als geschwungene Spruchbänder durch den Raum ziehen. Sogar der Hund und das in der Schatulle geborgene, gefangene, versteckte oder prunkende Herz haben etwas zu sagen. Das Herz aber scheint jene Erdbeere zu sein, die im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch wahrscheinlich schon längst zu einem allgegenwärtigen Motiv der Wollust geworden ist…
Aus Babeltrack

auf einer insel sitzen, ein kind haben, kindhaben
das gegenteil von verinselung, nämlich archipel werden, die
ränder schwemmen auf, werden durchlässig, bilden neue
festländer für versorgungen – fähren unterwegs bis in den
morgen, ziehen milchbahnen hinter sich her, milchbahnen
und fransige schlafbänder, so dass auch die festländer
wieder dösen, sich lösen von allem, und in der sprach der
insel macht es war, in der sprache des kindes macht es
noch sauglaut, bald sprachlaut, in der schnipselsprache
der mittendrin tippenden schlagen blasen, werden sachen
aufgelesen, steht in einer blase jakobson, sagt: die kinder
mit ihren wilden lauten, mit dem ersten blustern lallen,
sind sie in der lage, alle denklichen laute aller sprachen zu
erzeugen, blase steigt auf, welche sie dann vergessen, blase
schwebt bedeutungsschwanger überm Mittag, wenn sie ihre
muttersprache lernen, platzt

Uljana Wolf, aus: „Meine schönste Lengevitch“

Notiz an die Mützenfalterin: Tausend Dank fürs Auflesen und zu mir Herüberschweben lassen…

Hundstage (In Gedanken)

Like a knife in a mango, Autumn slices Summer.

Ich esse keine Flugfrüchte. Weder Mangos noch andere Exotica. Ich weiß also überhaupt nicht, wie es sich anfühlt, wenn des Messers Schneide in die Mango fährt. Wie es sich anfühlt, wenn der Herbst den Sommer filettiert durchaus.

Es war einmal… in the dog days of summer as muslin curls on its own heat and crickets cry in the black walnut tree.

Musselin. Ein lockerer, feinfädiger und glatter Stoff, der wegen der ursprünglich verwendeten orientalischen Muster nach der Stadt Mosul im heutigen Nordirak benannt ist und aus Baumwolle oder Wolle in Leinwandbindung gewebt wird, schreibt Wikipedia. Ich erinnere mich nicht, Musselin jemals auf einem Label gelesen zu haben. Seit es Chemiefasern gibt, seit Anfang des 20. Jahrhunderts, heißt es Viskose. Die Blütezeit des Musselin liegt lange zurück. Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert. Erkältungskrankheiten wurden damals als Musselinkrankheit bezeichnet, weil viele Frauen die während des Empire und Directoir beliebte Mode à la Grecque auch im Winter trugen.

Bei Musselin denke ich an französische Filme, die typische akustische Melange aus zirpenden Grillen und rauschenden Blätterkronen im Wind und natürlich an weibliche Protagonistinnen in klitzeklein geblümten Sommerkleidern. Musselin ist der Stoff aus dem meine flirrendsten Hitzeträume gewebt sind.

Für die Jahreszeit [und für Musselin] zu kalt, verkündet der Wetterprophet. Von Hundstagen keine Spur.

Bei Hundstagen denke ich an Himbeeren. Die esse ich schon. Sofern sie aus heimischen Gärten stammen. Im Moment werden sie in kleinen Schälchen auf dem Wochenmarkt feilgeboten. Hundstage hin oder her. Ich würde sie auch in rauen Mengen verschlingen, allein: In rauen Mengen sind sie unerschwinglich. Himbeeren wecken Kindheitserinnerungen. Wie Wildtauben. Wildtauben + Himbeeren = Hundstage.

Ich im türkisfarbenen NylonnachthemdHundstage. Als wir den lieben Gott noch ungeniert um schönes Wetter baten, wenn es an einem von ihnen ausnahmsweise einmal regnete. Mit gefalteten Händen und flehenden Blicken gen Himmel. Es dauerte nie lange, und der Herr ließ sein Angesicht leuchten über uns, während sich zu unseren Füßen der Märchengarten erstreckte und weit über unsere Köpfe hinausragte. Das Gurren der Wildtauben betörte uns wie ein vieldeutiges Versprechen aus seinen tiefsten Tiefen. In rosa- und türkisfarbenen Nylongewändern [in Wahrheit handelte es sich natürlich um allerfeinstes Gewebe à la Musselin] wandelten wir darin wie Prinzessinnen aus Tausend und einer Nacht. Nur manchmal verfing sich die eine oder andere Spitze in den Ranken der mannshohen Himbeersträucher, und die Lust am Abenteuer strandete in den hohen Gassen eines gefühlten Labyrinths. Aber der Rote Faden war immer das Gurren der Wildtauben. Wie eine Zauberformel beschwört es noch heute den Sommer herauf. Den Sommer und wir mittendrin.

