Oulipo

Oulipo ist ein Autorenkreis vornehmlich französischer, italienischer (Italo Calvino), US-amerikanischer (Harry Mathews) und siebenbürgisch-sächsischer (Oskar Pastior) Schriftsteller. Das Akronym Oulipo kommt von L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle (franz. „Werkstatt für Potentielle Literatur“). Das zugehörige Adjektiv lautet oulipotisch.

Das Ziel von Oulipo ist die „Spracherweiterung durch formale Beschränkungen“ („contraintes“).

Beispiele für solche oulipoetischen Beschränkungen:

S+7, manchmal auch N+7 genannt:
Jedes Nomen im Text wird durch das in einem Lexikon siebte darauf folgende Nomen ersetzt, zum Beispiel: „Call me Ishmael. Some years ago…“ (aus „Moby Dick“) wird zu „Call me islander. Somme yeggs ago…“. Die Resultate variieren abhängig vom Lexikon, das benutzt wird. Die Technik kann auch auf andere Wortarten wie Verben angewendet werden.
Schneeball
Ein Gedicht, in dem jede Zeile aus einem einzelnen Wort  besteht, wobei jedes folgende Wort um einen Buchstaben länger ist als sein Vorgänger.
Leipogramm
Palindrom
Univolkalismus

Quelle: wikipedia

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Unica Zürn

Wir lieben den Tod

Rot winde den Leib,
Brot wende in Leid,
ende Not, Beil wird
Leben. Wir, dein Tod,
weben dein Lot dir
in Erde. Wildboten,
wir lieben den Tod

Unica Zürn, Berlin 1953-54

Eine 94jährige hat auf MySpace eine Seite: http://www.myspace.com/unicazurn

Letztes Login: 19.07.2010

Toll, dachte ich! Die Frau interessiert mich. Auf den zweiten Blick stellte sich heraus:

Unica Zürn (* 6. Juli 1916 in Berlin-Grunewald als Nora Berta Unica Ruth Zürn; † 19. Oktober 1970 in Paris) war eine deutsche Schriftstellerin und Zeichnerin.

Unica Zürns literarisches Werk, welches zu Lebzeiten wenig beachtet wurde, besteht zum einen aus autobiografisch geprägter und häufig fragmentarischer Prosa, die vor allem ihre Liebesbeziehungen, ihre Krankheit und deren Behandlung zum Thema hat, zum anderen aus poetischen Texten, von denen ihre 123 Anagramm-Gedichte am bedeutendsten sind.

Quelle: wikipedia

In Bezug auf das Palindrom beschlich mich noch einen Moment lang die Befürchtung, dass es sich hier womöglich um Wissen handeln könnte, das die Welt in Wirklichkeit eigentlich gar nicht braucht. Aber spätestens beim Lesen der Anagramm-Gedichte von Unica-Zorn, werde ich eines Besseren belehrt.

Der Begriff Anagramm (von griechisch: anagraphein, deutsch: „umschreiben“) bezeichnet ein Wort, das durch Umstellung (Permutation) der einzelnen Buchstaben oder Silben aus einem anderen Wort gebildet wurde. Der Vorgang dieser Buchstabenumstellung wird als Anagrammieren bezeichnet.

Verallgemeinert kann ein Anagramm auch dadurch gebildet werden, dass anstelle eines Wortes beispielsweise nur eine Silbe, ein Wort oder ein Satz, eine oder mehrere Zeilen eines Gedichts oder ganz allgemein eine beliebige Textpassage durch Anagrammieren verändert werden.

Im Deutschen wird das Anagramm auch als Letterkehr oder Letterwechsel bezeichnet. Eine spezielle Form des Anagramms sind Palindrome…

Quelle: wikipedia

Diese Gedichte sprechen für sich:

Die Nuetzlichkeit ist aller Laster Anfang

Zart sang ein Leichenkleid aus Flitter alt:

Neuland, Angst, ich friere kalt. Alle Zeit ist

aller Anfang. Die Nuetzlichkeit ist Laster.

