Frau am Fenster III

I don’t rise to the occasion unless I’m really moved.

Elisabeth Peyton

Elisabeth Peyton - Annette Greenwich St. - 2004
Elisabeth Peyton, „Annette Greenwich St.“ (2004)

Zitat und Bild haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Aber ich mag das Motiv der Frau am Fenster sehr. Und auf diesem Bild begeistern mich die Details oder was ich in ihnen zu erkennen glaube. Die Passionsblume auf der Fensterbank, aus deren Ranken mir noch einmal das Gesicht der Porträtierten entgegen blickt. Die Passionsfrucht, deren leuchtendes Orange so schön mit ihrer Kleidung korrespondiert. Passion, von lateinisch pati „erdulden, erleiden“ bzw. passio „das Leiden“ oder – im allgemeinen Sprachgebrauch: Passion für Leidenschaft, Vorliebe, Liebhaberei. Ich denke auch an einen Tweet, den ich gestern las: The sound of resilience…

Ein Beitragsfaden zu Elisabeth Peyton findet sich bei der Mützenfalterin und Zeichnungen von Passionsblüten bei Susanne Haun.

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen…

…Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt / Und langsam die schweren Lider senkt. / Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

Georg Trakl, „Ellis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft“

Edouard Manet - Jeanne Duval, Baudelaire's Mistress, Reclining (Lady with a Fan) - 1862
Edouard Manet, „Lady with a Fan“(1862)

Die Dame mit dem Fächer war Charles Baudelaires Geliebte Jeanne Duval. Manet malte sie im Jahr ihres vermuteten Todes – 1862. Sowohl Baudelaire als auch Duval waren an Syphilis erkrankt. Es scheint ungeklärt, wer von beiden tatsächlich zuerst verstarb.

Im Zeitpunkt der Entstehung dieses Bildes war Jeanne bereits erblindet und gelähmt. Zwei schwarze Augenhöhlen, ein ungelenk unter der Krinoline hervorragendes Bein und eine unproportioniert groß und männlich wirkende Hand irritieren den Betrachter. Gleichzeitig quillt das Bild beinahe über von einem Berg aus Tüll, der wie in einem letzten Aufbäumen die Hinfälligkeit des Körpers unter sich begräbt. Halb weht es, halb liegt es kunstvoll drapiert über die Lehne des Canapés, ein zartes Gardinengespinst, dahinter das letzte Gold verfallener Sterne bereits verglüht scheint.

Aufmerksam wurde ich auf das Bild durch einen raffinierten Schnappschuss von Gueorgui Pinkhassov.

Woman at a Window waving at a Girl

Jacobus Vrel,
Jacobus Vrel, „Woman at a Window waving at a Girl“ (ca. 1650-1700)

Vieles in diesem Bild spricht gegen seinen Titel. Als würde die Hand der Frau, die wir nur von hinten sehen – wenn sich wenigstens ihr Gesicht im Fensterglas spiegeln würde – in einer Geste der Ungläubigkeit an die Scheibe fassen, als handelte es sich bei dem Mädchen um ein vermeintliches Trugbild, dessen Erscheinung nur durch Berührung wahr werden könnte. Dieses Kind, das wie ein Licht in dunkler Nacht vor dem Fenster auftaucht, was macht es überhaupt zu offensichtlich später Stunde da draußen im Stockfinsteren? Und wie oft und wie lange mag die Frau schon dort gesessen haben in diesem nicht besonders bequem anmutenden Stuhl. Tatenlos vermutlich. Bis sie plötzlich ruckartig nach vorne schnellt, weil das, wonach sie vielleicht Ausschau gehalten haben mag – oder auch nicht -, weil auf einmal etwas wie aus dem Nichts und zum Greifen nahe vor ihr steht. Wenn auch nur fast. Nietzsche fällt mir ein: …Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Oder Edgar Allan Poe:

Take this kiss upon the brow! / And, in parting from you now, / Thus much let me avow – / You are not wrong, who deem / That my days have been a dream; / Yet if hope has flown away / In a night, or in a day, / In a vision, or in none, / Is it therefore the less gone? / All that we see or seem / Is but a dream within a dream…

Well, folks: Take this kiss upon the brow! Das Hamsterrad ruft, hier wird es nun zwangsläufig wieder etwas ruhiger werden. Ich danke vielmals und ganz herzlich für Eure Aufmerksamkeit, und wo immer Ihr seid: Let your nodes glow on in the dark!

Becoming a Vermeer

Diese helle Freude, wann immer mir ein Vermeer begegnet, was will sie mir sagen?

Ein Tag kann eine Perle sein / Und hundert Jahre – Nichts!“, schreibt Gottfried Keller über die Zeit. Und der Guardian über Gerhard Richters Lesende: “He snaps his daughter reading a letter, meditative in the sunshine, and she becomes a Vermeer.”

Bündele das verfügbare Licht, gieße alle Hingabe in den Moment und werde zu einem Vermeer. So einfach ist das.