Dahin dahin. Um ihnen dennoch zu huldigen, den Hundstagen, die keine sind, kaufe ich ein Schälchen Himbeeren. Meine Suche nach einem schönen Bell Jar blieb für heute erfolglos. Scheint wohl gerade nicht in zu sein. Schade. Mir schwebten da nämlich ein paar Aufnahmen vor… Himbeeren an Taubenfeder auf Musselin. Andere werden folgen.

Die Fünfte Jahreszeit

Um leblose Erlebnisse kam ich am besten herum, wenn ich still irgendwo saß, ein Haus oder eine Wand anschaute und dabei, zum Beispiel, dem kindischen Lärm eines fernen Rummelplatzes zuhörte.

Wilhelm Genazino, aus den Notizbüchern von Sätze&Schätze

Rummelplatz
Rummelplatz

Seit einer Woche tost in unserer Kleinen Stadt nun schon die Fünfte Jahreszeit. Irgendwie kann man sich ihr kaum entziehen. Die zum Festplatz pilgernden Heerscharen sind allgegenwärtig. Entweder du gesellst dich zu ihnen oder sitzt still irgendwo an der Peripherie und lauschst ihren Hymnen.

Der geneigte Leser imaginiere an dieser Stelle eine Kakophonie aus einschlägigen Tonspuren. Das Sausen und Brausen der Schleudersitze über dem Inferno, das Kreischen der darin baumelnden Armen Seelen und den Lobgesang Wolfgang Petrys auf den Wahnsinn und die Hölle Hölle Hölle.

Wie auch immer. Hörst du lange genug hin, tut sich irgendwann das Auge dieses Feuersturms auf. Und: Wenn du lange genug in seinen Abgrund blickst, blickt der Abgrund irgendwann auch in dich hinein.

Mit der Schwester also an der Peripherie dieses Abgrunds gesessen und – ein bisschen trunken vom mitgeführten Wein – den Blick vorsichtshalber nur ins heilignüchterne Wasser getunkt. Wohin die eine Hälfte unserer Leben entschwunden ist, erscheint in seinem Spiegel ebenso ungewiss wie das, was die andere noch zu bringen gedenkt. Beide wirken in unendliche Fernen gerückt. Nur unser Lachen schwingt sich auf, und weht wie ein Fähnlein im Wind über all das hinweg. Bis hierher und nicht weiter. Weiter wollen wir gar nicht wissen von uns und für den Moment.

Ach, ist doch alles eins, hätte unsere Großmutter jetzt gesagt und dabei mindestens so schallend gelacht wie wir.

Bleecker Street, Summer

Summer
Summer
Summer for prose and lemons, for nakedness and languor,
for the eternal idleness of the imagined return,
for rare flutes and bare feet, and the August bedroom
of tangled sheets and the Sunday salt, ah violin!

When I press summer dusks together, it is
a month of street accordions and sprinklers
laying the dust, small shadows running from me.

It is music opening and closing, Italia mia, on Bleecker,
ciao, Antonio, and the water-cries of children
tearing the rose-coloured sky in streams of paper;
it is dusk in the nostrils and the smell of water
down littered streets that lead you to no water,
and gathering islands and lemons in the mind.

There is the Hudson, like the sea aflame.
I would undress you in the summer heat,
and laugh and dry your damp flesh if you came.

 

Derek Walcott

 

Selfie or not

Smelly Cat
Smelly Cat

Zufällig passend zu Achims Post The Fear of the Self Portrait einen interessanten Artikel im National Geographic gelesen: The Un-Selfie: Taking Back the Self-Portrait.

Daraus das Zitat von Felicia Simion:

At one point, the self-portrait became more than just a portrait of myself. I started to look beyond what I saw inside the mirror, searching for my one and only identity. I noticed that while trying to showcase our multiple selves, we tend to peril our individuality, and it becomes more and more difficult to embrace our uniqueness. I called these multiple selves “shadows.” Doppelgängers. Perhaps things we want to be but we’re not.

Perhaps things we want to be but we’re not. Vielleicht auch Dinge, die wir gerne aus unserem Selbstbild verdrängen.

My course is set for an uncharted sea

Wir müssen uns Kimmo Joentaa als einen jungen Mann vorstellen. Zum Glück gibt es gesetzt den Fall, dass dies misslingen sollte, den Erzähler, der einen von Zeit zu Zeit an die Kandare nimmt, um zu verhindern, dass die Phantasie der geneigten Leserin vollkommen mit ihr durchgeht. Aber was heißt hier Phantasie. Nichts leichter, als sich in jemanden hineinzuversetzen, dem Schlafes Bruder gerade einen geliebten Menschen geraubt hat. So weit so schlimm. Diesen Stein rollt er von nun an vor sich her. Dass es ausgerechnet einen jungen Menschen treffen muss, will gar nicht in die Gefüge von Raum und Zeit passen, die wir uns manchmal als Trost zurechtlegen, von wegen der natürliche Lauf der Dinge und so. Seine Introvertiertheit macht es ihm auch nicht leichter, mir den Protagonisten dafür um so sympathischer. Wirklich ein durch und durch gelungener Gegenentwurf, dieser junge Polizist, zu all den toughen Krimifrauen, deren einzige Schwäche es ist, sich nach einem langen Tag am Seziertisch ein Glas gut gekühlten Weißwein zu genehmigen. Kimmo dagegen trinkt Milch zum Abendbrot in seinem einsamen Haus am naturgemäß eiskalten finnischen Ende der Welt.