Montpellier 1955


Oskar Pastior schuf ein Anagramm auf Unica Zuerns Namen:

Azur In Nuce – Himmelsblau im Kern


Buchstabenspiele

Und plötzlich fing es dann doch noch, frontal an zu regnen. Ein Temperatursturz um 10 Grad Celsius von einer Minute auf die andere. Das Wort Regen gegoogelt und wieder einmal festgestellt, was man so alles erforschen kann: Tropfenform und Fallgeschwindigkeit! Faszinierend aber vollkommen unverständlich. Unter die eher volkskundlichen Aspekte fallen Dinge wie

In Deutschland ist das westfälische Münster für sein häufig regnerisches Wetter bekannt. Obwohl die Niederschläge im Jahresmittel nicht aus der Reihe fallen, gilt als sprichwörtlich „In Münster regnet’s, oder es läuten die Glocken, und wenn beides ist, ist Sonntag…“. Darüberhinaus wird mit „meimeln“ im lokalen Dialekt Masematte ein flüchtiger leichter Dauerregen bezeichnet. Im niederbayrischen Regen wird gegenüber dem lokalen Rivalen Zwiesel gern angeführt in Zwiesel konns reign, aba in Reign konns nit zwieseln. Sprichwörtlich wird überregional Auf Regen folgt Sonnenschein verwendet, das längste Palindrom der deutschen Sprache Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie enthält ebenfalls einen Regenbezug.

Quelle: wikipedia

Ich bin zwar in Zwiesel geboren, aber den Spruch kannte ich natürlich nicht. Das nur am Rande. Interessanter fand ich da schon das Palindrom.

Ein Palindrom (von griechisch Παλίνδρομος (palíndromos) „rückwärts laufend“) ist eine Zeichenkette, die von vorn und von hinten gelesen gleich bleibt. Palindrome müssen nicht immer einen Sinn ergeben, die Zeichenkette muss allerdings von vorne nach hinten und von hinten nach vorne bezüglich der Reihenfolge der verwendeten Zeichen übereinstimmen.

Quelle: wikipedia

Es finden sich ganze Listen mit solchen Zeichenketten, sogar alphabetisch sortiert. Man lese und staune: Erika feuert nur untreue Fakire.

Das also ist ein Palindrom.

Auch in diesem Zusammenhang noch ein paar Beispiele aus dem Japanischen, wo die Kaibun (回文, sich drehender Satz) die japanische Entsprechung zum deutschen Satzpalindrom bilden, allerdings bezogen auf die einzelnen Silben:

  • Shinbunshi (しんぶんし:新聞紙): „Zeitungspapier“
  • Takeyabu yaketa (たけやぶやけた:竹薮焼けた): „Der Bambushain hat gebrannt.“
  • Wa-ta-shi ma-ke-ma-shi-ta-wa (私負けましたわ): „Ich habe verloren.“
  • Shi-na-mo-n pa-n mo re-mo-n pa-n mo na-shi (シナモンパンもレモンパンも無し): „Da ist weder Zimtbrot noch Zitronenbrot.“
  • Yo-no-na-ka, ho-ka-ho-ka na-no-yo (世の中、ホカホカなのよ): „Die Welt ist ein warmer Ort.“

Die Welt ist ein warmer Ort. Und das ist doch mal ein schönes Sommerkaibun.

Buchstabenspiele

Noch einmal zum aktuellen Bildungsprojekt:

Als Isogramm (von ἴσος isos, griechisch für gleich und γράμμα Gramma, für Buchstabe) bezeichnet man einen Text (üblicherweise ein einzelnes Wort) beliebiger Länge, in dem alle verwendeten Buchstaben gleich oft (im einfachsten Fall jeder einmal) vorkommen. Ein Pangramm enthält demgegenüber alle Buchstaben des Alphabets mindestens einmal. Ein echtes Pangramm ist sowohl Pan- als auch Isogramm.

Im Japanischen wurde das aus 47 Silben bestehende Iroha-Gedicht als traditionelles „Alphabet“ für die Kana-Zeicheninventare verwendet. In dem möglicherweise eigens zu diesem Zweck geschaffenen Gedicht kommt jedes Kana-Grundzeichen (ohne die Varianten mit Diakritika) genau einmal vor (Isogramm und echtes Pangramm). Die „weichen“ und „harten“ Varianten der Grundformen werden hier ausgeklammert, so wie im deutschen Alphabet die verwendeten Buchstaben Ä, Ö und Ü fehlen. Iroha-Alphabet (seltener auch: Irohani-Alphabet) heißt es nach seinen Anfangssilben (analog der Bezeichnung ABC für lateinische Alphabete). Das Gedicht lautet (Wiedergabe in Hepburn-Romaji, aber in der alten Aussprache):

i ro ha ni ho he to

chi ri nu ru wo

wa ka yo ta re so

tsu ne na ra mu

u wi no o ku ya ma

ke fu ko e te

a sa ki yu me mi shi

we hi mo se su.

Im Deutschen ungefähr wiedergegeben mit „Wie wunderduft’ge Blumen dennoch welken, kann niemand ewiglich bestehn, lasst heut uns der Vergänglichkeiten Berge überschreiten, kein seichter Traum mehr wird geschehn, noch Trunkenheit uns leiten“.

