H wie Habicht

Zu einer bestimmten Zeit im Leben erwarten wir, dass die Welt ständig voll von Neuem ist. Dann kommt der Tag, an dem uns bewusst wird, dass das nicht der Fall sein wird. Wir erkennen, dass sich das Leben aus Löchern zusammensetzt. Aus Dingen, die fehlen. Aus Verlusten. Dinge, die einmal waren und nun nicht mehr da sind. Und wir erkennen, dass wir um diese Lücken herum und zwischen sie hineinwachsen müssen, obwohl wir die Hand ausstrecken und dort, wo die Dinge waren, den öden Raum fühlen können, wo jetzt die Erinnerungen sind.

Helen Macdonald, „H wie Habicht“

Das ist nichts für dich, das steht auf der Bestsellerliste, meinte meine Schwester letztens. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es handelte sich nicht um dieses Buch. Auf „H wie Habicht“ wurde ich bei Jarg aufmerksam. Im Übrigen stimmt das so nicht. Wenn ein Buch wie dieses, das aus der Zeit gefallen scheint, einen Nerv bei vielen Lesern trifft, finde ich das wundervoll, auch wenn „Ja, wir haben dieses Buch schon oft verkauft“ weder Kriterium noch die Art von Empfehlung ist, die ich mir von einer Buchhändlerin erwarte. Zum Glück stand mein Entschluss schon fest, und der Habicht auf dem Umschlag weckte Erinnerungen an einen vermeintlich gesehenen alten Spielfilm mit Errol Flynn in der Hauptrolle. Als Falkner wohlgemerkt. Nur… in Zeiten wie diesen genügen ein paar läppische Klicks, um die Bilder im Kopf als wilde Mischung aus  „Sea Hawk“ und „The Adventures of Robin Hood“ zu entlarven und herauszufinden, dass Errol Flynn zu Lebzeiten nie einen Falkner gemimt hat. Was ist das Gedächtnis doch für ein mieser Gaukler!

Das alles sagt natürlich nichts über dieses Buch. Die Autorin selbst fasst es so zusammen:

While the backbone of the book is a memoir about that year when I lost my father and trained a hawk, there are also other things tangled up in that story which are not memoir. There is the shadow biography of T. H. White and a lot of nature-writing, too. I was trying to let these different genres speak to each other.

Quelle: The Guardian

Man muss aber weder von Greifvögeln besessen sein noch ein Faible für T. H. White haben, um der Magie von Helen Macdonalds Prosa vom Fleck weg zu erliegen. Die eigenwillige Chronik ihrer Trauerarbeit geht auf jeden Fall unter die Haut.

 

Ode To A Nightingale / Tender Is The Night

Already with thee! tender is the night…
…But here there is no light,
Save what from heaven is with the breezes blown
Through verdurous glooms and winding mossy ways.

John Keats, „Ode To A Nightingale“

Dieses Zitat stellte F. Scott Fitzgerald seinem Roman Tender Is The Night voran. Im Folgenden rezitiert er selbst Keats’ “Ode” an die Sterblichkeit und das Vergehen der Schönheit:

 

Fitzgerald kommt einige Male vom Text ab, bevor er vollständig den Faden verliert und sein Vortrag kurz vor dem Ende abrupt abbricht. Eine traurige Metapher auch für sein Leben, das im Alter von nur 44 Jahren bereits ausgehaucht war.

Die Frankfurter Rundschau schrieb: „Engel sind die eleganteren Menschen. Aber wer hoch steigt, wird tief fallen. Niemand zeigte beides so schön wie F. Scott Fitzgerald.“ Und Heinrich Detering in seinem Nachwort zu Zärtlich ist die Nacht: „Jedes Detail hat einen doppelten Boden.“

Wieviel unheilvolle Vorahnung allein in dieser Beschreibung liegt:

A mile from the sea, where pines give way to dusty poplars, is an isolated railroad stop, whence one June morning in 1925 a victoria brought a woman and her daughter down Gausse’s Hotel. The mother’s face was of a fading prettiness that would soon be patted with broken veins; her expression was both tranquil and aware in a pleasant way. However, one’s eye moved on quickly to her daughter, who had magic in her pink palms and her cheeks lit to a lovely flame, like the thrilling flush of children after their cold bath in the evening. Her fine forehead sloped gently up to where her hair, bordering it like an armorial shield, burst into lovelocks and waves and curlicues of ash blonde and gold. Her eyes were bright, big, clear, wet, and shining, the color of her cheeks was real, breaking close to the surface from the strong young pump of her heart. Her body hovered delicately on the last edge of childhood – she was almost eighteen, nearly complete, but the dew was still on her.

As sea and sky appeared below them in a thin, hot line the mother said:

„Something tells me we’re not going to like this place.“

F. Scott Fitzgerald, „Tender Is The Night“

Nur die notwendigen Bewegungen.

Ich habe dieses Buch in meinen Regalen wiedergefunden. Ich habe keine Erinnerung daran, es gelesen zu haben. Ich weiß, dass ich es getan habe, dass ich es war, die es gelesen hat, ich erkenne meine Unterstreichungen wieder, doch ich sehe mich nicht beim Lesen dieses Buches.

So ähnlich beginnt Der Schmerz von Marguerite Duras. (Immer wenn die Mützenfalterin sie erwähnte, wollte ich es einmal wiederlesen.) Ich habe es am 18.03.1986 gekauft, und möglicherweise war es das letzte Buch, bevor ich lange Zeit keines mehr gelesen habe.

Man darf nicht allzu viele Bewegungen machen, das ist vergeudete Energie, man muß alles Kräfte für das Martyrium aufsparen… – Auf den Straßen sind viel zu viele Leute, ich möchte in einer großen Ebene vorwärtsgehen, allein… – Jene, die von Allgemeinheiten leben, haben nichts mit mir gemein… – Sie haben das spezifische Lächeln von Frauen, die wollen, daß man ihre große Erschöpfung wahrnimmt, aber auch ihre Anstrengung, sie zu verbergen…

Ein paar der Unterstreichungen, die mir auf den ersten Seiten wiederbegegnet sind.

Nun lässt der Frühling sein blaues Band wieder flattern, nicht nur in der Natur, auch in der Stadt flattert wieder blütenzarte Wäsche durch die Lüfte, und selbst das Summen der Motoren vernimmt sich plötzlich viel verführerischer als den ganzen Winter über, streift wie etwas von Sehnsucht erfülltes ahnungsvoll das Ohr. Wie jedes Jahr schlägt die Frühjahrsmanie allerorten bei mir ins Gegenteil um. Als müsste ich mich mit Händen und Füßen gegen einen gut gemeinten Ratschlag zur Wehr setzen. Während sich unter immer noch winterhartem Tweed welke Haut in Falten legt, denke ich dann beim Anblick der wehenden Wäsche im Wind.

In die Notwendigkeit des Häutens und Hüllenabwerfens muss ich mich erst wieder einfinden. So lange es irgendwie geht, weiche ich dem aus, verfolge lieber die seichte Fährte des Lichts schweifend im milchigen Mittag. Auch schön. Zu sehen, wie sie von Woche zu Woche länger wird.

…sobald das Leben wieder zu uns zurückkommt, finden sich auch alle Chancen wieder.

Knausgårds Sterben vorerst auf Eis gelegt.

Silence has no wings

Kazuo Kuroki, "Silence has no wings" (Film Still, 1966)
Kazuo Kuroki, „Silence has no wings“
(Film Still, 1966)

Erst ein Tag Urlaub und schon zur Nachteule mutiert. Das stört mich so am Arbeitsleben, permanent gegen die eigene innere Uhr ankämpfen zu müssen. Nun plötzlich Zeit. Auch Kafka ist aus dem Häuschen, weil er nicht mit den Hühnern ins Körbchen muss. Weil auch ihm das Fell gezaust wird, wenn ich mir das Haar kämme.

Gestern gegen Mitternacht den Fernseher eingeschaltet und in einem japanischen Film gelandet. Obwohl ich die Geschichte nicht kannte, im Abspann meine Vermutung bestätigt gefunden, dass es sich nur um eine Haruki-Murakami-Verfilmung handeln konnte. Naokos Lächeln. Im Original Norwegian Wood, vom vietnamesischen Regisseur Anh Hung Tran. Gegen Ende, und der Film hatte Überlänge, wurde es ein wenig qualvoll, aber da konnte ich mich schon nicht mehr trennen von den intimen, gemäldegleichen Bildern.

Vordergründig handelt Naokos Lächeln von Liebe, in leisen Zwischentönen erzählt der Film aber von der Unbestimmtheit all dessen, was wir die großen Gefühle nennen. Der Tod ist gewiss, alles andere Utopie. Keine Alternative. Zwischen Nichts und Schmerz wähle ich Schmerz, sagte William Faulkner. Vor dieser Wahl stehen auch Trans Figuren. Er selber sagt: Im Leid kann sich Schönheit verbergen. Und hat eine Sprache gefunden, diese Schönheit zu zeigen.

And when I awoke I was alone
This bird had flown
So I lit a fire
Isn’t it good Norwegian Wood?

Neben diesem Stück der Beatles spielt der Tod natürlich eine Hauptrolle. Eine um die andere Jahreszeit vergeht, wir werden älter, nur die Toten nicht, heißt es am Ende.

In Filmen regnet es immer so schön. Auch in diesem. Heute kaufte ich mir einen türkisfarbenen Regenschirm und machte einen Spaziergang zum Friedhof. Es ist August. Ein Todestag jährt sich. Ich denke an die Durchsage des Bahnhofssprechers: „Ein Zug fährt durch.“ Tatsächlich liegt der Friedhof hier an der Bahnlinie. Das Geräusch des vorbeifahrenden Zuges ging mir damals durch Mark und Bein. Heute dachte ich, Reisende kann man nicht aufhalten. Vögel, Schmetterlinge, Engel muss man irgendwann loslassen…

…in meinen heimlichsten Träumen behalten
werde ich immer das Flügelfalten
das wie eine weiße Zypresse
hinter ihm stand …

Dieser Murakami wird wohl meine Urlaubslektüre werden.

Liebes Tagebuch

Liebes Tagebuch,

so sagt man doch, oder? Doch, ja. Ich denke, ja.

Alles aufschreiben, so, wie man es wahrgenommen hat.

Damit man sich erinnern kann. Später.

Aber was, wenn es nichts mehr zu schreiben gibt?

Manche Menschen verliert man für immer.

Manche Menschen sind leicht zu finden…

Jan Costin Wagner, „Das Licht in einem dunklen Haus“


Phänomenal. Ein Kimmo-Joentaa-Roman besser als der andere.

Und sonst?

Liebes Tagebuch, ja, so sagt man. Dir brauche ich nichts vorzumachen. Die Glücklichen verkünden die Frohe Botschaft, die Einsamen schweigen sich aus. Erkenne dich selbst. Ein süßer See. Darin das Licht. Der Blick über den Glasrand. Wohin du auch siehst: Täuschung – Irrtum. Erdbeerfelder. Oder etwas das du mit dem Irrtum verwechselst? Ein Leben lang. Und die Einsamen. Gegenseitig erkennen sie sich blind.

My course is set for an uncharted sea

Wir müssen uns Kimmo Joentaa als einen jungen Mann vorstellen. Zum Glück gibt es gesetzt den Fall, dass dies misslingen sollte, den Erzähler, der einen von Zeit zu Zeit an die Kandare nimmt, um zu verhindern, dass die Phantasie der geneigten Leserin vollkommen mit ihr durchgeht. Aber was heißt hier Phantasie. Nichts leichter, als sich in jemanden hineinzuversetzen, dem Schlafes Bruder gerade einen geliebten Menschen geraubt hat. So weit so schlimm. Diesen Stein rollt er von nun an vor sich her. Dass es ausgerechnet einen jungen Menschen treffen muss, will gar nicht in die Gefüge von Raum und Zeit passen, die wir uns manchmal als Trost zurechtlegen, von wegen der natürliche Lauf der Dinge und so. Seine Introvertiertheit macht es ihm auch nicht leichter, mir den Protagonisten dafür um so sympathischer. Wirklich ein durch und durch gelungener Gegenentwurf, dieser junge Polizist, zu all den toughen Krimifrauen, deren einzige Schwäche es ist, sich nach einem langen Tag am Seziertisch ein Glas gut gekühlten Weißwein zu genehmigen. Kimmo dagegen trinkt Milch zum Abendbrot in seinem einsamen Haus am naturgemäß eiskalten finnischen Ende der Welt.

Ketola kicherte leise, während er durch den stärker werdenden Schneefall lief. Er mochte Kimmo, die Integrität dieses Mannes oder wie immer man das nennen wollte, war ein wenig penetrant, die Art, wie er alles so verdammt ernst nahm… aber er mochte ihn wirklich, und er hatte zwei volle Jahre lang mit dem Gedanken gespielt, mit Kimmo irgendwann länger über den Tod seiner Frau zu sprechen, weil er das Gefühl nicht los wurde, dass dieser Mann in aller Stille am Tod seiner Frau verrückt wurde, und mit Verrückten, vor allem mit Verrückten in jungen Jahren, kannte Ketola sich aus.

Das Zitat ist schon aus dem zweiten Band der Reihe, „Das Schweigen“, denn natürlich will ich wissen, wie es mit Kimmo weitergeht. Das dazu.

In „Diese schönen Tage“ von Patrizia Cavalli entdeckte ich diese Woche ein Gedicht mit dem Titel „Scheint auch der Tag vorübergezogen“:

Scheint auch der Tag vorübergezogen
wie der Flügel einer Schwalbe,
wie hingeworfener Staub
den man nicht auflesen kann
und die Beschreibung, die Erzählung
sind nicht nötig, nicht erhört
bleibt immer ein Wort übrig
ein Wörtchen nur
um vielleicht zu sagen
daß es nichts zu sagen gibt.