Ketola kicherte leise, während er durch den stärker werdenden Schneefall lief. Er mochte Kimmo, die Integrität dieses Mannes oder wie immer man das nennen wollte, war ein wenig penetrant, die Art, wie er alles so verdammt ernst nahm… aber er mochte ihn wirklich, und er hatte zwei volle Jahre lang mit dem Gedanken gespielt, mit Kimmo irgendwann länger über den Tod seiner Frau zu sprechen, weil er das Gefühl nicht los wurde, dass dieser Mann in aller Stille am Tod seiner Frau verrückt wurde, und mit Verrückten, vor allem mit Verrückten in jungen Jahren, kannte Ketola sich aus.

Das Zitat ist schon aus dem zweiten Band der Reihe, „Das Schweigen“, denn natürlich will ich wissen, wie es mit Kimmo weitergeht. Das dazu.

In „Diese schönen Tage“ von Patrizia Cavalli entdeckte ich diese Woche ein Gedicht mit dem Titel „Scheint auch der Tag vorübergezogen“:

Scheint auch der Tag vorübergezogen
wie der Flügel einer Schwalbe,
wie hingeworfener Staub
den man nicht auflesen kann
und die Beschreibung, die Erzählung
sind nicht nötig, nicht erhört
bleibt immer ein Wort übrig
ein Wörtchen nur
um vielleicht zu sagen
daß es nichts zu sagen gibt.

So geht es mir meistens am Ende eines Tages. Dann helfen weder Weißwein noch Milch. Weil mir die Zeilen so vertraut vorkamen, stöberte ich in meinen Notizen, und abgesehen davon, dass ich fündig wurde, stieß ich darüber hinaus in drei ganz unterschiedlichen Zusammenhängen noch auf jeweils einen Absatz, die gemeinsam plötzlich einen Sinn ergaben. Daraus wurde dann „Scheint auch die Nacht vorübergezogen“.

Das Gilben der Karten beginnt lange bevor es augenfällig wird, das Suchen der Farben aber hört niemals auf. Ja, es ist schön, wie sich alles verzweigt und verbindet.

Der Sohn entführte mich heute in die Welt des Monsieur Hu. Hier wird Ingwertee mit Minze empfohlen. Savoir vivre. Die kulinarische Landkarte jedenfalls ist groß…

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Timmy’s Playground

Timmy's PlaygroundLange keine Fotos gemacht. Manche Bilder entstehen auch nur in meinem Kopf. Das der drei jungen Männer auf einer Bank im Einkaufszentrum, zum Beispiel. Jeder von ihnen hält ein Smartphone in der Hand. Ihre Köpfe sind tief gebeugt über dem jeweiligen Display. Sie wirken sorgenvoll und ernst und dem Trubel um sie herum wie entrückt. Was mag wohl gerade in ihnen vorgehen? Welche Bilder ziehen an ihren geistigen Augen vorüber? Welcher Art sind die Nachrichten, die sie verfolgen? Oder die sie in die ferne Heimat schicken? Um den Moment festzuhalten, könnte ich mich hinstellen und einfach auf den Auslöser drücken. Oder sie ansprechen und in den Trubel zurückholen. Dann müsste ich sie bitten, noch einmal dieselben Posen einzunehmen und eine Szene zu mimen, die ich unterbrochen habe. Beides traue ich mich nicht und gehe einfach weiter. Mit einem Bild, das seitdem in meinem Kopf weiterlebt.

Stöckchenhausen

IMG_3029Seit Monaten dachte ich darüber nach, wie es wohl wäre, wieder mit einer Katze zu leben.

Obwohl, nachdenken kann man es eigentlich nicht nennen. Um einen wirklich klaren Gedanken zu fassen, müsste ich imstande sein, den schmalen Grat der Erschöpfung, an dem ich mich entlang hangele, endlich einmal zu verlassen. Allein, echte Landgewinnung will mir nicht gelingen. Die flackernde Funzel am Ende des Tunnels ist ein zu schwaches Licht, um das Dunkel so weit zu erhellen, dass sich daraus ein konkretes Konzept ableiten ließe. Und so ist jegliche Idee lediglich ein Irrlicht ohne Substanz an meinem geistigen Horizont und verschwindet so schnell wieder, wie sie sich durch nicht weiter fassbare Polaritäten aufgeladen haben mag. Ermüdend ist das, und die allgegenwärtige Erschöpfung macht es mir unmöglich, ein Gegengift zu finden. Ich tue das, was sich wie ein Roter Faden durch mein Leben zieht: warten auf eine Kaiserliche Botschaft, die bekanntlich nie eintrifft: Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt.

Könntest du dein Leben noch einmal leben, würde es vielleicht so sein, wie es der Schatten, der dir voraus eilt, immer suggeriert hat: zielstrebig und zupackend, denke ich, während ich die immer gleichen Wege gehe, die das Tagesgeschäft mir vorschreibt. Manchmal möchte ich gar nicht mehr aufstehen oder aber in den nächstbesten Zug steigen und auf und davon. Dazwischen scheint es nur diesen schmalen Grat zu geben, den ich so wenig wie möglich ernst zu nehmen versuche, denn anders wäre er nicht zu ertragen.

