Silence has no wings

Kazuo Kuroki, "Silence has no wings" (Film Still, 1966)
Kazuo Kuroki, „Silence has no wings“
(Film Still, 1966)

Erst ein Tag Urlaub und schon zur Nachteule mutiert. Das stört mich so am Arbeitsleben, permanent gegen die eigene innere Uhr ankämpfen zu müssen. Nun plötzlich Zeit. Auch Kafka ist aus dem Häuschen, weil er nicht mit den Hühnern ins Körbchen muss. Weil auch ihm das Fell gezaust wird, wenn ich mir das Haar kämme.

Gestern gegen Mitternacht den Fernseher eingeschaltet und in einem japanischen Film gelandet. Obwohl ich die Geschichte nicht kannte, im Abspann meine Vermutung bestätigt gefunden, dass es sich nur um eine Haruki-Murakami-Verfilmung handeln konnte. Naokos Lächeln. Im Original Norwegian Wood, vom vietnamesischen Regisseur Anh Hung Tran. Gegen Ende, und der Film hatte Überlänge, wurde es ein wenig qualvoll, aber da konnte ich mich schon nicht mehr trennen von den intimen, gemäldegleichen Bildern.

Vordergründig handelt Naokos Lächeln von Liebe, in leisen Zwischentönen erzählt der Film aber von der Unbestimmtheit all dessen, was wir die großen Gefühle nennen. Der Tod ist gewiss, alles andere Utopie. Keine Alternative. Zwischen Nichts und Schmerz wähle ich Schmerz, sagte William Faulkner. Vor dieser Wahl stehen auch Trans Figuren. Er selber sagt: Im Leid kann sich Schönheit verbergen. Und hat eine Sprache gefunden, diese Schönheit zu zeigen.

And when I awoke I was alone
This bird had flown
So I lit a fire
Isn’t it good Norwegian Wood?

Neben diesem Stück der Beatles spielt der Tod natürlich eine Hauptrolle. Eine um die andere Jahreszeit vergeht, wir werden älter, nur die Toten nicht, heißt es am Ende.

In Filmen regnet es immer so schön. Auch in diesem. Heute kaufte ich mir einen türkisfarbenen Regenschirm und machte einen Spaziergang zum Friedhof. Es ist August. Ein Todestag jährt sich. Ich denke an die Durchsage des Bahnhofssprechers: „Ein Zug fährt durch.“ Tatsächlich liegt der Friedhof hier an der Bahnlinie. Das Geräusch des vorbeifahrenden Zuges ging mir damals durch Mark und Bein. Heute dachte ich, Reisende kann man nicht aufhalten. Vögel, Schmetterlinge, Engel muss man irgendwann loslassen…

…in meinen heimlichsten Träumen behalten
werde ich immer das Flügelfalten
das wie eine weiße Zypresse
hinter ihm stand …

Dieser Murakami wird wohl meine Urlaubslektüre werden.

Spezialeffekte

Die blauere Stunde ist die am Morgen. Wenn die Reise eines langen Tages in die Nacht beginnt, die Straßen gesäumt von in sich zusammen gefallenen Häuflein Schnee. Leicht und schwerelos wie Schirmflieger einer Pusteblume zerstreut sich langsam in alle Himmelsrichtungen das Bild des Mondes am Firmament. Der Fahrer plappert pausenlos, doch den Moment kann er mir nicht nehmen. Hauchdünn wie die allmählich verwehenden Dunstschleier ist die Membran, die mich umgibt. So durchsichtig wie das Fensterglas, durch das ich meine Blicke werfe. Hinaus hinaus. Vibrierend im Dröhnen des Automotors, während draußen ein Luftfahrzeug seinen tonnenschweren Rumpf stumm in den blauen Morgenhimmel hievt und doch stillzustehen scheint. Zum Greifen nah und doch so fern. Meilen und Minuten verschmelzen im Standbild des grauen Reaktorblocks, das als Monument für die Manipulation von Raum und Zeit am Horizont gefriert.

DruckwasserreaktorNichts bewegt sich, nur die Nadel auf dem tellergroßen Tacho bohrt sich wie ein Pfeil immer tiefer in den dreistelligen Bereich. Die Zeit zwingt zum Diktat, und ich lese auf, was auf der Strecke bleibt.

Zuflucht hinter der Zeit, so der ursprüngliche Titel eines Romans der österreichischen Schriftstellerin Hannelore Valencak, der dem Film Fenster zum Sommer von Hendrik Handloegten als Vorlage diente. So schön hat noch keiner den Wechsel von Zeit- und Bewusstseinsebenen ins Bild gesetzt. Der wunderbaren Nina Hoss schien ihre Rolle einmal mehr wie auf den Leib geschneidert. Die Süddeutsche schrieb:

Das Science-Fiction-Szenario ist in Fenster zum Sommer ein bloßes Gedankenspiel – der größte Spezialeffekt ist das Wetter, das magische Licht der finnischen Mittsommernächte, und im Kontrast dazu das frostige Grau der Berliner Februartage, die diskret verwirrenden Sirenenklänge des Soundtracks von Timo Hietala beschwören dazu das Unerklärliche. Souverän jongliert Handloegten mit Rückblenden und Erinnerungen, mit verschiedenen Filmmaterialien und Lichtverhältnissen. Zwischen Fakten und Ahnungen, zwischen brutaler Evidenz und fragiler Flüchtigkeit hält er seinen Film in der Schwebe, hier das Krachen eines Unfalls, der den Tod bringt, dort die flüchtige Berührung in einer überfüllten Trambahn, die der Anfang einer großen Liebe ist.

Mich traf der Film jedenfalls mitten ins Herz, und jetzt wird er mich wieder für Tage in einer Art Paralleluniversum gefangen halten. Die Szene vom Unfalltod erinnert im übrigen an die persische Legende, die Gaito Gasdanow in Das Phantom des Alexander Wolf zitiert:

Zum Schah kam einmal sein Gärtner, in höchster Aufregung, und sagte zu ihm: Gib mir dein schnellstes Pferd, ich möchte so weit wie möglich fortreiten, nach Isfahan. Gerade als ich im Garten arbeitete, habe ich meinen Tod gesehen. Der Schah gab ihm das Pferd, und der Gärtner sprengte nach Isfahan. Der Schah ging in den Garten; dort stand der Tod. Er sagte zum Tod: Weshalb hast du meinen Gärtner so erschreckt, weshalb bist du ihm erschienen? Der Tod erwiderte dem Schah: Ich habe das nicht gewollt. Ich war erstaunt, deinen Gärtner hier zu sehen. In meinem Buch steht geschrieben, ich würde ihm heute Nacht weit von hier begegnen, in Isfahan.

Der größte Spezialeffekt ist also das Wetter. Oder um es in Ermangelung eines an dieser Stelle adäquat anknüpfenden Schlusswortes mit Tom Waits zu sagen: That wraps up the weather for this evening. Now back to the eleven o’clock blues.

Beneath me lay my corpse with the arrow in my temple

Mir träumte, ich hätte die erste Schulstunde frei. Aber als ich erwache und einen Blick auf die Uhr werfe, ist es bereits zu spät, um noch pünktlich zur zweiten zu erscheinen. Ich ärgere mich über meine Mutter, weil sie mich nicht geweckt hat und beschließe, den Tag blau zu machen. Schließlich bin ich volljährig und kann mir selber eine Entschuldigung schreiben. Für einen Mann, der mir nicht ganz koscher ist, soll ich Leergut abgeben und volle Flaschen besorgen. Als ich mich auf den Weg mache, habe ich das Gefühl, von ihm verfolgt zu werden. Ich flüchte mich in eine Parkanlage mit uraltem Baumbestand, die zu einem großen Haus gehört, wo sich Juden versteckt halten. Im Park können sie sich jedoch frei bewegen. Das Areal ist für Nicht-Juden eigentlich tabu. Plötzlich ertönen Sirenen. Ich höre sofort, dass es sich nicht um unsere Martinshörner handelt sondern um die irgendwie sonorer klingenden Sirenen der Amerikaner. Im Park dürfen sie mich natürlich nicht entdecken, aber im Moment, da ich auf die Straße trete, fahren bereits die schweren Batmobile der Besatzer vor, denen jeweils zwei große schwarze Männer entsteigen. Zu allem Unglück habe ich die Tasche mit meiner Geldbörse im Park verloren, und in der Geldbörse befindet sich mein Ausweis, den die beiden bestimmt gleich kontrollieren werden. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mich wieder in das schützende Dunkel des Parks zurückzuziehen in der Hoffnung, dort meine Tasche wieder zu finden. Da kommt mir auch schon einer der Bewohner entgegen und reicht sie mir…

Der Traum ereignete sich in den frühen Stunden des heutigen Sonntagmorgens. Auf den Schwingen eines angenehmen Halbschlafs ließ ich mich noch einmal durch das Stimmungsaggregat der vergangenen Woche tragen, das sich aus den magischen Wirkungen eines meiner absoluten Lieblingsfilme, der Lektüre eines neuen Buches sowie eines Gesprächs nach langer Zeit mit meinem Lieblingsonkel zusammensetzt.