So geht es mir meistens am Ende eines Tages. Dann helfen weder Weißwein noch Milch. Weil mir die Zeilen so vertraut vorkamen, stöberte ich in meinen Notizen, und abgesehen davon, dass ich fündig wurde, stieß ich darüber hinaus in drei ganz unterschiedlichen Zusammenhängen noch auf jeweils einen Absatz, die gemeinsam plötzlich einen Sinn ergaben. Daraus wurde dann „Scheint auch die Nacht vorübergezogen“.

Das Gilben der Karten beginnt lange bevor es augenfällig wird, das Suchen der Farben aber hört niemals auf. Ja, es ist schön, wie sich alles verzweigt und verbindet.

Der Sohn entführte mich heute in die Welt des Monsieur Hu. Hier wird Ingwertee mit Minze empfohlen. Savoir vivre. Die kulinarische Landkarte jedenfalls ist groß…

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Alles, was ist

Er fügte hinzu: „Ich hoffe, du vergisst mich nicht.“

„Da kannst du beruhigt sein.“

Das waren die Worte, die er einsteckte und über die er noch oft mit den Fingern strich, dazu Bilder von ihr, die so konkret waren wie Fotografien. Er wollte ein Foto von ihr, hielt sich aber zurück, sie nach einem zu fragen. Er würde das nächste Mal selber eins machen und es im Büro zwischen den Seiten eines Buchs bewahren, ohne es zu beschriften, kein Name oder Datum. Er stellte sich bereits vor, wie es jemand zufällig fand und fragte, wer das sei. Und er würde es ihm einfach wortlos aus der Hand nehmen.

James Salter, „Alles, was ist“

Am Ende kommt es zu nichts von alledem. Auch die zweite große Liebe im Leben Philip Bowmans verläuft sich. Es wird noch eine dritte geben und eine vierte. Was aus der letzten wird, bleibt offen.

Unmerklich vergeht die Zeit in und mit diesem Buch. Ehe man sichs versieht, versiegt der Erzählstrom. Ein Mäandern um Miniaturen, wie sie die Gedächtnisborde eines jeden füllen und nur ab und an im Schlaglicht des Bewusstseins aufscheinen. Salters Miniaturen aber sind so zart und exquisit wie teures Porzellan. Er formuliert fein und zurückhaltend, fast als wolle er sie selbst nicht zerschlagen. Er weiß um das rechte Maß an Worten. Nicht mehr und nicht weniger lässt er seinen Miniaturen angedeihen. Von der ersten bis zur letzten Seite bleibt er seinem diesem Buch voran gestellten ersten Satz treu:

Irgendwann wird einem klar,

dass alles ein Traum ist,

und nur geschriebene Dinge

die Möglichkeit haben, wirklich zu sein.

Tagesanbruch

Paul Almasy, "Shell-Tankstelle in der Wueste bei Hassi-Messaoud, Algerien" (1963)
Paul Almasy, „Shell-Tankstelle in der Wueste bei
Hassi-Messaoud, Algerien“ (1963)

Tagesanbruch. So ist auch das erste Kapitel von „Alles, was ist“ überschrieben. Mit einem fast biblisch anmutenden Zug bringt James Salter seinen Philip Bowman in Stellung. Genau dreizehn Seiten später besiegelt die Versenkung der Yamato, eines vermeintlich unbesiegbaren Schlachtschiffes, das den archaischen Namen des japanischen Ur-Reiches trägt, das Ende des Pazifikkrieges auf See. Die geneigte Leserin weiß, dass es die USA dabei nicht bewenden ließen. Der Autor lässt es damit gut sein. Mehr braucht es auch nicht, um zu ahnen: Bowman hat zwar überlebt und gehört zu den Gewinnern, aber wenn es nach der Kompositionslehre des Krieges geht, wird er von nun an hilflos seinem Schicksal überlassen sein wie ein matter König im Schach.

Wie das Leben spielt. Es ist die Blaue Stunde und gleich wird unerbittlich die Nacht in mein Lebenszimmer einfallen, und wir werden uns anschweigen, wie immer um diese Zeit. Aber noch klingt dieses erste Kapitel in mir nach wie Beethovens Schicksalssinfonie.

Einmal hatte er in der Ferne, tief und geschmeidig durch das Wasser gleitend, das getarnte Flaggschiff gesehen, die New Jersey, mit Halsey an Bord. Es war, als würde man in Regensburg von Ferne Karl den Großen sehen.

Wow! Also, Karl der Große ist mir hier noch nie begegnet, aber vielleicht muss man dafür auch in Okinawa gewesen sein. In seinem Buch „Die Blaue Stunde“ erwähnt William Boyd sogar Obertraubling: Umgesetzt hat Kranewitter diese schwerverständliche Theorie in seinem Meisterwerk, dem Lothar-Haus (1924-1929) in Obertraubling bei Regensburg. In dem Fall sind der vermeintliche Architekt Oscar Kranewitter und das ominöse Lothar-Haus aber der Phantasie des Autors entsprungen. Was ich damit sagen will: Vor Einfällen dieser Art habe ich Respekt. Sie atmen für mich diesen Geist, der selbst einem unsäglichen Kaff hinterm Mond, wo der Hund verreckt ist und die Bordsteine nach der Blauen Stunde hochgeklappt werden, Bedeutung zu verleihen vermag.

Für einen Moment hat Bowman also dem Jüngsten Tag ins Antlitz geblickt, und ich frage mich, noch bevor ich das nächste Kapitel aufschlage, wie sein Leben wohl weitergehen wird. Wie Töne, die darum ringen, gespielt zu werden, hängen die Antworten auf alle meine Fragen im Raum und warten vielleicht darauf, gefunden zu werden Vielleicht auch nicht. Selbst wenn man die Vorhänge seines Lebenszimmers den ganzen Tag geschlossen hält, die Schwärze sickert doch durch das sepiafarbene Gewebe, und das Licht saugt sie unweigerlich bei Tagesanbruch wieder ein. Das Leben plätschert einfach immer weiter.

Alles, was ist. Ja. Ich bin gespannt.

Kommt ein Stöckchen geflogen

Tikerscherk hat mir ein Buchstöckchen zugeworfen. Ich gestehe, ich beantworte ungern Fragen. Den Grund dafür, glaube ich zu kennen. Ein Kapitel aus der Kategorie „Stöckchen, an denen man ein Leben lang herumkaut“. Strategien, die man sich im Laufe eines solchen zurecht legt, gehen bis zu einem gewissen Grad auf. So lese ich im Leben der anderen zuweilen wie in einem offenen Buch, ohne dass mir selbst auch nur eine Gegenfrage gestellt wird. Wirklich befriedigend ist das nicht immer.

Als das Stöckchen auf mich zugeflogen kam, ging ich zunächst in Deckung. Desweiteren überzeugte ich mich von der Unverfänglichkeit der Fragen. So weit, so gut. Über das Buch, das ich momentan lese, wollte ich ohnedies schreiben. Den Ausschlag aber gibt nicht zuletzt die Tatsache, dass das Stöckchen von einer meiner Lieblingsbloggerinnen kommt und ich mich im Grunde meines Herzens darüber freue.

Genug davon. Bevor der geneigte Leser feststellt, dass er es hier mit einer hochnotdkomplizierten Person zu tun hat. Werfe ich also meine Schneebälle ins Feuer:

Welches Buch liest Du momentan?

„Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic

Warum liest Du das Buch? Was magst Du daran?

Ich lese das Buch zum dritten Mal und frage mich selbst immer wieder, was ich daran so mag. Es handelt von einem, der eines Morgens in Wien erwacht und peu à peu feststellt, dass er anscheinend der einzig Überlebende einer wie auch immer gearteten Katastrophe ist. Auch die Tiere sind verschwunden. Was über Nacht geschehen ist, bleibt im Dunkel. Spätestens beim zweiten Mal wusste ich natürlich, dass die eigentliche Katastrophe immer die ist, die sich jetzt gerade, in diesem Moment ereignet.

Als gälte es, ein Experiment zu protokollieren, zeichnet Glavinic auf, was mit einem Menschen geschieht, dem alle Spiegel weggebrochen sind. Ist ein Mensch auch dann noch sich selbst der nächste, wenn er sich auf niemanden mehr beziehen und von niemandem mehr abgrenzen kann? Mit welchen Mitteln lässt sich eine solch abgrundtiefe Einsamkeit aushalten? Wie lange?

Obwohl ich weiß, worauf das alles hinausläuft, ist das Leseerlebnis von Mal zu mal intensiver. Vielleicht weil das Buch weniger Fragen beantwortet als aufwirft. Oder weil ich das Gefühl habe, es birgt ein Geheimnis, dem ich auf den Grund gehen muss.

Wurde Dir als Kind vorgelesen? Kannst Du Dich an eine der Geschichten erinnern?

Leider kann ich mich weder an das eine noch das andere erinnern.

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den / die die Du mal regelrecht verliebt warst?

Bis über beide Ohren! Meine erste große Liebe war Michael Strogoff, der „Kurier des Zaren“ von Jules Verne. Wenig später verdrehte mir Jack Londons „Seewolf“ den Kopf. Irgendwann bekam ich dann „Zelda“ von Nancy Milford in die Hände und verliebte mich, wenn auch sterblich, in F. Scott Fitzgerald. Meine letzte große Liebe war Raymond Chandler’s Philip Marlowe.

In welchem Buch würdest Du gern leben wollen?

Spontan würde ich mich für die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson entscheiden: Verblendung – Verdammnis – Vergebung. Aber je länger ich darüber nachdenke, um so schwerer fällt mir die Entscheidung.

Welche drei Bücher würdest Du nicht mehr hergeben wollen“

„Jenseits von Eden“ von John Steinbeck, „Die Wand“ von Marlen Haushofer, „Das sterbende Tier“ von Philip Roth

Ein Lieblingssatz aus einem Buch?

Darf es auch ein ganzer Absatz sein?

Auch wer ein Tagebuch schreibt, glaubt er nicht an den Zufall, der ihm die Fragen stellt, die Bilder liefert, und jeder Mensch, der im Gespräch erzählt, was ihm über den Weg gekommen ist, glaubt er im Grunde nicht, daß es in einem Zusammenhang stehe, was immer ihm begegnet? Dabei wäre es kaum nötig, daß wir, um die Macht des Zufalls zu deuten und dadurch erträglich zu machen, schon den lieben Gott bemühen; es genügte die Vorstellung, daß immer und überall wo wir leben, alles vorhanden ist: für mich aber, wo immer ich gehe und stehe, ist es nicht das vorhandene Alles, was mein Verhalten bestimmt, sondern das Mögliche, jener Teil des Vorhandenen, den ich sehen und hören kann. An allem übrigen, und wenn es noch so vorhanden ist, leben wir vorbei. Wir haben keine Antenne dafür; jedenfalls jetzt nicht; vielleicht später. Das Verblüffende, das Erregende jedes Zufalls besteht darin, daß wir unser eigenes Gesicht erkennen; der Zufall zeigt mir, wofür ich zur Zeit ein Auge habe, und ich höre, wofür ich eine Antenne habe. Ohne dieses einfache Vertrauen, daß uns nichts erreicht, was uns nichts angeht, und daß uns nichts verwandeln kann, wenn wir uns nicht verwandelt haben, wie könnte man über die Straße gehen, ohne in den Irrsinn zu wandeln? Natürlich läßt sich denken, daß wir unser mögliches Gesicht, unser mögliches Gehör nicht immer offen haben, will sagen, daß es noch manche Zufälle gebe, die wir übersehen und überhören, obschon sie zu uns gehören; aber wir erleben keine, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt.

Max Frisch, “Tagebuch 1946 – 1949″

Das Stöckchen werfe ich jetzt Roswitha zu. Ich fände es schön, neben ihren Bilderwelten auch etwas über ihre Buchwelten zu erfahren.

POE

POE hat mich um seine Feder gewickelt. Selten habe ich etwas so Schönes gelesen wie „Das Buch der Gleichnisse“ und „Das Buch von Blanche und Marie“. Die Rede ist natürlich von Per Olov Enquist. Wie aus einem Kokon heraus entspinnen sich die Fäden seiner Geschichten und verknüpfen sich zu einem filigranen Netz, in dessen Gewebe er einzufangen sucht, was nicht einzufangen ist.

Die Liebe kann man nicht erklären. Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten.

Wohl auch, weil es dafür in den modernen Sprachen dieser Welt keinen entsprechenden Begriff gibt, ist es immer wieder das biblische Wort für die göttliche Liebe: Agape, das zwischen den Maschen hängen bleibt.

„Ein Fischernetz besteht aus der Verknotung einer Fadenreihe mit einer Fadenfolge. Die Knoten schließen sich durch Zug in jeder der Fadenrichtungen fester. Dadurch erreicht ein solches Netz größtmögliche Unverschieblichkeit“, schreibt Wikipedia. Aber Enquists Netze sind nicht unverschieblich. Etwas bleibt zwischen den Maschen hängen und fällt durch sie hindurch. Mit jedem Satz, mit jedem Wort begibt er sich erneut auf die Suche. Die Zahl der Knoten geht gegen unendlich. Und immer wieder sind es eben diese Knoten, die wieder gelöst werden müssen.