Im Moment würde ich mein letztes Hemd geben, wenn Heimat ein Ort wäre, an den ich mich jetzt zurückziehen könnte. Stattdessen rächt sich in der Tat die Vergangenheit, die wie ein schlecht erzogenes Kind ihr Unwesen treibt. Diesem Kind war es nie gegeben, sich einen solchen Ort zu erschaffen. Heimat war und blieb bis heute für mich das, was Lene Lovich als Staccato ihrer Kehle abringt, just emotion, sticking in my throat. Home is hard to swallow, home is like a rock. Home is good clean living, home is – I forgot. Let’s go to your place…

Heimat kann sehr weit weg sein, wenn sie sich nicht in einem selber verorten oder einen das Herz verlieren lässt. Home is, will you miss it, home is, I don’t know. Ein Ort, der mit jedem Verlust einerseits in immer weitere Ferne rückt. Andererseits könnte in diesem Gefühl die Rolle begründet liegen, die die Toten in meinem Leben spielen.

Mein Vater zum Beispiel. Lange Zeit lebte ich mein Leben in dem Glauben, es wäre besser gewesen, wenn ich ihm nie begegnet wäre. An meine letzte Ohrfeige erinnere ich mich nicht, stattdessen daran, wie mein Vater mich an der Gurgel packte und mir drohte, mich umzubringen, wenn er mich beim Rauchen oder mit einem Jungen erwischen würde. Ich nahm ihn beim Wort. Am Ende hätte es ihn vielleicht froh gemacht, von mir eine Zigarette angeboten zu bekommen und mit mir gemeinsam seinen Enkelkinder beim Spielen zuzusehen, während alles, was jemals zwischen uns stand, in Schall und Rauch aufgegangen wäre. Aber dazu kam es nicht. Als er starb, hatte ich ihn über zwanzig Jahre nicht gesehen, und es erschien mir nur konsequent, auch seinen Tod zu ignorieren. Auf die Dauer funktionierte das natürlich nicht, aber damit auseinandersetzen konnte ich mich erst, nachdem der Vater meiner Kinder gestorben war. Seitdem hole ich ihn Stück für Stück in mein Leben zurück und damit ein Viertel meiner Lebensgeschichte, die ich lange Zeit gerne gestrichen hätte.

Der Tod oder la mort trägt für mich die Maske dessen, den er oder sie holt. Mir persönlich begegnete er bislang immer in der Gestalt eines Mannes. Merkwürdig eigentlich. Auch dass ich keine Lieblingsmalerin benennen kann, auch darüber sollte ich nachdenken.

Kurz bevor er starb, erzählte mir mein erster Mann die Geschichte eines Schwangerschaftsabbruches seiner Mutter, der wiederum von deren Mutter vorgenommen worden war. Wir schreiben das Jahr 1955 in Chile. Er ist sechs Jahre alt, als die Großmutter mit ihm und dem in ein weißes Tuch gehüllten Fötus in den Wald geht, um das tot geborene Kind zu begraben. Noch fünfzig Jahre später trieb ihm die Erinnerung den Angstschweiß auf die Stirn. Ich verstand erst im Nachhinein, dass er im Grunde über seine Furcht vor dem Tod sprach, der im Begriff war, ihn einzuholen. Seitdem verfolgt mich dieser kleine Funke eines Lebens, der verglühte, noch bevor er das Licht der Welt erblickte, wie es immer so schön heißt. Es war ein Mädchen, aber der Grund, warum la mort in diesem Fall die Gesichtszüge einer Frau trägt, ist eigentlich die Großmutter, die ihm den Tod gebracht hat.

In diesem Zusammenhang über meinen ersten Kuss zu schreiben, erscheint irgendwie makaber, aber, wie sollte es anders sein, Geburt und Tod, Leben und Sterben liegen eben eng beieinander. Meinen ersten Kuss bekam ich vom Vater meiner Kinder. Meine erste Katze übrigens auch. Absolute Unerfahrenheit prallten auf das genaue Gegenteil. Ich war eine Spätzünderin und er 15 Jahre älter als ich. Der Rest ist ein weiteres Viertel meiner Lebensgeschichte mit sämtlichen Hochs und Tiefs, die der geneigte Leser mit entsprechend Phantasie sich vielleicht vorstellen kann.

Ich denke, damit die Fragen der Mützenfalterin in einer Momentaufnahme beantwortet zu haben. BisKater auf eine: Was mir Mut macht. Hier schließt sich der Kreis. Mir ist nämlich eine Katze zugelaufen. Sie kam über die Dächer direkt durch mein geöffnetes Küchenfenster herein spaziert und tut seitdem so, als wäre sie hier schon immer und ewig zu Hause. Jeder, der die Aussicht kennt, die sich dem Auge des Betrachters aus meinem Küchenfenster bietet, hält dies für einen Zufall, der gar nicht erst als glücklich interpretiert werden muss. Er ist es schlicht und ergreifend. Denn die Aussicht, dass auf diesem Wege mein leise vor sich hin schwelender Wunsch in Erfüllung hätte gehen können, tendiert gen Null. Niemand weiß, woher sie tatsächlich kommt, wie sie auf die Dächer kam, niemand vermisst sie.