Falling_in_Love_35465_MediumRobert De Niro, der Hexenmeister der abgründigen Charaktere als Frank, und Meryl Streep, eine die mit kleinen Gesten eine Rolle auf die Leinwand zu malen vermag wie keine, als Molly in dem Film „Falling in Love“. Wie durch Zauberhand gerät das Blättern in einem Boulevardblatt bei ihr zum Sinnbild all dessen, was sich plötzlich falsch anfühlt in Mollys Leben. De Niro dagegen spielt Frank gläsern wie einen, in dem der Zuschauer einen Sturm tosen sieht, ohne dass sich auf der Leinwand augenscheinlich Sensationelles ereignen würde. Bis zum Schluss bleibt die Beziehung zwischen den beiden platonisch, die gegenseitige Anziehung aber erzeugt eine Spannung, die mindestens genau so unerträglich ist wie in einem jener Thriller, in denen De Niro den Bösewicht gibt.

Die Kritik im Filmlexikon ist vernichtend:

Ein Mann und eine Frau, beide verheiratet, geraten in eine letztlich platonisch verlaufende Liebesbeziehung. Die Geschichte einer unmöglichen Liebe, die, statt große Gefühle und Gewissenskonflikte zu vermitteln, banal und oberflächlich bleibt; trotz prominenter Besetzung weitgehend langweilig, erzählt im Stil eines einfach konstruierten Boulevardstückes.

Die ließ mich bereits befürchten, der Verblendung durch meinen hoffnungslosen Romantizismus erlegen zu sein. Die Deutsche Film- und Medienbewertung fällt dagegen folgendes Urteil, das ich in meiner Begeisterung, die auch, nachdem ich den Film mindestens schon zum dritten Mal gesehen habe, nach wie vor ungebrochen ist, demzufolge bedingungslos unterschreibe:

Zwei Menschen lernen sich kennen, begegnen sich zufällig öfter und entdecken plötzlich, das sie füreinander bestimmt sind. Beide sind verheiratet, beide aber empfinden die Schicksalhaftigkeit ihres Zusammentreffens, dem sie sich fast willenlos überlassen, bis sie – vom gleichen Zufall, vom gleichen Schicksal? – wieder getrennt werden, obgleich ihre jeweiligen Bindungen inzwischen zerbrochen sind.

Buch und Regie dieses Films, der eigentlich nur ein Zwei-Personen Stück ist, bringen es fertig, diesen Sturm der Gefühle ausschließlich im Spiel, in der Musik und im knappen Dialog der Darsteller stattfinden zu lassen, ohne spekulative Bett- und Entkleidungs-Szenen und ohne dass auch nur der geringste Eindruck von Peinlichkeit entsteht. Die Keuschheit dieser Beziehung wird so konsequent durchgeführt, das die Zerstörung beider Ehen durch die jeweiligen Partner erfolgt; das Liebespaar selbst schreitet gleichsam unbefleckt durch die Handlung, die dramaturgisch sehr behutsam entwickelt wird, ohne Pathos, ja ohne Leidenschaft, getragen lediglich von der Kraft der Persönlichkeit der beiden Hauptdarsteller.

Die Frage, ob das Happy-End nach der bereits erfolgten scheinbar endgültigen Trennung künstlerisch entbehrlich oder nur ein Zugeständniss an den Publikumsgeschmack sei, wurde vom Bewertungsausschuss ausführlich diskutiert, ohne dass sich daraus eine Beeinträchtigung des einmütig positiven Urteils ergeben hätte.

Mit dem höchsten Prädikat gewürdigt wird hier eine große Kameraerzählung, eine echte Kinogeschichte, der dennoch genügend Realität anhaftet – siehe die glaubwürdige Darstellung der Umwelt des Liebespaares, des Arbeitsmilieus, vor allem der Eisenbahn, in der die wichtigsten Begegnungen stattfinden -, als dass sie in den unverbindlichen Bereich der Traumfabrik verwiesen werden müsste.

Gasdanow_23853_MR.inddDer Film lief letzten Samstag im Spätprogramm, die Verzauberung hielt mindestens bis Dienstag. Da hatte ich frei und las zufällig die ersten Worte der Kritik zu einem Buch, das bereits in der Kulturzeit vorgestellt worden war, „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow (1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben), ein wieder entdeckter russischer Exilautor:

Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerungen an den einzigen Mord, den ich begangenen hatte. Seit dem Moment, als es geschehen war, erinnere ich mich an keinen Tag, da ich nicht Bedauern empfunden hätte darüber. Niemals hätte mir irgendeine Strafe gedroht, denn es passierte unter ganz ungewöhnlichen Umständen, auch war klar, dass ich nicht anders hatte handeln können. Niemand außer mir selbst wusste im übrigen davon. Es war dies eine der zahllosen Episoden des Bürgerkriegs; im Zuge der damaligen Ereignisse mochte sie als unbedeutende Einzelheit anzusehen sein, zumal im Verlauf der wenigen Minuten und Sekunden, die der Episode vorausgingen, ihr Ausgang nur uns beide interessierte – mich und noch einen, mir unbekannten Menschen. Dann blieb ich allein zurück. Niemand sonst war beteiligt…

In diesem Duktus geht es immer weiter. Später im Leben fällt dem Erzähler der Kurzgeschichtenband eines englischen Autors in die Hände, in dem dieser genau jene Begebenheit minutiös und bis in letzte Detail deckungsgleich schildert. Tatsächlich erstand ich das Buch noch am selben Tag bei Pustet.

Die Stimmung, die darin erzeugt wird, erinnerte mich sofort an Edgar Allan Poe. Der vermeintlich autobiographische Stil, als ließe hier jemand gefiltert durch einen analytischen Verstand und mit einer gewissen emotionalen Distanz sein Leben Revue passieren, steht in einem spannungsgeladenen Gegensatz zu der sich einschleichenden Vermutung, es handele sich womöglich um einen, der die Schwelle zum Irrsinn lange schon überschritten hat. Jedenfalls entwickelt das Buch den Sog eines Maelström, in den ich mich bereitwillig hinab ziehen lassen werde, wenn ich gleich in die Badewanne steige.

Bleibt noch das Telefonat mit meinem Lieblingsonkel zu erwähnen. Lieblingsonkel ist gut, denn es gibt nur den einen, richtigen Onkel. Viel Zeit ist vergangen. Wie viel Zeit, das erkennt man plötzlich an all den Dingen, von denen man weiß, dass sie im Leben des jeweils anderen passiert sind, an denen man aber nicht unmittelbar Anteil nehmen konnte. No one is to blame, das waren seine Worte. Dass man irgendwie ja doch Anteil nimmt, das zeigt mir dieses Geldgeschenk, das mir ganz unerwartet von seiner Seite zuteil wurde. Aber es macht mich traurig, dass wir uns in diesem Leben aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr wiedersehen werden.

Schreiben – die Kunst, die voraus und davon eilenden Gedanken im entscheidenden Moment wieder einzufangen.

Hansjürgen Bulkowski

Nacht ohne Morgen

Ich mag keine Filme, bei denen man nach zehn Minuten ahnt oder sogar weiß, wie er laufen wird. Sogenannte knackige Expositionen, die schnell eine Filmgeschichte durchstarten lassen, interessieren mich nicht. Man muss als Zuschauer die Möglichkeit haben, sich einem Film zu nähern wie einem fremden Menschen. Bei einer ersten Begegnung erzählt der mir ja auch nicht sein ganzes Leben und seine Hauptkonflikte. Man muss ihn beobachten, ihm zuhören und sich über jedes Detail sein Bild vervollständigen.

Andreas Kleinert

„Im Sommer 92 wurde ein etwa sechzehnjähriger Junge tot im Wald gefunden. Seine Leiche war stark verwest. Er war von einem Auto angefahren worden. Jemand hatte die Leiche im Wald abgelegt.“

Im Totholz entdeckt hatte sie Larissa Brandow, heute Dorfpolizistin in der brandenburgischen Provinz und nicht gerade darauf erpicht, das traumatische Erlebnis aus Kindertagen noch einmal heraufzubeschwören. Dem pensionierten Staatsanwalt und damaligen Ermittler Jasper Dänert lässt der ungelöst zu den Akten gelegte Fall jedoch keine Ruhe.