Mit dem Bild der Spitzenklöpplerin vergleicht er einmal seine Blanche Wittman. Man könnte auch meinen, Enquist selber sei die Spitzenklöpplerin. Allen Erscheinungsformen von Spitze ist gemeinsam, dass sie durchbrochen sind. Das heißt: Zwischen die Fäden werden Löcher unterschiedlicher Größe eingearbeitet. „Beim Klöppeln werden die Fäden nach einem bestimmten Muster verkreuzt bzw. verdreht (den sogenannten Schlägen). Auf rollenförmigen oder flachen Klöppelkissen oder einer Kombination von beidem wird eine Musterzeichnung festgesteckt, der Klöppelbrief. Das Garn wird auf Klöppel gewickelt, mit Nadeln paarweise auf dem Klöppelsack befestigt und dann durch Kreuzen und Drehen der Klöppel verzwirnt, verflochten, verwebt. Die Verkreuzungsstellen werden an bestimmten, vom Muster vorgegebenen Punkten mit dünnen Nadeln am Platz gehalten, bis ihre Position durch die nachfolgenden Schläge fixiert ist“, schreibt Wikipedia. Das kommt der Sache insofern näher, als auch Enquists Fäden und Löcher faszinierend und verwirrend zugleich sind. Aber zumindest in der Hingabe ähneln sich die beiden wirklich. So hingebungsvoll wie die Spitzenklöpplerin ihre Nadeln auf dem Klöppelsack befestigt, so hingebungsvoll scheint Enquist die Feder in die Drehungen und Wendungen eines jeden seiner Wörter, seiner Sätze zu führen. Dabei ist die Sehnsucht nach der Erlösung aus jenem Kokon so eng verknüpft mit der Angst vor dem Tod, die mit dieser Erlösung einher zu gehen droht, wie die Klöppel paarweise auf dem Kissen befestigt sind und durch Kreuzen und Drehen verzwirnt, verflochten, verwebt werden müssen.

Ich weiche nie von deiner Seite. Dieses Gefühl, daß ein Mensch ohne Wohltäter immer unter einer Glasglocke gelebt hat, verzweifelt mit den Nägeln am Glas gekratzt hat, nicht hinausgekommen ist. Und dann plötzlich war jemand da.

Und jemand flüsterte ich weiche nie von deiner Seite.

Marie hatte gefragt, warum Blanche manchmal glaubte, Charcot getötet zu haben. Weil, hatte sie geantwortet, als ich mit ihm aus den Bäumen heraustrat. Und ihn am Ufer des Flusses traf. Und als er verstand, daß ich ihn liebte. Da vermochte er es nicht, gegen das Dunkel zu kämpfen. Teilt man sein Dunkel mit dem, den man liebt, entsteht manchmal ein Licht, das so stark ist, daß es tötet.

Du solltest es wissen, Marie! Du hast ja dieses tödliche blaue Licht gesehen!

Ist das wirklich Liebe, hatte Marie gefragt.

„Ich wußte, daß ich ihn liebte, ich wußte, daß er sterben würde, was macht man mit einem Geliebten, der sterben wird, wenn ein ganzes Leben vergangen ist und man nicht getan hat, was man hätte tun können“, fragt Blanche gegen Ende des Buches. In der darauf folgenden Nacht träume ich von meinen Toten. Der eine quält mich mit den Worten, ich hätte ihn vergessen. Der andere freut sich unglaublich, mich zu sehen. Das eigentlich Faszinierende aber ist, dass er mir ganz natürlich gealtert erscheint. Auf einer Metaebene liefert mir das Gehirn die Bilder, die kein Simulationsprogramm so lebensecht und naturgetreu erstellen könnte.

Auf dieser Metaebene wissen wir vermutlich mehr, als wir mit bloßem Auge zu sehen oder uns vorzustellen imstande sind. Auf einer anderen können wir nur versuchen, uns die Dinge immer und immer wieder zu erklären.

Ich lese jetzt „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic. Zum dritten Mal. Nach wie vor hat es nichts von seiner Rätselhaftigkeit eingebüßt. Eine Rätselhaftigkeit, die mir aber bereits sehr vertraut ist. Und etwas Vertrautes, das brauche ich jetzt, glaube ich.

Sand

Er spürte, dass er bis zu diesem Moment geglaubt hatte, unsterblich zu sein. Er schlang sich die Kette um den Hals. Er drückte das Gesicht in den Schlamm. Er schlug die Stirn gegen die Eisenstange. Mit einem Schrei tauchte er wieder auf. Er schrie den Namen, der ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge gelegen hatte. Jetzt hallte er von den Wänden wider ins Nichts.

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Vermutlich ist es der Name der platinblonden Frau, den sich der Mann ohne Gedächtnis im Angesicht des Todes von der Seele schreit und der von den Wänden widerhallt ins Nichts. Ein Nichts, das die Liebe nicht zu besiegen vermag. Nicht dass ich es nicht geahnt hätte. Liebe, Schönheit, alles was einem ein Tüpfelchen Trost verspricht im Leben, am Ende liegt alles in Schutt und Asche:

Er hob seine Schaufel hoch wie ein Priester die Bundeslade, zeigte sie den Ungläubigen und schob den ganzen Schamott den Hügel hinab.

Man könnte tatsächlich zum Ungläubigen werden im Angesicht von so viel, ja, Zynismus? Wenn es nicht ein Buch wäre. Eine Art existentieller Thriller, ein bisschen Quentin Tarantino, ein bisschen Nihilismus, schrieb Gian Snozzi. Und in der Tradition der Klassiker unter den Detektiv- und Spionageromanen. Zuweilen wähnte ich mich auch in einem Science-Fiction-Roman à la Philip K. Dick. Wie man all diese Anklänge unter seinen eigenen Hut bringen und die Spannung auf 470 Seiten ununterbrochen aufrecht erhalten kann, das bewundere ich zutiefst.

Atempausen waren mir jedenfalls bis zum Schluss keine vergönnt. Ein Tüpfelchen Trost auch nicht.

Temporäre Gewissheiten

Frech. Fromm. Frei. Frau. Mit diesen vier F-Worten wirbt eine Partei für eine ihrer Kandidatinnen. Scharf umrissen. So scharf wie das Konterfei der Dame von ihrem platinblonden Helm aus Haar. Wie frisch geschmiedet verleiht er ihr den vielleicht letzten Schliff. Scharf sitzt auch der Scheitel. Mitte-Rechts. Gezogen wie von Messers Schneide über einem Paar stahlblauer Augen. Dies ist es! Es gibt keinen tieferen Sinn: Dich möchte ich nicht zum Schwesterle haben. Das Scharfe wurde ja aus dem Riesenschlund des Nebels geboren. Das Barmherzige war, wenn der Schlund sich schloss. Wenige Meter weiter baumelt das große Brüderle von einem Laternenpfahl. Das Gesicht weich wie ein Kinderpopo oder wie geschmirgelt mit einem Schleifpapier allerfeinster Körnung. Sämtliche Ecken und Kanten gebrochen. Ja, das Barmherzige…

Das Barmherzige daran ist auch, dass es mir eine Reminiszenz an „Das Buch der Gleichnisse“ beschert. Und dass Brüderle mich an das Gleichnis von der ungespielten Geige erinnert. Wie sie dort hing! Wie ein frisch gehängter schwedischer Spion. Der stumm gaffte. Genug davon. Wenden wir uns ihm zu. Dem schwedischen Spion.

In dem Buch, das ich zur Zeit lese, gibt es eigentlich nicht viel zu lachen, aber dieser schwedische Spion mit Namen Lundgren, obwohl eigentlich schon tot, als von ihm die Rede ist, amüsiert mich. Erstens habe ich den drittklassigen Schauspieler Dolph Lundgren vor Augen. Zweitens hält er sich selbst höchstwahrscheinlich für James Bond. In der Wüste wird zwar kein Martini serviert, aber im Tee lässt sich ja bekanntlich auch rühren. Lundgren hat seine Lektion – Die Lektion heißt Überleben! – gelernt und dieses Überleben perfektioniert. Er ist so gut darin, dass er zwangsläufig paranoid werden musste. Was ihm wohl am Ende doch das Genick gebrochen hat. Vermute ich. Alle wichtigen Entscheidungen werden immer auf der Basis unzureichender Daten gefällt. Auch ein Lundgren hat nichts wirklich unter Kontrolle.

An dieser winzigen Episode um den schwedischen Spion Lundgren kann man ein Exempel statuieren, ein triviales vielleicht, aber immerhin ein Exempel für das bodenlose Fass an Assoziationen, aus dem Wolfgang Herrndorf beim Schreiben dieses Buches offensichtlich geschöpft hat. Und die Wüste ist womöglich die beste Metapher für dieses zufällige Universum, dem wir so verzweifelt einen Sinn zu geben versuchen. In dem wir nur uns selber haben und manchmal einander. Das klingt nach sehr wenig, aber recht viel mehr scheint es nicht zu geben. Genau an dieser Stelle kommt Helen ins Spiel.

Helen Gliese. Ein platinblonder Engel mit Handkanten, die sie wie zwei Schwerter einzusetzen weiß. Wenn es darauf ankommt. Vorgeblich ist sie für einen amerikanischen Kosmetikriesen auf dem afrikanischen Kontinent unterwegs. Noch so ein aberwitziges Detail, denn schon beim Verlassen des Flugzeugs zerschellt ihr Musterkoffer im heißen Wüstensand, und die geneigte Leserin fragt sich, welcher CIA-Agent sich diese lausige Tarnung wohl ausgedacht haben mag. Nur, seit sie sich des Mannes ohne Gedächtnis angenommen hat, will die unverbesserliche Romantikerin in mir gerne glauben, dass diese Frau einfach nur ein großes Herz hat und dass ich von Kindesbeinen an lese, um Figuren wie dieser zu begegnen.

Er spürte ein sonderbares Gefühl für diese Frau in sich aufsteigen, ein, wie er sich sagte, möglicherweise unangebrachtes und irregeleitetes Gefühl. Sie war es gewesen, die ihn gerettet hatte, sie hatte ihm ein Dach über dem Kopf gegeben und ihn gepflegt, sie war ein Rettungsanker in einer hoffnungslos versunkenen Welt. Es war nicht Dankbarkeit. Es war etwas anderes. Es schnürte ihm die Kehle zu.

Eine kleine Welle spritzte an ihr hoch, sie lächelte ein wenig undurchschaubar, und er fragte sich, ob ein menschliches Gehirn ein Bild so bezaubernd wie dieses, jemals vergessen könnte; ob er es schon vergessen hatte.

Während er noch zurücklächelte, spürte er tief aus seinem Innern einen Gedanken sich emporarbeiten, einen Gedanken, der, wie er jetzt deutlich fühlte, schon länger im Dunkel hin und her bewegt worden war: Was, wenn er sie tatsächlich von früher kannte? Wenn sie ihn kannte? Wenn sie ihm nur Theater vorspielte? Er sprang auf, lief den Strand hinunter, lief zurück und stolperte über zwei Badegäste. Helen bemerkte ihn erst, als er bis zu den Oberschenkeln im Wasser stand und schrie. Er kannte niemanden. Niemand kannte ihn. Er kannte sich selbst nicht. Er war verloren.

Der Wille, sein bisheriges Leben fortzusetzen, war längst nicht so stark wie der Wunsch nach Ruhe und Sicherheit. Auswandern nach Frankreich oder Amerika, ein unbelastetes Leben beginnen, sich langsam zurechtfinden an der Seite einer platinblonden Frau. War das nicht möglich?

Seit diese platinblonde Frau sich des Mannes ohne Gedächtnis angenommen hat, fürchte ich den Teufel, der noch in Gott weiß welchem Detail stecken könnte. Sämtliche Klischees, die Helen in sich vereint, dürften einem Funken Wahrheit entsprungen sein. Jedes einzelne kann gebrochen werden, und alle Wahrheiten lassen sich in Frage stellen. Was wissen wir eigentlich… sicher?

Zarzuela und Halászlé

Manchmal brate ich meinem Sohn ein Schnitzel. Im Prinzip ist er mittlerweile Manns genug, es selbst zu tun, aber das ist eine andere Geschichte. Es geht mir auch nicht ums Prinzip. Der Punkt ist, dass ich immer vergesse, Paniermehl zu kaufen. Dann suche ich im Vorratsschrank nach einem verwertbaren Ersatz. Haferflocken, zum Bespiel. Oder Couscous. Man glaubt es kaum, aber die Couscousvariante war der Renner. Schnitzel nach nordafrikanischer Art sozusagen.

Das Mehlieren und Panieren erinnert mich an Kinderspiele in nassem Sand. Die feuchte, klumpige Masse nannten wir damals Moddepappe. Es ist vor allem dieses Wort, an das ich denke, wenn sich an meinen Fingerkuppen die Klümpchen aus Mehl und Ei und Semmelbröseln, Haferflocken oder Couscous bilden.

Manchmal höre ich dazu Radio. Oft lausche ich dem Katzenjammer aus der Wohnung gegenüber. Der Kater, der sich dort die Seele aus dem Leib schreit, ist so weiß wie Schnee oder wie die Blüten der Orchidee, die an meinem Küchenfenster steht. Wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, büchst er aus. Sehr zum Leidwesen der Nachbarschaft. Auf irgendeinem Fußabstreifer hinterlässt er garantiert ein Häuflein seiner Exkremente. Als wolle er alle mit der Nase auf sein Elend stoßen. Manche Katzen sind so. Nichts geschieht ohne Grund, sagt mir mein Bauchgefühl, während mein Verstand alles in Frage stellt.

Für mich alleine würde ich wahrscheinlich nicht kochen. Ich würde ein paar Blöcke weiter zum Spanier am Stadtplatz gehen und einen Teller meiner Lieblingsfischsuppe mit einem Viertel Marqués de Altillo vertilgen. Er kocht wirklich ausgezeichnet, der Spanier, und hat höchstwahrscheinlich immer Paniermehl in seinem Vorratsschrank. Mein Vater ist für einen Teller seiner Lieblingsfischsuppe jedes Jahr 1.000 Kilometer gefahren. Serviert wurde sie in einer Spelunke an der ungarisch-rumänischen Grenze. Ich erinnere mich nicht, was ich dort zu essen bekam. Ich erinnere mich nur daran, meinem Vater beim Essen zugesehen zu haben. Wie er die Suppe mit einem Genuss in sich hinein löffelte, als wäre sie wirklich die beste Fischsuppe der Welt gewesen. Ein Fremder ist der Mensch dem Menschen, bis er plötzlich etwas an sich entdeckt, das ihm als Eigenschaft des Fremden schon lange vertraut ist.

Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, wenn er sich selbst nicht kennt, dachte ich nach der Lektüre von Open City:

Jeder Mensch muss sich unter bestimmten Bedingungen als Sollwert der Normalität setzen und davon ausgehen, dass seine Psyche für ihn selbst nicht durchschaubar ist, nicht undurchschaubar sein kann. Vielleicht verstehen wir das unter geistiger Gesundheit: dass wir uns selbst, so verschroben wir uns auch finden mögen, niemals als Bösewichte unserer eigenen Geschichte wahrnehmen.

Julius, der Ich-Erzähler, der kurz vor dem Abschluss seiner Facharztausbildung zum Psychiater steht, wird am Ende mit der Geschichte eines anderen Menschen konfrontiert, in der er tatsächlich der Bösewicht ist. Nicht die Wendung selber sondern Julius‘ Reaktion darauf schockiert. Und doch passt sie in jenes Bild, das sich mir von Seite zu Seite immer stärker aufgedrängt hat: Hier versucht einer zu verschleiern, wer er ist, was ihn eigentlich umtreibt, was die Gründe für seine Unruhe, seine endlosen Wanderungen durch die Stadt sind. Und er wird es weiter tun. Wird seinen Beruf ausüben, in die Dunkelkammern der Seelen seiner Patienten blicken und dabei ganz behutsam und wohlüberlegt vorgehen. Das war interessant, stellenweise sogar richtig spannend. Anders gelesen, hätte es mich womöglich gelangweilt.

Meine Hände hielten sich am Metall fest und mein Blick am Licht der Sterne, und es war, als wäre ich einer bestimmten Sache so nahe gekommen, dass sie aus dem Fokus geriet, oder als hätte ich mich so weit von ihr entfernt, dass sie in der Ferne verblasste.

Einen besseren Schlusssatz gibt es im Prinzip nicht. Aber wie bereits erwähnt geht es mir nicht ums Prinzip. Der Punkt ist, dass ich manchmal vergesse, das Paniermehl zu kaufen. Für einen Vorrat an Lektüre ist dagegen immer gesorgt. „Sand“, zum Beispiel, von Wolfgang Herrndorf. Oder „Das Buch der Gleichnisse“ von Per Olov Enquist. Beiden eilt der Ruf voraus, rätselhaft zu sein. Nun gilt es also, mich zwischen dem Rätselhaften und dem Rätselhaften zu entscheiden.

Himmel, der nirgendwo endet

Himmel, der nirgendwo endetMeine Tochter hat mir ein Bild geschickt. Aus Berlin. Dabei musste ich sofort an Tanjamarias Raum der Möglichkeiten denken. Das Lebensgefühl, das es mir vermittelt, erinnert mich zudem an meine Zeit in New York, die mir heute wie ein Traum erscheint. Wie die Erinnerung an einen Trip, aus dem ich nicht viel retten konnte über den großen Teich. In ein Leben, dessen Grenzen, nüchtern betrachtet, mir mittlerweile so eng gezogen erscheinen, dass ich mich tagtäglich frage, ob sie sich wohl noch einmal sprengen lassen. Gleichzeitig bin ich müde. Überanstrengt. Die Kräfte reichen gerade einmal, um den Anforderungen des Alltags standzuhalten.

Eigentlich wollte ich in dieser Woche Urlaub „Kleine Lichter“ von Roger Willemsen lesen, aber nach den ersten Zeilen musste ich es wieder weg legen.

Hier endet meine Reise zu den Männern. Sie endet bei dir…

Und stör dich nicht daran, dass ich ein Wort so verschwenderisch gebrauche, mit dem du so geizig warst. Ich will dir die Liebe erklären, wie man den Krieg erklärt. Das heißt, die Liebe kann ich dir nicht erklären, nur meine. Ich erkläre sie dir in alten Vokabeln. Es geht nicht anders: Wer liebt, wechselt das Jahrhundert.

Wunderbare Worte. Weiterlesen konnte ich dennoch nicht. Immerhin zeigt das Buchcover Gerhard Richters Lesende. So bin ich bei Vermeer gelandet und all den anderen Lesenden begegnet, und Vermeer fand ich auch bei Teju Cole, der sehr gepflegt zu erzählen weiß von seinen Spaziergängen und was ihm auf seinen Wegen so alles begegnet. Gepflegt aber bisweilen ein bisschen flach, denke ich manchmal, wenn ich zwischen den Zeilen etwas vom New York State of Mind suche, wie ich ihn im Kopf habe oder es der Klappentext verkündet, und mich auf jeder Seite ein Gefühl begleitet, als müsse es jetzt endlich in medias res gehen. Tut es aber nicht. Der Reiz dieses Buches liegt ganz in seiner Bewegung. Im Gehen, sich treiben lassen. Nicht im Verweilen:

Wie flüchtig doch die Empfindung von Glück war, wie wackelig ihre Grundlage: ein warmes Restaurant, wenn man aus dem Regen kommt, der Duft von Essen und Wein, ein interessantes Gespräch, Tageslicht, das sich schwach in den polierten Kirschholzplatten der Tische spiegelt. Der Übergang von einem Gefühlszustand zum anderen war so mühelos wie der Zug eines Schachspielers. Allein das Bewusstsein, einen Moment des Glückes zu erleben, schmälerte dies schon, war ein solcher Zug auf dem Schachbrett…

Mit einem Reflex ein Baby gerettet, ein Moment des Glücks; eine Begegnung mit Ruandern, mit Überlebenden, ein Moment der Traurigkeit; der Gedanke, dass wir letztendlich anonym blieben, noch mehr Traurigkeit, die Erfüllung von sexuellem Verlangen, komplikationslos, noch ein Moment des Glücks – und so ging es weiter, ein Gedanke folgte auf den anderen. Wie belanglos schien das menschliche Dasein, das uns in den immerwährenden Kampf zwang, unser Innenleben zu regulieren, das hin und her geschoben wurde wie eine Wolke im Wind. Und auch diese Wahrnehmung registrierte der Verstand und wies ihr ihren Platz zu: eine kleine Traurigkeit…

Der Platz, den ich meinen Wahrnehmungen zuweise, ist zuweilen nicht ganz eindeutig. Der Arzt, der diese Woche über mein Bein strich, als würde er es streicheln, zum Beispiel, es begutachtete, als wäre es das schönste Bein der Welt – ein Glücksmoment und zugleich erfüllt von grenzenloser Traurigkeit.

Die Tochtertage dagegen – eine glückliche Zeit. Nur beim Knipsen auf dem Johannisfriedhof in Nürnberg ertappte ich mich dabei, wie ich so manches Motiv auf seine Blogtauglichkeit hin überprüfte. Blogst du noch oder lebst du schon, schoss es mir da durch den Kopf. Und: Life through a lens, wenn wir uns mittendrin gegenseitig ablichteten…

Life through a lens

Splendid Isolation

Heute heilfroh über einen halben arbeitsfreien Tag, wenngleich die Hälfte davon in der Praxis zugebracht.

Das überlebensgroße Bild der Urahnin an der Wand des Wartezimmers droht, einen zu erschlagen. Dabei wirkt sie selbst ganz friedlich und beneidenswert aufrecht in ihrer schwarzen Witwentracht. Die Hände, von einem arbeitsreichen Leben gezeichnet, haben ihr Tagwerk vollbracht. Sie ruhen tatenlos in ihrem Schoß. Der Blick geht ins Leere. Endlich Zeit. Was davon übrig ist, reicht vielleicht, um dem Leben zu lauschen, wie es allmählich verklingt.

Ein ums andere Mal kann ich den Anblick kaum ertragen. Diesmal wähle ich einen freien Platz im rechten Winkel zu ihr. Aus dem gegenüberliegenden Fenster flutet Sonnenlicht den Raum. Das Bild klafft um so unheimlicher wie ein großes schwarzes Loch in der Wand. Nur das Profil der Witwe leuchtet daraus hervor. Ein Lächeln liegt auf ihrer rechten Gesichtshälfte, und mir scheint, als schiele sie in meine Richtung.

Ich vergrabe mich in mein Buch. Immer noch der wunderbare Arno Geiger. Eine Familiengeschichte über drei Generationen, sprunghaft und mehr in die Tiefe denn in die Breite erzählt. Parallelen und Brüche. Immer wieder Brüche. Philipp, der Enkel, erbt das Haus der Großmutter, aber die letzten losen Fäden bekommt er nicht zu fassen…

Es hagelt Schloßen von gut einem Zentimeter Durchmesser. Den größten springt er hinterher, und während sie in seiner Hand schmelzen, machen sie ihn stolz, als ob sie nur über seiner Herrschaft niedergegangen wären, auf seine Länderei. Das ist nicht wahrscheinlich und auch nicht logisch, aber das wenigste ist da, um logisch zu sein, und der Gedanke, daß der Hagel diesmal nur für ihn gefallen ist, ist ihm sympathisch, obwohl er sich gleichzeitig einsam fühlt wie seit Monaten nicht. Weil kein Schwein neben ihm steht. Weil die Liebe den Hunden preisgegeben ist. Weil am Himmel die düsteren Fische mit den Schwanzflossen schlagen. Undsoweiter, undsoweiter.

Irgendwie gehört seine Mutter in diesen Zusammenhang. Es ist, als wäre sie nur kurz zum Einkaufen weggegangen und er zu Hause geblieben. Aber er kann nicht genau bestimmen, woher dieser Eindruck stammt, diese vage Kontur einer Erinnerung, die er schon so gut wie aus seinem Gedächtnis verloren hat und die in ihren präzisen Umrissen nicht wiederherzustellen sein wird.

Dann werde ich aufgerufen. Die Frage, die ich am wenigsten leiden kann, soll ich auch heute beantworten: Wie geht es Ihnen? Aber keine Prosa, bitte, sondern Zahlen, Daten, Fakten. Einen Wert, wenn möglich, auf einer Skala zwischen eins und zehn. Sind Sie ängstlich, wütend, froh oder traurig? Aber gegen den Kloß im Hals komme ich nicht an. Wenn ich doch nur über das Wetter oder den Himmel hätte reden können. Das Wetter ist so: Heulen möchte man. Oder: Ich mag es, wenn der Himmel aussieht wie ein russischer Zupfkuchen. So, als müsste man nur seine Hand ausstrecken und hinein fassen in die watteweichen Wolkenstreusel, wenn man wollte, und sie pflücken. Einen nach dem anderen. Ich mag es, wenn das Himmelsblau blass ist und etwas Barmherziges hat, wie die Luft am Morgen, wie etwas, das seine Bedeutung erst in der Zukunft zugewiesen bekommt, wie etwas, das sich erst in der Zukunft begibt. Und dass Schloßen in Eis verwandelte Regentropfen sind und ein Schloßenschauer nur eine vorübergehende Unbill. Stattdessen stammele ich zusammenhangloses Zeugs. Tod und Trauer haben mehr Eloquenz verdient, denke ich, während mein Gegenüber jedes meiner wirren Worte mitzustenographieren scheint. Fußnoten, nichts als Fußnoten.

Freilich, das Mögliche in der Vergangenheitsform ist das Vergebliche.

(Zitate: Arno Geiger, „Es geht uns gut“)

Ein Büschel grünes Laub…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, und dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen, und vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Aus der Kälte

Er starrte um sich wie ein geblendeter Stier in der Arena. Als er zu Boden ging, sah Leamas ein kleines Auto, das zwischen riesigen Lastern zermalmt wurde, das Fenster voll fröhlich winkender Kinder.

John le Carré, „Der Spion, der aus der Kälte kam“

Was für ein genialer Plot. Le Carré lässt den Leser im Angesicht jenes vermeintlichen „Spiels“ der Geheimdienste einen Blick in den schwärzesten und bittersten Bodensatz menschlicher Existenz werfen, den man sich nur vorstellen kann. Irgendwann begreift auch der Naive, dass jeder Wendung noch eine potentielle folgen könnte und noch eine und noch eine. Keine Identität ist das, was sie zwischendurch zu sein scheint. Und zum Schluss fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Aus dieser Kälte führt kein Weg zurück, wenn man als Agent erst das Stigma eines menschlichen Makels trägt. Sowohl die Geschichte funktioniert – als nach wie vor superspannender Spionagethriller – als auch der Kalte Krieg als zeitlose spiegelglatte Folie für den ewig eisigen Untergrund, in dem die darin agierenden Dunkelmänner ihre frostigen Fäden ziehen.

T. las dieses Buch im September, und ich bereue heute, wie man so vieles im Nachhinein bereut, dass ich nicht damals schon danach gegriffen habe. Unsere letzte gemeinsame Lektüre waren die Märchen, davor Philip Roth, „Das sterbende Tier“. Und wie so vieles einem in der Rückschau als sich selbst erfüllende Prophezeiung erscheint, so auch jene, kurz vor der todbringenden Diagnose.

Und ich frage mich heute, warum wir über le Carré nicht gesprochen haben. Vielleicht weil es all die anderen Dinge zu bereden galt, über denen noch viel mehr ungesagt blieb. Bis die Worte gänzlich versiegten, vielleicht weil sie vor einem gehen müssen. Am Ende zündete ich ihm seine Zigaretten an und reichte sie ihm, stumm, als wäre eine jede schon die letzte gewesen. Und als hätte all das, was wir noch zu sagen gehabt hätten, viel viel länger gedauert.