Sie ist eigentlich ein Kater. Nachdem er nun seit einer Woche hier haust, habe ich beschlossen, ihn zu behalten, und nach weiterer reiflicher Überlegung ihm auch einen Namen gegeben: Kafka. Kafka will jetzt spielen, deshalb schließe ich an dieser Stelle. Es gilt: Mir das letzte Viertel meines Lebens zu erobern und natürlich: meine Lieblingsmalerin ausfindig zu machen.

Spezialeffekte

Die blauere Stunde ist die am Morgen. Wenn die Reise eines langen Tages in die Nacht beginnt, die Straßen gesäumt von in sich zusammen gefallenen Häuflein Schnee. Leicht und schwerelos wie Schirmflieger einer Pusteblume zerstreut sich langsam in alle Himmelsrichtungen das Bild des Mondes am Firmament. Der Fahrer plappert pausenlos, doch den Moment kann er mir nicht nehmen. Hauchdünn wie die allmählich verwehenden Dunstschleier ist die Membran, die mich umgibt. So durchsichtig wie das Fensterglas, durch das ich meine Blicke werfe. Hinaus hinaus. Vibrierend im Dröhnen des Automotors, während draußen ein Luftfahrzeug seinen tonnenschweren Rumpf stumm in den blauen Morgenhimmel hievt und doch stillzustehen scheint. Zum Greifen nah und doch so fern. Meilen und Minuten verschmelzen im Standbild des grauen Reaktorblocks, das als Monument für die Manipulation von Raum und Zeit am Horizont gefriert.

DruckwasserreaktorNichts bewegt sich, nur die Nadel auf dem tellergroßen Tacho bohrt sich wie ein Pfeil immer tiefer in den dreistelligen Bereich. Die Zeit zwingt zum Diktat, und ich lese auf, was auf der Strecke bleibt.

Zuflucht hinter der Zeit, so der ursprüngliche Titel eines Romans der österreichischen Schriftstellerin Hannelore Valencak, der dem Film Fenster zum Sommer von Hendrik Handloegten als Vorlage diente. So schön hat noch keiner den Wechsel von Zeit- und Bewusstseinsebenen ins Bild gesetzt. Der wunderbaren Nina Hoss schien ihre Rolle einmal mehr wie auf den Leib geschneidert. Die Süddeutsche schrieb:

Das Science-Fiction-Szenario ist in Fenster zum Sommer ein bloßes Gedankenspiel – der größte Spezialeffekt ist das Wetter, das magische Licht der finnischen Mittsommernächte, und im Kontrast dazu das frostige Grau der Berliner Februartage, die diskret verwirrenden Sirenenklänge des Soundtracks von Timo Hietala beschwören dazu das Unerklärliche. Souverän jongliert Handloegten mit Rückblenden und Erinnerungen, mit verschiedenen Filmmaterialien und Lichtverhältnissen. Zwischen Fakten und Ahnungen, zwischen brutaler Evidenz und fragiler Flüchtigkeit hält er seinen Film in der Schwebe, hier das Krachen eines Unfalls, der den Tod bringt, dort die flüchtige Berührung in einer überfüllten Trambahn, die der Anfang einer großen Liebe ist.

Mich traf der Film jedenfalls mitten ins Herz, und jetzt wird er mich wieder für Tage in einer Art Paralleluniversum gefangen halten. Die Szene vom Unfalltod erinnert im übrigen an die persische Legende, die Gaito Gasdanow in Das Phantom des Alexander Wolf zitiert:

Zum Schah kam einmal sein Gärtner, in höchster Aufregung, und sagte zu ihm: Gib mir dein schnellstes Pferd, ich möchte so weit wie möglich fortreiten, nach Isfahan. Gerade als ich im Garten arbeitete, habe ich meinen Tod gesehen. Der Schah gab ihm das Pferd, und der Gärtner sprengte nach Isfahan. Der Schah ging in den Garten; dort stand der Tod. Er sagte zum Tod: Weshalb hast du meinen Gärtner so erschreckt, weshalb bist du ihm erschienen? Der Tod erwiderte dem Schah: Ich habe das nicht gewollt. Ich war erstaunt, deinen Gärtner hier zu sehen. In meinem Buch steht geschrieben, ich würde ihm heute Nacht weit von hier begegnen, in Isfahan.

Der größte Spezialeffekt ist also das Wetter. Oder um es in Ermangelung eines an dieser Stelle adäquat anknüpfenden Schlusswortes mit Tom Waits zu sagen: That wraps up the weather for this evening. Now back to the eleven o’clock blues.