Quelle: wikipedia

Buchstabenspiele

Die Dinge bleiben einem erst im Gedächtnis, wenn man einen Bezug zu ihnen entwickelt. Das Pangramm (von griechisch πᾶν γράμμα pan gramma, ‚jeder Buchstabe‘) gestern war eigentlich als Blindtext gedacht. Lorem ipsum… Im Übrigen fühlte ich mich ohnehin wie der lazy dog, über den der flinke Fuchs mal eben drüber springt, und wie quick red foxes hatte die furia roja am Abend vorher ja auch die Schwarz-Weißen überrannt. Dass es sich hierbei um ein Pangramm, nämlich einen Satz handelt, in dem jeder Buchstabe des Alphabets seine Verwendung findet, darauf brachte mich wiederum erst Thomas. Auch genannt holoalphabetischer Satz. Interessant dann das:

In Mark Dunns Roman „Ella Minnow Pea“ (2002) spielt das Pangramm „The quick brown fox jumps over the lazy dog“ eine entscheidende Rolle: In einem fiktiven Staat lösen sich am Denkmal Nollops, des fiktiven Finders dieses Pangramms, nach und nach die Buchstaben ab, woraufhin der Gebrauch der entsprechenden Buchstaben verboten wird (s. Leipogramm).

Quelle: wikipedia

Ein Leipogramm (auch: Lipogramm, von griech. λείπειν (leipein) für weglassen und γράμμα (gramma) für Buchstabe) ist also laut wikipedia ein Text, in dem – bewusst (literarisches Sprachspiel) oder unbewusst (Klangmalerei) – auf die Verwendung eines oder mehrerer Buchstaben des Alphabets verzichtet wird. Spannend!

Das Leipogramm ist als allgemein bekanntes, verbreitetes Spiel längst ausgestorben, und doch ist es das 20. Jahrhundert, in dem die besten und gewaltigsten leipogrammatischen Werke geschrieben werden. Das E, häufigster Buchstabe im Deutschen, Spanischen, Französischen und Englischen, wird in Werken von Ernest Vincent Wright und Georges Perec kein einziges Mal verwendet. 1939 erschien Wrights Novelle Gadsby, welche vollständig ohne den Buchstaben E geschrieben wurde. Der französische Schriftsteller und Oulipist Georges Perec veröffentlichte 1969 einen 300-seitigen, E-losen Roman unter dem Titel La Disparition. Dieser wurde im Jahre 1986 von Eugen Helmlé mit dem Titel Anton Voyls Fortgang kongenial in die deutsche Sprache leipogrammatisch übersetzt.

„Voyl haust (doch das war mal) fast lichtlos, da Opalglas im Raum das Licht stark abhält. Mobiliar und Luxus sagt ihm nichts, darum ist Antons Wohnung schlicht und schmucklos. Kalkwand, Tisch, Stuhl und Sofa, und dazu stinkts furchtbar nach Knoblauch. Damit hat sichs. Für Bad und so was hat Anton Voyl nichts übrig, hälts für nutzlos, das ist für ihn Klimbim und Hokuspokus.“

Georges Perec/Eugen Helmlé, „Anton Voyls Fortgang“

Und wie bin ich in diesem Zusammenhang auf ottos mops gestoßen? Nun, in diesem Artikel über Leipogramme wird ausdrücklich erwähnt, dass es sich bei Ernst Jandls ottos mops nicht um ein Leipogramm handelt sondern um einen Univokalismus. Ein Text in dem nur ein Vokal vorkommt:

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort

ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

Interessiert hat mich natürlich, was Friederike Mayröcker zu ottos mops sagt: Sie verweist auf „die sprachliche Auseinandersetzung des Autors mit einem Vokal: er singt das hohe Lied vom O, vom O-Tier, vom O-Gott, ogottogott, vom Hundehälter Otto, vom Mops, der wieder heimgefunden hat, und wir alle lachen und weinen“. Sie sah den Leser angesprochen von einem naiven Mitgefühl, das den Mopsbesitzer wie sein Mopstier einschließe. Er werde vom Gedicht zurückversetzt in frühe Kindheitserlebnisse mit Tieren. In den Zeilen vollziehe sich eine Verwandlung, „die immer wieder von neuem glückt, nämlich von der Liebe zum Vokal zur Wirklichkeit des Bilds; vom Glauben an das O zur Offenbarung Poesie.“

Hier sind sie, die beiden:

 

Von der Offenbarung Poesie zur Musik, ist doch alles eins, wie meine ungarische Großmutter jetzt sagen würde. Etwas Angehauchtes muss es sein: ein bisschen Bossa Nova ein bisschen Soul ein bisschen Samba. Et voilà!