Gemengelage

Eine Konstellation wie auf einem Schachbrett: Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Die Praxis des Familienstellens gründet auf der Vermutung, dass innerlich-grundlegende Beziehungsverhältnisse auch innerlich räumlich abgespeichert wirken. Aus einer dazu in Beziehung gesetzten Wahrnehmungsposition lassen sich dann gewisse Muster innerhalb jenes Familien-Systems erkennen. Meine Position ist die des Spielers, nachdem ich zuvor Zeugin des Missbrauchs der Tochter durch den Vater geworden bin. Es könnte aber auch der Bruder gewesen sein. Vor allem seine Rolle in dieser Aufstellung erscheint mir am unklarsten. War er tatsächlich aktiv beteiligt, oder hat er womöglich doch versucht, seiner Schwester zu helfen? Vielleicht war er auch nur stummer Zeuge, so wie ich. Alle Figuren stehen auf engstem Raum. Ihre Felder grenzen unmittelbar aneinander. Ob schwarz, ob weiß, das kann ich nicht erkennen. Nur die Mutter fehlt. Ich müsste meinen Mund aufmachen, dann wäre auch sie im Spiel. Aber dazu müsste ich das groteske Gleichgewicht der gegenwärtigen Gemengelage zerstören…

POCUTF8_8835013951_Original_Daccord„Alles, was man vergessen will, schreit im Traum um Hilfe“, sagt Richard Brock alias Heino Ferch im ersten Teil der von ZDF und ORF gemeinsam produzierten Krimiserie „Spuren des Bösen“. Stimmige Genrekrimis der härteren, schlanken, nicht blasierten Art haben wir nicht allzu viele. Das ist einer davon, schreibt die FAZ. Für geladene Düsternis über neunzig Minuten aber sorgen auch und vor allem die Musik von Matthias Weber und die Kamera von David Slama. Slamas Bilder vermitteln stets den Eindruck, dass die Protagonisten der Geschichte (und wir mit ihnen) nur die Hälfte dessen mitbekommen, was geschieht. Fast wie im richtigen Leben. Darüber hinaus sind es die messerscharfen verbalen Pointen, die geistreich unterstreichen, dass es hier um mehr geht als die Frage: „Was haben Sie zwischen sieben und neun Uhr gemacht?“ Der ermittelnde Psychologe Richard Brock stellt selbstredend Fragen der ganz anderen Art.

Zurück zum Traum: Natürlich habe ich mich gefragt, wer oder was hier schreit. Die Tochter, deren Opferrolle sie zu einem Neutrum degradiert hat? Der Vater, der wie gelähmt durch sein Vergehen zu keiner Reaktion mehr fähig ist? Die Mutter, an deren Abwesenheit sich die Geister scheiden? Der Bruder, der mir wie ein Advocatus Diaboli erscheint, ohne dass er auch nur ein Wort sagt? Oder ich, die sich einem perfiden Gleichgewicht zuliebe ebenfalls zum Schweigen verurteilt sieht?

Für den Neuropsychologen Allan Hobson sind Träume schlichtweg a form of madness. Genug herum gedeutet also und zu einem anderen Seelenkrimi: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow.

Alexander Wolf, zu Beginn des Romans dem Tode durch die Hand des Ich-Erzählers entronnen, fällt ihm am Ende doch zum Opfer:

Er lag nun, den Körper der Länge nach ausgestreckt, die Arme zur Seite geworfen; sein Kopf lag beinahe zu ihren Füßen. Ich trat einen Schritt vor, beugte mich über ihn, und plötzlich war mir, als ob die Zeit sich verdichtete und verflüchtigte, als ob sie in dieser blitzschnellen Bewegung viele Jahre meines Lebens davontrüge.

Vom grauen Teppich, der den Boden dieses Zimmers bedeckte, schauten auf mich die toten Augen des Alexander Wolf.

Während Wolf ein Leben lang diese endgültige Begegnung quasi antizipiert –

Ein jegliches Leben wird – in seiner Bewegung, seiner Besonderheit, meine ich – erst dann klar, in den letzten Minuten… Das ist kein Fatalismus, das ist die Richtung des Lebens, das ist der Sinn jeglicher Bewegung. Vielmehr, nicht der Sinn, sondern die Bedeutung.

– wird für den Ich-Erzähler ein Zitat von Dickens zur selbsterfüllenden Prophezeiung:

Er stand von der Bank auf; ich stand ebenfalls auf. Das Laub war unbeweglich, im Garten herrschte Stille.

„Bei Dickens steht irgendwo ein wunderbarer Satz“, sagte er. „Merken Sie sich den, er ist es wert. Ich weiß nicht mehr, wie er wörtlich lautet, aber dem Sinn nach: Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug. Gute Nacht.“

Und jetzt stand ich genauso vom Sessel auf wie damals von der Bank, auf der ich neben ihm gesessen hatte, und wiederholte die Worte, die nun besonders bedeutsam klangen:

„Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug.“

***

Ein ebenso ab- wie tiefgründiger Roman, in dem Plot und Sprache jene seltene, absolut mitreißende Allianz eingehen, auf die man eigentlich immer hofft, wenn man ein Buch aufschlägt.

Über all dem schwebt die Hoffnung auf hellere Tage und die Vorfreude auf zwei Wochen Urlaub.

Beneath me lay my corpse with the arrow in my temple

Mir träumte, ich hätte die erste Schulstunde frei. Aber als ich erwache und einen Blick auf die Uhr werfe, ist es bereits zu spät, um noch pünktlich zur zweiten zu erscheinen. Ich ärgere mich über meine Mutter, weil sie mich nicht geweckt hat und beschließe, den Tag blau zu machen. Schließlich bin ich volljährig und kann mir selber eine Entschuldigung schreiben. Für einen Mann, der mir nicht ganz koscher ist, soll ich Leergut abgeben und volle Flaschen besorgen. Als ich mich auf den Weg mache, habe ich das Gefühl, von ihm verfolgt zu werden. Ich flüchte mich in eine Parkanlage mit uraltem Baumbestand, die zu einem großen Haus gehört, wo sich Juden versteckt halten. Im Park können sie sich jedoch frei bewegen. Das Areal ist für Nicht-Juden eigentlich tabu. Plötzlich ertönen Sirenen. Ich höre sofort, dass es sich nicht um unsere Martinshörner handelt sondern um die irgendwie sonorer klingenden Sirenen der Amerikaner. Im Park dürfen sie mich natürlich nicht entdecken, aber im Moment, da ich auf die Straße trete, fahren bereits die schweren Batmobile der Besatzer vor, denen jeweils zwei große schwarze Männer entsteigen. Zu allem Unglück habe ich die Tasche mit meiner Geldbörse im Park verloren, und in der Geldbörse befindet sich mein Ausweis, den die beiden bestimmt gleich kontrollieren werden. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mich wieder in das schützende Dunkel des Parks zurückzuziehen in der Hoffnung, dort meine Tasche wieder zu finden. Da kommt mir auch schon einer der Bewohner entgegen und reicht sie mir…

Der Traum ereignete sich in den frühen Stunden des heutigen Sonntagmorgens. Auf den Schwingen eines angenehmen Halbschlafs ließ ich mich noch einmal durch das Stimmungsaggregat der vergangenen Woche tragen, das sich aus den magischen Wirkungen eines meiner absoluten Lieblingsfilme, der Lektüre eines neuen Buches sowie eines Gesprächs nach langer Zeit mit meinem Lieblingsonkel zusammensetzt.

Falling_in_Love_35465_MediumRobert De Niro, der Hexenmeister der abgründigen Charaktere als Frank, und Meryl Streep, eine die mit kleinen Gesten eine Rolle auf die Leinwand zu malen vermag wie keine, als Molly in dem Film „Falling in Love“. Wie durch Zauberhand gerät das Blättern in einem Boulevardblatt bei ihr zum Sinnbild all dessen, was sich plötzlich falsch anfühlt in Mollys Leben. De Niro dagegen spielt Frank gläsern wie einen, in dem der Zuschauer einen Sturm tosen sieht, ohne dass sich auf der Leinwand augenscheinlich Sensationelles ereignen würde. Bis zum Schluss bleibt die Beziehung zwischen den beiden platonisch, die gegenseitige Anziehung aber erzeugt eine Spannung, die mindestens genau so unerträglich ist wie in einem jener Thriller, in denen De Niro den Bösewicht gibt.

Die Kritik im Filmlexikon ist vernichtend:

Ein Mann und eine Frau, beide verheiratet, geraten in eine letztlich platonisch verlaufende Liebesbeziehung. Die Geschichte einer unmöglichen Liebe, die, statt große Gefühle und Gewissenskonflikte zu vermitteln, banal und oberflächlich bleibt; trotz prominenter Besetzung weitgehend langweilig, erzählt im Stil eines einfach konstruierten Boulevardstückes.

Die ließ mich bereits befürchten, der Verblendung durch meinen hoffnungslosen Romantizismus erlegen zu sein. Die Deutsche Film- und Medienbewertung fällt dagegen folgendes Urteil, das ich in meiner Begeisterung, die auch, nachdem ich den Film mindestens schon zum dritten Mal gesehen habe, nach wie vor ungebrochen ist, demzufolge bedingungslos unterschreibe:

Zwei Menschen lernen sich kennen, begegnen sich zufällig öfter und entdecken plötzlich, das sie füreinander bestimmt sind. Beide sind verheiratet, beide aber empfinden die Schicksalhaftigkeit ihres Zusammentreffens, dem sie sich fast willenlos überlassen, bis sie – vom gleichen Zufall, vom gleichen Schicksal? – wieder getrennt werden, obgleich ihre jeweiligen Bindungen inzwischen zerbrochen sind.

Buch und Regie dieses Films, der eigentlich nur ein Zwei-Personen Stück ist, bringen es fertig, diesen Sturm der Gefühle ausschließlich im Spiel, in der Musik und im knappen Dialog der Darsteller stattfinden zu lassen, ohne spekulative Bett- und Entkleidungs-Szenen und ohne dass auch nur der geringste Eindruck von Peinlichkeit entsteht. Die Keuschheit dieser Beziehung wird so konsequent durchgeführt, das die Zerstörung beider Ehen durch die jeweiligen Partner erfolgt; das Liebespaar selbst schreitet gleichsam unbefleckt durch die Handlung, die dramaturgisch sehr behutsam entwickelt wird, ohne Pathos, ja ohne Leidenschaft, getragen lediglich von der Kraft der Persönlichkeit der beiden Hauptdarsteller.

Die Frage, ob das Happy-End nach der bereits erfolgten scheinbar endgültigen Trennung künstlerisch entbehrlich oder nur ein Zugeständniss an den Publikumsgeschmack sei, wurde vom Bewertungsausschuss ausführlich diskutiert, ohne dass sich daraus eine Beeinträchtigung des einmütig positiven Urteils ergeben hätte.

Mit dem höchsten Prädikat gewürdigt wird hier eine große Kameraerzählung, eine echte Kinogeschichte, der dennoch genügend Realität anhaftet – siehe die glaubwürdige Darstellung der Umwelt des Liebespaares, des Arbeitsmilieus, vor allem der Eisenbahn, in der die wichtigsten Begegnungen stattfinden -, als dass sie in den unverbindlichen Bereich der Traumfabrik verwiesen werden müsste.

Gasdanow_23853_MR.inddDer Film lief letzten Samstag im Spätprogramm, die Verzauberung hielt mindestens bis Dienstag. Da hatte ich frei und las zufällig die ersten Worte der Kritik zu einem Buch, das bereits in der Kulturzeit vorgestellt worden war, „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow (1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben), ein wieder entdeckter russischer Exilautor:

Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerungen an den einzigen Mord, den ich begangenen hatte. Seit dem Moment, als es geschehen war, erinnere ich mich an keinen Tag, da ich nicht Bedauern empfunden hätte darüber. Niemals hätte mir irgendeine Strafe gedroht, denn es passierte unter ganz ungewöhnlichen Umständen, auch war klar, dass ich nicht anders hatte handeln können. Niemand außer mir selbst wusste im übrigen davon. Es war dies eine der zahllosen Episoden des Bürgerkriegs; im Zuge der damaligen Ereignisse mochte sie als unbedeutende Einzelheit anzusehen sein, zumal im Verlauf der wenigen Minuten und Sekunden, die der Episode vorausgingen, ihr Ausgang nur uns beide interessierte – mich und noch einen, mir unbekannten Menschen. Dann blieb ich allein zurück. Niemand sonst war beteiligt…

In diesem Duktus geht es immer weiter. Später im Leben fällt dem Erzähler der Kurzgeschichtenband eines englischen Autors in die Hände, in dem dieser genau jene Begebenheit minutiös und bis in letzte Detail deckungsgleich schildert. Tatsächlich erstand ich das Buch noch am selben Tag bei Pustet.

Die Stimmung, die darin erzeugt wird, erinnerte mich sofort an Edgar Allan Poe. Der vermeintlich autobiographische Stil, als ließe hier jemand gefiltert durch einen analytischen Verstand und mit einer gewissen emotionalen Distanz sein Leben Revue passieren, steht in einem spannungsgeladenen Gegensatz zu der sich einschleichenden Vermutung, es handele sich womöglich um einen, der die Schwelle zum Irrsinn lange schon überschritten hat. Jedenfalls entwickelt das Buch den Sog eines Maelström, in den ich mich bereitwillig hinab ziehen lassen werde, wenn ich gleich in die Badewanne steige.

Bleibt noch das Telefonat mit meinem Lieblingsonkel zu erwähnen. Lieblingsonkel ist gut, denn es gibt nur den einen, richtigen Onkel. Viel Zeit ist vergangen. Wie viel Zeit, das erkennt man plötzlich an all den Dingen, von denen man weiß, dass sie im Leben des jeweils anderen passiert sind, an denen man aber nicht unmittelbar Anteil nehmen konnte. No one is to blame, das waren seine Worte. Dass man irgendwie ja doch Anteil nimmt, das zeigt mir dieses Geldgeschenk, das mir ganz unerwartet von seiner Seite zuteil wurde. Aber es macht mich traurig, dass wir uns in diesem Leben aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr wiedersehen werden.