A girl’s best friends

Puppen und Bären. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Ich war ein kränkelndes Kind. Im Bild mit einem Hasen, an den ich mich nicht erinnere, und mit meiner ersten Puppe. Die Susi. Auf diesen Namen war sie sicher von meiner Mutter getauft worden. Ich sollte nämlich Susanne heißen. Es war die Hebamme, die meine Mutter in letzter Minute davon abhielt. Dann bleibt sie ihr Leben lang eine Susi. Keine schönen Aussichten. Also wurde sich umentschieden in etwas Blühendes, das auch in einem deutschen Volkslied besungen wird, welches mein Vater angeblich schon als Junge geträllert hatte. Wenn er das damals schon gewusst hätte, pflegte meine Oma immer zu sagen, dass er einmal eine Tochter mit diesem Namen haben würde. Das war die eine Seite der Medaille. Auf einer ähnlichen Aufnahme kniet meine Mutter am Bettrand und trägt einen weißen Kittel. Wie eine Krankenschwester. Der Kittel war vermutlich ein Requisit aus der Praxis meines Vaters. Womöglich trug auch er einen, als er dieses Foto machte, was aber sicher nicht der Grund dafür ist, weshalb ich so traurig dreinblicke. Die Bedeutung des weißen Kittels dürfte ich mit kaum zwei Jahren noch nicht durchschaut haben. Das kam später und wäre die andere Seite der Medaille. Genug davon. Zurück zu dieser Puppe, der Susi. Ich mochte sie nicht wirklich. Der Bruder meiner Mutter, der in den Staaten lebte und einmal im Jahr zu Besuch kam, brachte mir später eine andere mit, die, nicht zuletzt weil ein Geschenk meines Lieblingsonkels, dann zu meiner Lieblingspuppe wurde. Da war ich auch schon alt genug, ihr selbst einen Namen zu geben. Gloria. Wie ich darauf kam, weiß ich heute nicht mehr. Ihrem zerzausten Haar rückte ich irgendwann mit der Schere zu Leibe. Und als ihre Glieder schon ganz lose um den weichen Körper baumelten, fasste ich sie nur noch mit Samthandschuhen an, um ihr keines davon auszureißen. Puppendoktoren sind leider eine ausgestorbene Zunft, sonst hätte ich sie vielleicht eines Tages einem solchen Weißkittel anvertraut. Aber ich habe mich erkundigt. Selbst Schildkröt legt an seine alten Modelle keine Hand mehr.

Puppen, also. Und Bären. Wie gesagt. Ich war ein kränkelndes Kind. Die Zeiten lassen sich rückblickend nicht zählen, in denen ich das Bett hüten musste. Als ich schon lesen konnte, vertrieb ich sie mir mit den Märchen der Brüder Grimm und denen von Wilhelm Hauff. Zwei große schwere Bände, die irgendwann so zerfleddert waren wie meine Gloria. Im Vergleich zu heute waren es damals natürlich ganz andere Stellen, die mich faszinierten. In Schneeweißchen und Rosenrot zum Beispiel die Szene mit dem Zwerg, dessen Bart sich in einem Baumstamm verheddert. Was es bedeuten mochte, seinen Freier totzuschlagen, davon hatte ich keine Ahnung. Es sind diese im eigentlichen Sinn des Wortes früher un-erhörten Märchenmomente, die heute die altvertrauten Geschichten in einem neuen Licht erscheinen lassen. Manchmal ist es ein unruhig flackerndes, meistens jedoch eine hell auflodernde Flamme.

Versuchsanordnung

Mother & Child
Sonderweg Fußgänger

Wie Motten, die genug vom Licht haben, fallen die Blüten von meiner Königin der Blumen. Während meine Tochter mir mit Verve und Vehemenz am Küchentisch auseinandersetzt, woran es liegt, dass aus der jüngsten Liebschaft nun doch nichts wird, löst sich die letzte Blüte vom Stengel und fällt raschelnd zu Boden. (Dieses Kind. Erzählt mit demselben Temperament, mit dem es dereinst darauf drängte, das Licht der Welt zu erblicken und jetzt in sie hinaus will.) Sie zeigt mir den Entwurf eines filigranen Blumenmusters. Im Geiste gieße ich die noch fehlende Farbe hinein für ein Feld aus Rotem Mohn. Solange es den Klatschmohn gibt, muss gelebt werden.* Ich zeige ihr das Winterquartier für meine Königin der Blumen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nach der Blütezeit soll man sie vergessen. Einen grünen Daumen hatte ich noch nie. Eine schlichte Versuchsanordnung, das vermeintlich Unmögliche möglich zu machen. Am Abend sehen wir eine Dokumentation über die Waffenarsenale, die nach dem Weltkrieg tonnenweise ins Meer gekippt wurden. Tonnenweise Giftstoffe, die im Begriff sind, aus ihrer durchrostenden Ummantelung zu diffundieren. Wir fragen uns, welche Blüten das noch treiben wird. Ob es irgendwann überhaupt noch Blumen geben wird. Als ich meine Tochter am nächsten Tag auf den Weg bringe, lichtet sich gerade der Morgennebel. Aus den Dunstschleiern schält sich immer wieder schemenhaft auch die Hoffnung auf Herbstzeitloses.