Dass er nicht mehr lange zu leben hat, erfährt man auch nicht gleich bei der ersten Begegnung. In langen Einstellungen, in denen Kleinert dem Zuschauer gefühlt alle Zeit der Welt lässt, sich der Geschichte anzunähern, blättert er diese auf wie die Seiten eines Buches. Tatsächlich besitzt jede von ihnen Bildbandqualitäten. Von Plakativität aber ist der Film meilenweit entfernt. Dass er tief in die menschliche Seele lotet, sagt einem der erste Blick in Dänerts Augen. Lesen wie in einem offenen Buch lässt sich darin nicht. Dänerts Beweggründe bleiben zunächst eins mit sieben Sigeln, mit denen zu brechen ein langsamer, schmerzhafter Prozess sein wird. Soviel lässt sich immerhin erahnen.

Kongenial kämpft sich auch in Götz Georges Spiel nur ganz allmählich ans Licht, was Dänert in seinem Leben bis dahin unter Verschluss gehalten hat. „Wenn man nicht mehr lange zu leben hat – dann gibt es doch Wichtigeres“, findet Larissa. Der eine mag seine Koffer packen und tatsächlich nach Island, Grönland oder Alaska fahren, der andere die Steigeisen in den eigenen, inneren Eisberg stemmen und sich von der Spitze an abwärts hangeln. Was am Ende eines Lebens wirklich wichtig ist, diktiert vielleicht die Angst, die plötzlich übermächtig in genau dem Raum steht, aus dem sie die längste Zeit ausgesperrt war.

„Das Geständnis ist der erste Schritt zur Rückkehr in die Gemeinschaft“, sagt Dänert. Wie ein Versprechen, das sich nicht mehr einlösen lässt, schwebt der Satz am Ende über den Wassern. Das Eis ist gebrochen und der Schnee, den Larissa so liebt, beginnt leise zu rieseln. Dass er sich wie eine saubere weiße Decke über alles legen wird, vielleicht, aber ungeschehen wird er nichts von alledem machen.

Nacht ohne Morgen

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: Colonia Media (für ARD)
Länge: 90 Minuten
Erstauffuehrung: 30.11.2011 ARD

Darsteller: Götz George (Jasper Dänert), Barbara Sukowa (Katharina Dänert), Fritzi Haberlandt (Larissa Brandow), Jeroen Willems (Christian Färber); Produzent: Sonja Goslicki; Regie: Andreas Kleinert; Drehbuch: Karl-Heinz Käfer; Kamera: Johann Feindt; Schnitt: Gisela Zick

Inhalt

Ein schwerkranker Jurist will vor seinem Tod einen fast 20 Jahre zurückliegenden Mordfall neu aufrollen, an dem er seinerzeit als Staatsanwalt scheiterte. Dabei bedient er sich einer jungen Polizistin, die als Kind die Leiche eines 16-Jährigen fand. Intensives, vorzüglich gespieltes psychologisches (Fernseh-)Kriminaldrama, das trotz des verwickelten Plots wirkungsvoll und bildgewaltig die Tristesse des im ehemaligen DDR-Grenzgebiet liegenden Schauplatzes als Spiegelbild der Verlorenheit seiner Hauptfiguren einbezieht. Die zugrundeliegende Traurigkeit wird von subtilem Humor aufgelockert, während das Schlüsselthema Homosexualität beiläufig und schlüssig einbezogen wird.

Quelle: Filmlexikon

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Im Schatten des Zweifels

Im Schatten des Zweifels gilt als Alfred Hitchcocks persönlichstes Werk. Es gibt zahlreiche Parallelen zu seinem Leben, seien es der Name der Mutter, biografische Erlebnisse, die er in die Dialoge einfließen ließ, oder – laut Donald Spoto in seiner umfangreichen Hitchcock-Biographie (Donald Spoto: The Art of Alfred Hitchcock) – die Tatsache, dass man in den beiden Hauptfiguren (den beiden Charlies) die zwei verschiedenen Persönlichkeitsaspekte Hitchcocks wiederfindet.

Quelle: wikipedia

Alfred Hitchcock selber sagte im Gespräch mit Truffaut (nachzulesen in Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?): „Ich sollte nicht sagen, daß Shadow of a Doubt mein Lieblingsfilm ist. Wenn ich mich ein paarmal in diesem Sinn geäußert habe, dann weil dieser Film auch unsere Freunde die Wahrscheinlichkeitskrämer und unsere Freunde die Logiker zufriedenstellt.“ Truffaut ergänzte: „Und unsere Freunde die Psychologen.“

Die junge Charlie hält es für Telepathie: Ihr Onkel kündigt seinen Besuch genau in dem Moment per Telegramm an, als sie beschließt, ihm ein solches zu schicken. Die Decke droht ihr auf den Kopf zu fallen vor lauter Langeweile in einem, ach, so behüteten Familienleben. Charlie sehnt sich nach Abwechslung, und in ihren Vorstellungen scheint der Onkel der Inbegriff der großen weiten Welt, ein Alter Ego, nach dem sie sogar benannt ist. Sie himmelt ihn an, aber was für das unerfahrene Mädchen der Ausdruck unverhohlener Bewunderung ist, birgt für den Onkel seinen eigenen Reiz mit unterschwellig erotischer Konnotation. Die Sehnsucht der Jugend ist eine andere als die Sehnsucht der Erfahrung. Während die Schuld ihre Hände bereits in Unschuld rein zu waschen sucht, ahnt die Unschuld noch nichts von dem ihr drohenden Verlust.

Die jüngeren Geschwister erinnern sich kaum noch an ihren Onkel, und für die Mutter ist er eigentlich immer der kleine Bruder geblieben, nur der Vater sieht den Besucher in einer Hinsicht unverblendet: Er trägt ein bisschen dick auf. Die ersten Schatten des Zweifels huschen über Charlies Gesicht, als sie entdeckt, dass die Gravur des Rings, den ihr der Onkel an den Finger steckt (als wolle er damit einen Bund besiegeln) gar keine persönliche ist. Die Schatten, die auf dem Gesicht des Onkels zucken, sind die seiner Vergangenheit. Fortan verdichten sich diese Schatten ganz allmählich zu einem Konglomerat aus dem wachsenden Misstrauen des Mädchens und der Angst des Gejagten vor Entdeckung. Es gleicht einem Geniestreich, wie Hitchcock diese Saat ausbringt, nährt und aufgehen lässt, und das Mädchen dabei allmählich zur Mitwissenden wird. Es ist diese Mitwisserschaft, die ihr am Ende die Unschuld raubt, die sie aber gleichzeitig die Integrität ihres Alter Egos wahren lässt, wenn man so will. Und das ist der eigentliche Geniestreich in diesem Film, den einige für Alfred Hitchcocks ultimatives Meisterwerk halten.

Im Schatten des Zweifels (1943)

Originaltitel: SHADOW OF A DOUBT

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1943
Produktionsfirma: Universal
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 16; nf
Erstauffuehrung: 1947/8.9.1969 ARD/18.11.1999 Video

Darsteller: Teresa Wright (Charlie), Joseph Cotten (Onkel Charlie), Macdonald Carey (Jack Graham), Henry Travers (Joseph Newton), Patricia Collinge (Emma Newton), Hume Cronyn (Herbie Hawkins), Edna Mae Wonacott (Ann Newton), Wallace Ford (Fred Saunders), Irving Bacon (Stationsvorsteher); Produzent: Jack H. Skirball; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Thornton Wilder, Sally Benson, Alma Reville; Kamera: Joseph Valentine; Musik: Dimitri Tiomkin; Schnitt: Milton Carruth; Vorlage: Gordon McDonell

Inhalt

Ein als Witwenmörder gesuchter Verbrecher flüchtet in der Maske des liebenswürdigen Onkels in den Schoß der Familie. Als seine Nichte, die sich von seiner Anwesenheit etwas Abwechslung versprach, die Untaten ihres Paten entdeckt, trachtet er ihr ebenfalls nach dem Leben. Interessante, gut gespielte Kriminalstudie, der es nicht so sehr um die Jagd auf einen Gangster geht, sondern um die Konfrontation einer kleinstädtischen Bürgerfamilie mit dem Verbrechen. Ein Film ohne kriminalistische Spannung, der dem Zuschauer die Rolle des ironisch-distanzierten Beobachters zuweist.

Quelle: Filmlexikon

Ich kämpfe um dich

Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich selber „spellbound“. Gebannt, verzaubert. Filme, die einen als junger Mensch bannen, verzaubern, hinterlassen angeblich einen unauslöschlichen Abdruck irgendwo im Gehirn, sagte neulich jemand in einem Bericht über die sogenannten „Chick Flicks“, romantische Liebesfilme, die vorwiegend auf ein weibliches Publikum abzielen. Auch unser Begriff von Schönheit wird geprägt von den Bildern, die uns in jungen Jahren umgeben. Wenn ich bedenke, dass mein Zimmer eine Zeit lang tapeziert war mit Aufnahmen all jener Frauen, die für mich der Inbegriff von Schönheit waren, angefangen bei Greta Garbo über Katherine Hepburn bis hin zu Liv Ullmann; dass ich deren Biographien verschlungen habe und jeden ihrer Filme sehen wollte… – Erwähnenswert in dem Zusammenhang mag auch die Tatsache sein, dass es zunächst die Vorlieben meiner Mutter waren, durch die ich in diese Richtung geimpft wurde.