Schreiben – die Kunst, die voraus und davon eilenden Gedanken im entscheidenden Moment wieder einzufangen.

Hansjürgen Bulkowski

Weitlings Sommerfrische

Nein, ich bin nicht undankbar, und immerhin bin ich dem Tod entronnen.

Wahrscheinlich brauchen die Menschen Gott in erster Linie, um Dankbarkeit für ihr Leben auszudrücken, mag er Jehova heißen, Allah, Wilson oder eben Gott. Für einen, der nur ersehnt und ausgedacht ist, hat er ziemlich viele Namen. Und für einen, der nur ausgedacht ist, gibt es auch reichlich Menschen, die mit ihm geredet haben wollen. Haben sie sicher auch. Sie haben ihn nur nicht gesehen, und gesagt hat er auch nichts.

Er ordnete noch einmal ausgiebig seine Gedanken über „oben“. Wenn überhaupt, dachte er, dann müsste man sich Gott unschlüssig denken. Er probiert herum, macht Fehler, überlegt, hat einen besseren Einfall und korrigiert sich! Ein Kreativer, Schöpfer eben, wie schon der Name sagt. Und es war, fand Weitling, ein großer Irrtum, sich Schöpfer als Ingenieure mit Blaupausen vorzustellen. Gott schuf etwas, ließ zum Beispiel ein Menschenleben, beginnen, lernte beim Zuschauen, und wenn er genügend gelernt hatte, änderte er etwas – rückwirkend! Meister fielen nicht vom Himmel, selbst wenn sie dort wohnten. Gottes Weg konnte also noch lang sein, aber wenigstens saß er nicht irgendwo herum und wusste alles besser – er blieb unterwegs. Ab und zu kriegte er einen unglaublichen Menschen hin, dem man glauben konnte.

Im Grunde sprach nichts dagegen, sich die Geschichte so vorzustellen. Weitling beschrieb immer noch gern manches Geschehen als Folge dessen, was Gott tat oder nicht tat: „Und was tut Gott? Er lässt es ausgerechnet an diesem Tag regnen!“ Von dieser Erzählweise musste er sich nicht verabschieden, nur weil er „nicht glaubte“. Dasselbe taten ja auch Märchen, in denen Gott Menschen auf die Probe stellte und je nach Ergebnis dann belohnte oder bestrafte. Es war einerseits vergnüglich, Märchen zu erfinden, und andererseits bitter, in einem sinnlosen „Weiter so“ zu leben. Wenn Menschen Gott bemühten, dann aus Gründen erzählerischen Begreifens: Sinnlosigkeit ließ sich so gut wie nicht erzählen, sie war ja nur das Fehlen von etwas. Man konnte nur von Etwas erzählen, aber nicht vom Nichts.

 

Famous last words:

Jetzt ging es noch mal ein Stück zurück: Er war als Vierjähriger im Kinderheim und erzählte und redete in einem fort mit großen Augen. Lauter Kinder saßen um ihn herum und hörten etwas von Schlangen und Löwen und Elefanten, und wie man Elefanten am besten einfangen könne, bei zweien habe er es bisher geschafft, alles in Chieming am Chiemsee, wahnsinnig weit weg von Schlederloh.

Durch das Bild begriff Wilhelm Weitling endlich, wieso er dieses Mal Schriftsteller geworden war: Sein Aufenthalt im Heim war lang genug gewesen, um ihn entdecken zu lassen, wie er – erfindend und erzählend – unter lauter ihm eher unheimlichen Menschenkindern überleben konnte. Nichts anderes tun Schriftsteller.

Der Mann, der vielleicht Arzt war, sagte jetzt: „Ich denke, es dauert noch. Glaubt er eigentlich an Gott?“

Sie waren am Hinausgehen.

„Schwer zu sagen, er redet nicht darüber.“

Mehr war nicht zu verstehen, die Tür schloss sich.

Ihn, Weitling, hatten sie nicht mehr gefragt. Dabei hätte er eine Antwort gehabt: „Gott gibt es. Wie wäre ich sonst zu zwei Leben gekommen?“

Sten Nadolny, „Weitlings Sommerfrische“

 

Hat mich ein bisschen an Rosendorfer erinnert: schräg, humorvoll und mit ganz viel Tiefgang.

Jane Eyre

Ein lang gehegter Lesetraum geht in Erfüllung: Charlotte Brontës teils autobiographischer Roman über eine der berühmtesten Frauenfiguren der Weltliteratur, die mit den Rollenerwartungen ihrer Zeit bricht und sich mit Willensstärke, Leidenschaft und Ironie gegen ihr Schicksal auflehnt. Der Roman wurde erstmalig 1849 unter Brontës Pseudonym ‚Currer Bell‘ veröffentlicht.

ERSTES KAPITEL

Ein richtiger Spaziergang war an jenem Tag ausgeschlossen. Zwar waren wir am Morgen eine Stunde lang durch das blätterlose Strauchwerk gestreift, doch nach dem Dinner (Mrs. Reed speiste frühzeitig, wenn sie ohne Gesellschaft war) hatte der kalte Winterwind so düstere Wolken mit sich gebracht und einen so alles durchdringenden Regen, daß nun nicht daran zu denken war, sich noch einmal an der frischen Luft etwas Bewegung zu verschaffen…

Ein paar Absätze weiter: Die 10jährige Jane, die als Waise und mittelloses Mündel in einer so wohlhabenden wie hochnäsigen Pflegefamilie aufwächst, sucht Zuflucht in einem Buch…

…Ein kleines Frühstückszimmer schloß sich ans Wohnzimmer an; dort schlüpfte ich hinein. Es enthielt einen Bücherschrank; schnell bemächtigte ich mich eines Bandes, wobei ich darauf achtete, daß er auch mit Bildern ausgestattet war. Ich kletterte auf die Fensterbank, zog die Füße an den Körper und setzte mich, nach Türkenart, mit gekreuzten Beinen hin; und nachdem ich den schweren, roten Baumwollvorhang ganz dicht an mich herangezogen hatte, saß ich in zweifacher Zurückgezogenheit dahinter wie in einem Schrein.

Zur Rechten begrenzte der scharlachfarbene Faltenwurf mein Gesichtsfeld, zur Linken waren es die klaren Fensterscheiben, die mich vor dem trüben Novembertag beschützten, ohne mich völlig von der Außenwelt abzusondern. Während ich die Seiten meines Buches umblätterte, vertiefte ich mich zwischendurch immer wieder in den Anblick dieses Winternachmittags. In der Ferne bot er sich als ein fahles Nichts aus Dunst und Nebel dar, aus der Nähe als Landschaftsbild mit endlosen Regenschauern, die ungestüm vor den langen und klagenden Böen dahinfegten.

Ich kehrte wieder zu meinem Buch zurück, Bewicks „Darstellung der britischen Vogelwelt“. Eigentlich interessierte mich der Text dabei meist weniger, andererseits gab es da gewisse Seiten in der Einleitung, bei denen ich – selbst als Kind – nicht einfach so tun konnte, als seien sie leer. Es waren jene, auf denen die Schlupfwinkel von Seevögeln beschrieben wurden – die ausschließlich von ihnen besiedelten „einsam gelegenen Klippen und Felsvorsprünge“, die Küste Norwegens, übersät mit vorgelagerten Inseln von ihrem südlichsten Punkt Lindesnes (d. h.: Landspitze) bis hinauf zum Nordkap –

Wo das Nordmeer in wilden Wirbeln / Brodelt rings um die nackten düstren Inseln / Des fernen Thule und die Sturzseen des Atlantik / Hereinbrechen über die stürmischen Hebriden.

Genausowenig konnte ich die Beschwörung der öden Gestade von Lappland, Sibirien, Spitzbergen, Nowaja Semlja, Island und Grönland einfach übergehen mit „der riesigen Weite der Regionen nördlich des Polarkreises und jene gottverlassenen, öden Gebiete – diesen Vorratskammern an Frost und Schnee, wo erstarrte Eisfelder als jahrhundertealte Aufhäufung von Wintern gläsern in alpine Höhen hinaufragen und als geballte Verkörperung der vielfachen Unbilden extremer Kälte den Pol umgeben“. Aus diesen leichenstarren Sphären erschuf ich mir mein eigenes Reich: schemenhaft und verschwommen wie alle halbverstandenen Vorstellungen, die in einem Kinderhirn umherschwirren, aber eigenartig eindrucksvoll. Die Wörter auf den einleitenden Seiten verbanden sich mit den nachfolgenden Vignetten. Sie verliehen der Klippe, die einsam aus dem wogenden und tosenden Meer ragte, erst ihre Bedeutung, desgleichen dem gestrandeten Boot, das an einer trostlosen Küste zerschellt lag, und dem kalten und gespenstischen Mond, der zwischen Wolkenbänken hindurch auf ein Wrack sah, das gerade versank.

Ich könnte die Stimmung nicht wiedergeben, die geisterhaft über dem völlig verlassenen Friedhof lag mit seinen beschrifteten Grabsteinen, seinem Tor, den zwei Bäumen, der von einer verfallenen Mauer gesäumten, niedrigen Horizontlinie und der gerade aufgegangenen Mondsichel, welche die Abendstunde anzeigte.

Die beiden in Windstille und träger See dümpelnden Schiffe waren für mich meergeborene Traumgebilde.

Den Dämon, der sich dem Dieb auf den Rücken hockt und seine Krallen in den Sack mit dem Raubgut schlägt, überblätterte ich rasch; es war ein  Bild des Grauens.

Dies galt auch für das Bild mit dem schwarzen, gehörnten Unhold, der abseits auf einem Felsen saß und aus der Entfernung eine Menschenmenge beobachtete, die einen Galgen umstand.

Jedes einzelne Bild erzählte eine Geschichte; oftmals rätselhaft für meinen unentwickelten Verstand und meine unfertigen Gefühle, doch immer zutiefst fesselnd, so fesselnd wie die Geschichten, die Bessie manchmal an den Winterabenden zum besten gab, wenn sie gerade guter Laune war und uns, nachdem sie ihren Bügeltisch zum Ofen im Kinderzimmer gestellt hatte, erlaubte, daß wir uns um ihn herumsetzten. Und während sie Mrs. Reeds Spitzenrüschen bügelte und die Bordüren ihrer Nachthauben kräuselte, fütterte sie unsere gespannte Aufmerksamkeit mit Geschichten von Liebe und Abenteuer aus alten Märchen und noch älteren Balladen oder (wie ich zu einem späteren Zeitpunkt herausfand) aus „Pamela“ und „Henry, Graf von Moreland“.

Mit Bewicks Buch auf meinen Knien war ich glücklich, zumindest auf meine Weise. Ich fürchtete nichts so sehr, wie gestört zu werden, und das geschah nur allzu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer ging auf…

Charlotte Brontë, „Jane Eyre“

Der im Hinblick darauf, dass hier eine Frau schreibt, auffallend aufsässige und gleichzeitig süffig-poetische Erzählstil gefällt mir auf Anhieb. Wobei „süffig“ ein Attribut ist, dass ich bis dato wohl immer eher männlichen Erzählern zugesprochen habe. Und ich bin überrascht, wie wenig antiquiert die Sprache klingt.

Das finstere Tal

Eine absolut gelungene Mischung aus Bergroman, Krimi und Western. Willmann hat sich bei jedem Genre bedient und die verschiedenen Stilelemente zu einem Crossover geschmiedet, das es in sich hat. Der wirklich gnadenlose Showdown kann es anstandslos mit Highnoon aufnehmen und lässt viele Krimis alt aussehen. Auch sprachlich eine Wucht.

Der schmale Felsdurchlass war durch den Föhn nicht ganz vom Schnee befreit. Aber die eisige Decke war dünn genug geworden, dass Mann und Tier gut ihren Weg hindurchfanden. Diesmal blickte sich Greider nicht mehr um.

Er trat am anderen Ende aus der Spalte, und unter ihm erstreckte sich weit die Ebene. Dort hatte der warme Sturm tatsächlich gründlicher sein Werk verrichtet. Zum ersten Mal seit Monaten sah Greider wieder das Grün von Wiesen, das fruchtbare Schwarz von zur nächsten Aussaat bereiteten Feldern. Auch am Hang unter ihm klebten nur mehr einzelne Flecken von Weiß. Er würde den Abstieg ins Tal gut bewältigen können.

Zunächst aber wandte sich sein Blick nach oben, wo über den Bergen ein Azur prangte, das von keiner Wolke getrübt war und aus dem der gleißende, seelenlose Ball der Sonne strahlte.

Und lange schauten seine dunkelbraunen Augen in den blauen, leeren Himmel.