*Zitat: Sorab Sepehri

Herbstlaubtrittvergnügen

HerbstlaubtrittvergnügenEs gibt Worte, die scheinen mir im Englischen manchmal prägnanter, schöner auch als ihre deutschen Äquivalente. Der glückliche Zufall zum Beispiel. Sofern so willfährig, irgendwann einmal wieder meinen Weg zu kreuzen, werde ich ihn Serendipity nennen. Eine kleine Hommage an die englische Sprache by the way.

Umgekehrt kommt das auch vor. In der New York Post findet sich dieser Tage ein Beitrag, der wiederum die Fähigkeit der deutschen Sprache preist, mit immer neuen Wortschöpfungen eigentlich Unsagbares auszudrücken. Von Zeitgeist und Doppelgänger bis Wanderlust und Schadenfreude haben solche Lehnwörter Einzug gehalten in den anglo-amerikanischen Sprachraum.

Dort erscheint demnächst auch ein Buch  von Ben Schott mit „German Words for the Human Condition“. Allerbeste Aussichten im Rennen um mein persönliches Lieblingswort in diesem Jahr hat die Eisenbahnscheinbewegung. Wer wissen will, was das ist und Lust auf mehr hat, dem sei der erwähnte Artikel Schottenfreude empfohlen.

Inbetween

Just a shadow. Hardly that. But audible. Coming out of the woods, whispering Happily Ever After...
Just a shadow. Hardly that. But audible.
Coming out of the woods, whispering
Happily Ever After…*

Ich glaube, es geht mir besser, sagte ich neulich zum Urenkel der Schwarzen Witwe, der sich von berufs wegen für mein Befinden interessiert. Beide brachen wir zugleich in schallendes Gelächter aus. Im selben Moment war mir klar, dass meine Antwort, die ich mir im Vorfeld sorgfältigst zurecht gelegt hatte, nicht gerade überzeugend geklungen haben konnte. Gelogen war sie nicht. Sie war so ehrlich, wie ich es zum jetzigen Zeitpunkt sein kann. Darüber hinaus wollte ich nicht den Eindruck eines sich stetig ausweitenden tiefen Tales erwecken. Manchmal ist der Eindruck, den man hinterlassen möchte oder eben nicht, etwas, woran man sich festhalten kann. Ich glaube wirklich, dass es mir besser geht, bekräftigte ich meine Aussage. Am Ende wird ihn nicht die sondern mein Lachen dahingehend überzeugt haben, dass ich zumindest auf einem Weg bin, der aus dem tiefen Tal auch wieder hinaus führt.

Eigentlich hatte ich ihn um eine Erklärung für einen Gedanken bei Teju Cole bitten wollen, der mich bis heute nicht loslässt:

In Trauer und Melancholie und später in Das Ich und das Es argumentierte Freud, dass man im normalen Trauervorgang die Toten verinnerlicht. Die Toten werden vollständig in die Lebenden assimiliert, in einem Prozess, den er Introjektion nennt. Bei einem Trauerprozess, der nicht normal verläuft, bei einer falschen Trauer sozusagen, findet diese gesunde Verinnerlichung nicht statt, sondern etwas, das er Inkorporation nennt. Dann besetzen die Toten nur einen Teil des Überlebenden; sie sind teilweise abgetrennt, verborgen in einer Krypta, von der aus sie die Lebendigen heimsuchen.

Ich verstehe den Unterschied nicht. So oft und so lange ich darüber nachdenke, verstehe ich ihn immer weniger. Leider vergaß ich, den Urenkel danach zu fragen. Auch das Vergessen ist unter Umständen als gutes Zeichen zu werten. Vermutlich hätte er ohnehin abgewunken. Wenn überhaupt, wird Freud heutzutage höchstens noch aus literarischen Gründen gelesen.

Apropos Vergessen: Der Schwester erzählte ich von meinem letzten Traum. Vielleicht brauchst Du das, meinte sie, ihm den Schwarzen Peter zuzuschieben. Auch das gab mir zu denken. Wieso sollte ich das brauchen? Weil Vorwürfe Trotzreaktionen provozieren? Versuche, sich zu rechtfertigen. Das eigene Recht auf Leben verteidigen. Kleine Freuden wie ein Bollwerk vor sich aufbauen.

Zur Medikation gesellt sich nun auch noch ein blutdrucksenkendes Mittel. So what! Die Wirkung ist von größerer Durchschlagskraft als die so manchen Psychopharmakums. Von alleine konnte ich aus dem Drivemodus meines inneren Automatikgetriebes nicht mehr runterschalten. Ich bin jetzt ruhiger. Auch der Presslufthammer, der schon am Morgen in mir zu wüten begann, hat seine Arbeit eingestellt. Ich renne nicht mehr mit weit geschlossenen Augen durch die Gegend.

Nur eine irrationale innere Stimme begleitet mich auf Schritt und Tritt. Wie der Geist, der stets verneint. Und gegen den vielleicht alles, was in diesen Tagen danach entsteht, verteidigt werden muss.

*Zitat Paul Grant, „Just Another Paradigm Shift“

Fenster zur Welt

Fenster zur Welt

Short Messages von meinem Sohn aus Ordu an der türkischen Schwarzmeerküste. Das ein oder andere ist schon mal missverständlich, weil Netzjargon und heimgesucht von den Tücken des Text on 9 keys. Dann fügt es sich in meinem Kopf zu klassischen Fernschriften: Viele Mischehen stop Korrektur stop Moscheen zum Beispiel.