Auch Ingrid Bergman gehörte dazu. Sie hat für mich bis heute nichts von der Faszination eingebüßt, die ihre Erscheinung auf der Bildfläche eines Films versprüht. Auf der emotionalen Ebene bin ich immer noch so gebannt, verzaubert wie eh und je. Auf einer anderen, der des Verstandes, betrachte ich einen Film wie „Spellbound“ natürlich mit mehr Distanz. Die Lösung eines Verbrechens durch eine Psychoanalyse im Hau-Ruck-Verfahren herbeizuführen, erscheint mir mittlerweile geradezu lächerlich. Und obwohl der Film den größten Teil seines dramaturgischen Reizes aus der Personalunion von Analytikerin und liebender Frau bezieht, wäre eine solche in der Realität womöglich ganz und gar undenkbar. Zur schauspielerischen Leistung von Gregory Peck schrieb die Süddeutsche Zeitung: „Er spielt mit den Kiefermuskeln und kneift die Augen zu, um auf diese Weise anzudeuten, dass mit ihm nicht alles in Ordnung ist.“ Am hinreißendsten ist immer noch das jugendliche Ungestüm des vermeintlichen Dr. Edwardes, mit dem er in die bis dato, was Liebesdinge anbelangt und nicht zuletzt durch ihren Beruf, klar abgegrenzte Welt der Constance Peterson hinein stolpert. Ein Blick genügt, und es ist um die Contenance der Analytikerin geschehen. Fortan sieht sie diesen Mann, mit dem eigentlich etwas nicht stimmt, zwar durch eine rosarote Brille, aber so, wie man einen geliebten Menschen sieht: Gebannt, verzaubert. Wie er wirklich ist. Ein schönes Bild hierfür liefert Hitchcock mit den sieben sich öffnenden Türen, als die beiden sich zum ersten Mal küssen. „Leider beginnen genau in dem Augenblick die Geigen zu spielen, das ist fürchterlich“, sagte Hitchcock später zu Truffaut, nachzulesen in dessen Buch „Mr. Hitchcock, wie haben sie das gemacht?“

Filme erzählen immer auch eine Geschichte über einen selbst. Etwas von der rätselhaften Faszination, die sie einmal auf den noch unentwickelten Verstand und die unfertigen Emotionen ausgeübt haben, bleibt, selbst wenn man das alles irgendwann vielleicht zu analysieren vermag.

Ich kämpfe um dich

Originaltitel: SPELLBOUND

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1945
Produktionsfirma: Selznick
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 16; f
Erstauffuehrung: 29.2.1952/17.11.1969 ZDF/21.2.1981 DFF 1/2.10.2002 Video & DVD
DVD-Anbieter: EuroVideo

Darsteller: Ingrid Bergman (Constance Peterson), Gregory Peck (John Ballantine), John Emery (Dr. Fleurot), Leo G. Carroll (Dr. Murchison), Rhonda Fleming (Mary Carmichael), Michael Chekhov (Dr. Alex Brulov), Donald Curtis (Harry); Produzent: David O. Selznick; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Ben Hecht, Angus MacPhail; Kamera: George Barnes, Rex Wimpy; Musik: Miklos Rozsa; Schnitt: Hal C. Kern; Vorlage: Francis Beeding

Auszeichnungen

Oscar (1946, Beste Musik: Drama – Miklos Rozsa)

Inhalt

Eine Psychoanalytikerin verliebt sich in den neu in die Klinik gekommenen Chefarzt. Bald aber kommen ihr Zweifel an seiner Identität. Von einer Assistentin wird er des Mordes an einem Kollegen beschuldigt. Die Ärztin hilft dem an Gedächtnisschwund Leidenden durch eine Traumanalyse, seine Vergangenheit zu erkennen, und entlarvt den wirklichen Täter. Kunstvoll gestalteter, bemerkenswert gespielter Hitchcock-Krimi, der die Psycho- und Traumanalyse nicht unbedingt realitätsnah, aber effektvoll in die Handlung einbezieht.

Quelle: Filmlexikon

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Hugo Cabret

Die Zeit, die Zeit… – Die Zeit ist alles. Sie gibt, und sie nimmt, und wer nicht mit ihr gehen kann, bleibt auf der Strecke. So hat es auch George Méliès erlebt, einer der Pioniere der Filmgeschichte. Heute gilt er als Erfinder des narrativen Films und der Stop-Motion-Technik, zwischenzeitlich war er als Filmschaffender jedoch vollkommen in Vergessenheit geraten, seine Werke verschollen, bis 1929 einige wieder auftauchten und französische Filmjournalisten erneut über ihn berichteten. 1931 bekam er das Kreuz der Ehrenlegion verliehen, das ihm von keinem Geringeren als Louis Lumière angehängt wurde.

Aufstieg und Fall, Wiederentdeckung und die späte Würdigung Méliès‘ hat Martin Scorsese mit der fiktiven Geschichte über den zwölfjährigen Hugo Cabret verwoben, die in Paris in den frühen 1930er-Jahren und zu einem großen Teil innerhalb der labyrinthischen Mauern eines Pariser Bahnhofs spielt, wo der Junge die Uhren am Laufen hält. Die Zeit ist also allgegenwärtig in diesem Film. Dem Jungen hat sie den Vater genommen, und geblieben ist ihm nur ein bis dato funktionsuntüchtiger antropomorpher Automat. Dieser avanciert zum Sinnbild für Hugos Verlust und der Suche nach seiner Bestimmung in einer Welt, die ihm wie ein großes Räderwerk erscheint. Und in einem funktionierenden Mechanismus gibt es nun einmal kein Teil zuviel. In einem funktionierenden Mechanismus erfüllt schließlich jedes noch so kleine Teil seinen Sinn und Zweck.

Nicht zuletzt ist der Automat auch das Bindeglied zwischen den beiden Geschichten. Der von Hugo und der von Méliès. In abenteuerlicher und märchenhafter Manier erzählt der Film von den Verlusten, aus denen wir gemacht sind, und vom Suchen und Finden des Missing Link, der die Brücke schlägt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Schönes Erzählkino, also, mit modernsten Mitteln im Mélièsschen Geiste realisiert.

Hugo Cabret

Originaltitel: THE INVENTION OF HUGO CABRET

Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: Paramount Pic./GK Films/Infinitum Nihil
Länge: 126 Minuten
FSK: ab 6; f
Kinostart: 09.02.2012
Kinoverleih: Paramount

Darsteller: Asa Butterfield (Hugo Cabret), Sacha Baron Cohen (Bahnhofsaufseher), Ben Kingsley (Georges Méliès), Jude Law (Hugos Vater), Chloë Moretz (Isabelle), Christopher Lee (Monsieur Labisse), Emily Mortimer (Lisette), Ray Winstone (Onkel Claude), Helen McCrory (Mama Jeanne), Michael Stuhlbarg (Rene Tabard), Frances de la Tour (Madame Emilie); Produzent: Johnny Depp, Tim Headington, Graham King, Martin Scorsese; Regie: Martin Scorsese; Drehbuch: Josh Logan; Kamera: Robert Richardson; Musik: Howard Shore; Schnitt: Thelma Schoonmaker; Vorlage: Brian Selznick

Inhalt

Der Waisenjunge Hugo Cabret, der alleine in einem Pariser Bahnhofsgebäude lebt, lernt die liebenswürdige Pflegetochter eines grimmigen Ladenbesitzers kennen. Das Mädchen wird seine einzige Freundin, und zusammen mit ihr kommt er dem Geheimnis des alten Mannes auf die Spur: Der Ladenbesitzer war einst niemand anders als der Kinopionier Georges Méliès, hat sich aber aus Verbitterung ganz vom Film losgesagt. Als Hommage an die Magie des Kinos angelegter Film, der mittels Setdesign und Kameraarbeit eine ebenso beziehungsreiche wie bezaubernde Bildwelt eröffnet, sich erzählerisch jedoch schwertut, aus dem Facettenreichtum und der Materialfülle der Buchvorlage eine konzise Filmdramaturgie zu entwickeln. Die daraus entstehenden Längen werden durch die pure visuelle Schönheit und die guten Darsteller jedoch aufgefangen.