Thomas Willmann, „Das finstere Tal“

Die Nacht der Amazonen

Todernstes und Todtrauriges aus der Zeit des Nationalsozialismus kenne ich zur Genüge. Der Humor, mit dem Herbert Rosendorfer sich dieser Epoche deutscher Geschichte widmet, ist zwar bissig und aber nie verbissen. Das genau ist nämlich mein Problem im Umgang mit der Historie: Ich werde ziemlich schnell ziemlich verbissen, zum Beispiel wenn mein Sohn den Führer mimt. Dann weiß ich immer nicht, ob ich lachen oder ihn belehren soll. Er mimt den GröFaZ nämlich, ganz im Vertrauen, ziemlich gut. Und Komik, diese Erkenntnis habe ich aus der Lektüre der „Nacht der Amazonen“ gewonnen, trifft den Nagel oft besser auf den Kopf als tierischer Ernst…

*

„Ja – ach, Herr Dirrigl, auch da?“

„Freilich, müssen ja alle. Grausig.“

„Ja. Sehr grausig. Ich weiß auch nicht, ob das richtig ist…“

„In gewisser Weise ja, andererseits aber nein. Was vorbei ist, sollte vorbei sein. Und schließlich sollte man uns, die so viel durchgemacht haben, eher etwas Aufmunterndes, Aufbauendes zeigen. Die Marika Rökk zum Beispiel. Und nicht solche KZ-Filme.“

„Ganz Ihrer Meinung. Es ginge ja auch keiner freiwillig hinein.“

„Zur Marika Rökk schon.“

„Ich wäre ja auch nicht in den Film gegangen, wenn man nicht – den Stempel, eben, für die Lebensmittelkarten. Obwohl einem der Appetit fast vergehen könnte, nachdem man das gesehen hat. Diese Gerippe! Diese Leichenberge… die Gaskammern…“

„Ich hab‘ die meiste Zeit gar nicht hingeschaut, Herr Kammerlander, gar nicht hinschauen können.“

„So ist es mir auch gegangen. Aber die Augen zu, ist dann doch langweilig.“

„Dabei, Herr Kammerlander, ist es natürlich völlig falsch, diese ganzen Hungergestalten da in diesen Film zu treiben. Die anderen müßten den Film anschauen. Die Nazi.“

„So ist es.“

„Aber – was reden wir. Die Welt ist schlecht, ob die oder jene regieren. Und als Hausbesitzer bist du ja überhaupt unten durch. Eine Luftmine hat mein Dach abgedeckt, und nicht genug damit: achtundzwanzig Flüchtlinge einquartiert. Ich bitte Sie, Herr Kammerlander, sich das plastisch vorzustellen. Achtundzwanzig Flüchtlinge! Davon sechs Kleinkinder. Das ist doch der reine Kommunismus.“

„Man muß halt schon wieder das Maul halten.“

„Übrigens: der junge Herr Davidson ist zurückgekommen. Sie wissen schon: der Sohn von den Davidsons, die bis… na ja, bis eben 1938 bei mir im dritten Stock gewohnt haben. Er heißt jetzt Davies, ist Offizier, spricht aber noch – das ist sehr lustig – spricht echt Münchnerisch. Der kleine Davidson. War ein herziges Buberl, damals. Ach Gott, wie die Zeit vergeht.“

„Waren das nicht die, von denen Sie damals den fast neuen Eisschrank für fünf Mark… hm… abgelöst haben?“

„Ja, ja. Kann sein. Er hat mich besucht, der kleine Davidson – also Lieutenant Davies, so ein baumlanger Mensch jetzt, natürlich, ein fescher Mensch – hat gebeten, ob er einen Blick in die Wohnung seiner Eltern werfen darf, im dritten Stock. Natürlich, selbstverständlich, habe ich gesagt – war mir sehr recht, dann hat er gesehen, was das für Zustände sind – achtundzwanzig Flüchtlinge, davon sechs Kleinkinder, haben grad alle gleichzeitig geschrien.“

„Und nach dem Eisschrank hat er nicht gefragt?“

„Was Sie immer mit dem Eisschrank haben, Herr Kammerlander, wenn ich ihn nicht… abgelöst hätte, dann hätte es ein anderer getan. Oder: noch schlimmer, er wäre ihnen einfach weggenommen worden. Ich bitte!“

„Was ist denn eigentlich aus den Davidsons geworden?“

„Ich sage ja: er heißt jetzt Davies und ist Lieutenant, also Leutnant, und er wird, wenn er ausgemustert wird, nach Cleveland zurückkehren…“

„Ich meine: die alten Davidsons?“

„Ach so. Ja. Nein. Die sind – das weiß ich nicht. Die sind ja 1938… die waren ja förmlich froh, daß ich ihnen den Eisschrank abgelöst habe, weil – einen Eisschrank können sie ja nicht nach… also dorthin mitschleppen, nicht wahr, aber Bargeld… waren ja förmlich froh…“

„Sie haben nichts mehr von ihnen gehört?“

„Nein. Wissen Sie… die sind sehr früh… sehr früh fort. So früh steh‘ ich nicht auf. Und den Lieutenant Davies wollte ich nicht fragen, ob er was von seinen Eltern weiß. Es könnte ja sein… ich will nicht an den Wunden rühren. Er ist da über die Flüchtlinge drübergestiegen, hat sehr nachdenklich zum Fenster hinausgeschaut. Ihn haben ja die Eltern 1935 zu seiner Tante nach Österreich getan, und später ist er mit dieser Tante nach Amerika. Hat sehr nachdenklich zum Fenster hinausgeschaut. >Im Haus da drüben<, hat er mich gefragt, >also, in dem Haus, das da gestanden ist, da hat doch der Sellmaier Maxl gewohnt, der neben mir in der Bank gesessen ist…?< >1943<, habe ich gesagt, >Schildkrötenstellung bei Pawlograd.< >Ach<, hat er nur gesagt, aber auch sehr nachdenklich. Soll ruhig wissen, habe ich mir gedacht, daß auch wir… und so weiter. Ja, dann hat er Kaugummi verteilt und so rosa Bonbons aus Watte quasi an die Flüchtlingskinder – und mir, Herr Kammerlander, hat er eine ganze, noch geschlossene Dose Nes-Café gegeben und zwei Stangen Lucky Strike. Ja, ja – waren immer ruhige, anständige Mieter, die Davidsons.“

„Wenn man das geahnt hätte -„

„Was meinen Sie?“

„Na ja: das, was man hier in dem Film gesehen hat. Diese Greuel.“

„Ungeheuer. Unmenschlich. Diese SS: die reinsten Hyänen.“

„Und äußerlich – gewiß, der Totenkopf auf ihrem Käppi, aber das hat man doch eher als… na ja, als Abzeichen quasi, statt Adler oder so… aber daß die… der junge Kernpichler, ein netter, freundlicher Mann, fesch, sehr fesch, eine Zeitlang hat es so ausgesehen, daß er meine Gisela… meine mittlere Tochter, nicht wahr… waren praktisch schon verlobt… der war bei der SS. Ich habe ja nicht geahnt, was in diesem Menschen vorgeht.“

„Das hat niemand geahnt.“

„Da hat keiner die leiseste Ahnung haben können, Herr Dirrigl.“

„Also ich, Herr Kammerlander, ich – da kann ich die Hand dafür ins Feuer legen, ich habe davon, von diesen Greueln nichts gewußt.“

„Ich auch nicht. Das müßten Sie, Herr Dirrigl, eigentlich bezeugen können. Gut – das bißchen NSKK… gut… ich bin dazugegangen, um nicht zur Partei direkt gehen zu müssen… und daß meine Frau vom Gauleiter das Mutterkreuz… innerlich, Herr Dirrigl, war ich immer dagegen.“

„Ich auch.“

„Ich glaube, Herr Dirrigl, daß – speziell in Bayern – überhaupt niemand dafür war. Niemand. Außer natürlich ein paar Bonzen: Fiehler, Giesler, Esser, Weber, und die auch nur, weil sie Vorteile daraus gezogen haben. Für anständige Menschen, Herr Dirrigl, speziell in Bayern, war der Nationalsozialismus von vornherein suspekt.“

„So ist es.“

„Und, Herr Dirrigl, eins kann ich Ihnen sagen: wenn wir nur die leiseste Ahnung von diesen Greueln gehabt hätten, dann wäre die Bevölkerung auch offen dagegen gewesen.“

„Eben.“

„Wir haben aber keine Ahnung gehabt.“

„Erst jetzt.“

„Jetzt ist es zu spät. Aber das werden die Amerikaner natürlich nicht begreifen.“

„Wir dürfen eins nicht machen, Herr Kammerlander, wir dürfen nicht zulassen, daß man uns anständige Deutsche mit den Nazi verwechselt.“

„So ist es. Aber jetzt, glaube ich, muß ich heim, mein Wamperl muß noch Gassi geführt werden.“

„Ja. Und – also, wenn Sie ab und zu etwas aufbewahren wollen, also – ich meine: man kriegt ja ab und zu etwas, was verderblich wäre, und möchte doch… dann: Sie können es gern herüberbringen und in unseren Eisschrank tun. Der funktioniert noch wunderbar und steht an sicherer Stelle. Die Flüchtlinge kommen da nicht hin.“

„Werde ich gern davon Gebrauch machen, Herr Dirrigl. Danke.“

„Bitte. Man muß zusammenstehen in Zeiten der Not.“

Herbert Rosendorfer, „Die Nacht der Amazonen“

Der schwarze Steg

Gerade jetzt ist er hier, denkt sie. Ich werde versuchen, ihn nicht so festzuhalten, dass er sich losreißen will. Ich werde mich darüber freuen.

Dass er jetzt hier ist.

Asa Larsson, „Der schwarze Steg“

Asa Larsson besitzt anscheinend die Gabe, mit jeder vollbrachten Geschichte die vorherige noch einmal zu übertreffen. Was ich der gelernten Steueranwältin anfangs gar nicht zutrauen wollte. Neben Zahlen, Daten, Fakten beherrscht sie offensichtlich auch die Fähigkeit, sich in einer Weise in die diversen Protagonisten ihrer Romane einzufühlen, die weit über das bloße Beschreiben von Charakteren hinaus geht. Seelenzustände werden so assoziativ heraufbeschworen, dass man sich mittendrin wähnt in den mannigfaltigsten Persönlichkeitsgeflechten. Alles frei von Stereotypen, wo die Guten auf der einen, die Bösen auf der anderen Uferböschung stehen. „Der Schwarze Steg“ ist nicht nur ein spannender Krimi mit einem hochkomplexen Plot sondern auch eine Metapher für den schmalen Grat, auf dem jede der handelnden Figuren auf ihre Art mit dem Leben jongliert.

Sonnensturm

Sven-Erik verabschiedete sich und verschwand in der anderen Richtung. Mans drückte auf den Fahrstuhlknopf, und die Tür öffnete sich mit einem leisen „Pling“. Er fluchte, als er mit dem Bett gegen die Fahrstuhlwand stieß. Er streckte die Hand nach dem Tropf aus und hielt zugleich den einen Fuß vor die Fotozelle, damit die Tür noch offen blieb. Von der vielen Gymnastik war er schon ganz außer Atem. Er sehnte sich nach einem Whiskey. Er sah Rebecka an. Sie hatte die Augen geschlossen. Vielleicht war sie eingeschlafen.

„Willst du dir das gefallen lassen?“, fragte er grinsend. „Dich von einem alten Kerl durch die Gegend schieben zu lassen?“

Aus einem Lautsprecher in der Decke war eine mechanische Stimme zu hören: „Ebene drei“, und die Fahrstuhltür öffnete sich.

Rebeckas Augen öffneten sich nicht.

Schieb du nur, dachte sie. Ich kann mir keine großen Ansprüche leisten. Ich muss nehmen, was ich kriegen kann.

Asa Larsson, „Sonnensturm“

Western und Krimis, die im Schnee spielen, üben einen ganz besonderen Reiz aus auf mich. In diesem hier fällt so viel Schnee, dass ich es schon fast rieseln hörte, wenn ich mich in der Stille der Nacht seiner Lektüre widmete. Anna-Maria Mella, die ermittelnde Kommissarin, die noch dazu hochschwanger ist, hat einen netten Ehemann, der ihr den Weg frei schaufelt. Sie bringt zum Schluss unter den obligatorischen Schmerzen sogar ihr Baby zur Welt. Rebecka dagegen muss sich ihren Weg frei schießen. Drei Priester einer dubiosen Glaubensgemeinschaft sind es, die in die weiße Pracht beißen. Und das Bild von Blut, das auf Schnee vergossen wird, vergisst man nicht so schnell.

Zum Glück verkündet die Autorin gleich in ihrer Danksagung, dass Rebecka Martinsson wieder auftauchen wird. Der Name „Rebecka“ stammt übrigens aus der Tora: Die Frau Isaaks heißt dort Rebekka (hebr. רבקה Rivkah), mit der Bedeutung ‚ die Bestrickende‘ oder ‚die Verbindung Schaffende‘.

Ich trenne mich nur ungern von Romanfiguren, die so bestrickend sind wie diese Rebecka Martinsson. Noch dazu wenn sie einem den Schlaf rauben und nur um ein Haar überleben. Deshalb liegt auch die „Weiße Nacht“ schon bereit.

Das große Rätsel

Seit Donnerstag, 06.10.2011 ist es amtlich. Der Nobelpreis für Literatur 2011 geht an Tomas Tranströmer. Noch hat es keine der Buchhandlungen, in denen ich seither gestöbert habe, zur Kenntnis genommen.

Aschfarbenes Schweigen.

Der blaue Riese geht vorbei.

Kalte Brise vom Meer.

*

Großer und langsamer Wind

aus der Bibliothek des Meeres.

Hier darf ich ruhen.

*

Menschenvögel.

Die Apfelbäume blühten.

Das große Rätsel.

Tomas Tranströmer, „Das große Rätsel“

Der Koch

…Maravan stand in seiner eigenen Küche. Es war früh am Morgen, es sah nach Regen aus, ein grauer kühler Tag. Der Müllwagen hatte mit Getöse die Container geleert. Jetzt lag wieder die unheimliche Stille über dem Häuserblock in der Theodorstraße, die seit dem Tag herrschte, als die sri-lankische Regierung die LTTE für besiegt erklärt hatte. Journalisten, unabhängigen Beobachtern und Hilfsorganisationen war der Zugang zu den Kriegsgebieten verwehrt. Es gab keine zuverlässigen Nachrichten. Nur Gerüchte. Schreckliche Gerüchte über Zehntausende getöteter, verhungerter, seuchenkranker Zivilisten und über Kriegsverbrechen auf beiden Seiten. Die, die Angehörige in diesem Gebiet hatten, warteten bange auf Nachrichten oder Lebenszeichen. Die, die gute Nachrichten hatten, wagten nicht, sich zu freuen, aus Rücksicht auf die, die schlechte hatten. Und über allem lastete die Ungewissheit, wie es weitergehen sollte. Mit jenen dort und mit ihnen hier.