Als Tonnachrichten erreichen mich die Rufe des Muezzins zum Gebet, der ganz normale Wahnsinn im Straßenverkehr einer türkischen Stadt und das Plätschern von Wasser. Bilder von Haselnussbäumen, so weit das Auge reicht.

„Die Wirklichkeit ist ein Spiegel“, sagte Michelles Stimme, „durch den deine Hand hindurchgreift.“ *

* Zitat Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Himmel, der nirgendwo endet

Himmel, der nirgendwo endetMeine Tochter hat mir ein Bild geschickt. Aus Berlin. Dabei musste ich sofort an Tanjamarias Raum der Möglichkeiten denken. Das Lebensgefühl, das es mir vermittelt, erinnert mich zudem an meine Zeit in New York, die mir heute wie ein Traum erscheint. Wie die Erinnerung an einen Trip, aus dem ich nicht viel retten konnte über den großen Teich. In ein Leben, dessen Grenzen, nüchtern betrachtet, mir mittlerweile so eng gezogen erscheinen, dass ich mich tagtäglich frage, ob sie sich wohl noch einmal sprengen lassen. Gleichzeitig bin ich müde. Überanstrengt. Die Kräfte reichen gerade einmal, um den Anforderungen des Alltags standzuhalten.

Eigentlich wollte ich in dieser Woche Urlaub „Kleine Lichter“ von Roger Willemsen lesen, aber nach den ersten Zeilen musste ich es wieder weg legen.

Hier endet meine Reise zu den Männern. Sie endet bei dir…

Und stör dich nicht daran, dass ich ein Wort so verschwenderisch gebrauche, mit dem du so geizig warst. Ich will dir die Liebe erklären, wie man den Krieg erklärt. Das heißt, die Liebe kann ich dir nicht erklären, nur meine. Ich erkläre sie dir in alten Vokabeln. Es geht nicht anders: Wer liebt, wechselt das Jahrhundert.

Wunderbare Worte. Weiterlesen konnte ich dennoch nicht. Immerhin zeigt das Buchcover Gerhard Richters Lesende. So bin ich bei Vermeer gelandet und all den anderen Lesenden begegnet, und Vermeer fand ich auch bei Teju Cole, der sehr gepflegt zu erzählen weiß von seinen Spaziergängen und was ihm auf seinen Wegen so alles begegnet. Gepflegt aber bisweilen ein bisschen flach, denke ich manchmal, wenn ich zwischen den Zeilen etwas vom New York State of Mind suche, wie ich ihn im Kopf habe oder es der Klappentext verkündet, und mich auf jeder Seite ein Gefühl begleitet, als müsse es jetzt endlich in medias res gehen. Tut es aber nicht. Der Reiz dieses Buches liegt ganz in seiner Bewegung. Im Gehen, sich treiben lassen. Nicht im Verweilen:

Wie flüchtig doch die Empfindung von Glück war, wie wackelig ihre Grundlage: ein warmes Restaurant, wenn man aus dem Regen kommt, der Duft von Essen und Wein, ein interessantes Gespräch, Tageslicht, das sich schwach in den polierten Kirschholzplatten der Tische spiegelt. Der Übergang von einem Gefühlszustand zum anderen war so mühelos wie der Zug eines Schachspielers. Allein das Bewusstsein, einen Moment des Glückes zu erleben, schmälerte dies schon, war ein solcher Zug auf dem Schachbrett…

Mit einem Reflex ein Baby gerettet, ein Moment des Glücks; eine Begegnung mit Ruandern, mit Überlebenden, ein Moment der Traurigkeit; der Gedanke, dass wir letztendlich anonym blieben, noch mehr Traurigkeit, die Erfüllung von sexuellem Verlangen, komplikationslos, noch ein Moment des Glücks – und so ging es weiter, ein Gedanke folgte auf den anderen. Wie belanglos schien das menschliche Dasein, das uns in den immerwährenden Kampf zwang, unser Innenleben zu regulieren, das hin und her geschoben wurde wie eine Wolke im Wind. Und auch diese Wahrnehmung registrierte der Verstand und wies ihr ihren Platz zu: eine kleine Traurigkeit…

Der Platz, den ich meinen Wahrnehmungen zuweise, ist zuweilen nicht ganz eindeutig. Der Arzt, der diese Woche über mein Bein strich, als würde er es streicheln, zum Beispiel, es begutachtete, als wäre es das schönste Bein der Welt – ein Glücksmoment und zugleich erfüllt von grenzenloser Traurigkeit.

Die Tochtertage dagegen – eine glückliche Zeit. Nur beim Knipsen auf dem Johannisfriedhof in Nürnberg ertappte ich mich dabei, wie ich so manches Motiv auf seine Blogtauglichkeit hin überprüfte. Blogst du noch oder lebst du schon, schoss es mir da durch den Kopf. Und: Life through a lens, wenn wir uns mittendrin gegenseitig ablichteten…

Life through a lens