Quellen: wikipedia und Filmlexikon

Jules und Jim

Ich könnte mir vorstellen, dass Truffaut schlichtweg verliebt war ins Filmemachen und wahrscheinlich auch immer ein bisschen in seine Hauptdarstellerinnen. Das unaufhörliche Kreisen um seine eigentlich idealen Vorstellungen von Liebe und Beziehung ist zugleich schmerzvoll und poetisch. Das Scheitern birgt so viele Gründe, dass man einen Film wie „Jules und Jim“ zigmal sehen müsste, um sie in ihrer gesamten Tragweite zu ermessen. Er gilt heute als Klassiker der Nouvelle Vague. „Ein intelligenter Film (…) der in keine Schablone passt“, schrieb die Frankfurter Rundschau. So ist es. Geschichte und Machart passen in keine Schablone, und das ist nur eines seiner Geheimnisse…

Iris Träutner schreibt: Thema des Films ist natürlich die Liebe. Es ist verblüffend, dass in einem Liebesfilm die Protagonisten trotzdem so kühl und emotionslos agieren. Es wird klarer, wenn man die Liebe so sieht, wie sie Truffaut in diesem Film gesehen hat: Die Liebe ist eine Übermacht, die handelnden Personen sind eigentlich nur ihre Marionetten. Cathérine reagiert sehr oft für den Betrachter unverständlich, Jules und Jim kann der Zuseher besser verstehen, wenn man auch bewundert, wie sie ihr Schicksal, von Cathérine zurückgewiesen zu werden, ertragen können. Das wiederum können sie nur, weil sie wissen, dass Cathérine so handelt, weil sie gar nicht anders kann.
Und nur so kann auch ihre Freundschaft der Belastung standhalten. Sie ist das einzig Beständige in dem Film, Cathérines Zuneigung für einen von ihnen hält immer nur eine kurze Zeit an.
Man kann also eigentlich nicht wirklich von einem Liebesfilm sprechen, es ist vielmehr ein Film, der versucht, die Liebe anhand eines Beispiels zu analysieren. Die Protagonisten selbst reflektieren ständig über ihre Beziehung, was oft durch einen Kommentator aus dem Off wiedergegeben wird. Dieser Kommentator spielt eine tragende Rolle: Er strafft die Handlung, indem er manche Jahre einfach kurz nacherzählt. Und er beobachtet die Figuren, beschreibt sie uns näher und verwendet manchmal dazu sogar das Mittel des Standbildes, damit wir uns die Personen genauer anschauen können.
So ist der Film also kein Liebesfilm im herkömmlichen Sinn, er wird vielmehr zur Dokumentation über das Thema Liebe, erklärt und veranschaulicht an drei Exemplaren der Gattung Mensch. Die Figuren werden zu Versuchskaninchen, die Versuchsanordnung ist gegeben, nun müssen sie versuchen, das Beste daraus zu machen. In einer Szene sagt Jules, er möchte einmal einen Roman schreiben, in dem nur Insekten handeln, eine Selbstanspielung, wenn man es so sieht.
Mitleben und -leiden kann und soll man also nicht, die Illusion wird durch den Kommentator und die Standbilder ohnehin zerstört. Dennoch ist es nicht so, dass man zum gefühllosen Betrachter wird. Wütend kann man sogar werden, wenn man sieht, wie sich die beiden Männer von dieser – weder sehr intelligenten noch sehr schönen, wie sie selbst bemerken – Frau gefangen nehmen lassen, wütend wird man auch, wenn Cathérine ständig ihre Meinung ändert und dadurch immer jemanden unglücklich macht. Es fällt schwer, den Personen zu vergeben und sich zu erinnern, dass sie nur Sklaven sind, die nicht anders agieren können.
Denn sie sind, so emotionslos auf der einen Seite wie auch menschlich auf der anderen. Cathérine, die immer etwas Besonderes sein möchte und deswegen absichtlich unvorhersehbare Dinge tut, oder Jim, der es nicht schafft, sich von seiner Geliebten zu trennen.
Die Figuren zerbrechen eigentlich an der Versuchsanordnung, an der Welt, wie sie sie vorfinden und in der sie nicht zurechtkommen. Deutlich macht das auch der letzte Satz des Filmes, nach der Einäscherung von Jim und Cathérine, dem es nicht an Zynismus fehlt: „Beim Hinausgehen fiel Jules ein, dass Cathérine einmal gesagt hatte, ihre Asche sollte von einem Berg in den Wind gestreut werden. Doch das war verboten.“

Jules und Jim

Originaltitel: JULES ET JIM

Drama, Komödie, Liebesfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 1961/62
Produktionsfirma: Carosse/S.E.D.I.F
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 18; nf
Erstauffuehrung: 23.2.1962/8.5.1974 ARD/31.5.1994 arte (O.m.d.U.)/9.4.1996 Video/20.10.2004 DVD (Box)
DVD-Anbieter: Concorde (16:9, 2.35:1, Mono frz./dt.)

Darsteller: Oskar Werner (Jules), Henri Serre (Jim), Jeanne Moreau (Catherine), Marie Dubois (Thérèse), Boris Bassiak (Albert), Vanna Urbino (Gilberte), Sabine Haudepin (Sabine), Kathe Noelle (Birgitta); Produzent: Marcel Berbert; Regie: François Truffaut; Drehbuch: François Truffaut, Jean Gruault; Kamera: Raoul Coutard; Musik: Georges Delerue; Schnitt: Claudine Bouché; Vorlage: Henri-Pierre Roché

Inhalt

Der gebürtige Österreicher Jules und der französische Schriftsteller Jim haben sich vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Montmartre kennengelernt. Beide verlieben sich in dasselbe Mädchen, Catherine. Nach dem Krieg sehen sie einander wieder. Die tödlich endende Geschichte ihrer Liebe zu dritt schildert Truffauts Film mit eminentem Fingerspitzengefühl für die Zwischentöne des Menschlich-Seelischen ebenso wie des Filmisch-Optischen. Zum ästhetischen Genuß tragen auch die sensible Kameraführung und der fließende Schnitt bei. Enttäuschend fiel die deutsche Verleihsynchronisation aus; sie hat die leichtfüßige Ironie des Originals in betulichen Ernst verwandelt.

Quelle: Filmlexikon

Alles über Elly

Elly, wie sie mit einem rot-weiß-gepunkteten Drachen am Strand des Kaspischen Meeres hin- und herläuft. Dann ist sie plötzlich verschwunden, und das große Rätselraten beginnt.

Den Spiegel, der die politischen Verhältnisse im Iran reflektiert, legt man nur schwer aus der Hand, bei einem Film aus diesem Land. Und doch entspricht abgesehen von der Bekleidung der Frauen eigentlich nichts auf den ersten konditionierten Blick des Zuschauers den Klischees. Im Gegenteil. Eine ähnliche Geschichte könnte sich überall auf dieser Welt zutragen, wo die Rolle der Frau in der Gesellschaft und die Verhältnisse der Geschlechter immer noch oder immer wieder diskutiert werden. Die Beziehungen der Menschen untereinander sind es ohnehin immer und überall wert, hinterfragt zu werden. Und die Fragen, die Ellys Verschwinden aufwirft, sagen wie üblich weit mehr über den, der fragt, als über den, nach dem gefragt wird.

Insofern lässt sich der Film nicht auf eine Aussage reduzieren. Schon gar nicht auf eine politische. Es geht auch um das Freisein. Elly ist es nicht. Nicht einmal oder vor allem nicht frei, sich die Art ihres Verschwindens auszusuchen…


Ich hoffe, dass irgendwann einmal der Tag kommt, an dem es genauso viele Meinungen zu einem Film gibt wie Zuschauer. Ich mag die Vorstellung, dass ein Film einem Kreuzworträtsel gleicht, das von den Zuschauern gelöst werden muss.