Aber wieder hatten die Ereignisse dafür gesorgt, dass das Drama nicht auf den Frontseiten landete. Diese wurden von einem Thema beherrscht, das alle anging: In Mexiko war die Schweinegrippe ausgebrochen und hielt die Welt in Angst vor einer Pandemie, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg gewütet hatte, mit Millionen von Opfern.

Maravan hatte am Vorabend aus Reismehl, Kokosmilch, Zucker und einem bisschen Hefe einen dickflüssigen Teig angerührt und über Nacht fermentieren lassen. Vor einer halben Stunde hatte er etwas Salz und Backpulver beigefügt. Jetzt war es Zeit, die heiße halbrunde kleine Eisenpfanne mit etwas Kokosöl einzureiben.

Er stellte sie zurück, gab zwei Esslöffel Teig hinein, nahm die Pfanne an ihrem Stiel vom Herd und ließ ihren Inhalt so kreisen, dass sich an ihren Seiten eine Schicht bildete. Er brach ein Ei entzwei und goss es in die Mitte des Teiges. Dann stellte er die Pfanne zurück auf die kleine Flamme und deckte sie zu. Nach drei Minuten waren die Ränder des Hoppers knusprig braun und das Ei durch. Er hielt den Egghopper im Backofen warm und machte den nächsten.

Als er das Tablett mit den duftenden Hoppers, dem Kokosnuss-Chutney, dem Tee und den Früchten ins Schlafzimmer brachte, war es dort immer noch dunkel.

Aber Sandanas Stimme war wach und klar, als sie sagte: „Und wann kochst du mir einmal ein Liebesmenü?“

„Nie.“

Martin Suter, „Der Koch“

„Weltweite Finanzkrise, Bürgerkrieg in Sri Lanka und eine Firma, die in aller Verschwiegenheit boomt: Love Food fürs diskrete Tete-à-Tete. Politische Gegenwart, Exotik und Sinnlichkeit – ein Roman, der keinen Wunsch offenlässt, meint Wolfgang Höbel vom Spiegel. Suters Themen besitzen durchaus Thrillerqualität, nichtsdestotrotz kommt wieder einmal keine richtige Spannung auf. Mir scheint, als wolle Suter nicht aufregen. Durchaus geschickt vermengt er die Zutaten seines Romangerichts zu einem Mehrgängemenü. In appetitlichen Häppchen wird dem Leser dann der ganze Rotz der politischen Gegenwart serviert. Am Ende geschieht sogar ein Mord. Ganz diskret, versteht sich. Und der Tote hat’s auch verdient. Aber es bleibt ein fader Nachgeschmack, den man sich nach soviel Kochkunst gar nicht recht erklären kann.

Das Amerikanische Hospital

…Dem Neuankömmling scheint sich die Stadt zu öffnen – sie ist sein in aller Faszination, er muss nur zugreifen. Aber um ein etwas abgegriffenes Bild zu gebrauchen: Sie öffnet sich ihm nur, wie eine Frau auf dem gynäkologischen Stuhl sich dem Arzt öffnet; die Macht über ihren Körper ist rein funktional, bleibt äußerlich.

Geht man irgendwann wieder fort, schließt der Sesam sich nahtlos, als habe er sich nie aufgetan, und man hat das Recht verwirkt, ihn noch einmal zu finden. Aber wer es versucht hat, wird zweifelnd vor der geschlossenen Wand stehen: Ist er der Stadt entkommen, oder ist er ihrer verwiesen worden? Denn die Seele von Paris, um deren Aufmerksamkeit, um deren Gunst man gebuhlt hat, ist erbarmungslos. Diese Metropole ist zu groß und zu alt für einen einzelnen Menschen.

Das Leben in Paris ist ein Zeugen und Sterben unter dem saturnisch schweren, gleichmütigen Blick der alten Stadt. Man muss die Tragödie, die sie für einen bereithält, bis zur Neige durchleben. Wer sich ihr opfert, wer zum Humus wird, auf dem sie wächst, nur der darf sagen, sie gehöre ihm und er ihr. Wer ihr entkommt oder ihrer verwiesen wird wie ich, der nun schon lange wieder in Deutschland lebt, dem bleibt für den Rest seines Lebens nur das schwermütige Dahin…

Ein Buch, an dessen Ende man noch einmal an den Anfang zurückkehrt. Einfach um dieses schwermütigen Dahins willen. Der allwissende Erzähler verschleiert im Laufe der Geschichte geschickt, welche Rolle er selbst darin spielt. Erst am Ende gibt er die des reinen Beobachters plötzlich wieder auf und sich selbst preis. Und damit die Schuld, die er auf sich geladen zu haben glaubt.

Wie geht es deinem Amerikaner?, fragte ich.

Gut, sagte sie.

Hast du ihn öfter gesehen?, fragte ich.

Ja, sagte sie.

Ist er hier in Paris?, fragte ich.

Nein, sagte sie. Aber ich habe gestern einen Brief von ihm bekommen. Sie deutete auf das Büfett.

Kann ich sehen?, fragte ich vorsichtig.

Sie nickte. Steht nichts Geheimnisvolles drin.

Sie nahm das erste Blatt des Briefes vom Büfett, reichte es mir, und ich begann zu lesen.

Fort Riley, KS, 2. Oktober 2000

Liebe Hélène,

nun sind es schon zwei Monate, dass ich wieder hier bin. Ich mache Schreibtischarbeit und versuche, so oft wie möglich raus in die Natur zu kommen. Das sind hier die Flint Hills. Ein wenig wie die Gorges du Corong in Guerlédan. Aber es kann natürlich nie dasselbe sein…

Ich unterbrach die Lektüre. Was sind Gorges du Corong?, fragte ich.

Eine Heidelandschaft mit einer Schlucht und einem Wildbach in der Zentralbretagne, sagte Hélène.

Ich nickte und las weiter.

…eine Stelle als Englischlehrer an einem katholischen Collège oder Lycée in Frankreich zu kriegen, wird überhaupt kein Problem. Ein Job als Maitre de Conférences an einer Provinz-Uni würde sich sehr viel schwieriger gestalten, und ich fürchte, dafür habe ich die letzten zwanzig Jahre auch nicht genug getan. Von heute an gerechnet, ist es übrigens auf den Tag genau noch ein Jahr, bis meine zwanzigjährige Dienstzeit bei vollen Pensions- und Rentenansprüchen zu Ende ist, und das werde ich auch noch absitzen können.

Natürlich sind sie alle hinter mir her, noch ein paar Jahre dranzuhängen, um dann vielleicht als General in Pension gehen zu können, mein Vater, die Kollegen, einige Vorgesetzte, die mir Hoffnungen machen. Aber ich habe abgewinkt. Dieser Teil meines Lebens ist Ende September nächsten Jahres endgültig vorüber. Und ich wüsste nichts auf der Welt, was mich von diesem Entschluss abbringen könnte. Denn alles, was ich will

Hier endet das Blatt, das sie mir gegeben hatte. Ich faltete es zusammen und legte es wieder aufs Büfett zu dem zweiten. Gegen zehn Uhr abends verabschiedete ich mich und ging zurück ins Hotel. Ich ging die Rue Bobillot bis zur Place d’Italie, von dort die Avenue des Gobelins hinunter, die Rue Mouffetard hinauf und von der Place Contrescarpe über die Rue Descartes und die Rue de la Montagne Sainte-Geneviève, den Bouldevard Saint-Germain kreuzend, wieder hinunter zur Seine. Paris zeigte mir die nächtliche Variante des freundlich-oberflächlichen Gesichts, mit dem es Touristen empfängt.

Ich bin nicht wieder in die Stadt zurückgekehrt.

Michael Kleeberg, „Das Amerikanische Hospital“

Fusznoten zu einem nicht geschriebenen Werk

Noch nie hat mich ein Buch so sehr inspiriert wie dieses. Wie eine einzige Fusznote wird es an mir haften bleiben.

242 ich bin die geprügelte Seele eines Hundes, sage ich zu IHM, die Stunden die Wochen die Jahre seien so rasch vergangen als säsze man im Zug und die Landschaft flöge vorbei und das Ende der Reise sei nahe

243 ………………..

Friederike Mayröcker, „ich bin in der Anstalt Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“

Geheime Melodie

…Wir sind hier auch an der Küste, Noah. Jeden Morgen, wenn die Herbstsonne aufgeht, wird mir das Herz leicht. Jeden Abend, wenn sie untergeht, wird es mir wieder schwer. Aber wenn ich meinen Stuhl ans Fenster rücke und der Mond hell scheint, kann ich eine Meile hinter dem Gitter einen schmalen Streifen Meer sehen. Dort endet ihr England, und dort beginnt mein Afrika.

John Le Carré, „Geheime Melodie“

Bruno Salvador, genannt Salvo, auch genannt „Zebra“. Ein feiner Kerl, der seiner eigenen, als Sohn eines irisch-französischen Missionars und einer Eingeborenen im Kongo durchaus nicht unproblematischen Biographie mit einer gehörigen Portion Selbstironie begegnet. Diese Selbstironie bildet den Klangteppich, in den Le Carré seine vielstimmige Symphonie aus Heimtücke und Verrat webt, die so uralt ist wie der Mensch selber, der sie orchestriert. Und so vertraut, dass es die geneigte Leserin nur wundert, dass der Autor seiner Klangfarbe treu zu bleiben vermag, von der ersten bis zur letzten Seite. Kein zynischer Unterton, kein bitteres Lamento, nur ein enttäuschter Hoffnungsschimmer, der aber im Gegenlicht der Mächtigen dieser Welt wie eine geheime Melodie erhalten bleibt. Chapeau.

Das Parfum

Es ist schon eine Weile her, dass ich dieses Buch gelesen habe. Vielleicht habe ich zu der Zeit gerade nicht gearbeitet und konnte mir den Luxus leisten, den ganzen Tag zu liegen und zu lesen. Jedenfalls erinnere ich es so. Vom ersten Wort an war ich der Sprache Patrick Süskinds verfallen und gerate heute noch ins Schwärmen, wenn jemand „Das Parfum“ erwähnt. Wenn ich jetzt die ersten Sätze lese, würde ich es auch heute am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen:

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden. Er hieß Jean-Baptiste Grenouille, und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer genialer Scheusale, wie etwa de Sades, Saint-Justs, Fouchés, Bonapartes usw., heute in Vergessenheit geraten ist, so sicher nicht deshalb, weil Grenouille diesen berühmteren Finstermännern an Selbstüberhebung, Menschenverachtung, Immoralität, kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hätte, sondern weil sich sein Genie und sein einziger Ehrgeiz auf ein Gebiet beschränkte, welches in der Geschichte keine Spuren hinterlässt: auf das flüchtige Reich der Gerüche…

Süskinds Sprache ist so intensiv, dass jeder noch so widerwärtige Gestank dem Buch schon fast als Wohlgeruch entströmt. Sie verführt. Ein sinnlicheres Leseerlebnis hatte ich selten.

Wenngleich kein Film dieses flüchtige Reich der Gerüche und die Sprache, die es verströmt, visualisieren kann, so gibt es ihn doch schon. Laura hat ihn gesehen und mich am nächsten Tag angerufen. Ob ich das Buch hätte, es würde zu mir passen. Das Düstere, das Mysteriöse daran. – Aha! Meine zweite Haut. Nun trage ich diese nicht gerade zu Markte, aber vielleicht hat sie ja meine Elfchen gelesen, und die haben einen gewissen Eindruck in ihr erweckt. Ich weiß es nicht.

Zeit der Krähen mal wieder. Das Düstere, das Mysteriöse begegnet mir auf Schritt und Tritt. Ein Vogel, ein Gedicht, ein Motiv, eine Assoziation ziehen sich wie ein roter Faden durch die Woche.

Ich hatte den Winter so satt. Jetzt werde ich den Geruch des Herbstes nicht los.

Lila, Lila

345 Seiten Warten auf einen Tsunami.

345 Seiten Lesen wie in einer einzigen Ruhe vor dem Sturm, in der das Aufwallen der ganz großen Gefühle einfach ausbleibt und dramatische Konflikte stillschweigend vor sich hin dümpeln.

Worauf die geneigte Leserin wartet, fand bereits andernorts statt. In jenem Buch nämlich, um das sich die Geschichte von „Lila, Lila“ rankt und vom vermeintlich wahren Leben erzählt. Die ganz großen Gefühle versanden am Strand des Lebens, und dramatische Konflikte lassen sich immer wieder geschickt umschiffen oder werden schlicht und wenig ergreifend einfach fort gespült. Im vermeintlich wahren Leben ist das so.

Ist das wirklich so, Herr Suter? Und das wirklich wahre Leben findet dann im nächsten Buch statt?

…Ein böiger Wind trieb den Regen an die großen Scheiben des Zimmers. Die Lampen an den Oberleitungen schaukelten im Sturm und tauchten die Straße in ein unruhiges Licht. Ein Auto mit aufgeblendeten Scheinwerfern fuhr langsam vorbei. An den Auslegern der Baukräne leuchteten kleine Punkte.

Die einzige Lichtquelle im Zimmer war Davids Bildschirm. Er saß davor und starrte auf das senkrechte Strichlein. Schreibschon, schreibschon, blinkte es.

David legte die kleine Schatulle mit dem blauen Saphir neben die Tastatur und begann zu schreiben:

Das ist die Geschichte von David und Marie. Lieber Gott, lass sie nicht traurig enden.

Martin Suter, „Lila, Lila“