Asghar Farhadi

Elly

Darbareye Elly (2009), IR

 

Credits:

  • Weitere Titel: Alles über Elly
  • Kinostart: 06.01.2011
  • FSK: 12
  • Filmlänge: 119 Min.
  • Jahr: 2009
  • Genre: Drama
  • Land: Frankreich, Iran
  • Verleih: Fugu Filmverleih
  • Regie: Asghar Farhadi
  • Buch: Asghar Farhadi
  • Kamera: Hossein Djafarian
  • Produzent: Asghar Farhadi
  • Schnitt: Mohammad-Reza Delpak
  • Darsteller: Golshifteh Farahani, Taraneh Alidoosti, Marila Zare’i, Rana Azadvar, Shahab Hosseini, Saber Abbar

Quelle: spielfilm.de

Inhalt:
Asgar Farhadis „Alles über Elly“ erzählt die Geschichte einer Kindergärtnerin aus Teheran, die mit drei wohlsituierten Ehepaaren in den Mittdreißigern zum Kurzurlaub ans Kaspische Meer fährt. Elly wird als gleichberechtigter Gast mitgenommen, aber die Einladung hat gleich zwei Hintergedanken: So wird es natürlich geschätzt, wenn eine kinderlose kinderliebe Frau den Eltern im Urlaub die Aufsichts- und Unterhaltungspflicht abnimmt; zudem soll Elly mit dem Junggesellen Ahmad verkuppelt werden. Sie ist gar nicht abgeneigt, aber die unverhohlene Verhohlenheit, mit der die Ehepaare kichernd und tuschelnd die Beziehungsanbahnung betreiben, macht sie verlegen und traurig. Dann ist sie plötzlich weg – und eins der Kinder treibt bewusstlos im Meer. Ist Elly ertrunken, als sie den Jungen retten wollte? Oder hat sie einfach ihre Sachen gepackt und ist nach Hause gefahren? Bei dem Versuch, das Verschwinden und die sich anbahnende Katastrophe zu bewältigen und zu verstehen, verstrickt sich die anfangs so heitere Reisegesellschaft in Lügen, Streit und schlechter Laune. Unter der modernen Fassade treten Kälte, Borniertheit und atavistische Ehrbegriffe zu Tage; keiner von den Beteiligten scheint in der Lage, ehrlich und aufrichtig zu reden. (Quelle: Berliner Zeitung)

Ferien

Der Titel suggeriert eine Idylle, die in Wirklichkeit nicht existiert. Dafür jede Menge Konflikte, die allenfalls angedeutet, keineswegs aber erläutert oder ausdiskutiert oder gar gelöst werden. Niemand haut mit der Faust auf den Tisch. Keiner lässt einfach alles stehen und liegen und geht. Visualisiert wird die Zeit als quälend langsame Komponente der Entwicklung. Zwei Menschen sitzen im Freien. Der Wind rauscht in den Wipfeln der Bäume. Es vergeht eine Ewigkeit, bis ein Gespräch entsteht. Gesagt wird scheinbar nichts Wesentliches. Der Wind rauscht weiter in den Wipfeln der Bäume. Wenn schließlich einer aufsteht und geht, hat sich nichts Entscheidendes verändert. Der Wind rauscht immer noch in den Wipfeln der Bäume. Das muss man mögen. Und verstehen.

Ferien

Drama

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2007
Produktionsfirma: Pickpocket/ZDF/3sat
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 6; f
Erstauffuehrung: 14.6.2007/17.12.2007 DVD/1.4.2008 3sat
DVD-Anbieter: Filmgalerie451 (16:9, 1.85:1, DD5.1 dt.)

Darsteller: Angela Winkler (Anna), Karoline Eichhorn (Laura), Uwe Bohm (Paul), Anja Schneider (Sophie), Gudrun Ritter (Annas Mutter), Wigand Witting (Robert), Amir Hadzic (Max), Babette Semmer (Zoe), Leyla Bobaj (Leyla), Aaron Raabe (Aaron), Maria Hengge (Frau am See); Produzent: Thomas Arslan; Regie: Thomas Arslan; Drehbuch: Thomas Arslan; Kamera: Michael Wiesweg; Schnitt: Bettina Blickwede

Inhalt

Während der Ferien in der Uckermark kommt eine Familie zusammen, was weniger die erhoffte Entspannung bringt als die einzelnen Mitglieder mit unausgestandenen Konflikten konfrontiert und sie zwingt, sich ihren Gefühlen zueinander zu stellen. Eine bemerkenswerte Studie, die vor allem durch ihre intensive Spannung fesselt. Formal ausgereift, veranlasst der Film in seiner hoch konzentrierten Inszenierung die hervorragenden Darsteller zu bemerkenswerter körperlicher Zurückhaltung, wodurch das innere Drama von Menschen, die ihr Leben an sich vorüberziehen lassen, umso nachhaltiger wirksam ist.

Quelle: Filmlexikon

Im Schatten

Wie ein Pathologe die Leiche auf dem Seziertisch, obduziert Thomas Arslan sein Corpus delicti. Emotionen und schmückendes Beiwerk sind hier fehl am Platze. Keine coolen Sprüche, kein malerischer Soundtrack. Kühl und konsequent führt der Regisseur das Skalpell Schnitt für Schnitt und legt die inneren Organe einer Welt frei, in der es letzten Endes nur auf eins ankommt: Trau, schau, wem! Der Verzicht auf jede Form der Verklärung ist so radikal, dass selbst der Zuschauer emotional auf Distanz gehalten wird. Beeindruckend!

Im Schatten

Deutschland 2010 – 35mm – 85 Minuten
Produktion: Schramm Film Koerner & Weber, Berlin.
Koproduktion: ZDF/3sat.

Regie, Drehbuch: Thomas Arslan.

Kamera: Reinhold Vorschneider.
Schnitt: Bettina Blickwede.
Szenenbild: Reinhild Blaschke.
Kostüme: Anette Guther.
Ton: Andreas Mücke-Niesytka.
Musik:Geir Jenssen.
Tongestaltung: Jochen Jezussek, Christian Obermaier.
Mischung: Martin Steyer.
Produzenten: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber.
Redaktion: Inge Classen (ZDF/3sat).

Darsteller: Mišel Matičević (Trojan), Karoline Eichhorn (Dora Hillmann),
Uwe Bohm (René Mayer), Rainer Bock (Nico), David Scheller (Martin Krüger),
Peter Kurth (Richard Bauer).

freigegeben ab 12 Jahren (FSK Prüfkarte)
Verleih: Peripher Filmverleih, Berlin

Quelle: Peripherfilm

Mehr zum Film gibt es hier

Happy-Go-Lucky

Zu deutsch: Unbeschwert, sorglos leichtlebig. Das ist Pauline, genannt „Poppy“. Der heilignüchterne Zuschauer läuft Gefahr, den Film bereits kurz nach Beginn wieder abzuschalten. Als wäre sie permanent beschwipst, gluckst und kichert sich Poppy durch die Anfangsszenen und könnte einem damit prompt auf die Nerven gehen. Wer diesem ersten Impuls jedoch standhält, wird im weiteren Verlauf reichlich belohnt…

Der Tagesspiegel schrieb zur Aufführung anlässlich der Berlinale 2008:

Die demonstrierte gute Laune in „Happy-Go-Lucky“ aber muss sich gegen existenzielle Tragik behaupten; folglich ist auch das Ende nicht konfekthaltig happy, sondern schöner, weiter und offener.

Happy-Go-Lucky

Originaltitel: HAPPY-GO-LUCKY

Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2007
Produktionsfirma: Ingenious Film Partners/Potboiler Prod./Summit Ent./UK Film Council/Film4
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 6; f
Erstauffuehrung: 3.7.2008/28.1.2009 DVD/13.2.2012 arte
DVD-Anbieter: Tobis (1:2,35/16:9/Deutsch DD 5.1/Engl.)

Darsteller: Sally Hawkins (Poppy), Alexis Zegerman (Zoe), Andrea Riseborough (Dawn), Sinéad Matthews (Alice), Kate O’Flynn (Suzy), Sarah Niles (Tash), Eddie Marsan (Scott), Joseph Kloska (Suzys Freund), Sylvestra Le Touzel (Heather); Produzent: Simon Channing-Williams, Georgina Lowe; Regie: Mike Leigh; Drehbuch: Mike Leigh; Kamera: Dick Pope; Musik: Gary Yershon; Schnitt: Jim Clark

Auszeichnungen

Berlin (2008, Beste Darstellerin (Silberner Bär) – Sally Hawkins)

Inhalt

Eine Londoner Grundschullehrerin Anfang 30 schlägt sich an der Seite ihrer Freundinnen mit unverbesserlichem Optimismus durch ihren nicht immer einfachen Alltag als berufstätige Frau. Vor allem an ihrem pedantischen, miesepetrigen Fahrlehrer droht ihre gutgelaunte Lebenshaltung zu scheitern. Mit einer brillanten Hauptdarstellerin, die die mitunter schrille, notorische Heiterkeit ihrer Figur subtil als schwierigen Balanceakt spürbar macht, entwirft Mike Leigh ein subtiles „Feel-Good-Movie“ der abgründigen Art über die Möglichkeit, in einer von Ängsten und diversen privaten und politischen Krisen gebeutelten Zeit glücklich zu sein und nicht den Lebensmut zu verlieren. (Auch O.m.d.U.; Kinotipp der katholischen Filmkritik)

Quelle: Filmlexikon

Der blaue Engel

Nahezu unerträglich an der Filmfigur des Gymnasialprofessors Immanuel Rath finde ich, dass seine Leidenschaft für die schöne Lola weniger ein Aufbegehren gegen seine absurd anmutende Pedanterie darstellt, sondern immer mehr einer Preisgabe an die Lächerlichkeit gleichkommt, der er am Ende nichts mehr entgegenzusetzen vermag. Die schauspielerische Leistung Emil Jannings schmälert das in keinster Weise. Und Marlene Dietrich legt mit diesem Film ein eindrucksvolles Zeugnis von ihrem Naturtalent für die Rolle der Femme Fatale ab…

Ich bin von Kopf bis Fuß / Auf Liebe eingestellt, / Denn das ist meine Welt, / Und sonst gar nichts. / Das ist, was soll ich machen, / Meine Natur, / Ich kann halt lieben nur / Und sonst gar nichts.

Männer umschwirr’n mich, / Wie Motten um das Licht. / Und wenn sie verbrennen, / Ja dafür kann ich nichts. / Ich bin von Kopf bis Fuß / Auf Liebe eingestellt, / Ich kann halt lieben nur / Und sonst gar nichts.

Der blaue Engel (1930)

Drama, Literaturverfilmung

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 1930
Produktionsfirma: Ufa
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 16; f (DVD: ab 12)
Erstauffuehrung: 1.4.1930/1953 Kino DDR/14.10.1957 DFF/9.12.1957 ARD/26.11.1989 TV (OF)/26.11.2001 DVD
DVD-Anbieter: BMG (FF: 1.19:1, Mono dt.)

Darsteller: Emil Jannings (Prof. Immanuel Rath), Marlene Dietrich (Lola Lola), Kurt Gerron (Kiepert), Rosa Valetti (Guste Kiepert), Hans Albers (Mazeppa); Produzent: Erich Pommer; Regie: Josef von Sternberg; Drehbuch: Robert Liebmann, Josef von Sternberg, Carl Zuckmayer, Karl Vollmöller; Kamera: Günther Rittau, Hans Schneeberger; Musik: Friedrich Hollaender; Schnitt: Sam Winston; Vorlage: Heinrich Mann

Inhalt

Die Tragödie eines pedantischen Gymnasialprofessors am Ende des 19. Jahrhunderts, der sich durch die Leidenschaft für eine Tingeltangel-Sängerin lächerlich macht und sich schließlich zugrunde richtet. Erschütternde Charakterstudie von Emil Jannings und Ausgangspunkt für Marlene Dietrichs Weltkarriere als Vamp in Sternbergs kongenialer, wenn auch literarisch nicht exakter Verfilmung von Heinrich Manns „Professor Unrat“.

Quelle: Filmlexikon

About a Boy oder: Der Tag der toten Ente

No man is an island entire of itself; every man
is a piece of the continent, a part of the main;
if a clod be washed away by the sea, Europe
is the less, as well as if a promontory were, as
well as a manor of thy friends or of thine
own were; any man’s death diminishes me,
because I am involved in mankind.
And therefore never send to know for whom
the bell tolls; it tolls for thee.

John Donne

Zwei Wendungen aus dem Werk Donnes fanden Eingang in die Populärkultur: das sprichwörtliche Niemand ist eine Insel, das Thomas Merton als Buchtitel wählte, und Wem die Stunde schlägt als Titel eines Romans von Ernest Hemingway. Beide stammen aus demselben Absatz in Meditation XVII.

About a Boy beginnt mit einer Quiz-Show und der Frage nach dem Urheber des Zitats Niemand ist eine Insel. „Jon Bon Jovi“, meint  Will (Hugh Grant), „das weiß doch jeder.“ Bon Jovis Song Santa Fe beginnt schließlich mit der Zeile They say that no man is an island…

Der Film ging zwar als Sommerkömödie ins Rennen, in meinen Augen wäre er aber der ideale Weihnachtsfilm. Hugh Grant als homöopathische Dosis gegen das Stille-Nacht-Heilige-Nacht-Syndrom oder das Thatcher-Trauma der Briten. Für Philip French vom Guardian bringt About a Boy nämlich zwei Trilogien zusammen, die in den 1990er ihre Anfänge nahmen: Die Richard-Curtis-Filme Vier Hochzeiten und ein TodesfallNotting Hill und Bridget Jones, in denen Hugh Grant ebenfalls mitspielte, sowie die Nick-Hornby-Trilogie Fever PitchHigh Fidelity und About a Boy. Ihnen gemein sei die Vermeidung einer Lage-der-Nation-Polemik der Thatcher-Ära. Hier wende man sich ab von der Sorge um das Gemeinwesen und Politik, von Ehrgeiz und Idealismus und etabliere stattdessen eine Bindung an Freunde und Freundeskreise, Fußballmannschaften und Popgruppen.

About a Boy oder Der Tag der toten Ente

Originaltitel: ABOUT A BOY

Komödie

Produktionsland: Großbritannien/USA/Frankreich
Produktionsjahr: 2002
Produktionsfirma: Tribeca/Working Title/Kalima/Studio Canal
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 6; f
Erstauffuehrung: 22.8.2002/6.3.2003 Video & DVD
DVD-Anbieter: Universal

Darsteller: Hugh Grant (Will), Nicholas Hoult (Marcus), Toni Collette (Fiona), Rachel Weisz (Rachel), Sharon Small (Christine), Nat Gastian Tena (Ellie), Augustus Prew (Ali); Produzent: Jane Rosenthal, Robert De Niro, Brad Epstein, Tim Bevan, Eric Fellner, Hardy Justice, Nicky Kentish Barnes, Liza Chasin, Debra Hayward; Regie: Chris Weitz, Paul Weitz; Drehbuch: Peter Hedges, Chris Weitz, Paul Weitz; Kamera: Remi Adefarasin; Musik: Damon Gogh; Schnitt: Nick Moore; Vorlage: Nick Hornby

Quelle: wikipedia und Filmlexikon

WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf

I’m not that much into animated films, wie die Angloamerikaner sagen, aber WALL·E räumte mit jedem etwaigen Vorurteil von der ersten Minute an auf und eroberte mein Herz im Sturm:

WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf

Originaltitel: WALL·E, Verweistitel: Wall-E – Der Letzte räumt die Erde auf

Komödie, Science-Fiction-Film, Trickfilm

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2008
Produktionsfirma: Pixar Animation Studios/Walt Disney Pic.
Länge: 98 Minuten
FSK: o.A.; f
Erstauffuehrung: 25.9.2008/5.2.2009 DVD & BD/4.6.2011 SF 2/DRS
DVD-Anbieter: Walt Disney (16:9, 2.35:1, DD6.1 engl./dt.)

Produzent: Jim Morris, Lindsey Collins; Regie: Andrew Stanton; Drehbuch: Andrew Stanton, Jim Reardon; Musik: Thomas Newman; Schnitt: Stephen Schaffer

Inhalt

Auf der Erde ist seit 700 Jahren alles organische Leben weitgehend erloschen; nur ein beseelter Müllroboter sorgt unverdrossen für Ordnung. Als eine von menschlichen Kolonien entsandte Hightech-Drohne auf der Erde nach Leben suchen soll, glaubt der einsame Arbeiter, dass sich sein Traum von Zweisamkeit doch noch erfüllt. Mit dem Fund pflanzlichen Lebens aber droht die zaghafte Freundschaft der Roboter zu enden. Ein mitreißender, formal wie inhaltlich radikaler Animationsfilm, der in der ersten Hälfte sein bezauberndes audiovisuelles Abenteuer nahezu ohne (menschliche) Dialoge entwirft. In der zweiten Hälfte fokussiert er nicht weniger begeisternd auf Action, Spannung und seine ökologische Botschaft.

Quelle: Filmlexikon

Revolutionary Road

Zeiten des Aufruhrs

Originaltitel: REVOLUTIONARY ROAD

Drama, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA/Großbritannien
Produktionsjahr: 2008
Produktionsfirma: DreamWorks Pic./Evamere Ent./Goldcrest Pic./Neal Street Prod./BBC Films/Scott Rudin Prod.
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstauffuehrung: 15.1.2009/4.6.2009 DVD & BD
DVD-Anbieter: Paramount (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)

Darsteller: Leonardo DiCaprio (Frank Wheeler), Kate Winslet (April Wheeler), Kathy Bates (Mrs. Helen Givings), Ryan Simpkins (Jennifer Wheeler), Ty Simpkins (Michael Wheeler); Produzent: Bobby Cohen, John Hart, Sam Mendes, Scott Rudin, Gina Amoroso; Regie: Sam Mendes; Drehbuch: Justin Haythe; Kamera: Roger Deakins; Musik: Thomas Newman; Schnitt: Tariq Anwar; Vorlage: Richard Yates

Der vermeintliche Tanz in eine Bilderbuchbeziehung währt nur wenige Minuten. Die hoffnungslose Leere, der sich die Wheelers, Frank und April, im weiteren Verlauf des Films zu entziehen suchen, schwingt auch hier schon mit. Von Leere sprechen zwar viele heutzutage, aber hoffnungslose Leere … – wow! John, der Sohn eines befreundeten Ehepaares, weiß, wovon die beiden reden. Er lebt in einer Anstalt und hat über dreißig Elektroschocks hinter sich, die zwar die Mathematik aus seinem Kopf vertreiben konnten nicht aber die fehlende Fähigkeit, sich dem Leben anzupassen. Er versteht als einziger, was mit den Wheelers vor sich geht, als der Versuch, sich aus den ungeliebten Lebensumständen zu befreien, scheitert und in völlige Selbstzerstörung mündet…

Tatsächlich… Liebe

London, zwei Monate vor Weihnachten. Parallel werden zehn verschiedene Geschichten erzählt, die sich alle an Heilig Abend vereinen. Jede Geschichte hat ein Thema: die Liebe.

Tatsächlich… Liebe

Originaltitel: LOVE ACTUALLY, Verweistitel: Tatsächlich… Liebe

Produktionsland: Großbritannien/USA
Produktionsjahr: 2003
Produktionsfirma: DANN/Working Title/Universal
Länge: 135 Minuten
FSK: ab 6; f
Erstauffuehrung: 20.11.2003/19.5.2004 Video & DVD
DVD-Anbieter: Universal (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)

Darsteller: Bill Nighy (Billy Mack), Gregor Fisher (Joe), Rory MacGregor (Ingenieur), Colin Firth (Jamie), Sienna Guillory (Jamies Freundin), Liam Neeson (Daniel), Emma Thompson (Karen), Rowan Atkinson, Heike Makatsch, Alan Rickman, Hugh Grant, Keira Knightley (Juliet); Produzent: Tim Bevan, Eric Fellner, Duncan Kenworthy; Regie: Richard Curtis; Drehbuch: Richard Curtis; Kamera: Michael Coulter; Musik: Craig Armstrong; Schnitt: Nick Moore

Die Rezeption dieser romantischen Komödie fällt allerdings unterschiedlich aus:Einige grob entwickelte Nebenhandlungsstränge umranken das episodisch entwickelte melodramatische Geschehen, können aber über die zynische Grundhaltung des Films, der vorbehaltlos auf den vorweihnachtlichen Starttermin ausgerichtet ist, nicht hinwegtäuschen.

Mit beeindruckender Sicherheit gelingt es Curtis, die ganze Bandbreite dieses wunderbaren und manchmal auch schrecklichen Gefühls Liebe auf die Länge eines Films zu verdichten, der das Zeug zum Weihnachtsklassiker hat. Merry Christmas!

Cinema

Einige grob entwickelte Nebenhandlungsstränge umranken das episodisch entwickelte melodramatische Geschehen, können aber über die zynische Grundhaltung des Films, der vorbehaltlos auf den vorweihnachtlichen Starttermin ausgerichtet ist, nicht hinwegtäuschen.

Filmlexikon

Der Regisseur selber, übrigens auch der Macher von „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ und „Notting Hill“, sagt dazu:

Lieber mache ich einen Film, den die meisten Zuschauer mögen und einige Kritiker nicht, anstatt einen Film, den die Kritiker mögen, aber keiner sehen mag.

Richard Curtis

Ich mag ihn auch. Das erste Mal mit Thomas im Jahr der Erstaufführung im Kinopolis Leverkusen gesehen. Daran erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen.

Letztes Jahr in Marienbad

Im vielleicht berühmtesten aller Anfänge der Filmgeschichte durchfährt die Kamera über vier Minuten lang die Gänge des Hotels, begleitet von der monologischen Litanei des männlichen Protagonisten, der die Einrichtung und den Zierrat des Gebäudes in rhetorischem Überfluss beschreibt. Letztes Jahr in Marienbad ist auch das Monument eines inhaltslos gewordenen kulturellen (Bilder-)Reichtums, das Resnais zu Ehren des Kinos errichtet, ein Film als Bildermausoleum, in dem die Schrift des Vorspanns an Grabsteine erinnert und wo die schwere Orgelmusik, die ein Schüler Olivier Messiaens für den Film komponiert hat, wie der Auftakt zu einer Totenfeier ertönt.Eine Allegorie auf den Tod, der in Gestalt von X die Frau mitnehmen will, eine Variation des Mythos von Orpheus und Eurydike, die Wahnvorstellungen einer an Amnesie leidenden Patientin in einer Psychiatrie oder auch das Trauma einer inzestuösen Vergewaltigung der jungen Frau – die unterschiedlichen Interpretationen des Films bleiben letztlich ein Spiel ohne Grenzen, das der Fantasie des Zuschauers überlassen bleibt und mit dem Film nie abschließend zur Deckung gelangt.

Quelle: critic.de

Ein sperriger Film, dessen Dunkel die „Erinnerungen an Marienbad“ von Volker Schlöndorff ein wenig erhellen. Letztere sehr zu empfehlen! Ein Making-Of, das einen ganz eigenen persönlich Reiz entfaltet.

Warte, bis es dunkel ist

Für meinen Geschmack lässt sich die blinde Susy alias Audrey Hepburn in einigen Szenen von ihrem sehenden Ehemann nur allzu bereitwillig dressieren. Insofern kann der Film sein Produktionsjahr nicht verleugnen. Ansonsten: Ein echter Thriller mit Gruselfaktor!

Warte, bis es dunkel ist

Originaltitel: WAIT UNTIL DARK

Literaturverfilmung, Thriller

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1967
Produktionsfirma: Warner/Seven Arts
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 18; nf
Erstauffuehrung: 25.1.1968/28.5.1988 DFF 1

Darsteller: Audrey Hepburn (Susy Hendrix), Alan Arkin (Roat), Richard Crenna (Mike Talman), Efrem Zimbalist jr. (Sam Hendrix), Jack Weston (Carlino); Produzent: Mel Ferrer; Regie: Terence Young; Drehbuch: Robert Carrington, Jane Howard-Carrington; Kamera: Charles B. Lang; Musik: Henry Mancini; Schnitt: Gene Milford; Vorlage: Frederick Knott

Herzen

Mit dem Vollmond kam der Winter zurück. Quasi über Nacht wurde es klar und kalt. Die Überreste der Wolkendecke werden im Osten von der aufgehenden Sonne zusammengestaucht wie ein sich öffnendes Verdeck. Freier Ausblick auf einen stahlblauen Himmel. Mond und Morgenstern leuchten und funkeln um die Wette.

Das astronomische Symbol des Planeten Venus – ♀ – gilt übrigens als stilisierte Repräsentation des Handspiegels der namensgebenden römischen Liebesgöttin. (Quelle: wikipedia)

Das bisschen Schnee könnte auch Sternenstaub sein, so trocken und kryptokristallin ziert er die Wege. Er sieht aus wie der Schnee im Film gestern, „Herzen“ von Alain Resnais. Unaufhörlich blies darin der Schneesturm und hinterließ seine Spuren auf den Schultern der Akteure. Ein weißes Band, das sich durch den ganzen Film zog. Wäre nicht alles so makellos schön in Szene gesetzt gewesen und hätten die Gesichter der Schauspieler nicht so eine vertraute müde Melancholie verströmt, der zynische Blick des Regisseurs wäre womöglich unangenehm aufgefallen. Der Schneesturm hätte auch ein Ascheregen sein können, der feste Rückstand einer sich selbst verzehrenden Feuersbrunst in den Herzen der Menschen. Wie ein Blick auf die ausgebrannten Ruinen von Gotham City wirkte schon die erste Einstellung des Films von einer Pariser Banlieue.

Ein Makler, der dort erfolglos Wohnungen an den Mann und die Frau zu bringen sucht, seine viel jüngere Schwester, die von einem Blind Date zum anderen immer wieder aufs Neue versetzt wird, ein verlobtes Paar, das in seinen letzten gemeinsamen Zügen liegt, ein Barmann, der auf seine eigenen alternden Tage seinen kranken, tyrannischen Vater pflegt. Überhaupt: Die Übermacht der Väter scheint allgegenwärtig. Männer, die in ihrem Schatten stehen, die ihr nicht gerecht werden können. Das selbstgefällige Porträt einer solchen Übermacht hängt sogar im Wohnzimmer des Maklers.

Nur Charlotte scheint autark. Sowohl in ihrer Überzeugung vom Höllenfeuer in jedem von uns als auch in ihrem Glauben an den Erlöser. Und darin wirkt sie keinesfalls bigott. Im Gegenteil: Sie scheint sich im Verborgenen auszuleben, lässt die Funken sogar überspringen, facht die Glut der alternden Herren wieder an. Still und heimlich allerdings. Ihre Botschaft ist fast ein bisschen unheimlich: Kein Mensch kann dem anderen wirklich geben, was er nicht selbst in sich zu entfachen vermag. Und dann gnade ihm Gott…