A thin place ist ein alter keltischer Ausdruck für einen Ort, an dem der Schleier zwischen Himmel und Erde fast transparent ist. Und in den hebräischen Schriften gibt es eine Erzählung, nach der sich Gott anlässlich dramatischer Ereignisse erst recht nicht zu erkennen gibt, selbst wenn wir uns gerade in solchen Momenten besonders danach sehnen. Dagegen tritt er als kaum wahrnehmbares Flüstern in Erscheinung, in a thin silence, da, wo wir ihn am wenigsten vermuten und vermeintlich brauchen würden.

Vermeer übte keine Gesellschaftskritik. Seine Frauen sind keine ausgemachten Schönheiten wie die Mona Lisa oder Botticellis Unvergleichliche. Die Sujets gleichen sich, unterscheiden sich lediglich in dem, was seine Figuren gerade tun und worin sie so ganz und gar aufgehen. Wie der Maler selbst, vermutlich.

Ich möchte mein Ohr an diese Bilder legen. Ich würde zu gerne jenes kaum wahrnehmbare Flüstern vernehmen, das Vermeer in ihnen eingschlossen hat und das die Jahrhunderte überdauert wie die Inklusen zartgeflügelter Insekten in Bernstein.

„Ein Etwas, form- und farbenlos, / Das nur Gestalt gewinnt, / Wo ihr drin auf und nieder taucht, / Bis wieder ihr zerrinnt.“

In the ponds broken off from the sky

(Ich gebe zu, die Übersetzung gefällt mir besser als das Original.)

Während Twomblys Schriftbild bereits zu verblassen droht, scheint das Wort fishes mit einer Strömung zu schwimmen und im Begriff, von ihr aus dem Bild getragen zu werden. Im Gegensatz dazu das saftige Grün der Pflanzen, die den kleinen Teich schon fast völlig überwuchert haben… in the ponds broken off from the sky my falling sinks. Auch der Mythos von Narziss, dessen Identiät vom eigenen Spiegelbild verschluckt wird, mag hier noch irgendwo zwischen den Zeilen lauern. Und der Betrachter steht zögernd irgendwo auf der Schwelle zwischen Wort und Bild…

Gedankenranken

Himbeere
Himbeere

Um Himbeeren, Sprechblasen, Spruchbänder und Erdbeeren. Der Auslöser war ein Gedicht. Das Gedicht folgt im Anschluss.

Die Fähigkeit, aus dem eigenen Speichel Blasen zu bilden, ist Teil der sprachlichen Entwicklung des Menschen. Bevor das erste Wort seine Lippen verlässt, müssen sämtliche Sprechwerkzeuge aufeinander abgestimmt werden. Spitting bubbles ist eine der kleinstkindlichen Übungen, um die Bewegungen des Mundes koordiniert zu bekommen. Erwachsene haben diese Fähigkeit insofern verfeinert, als sie den Speichel nach bestem Vermögen durch die reine Atemluft ersetzen. Blowing raspberries nennt sich das auf Englisch. Mütter und Väter tun es gerne auf den nackten Bäuchen ihrer Babys:

Enge Grünlippmuschel Himbeer Mund spucken; Komödie Küsse, Lippen klatscht, Himbeeren & Pfeifen.

So lautet die Beschreibung der sich dahinter verbergenden Sounddatei. Der geneigte Leser klicke also auf den Link, um zu hören, wovon hier die Rede ist.

In diesem Zusammenhang fiel mir auf, dass ich die Sprechblase bislang vollkommen vernachlässigt habe. Dabei wurde schon im Mittelalter Gesprochenes auf Gemälden und Druckgrafiken durch flatternde Bänder (Spruchbänder) angedeutet.

Venus steckt in allen Frauen, meint der Kunsthistoriker Professor Eberhard König zum Liebeszauber eines unbekannten niederrheinischen Meisters. Es lässt sich also nicht genau sagen, ob eine heidnische Göttin, eine gute Fee oder nur ein einfaches Mädchen vom Niederrhein das riesige Herz beträufelt, das in einer eigens dafür vorgesehen Schatulle ruht. Versonnen blickt die Frau auf ihr magisches Werk, während in ihrem Rücken ein junger Mann den Raum betritt. Der Meister selbst mag gespürt haben, dass seine Kunst dem Anspruch nicht genügen wollte, nämlich das eigentlich Gemeinte adäquat auszudrücken. Vielleicht lässt er deshalb die Frau und den Mann in ihrem Rücken selber zu Wort kommen und ihre Sätze als geschwungene Spruchbänder durch den Raum ziehen. Sogar der Hund und das in der Schatulle geborgene, gefangene, versteckte oder prunkende Herz haben etwas zu sagen. Das Herz aber scheint jene Erdbeere zu sein, die im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch wahrscheinlich schon längst zu einem allgegenwärtigen Motiv der Wollust geworden ist…
Aus Babeltrack

auf einer insel sitzen, ein kind haben, kindhaben
das gegenteil von verinselung, nämlich archipel werden, die
ränder schwemmen auf, werden durchlässig, bilden neue
festländer für versorgungen – fähren unterwegs bis in den
morgen, ziehen milchbahnen hinter sich her, milchbahnen
und fransige schlafbänder, so dass auch die festländer
wieder dösen, sich lösen von allem, und in der sprach der
insel macht es war, in der sprache des kindes macht es
noch sauglaut, bald sprachlaut, in der schnipselsprache
der mittendrin tippenden schlagen blasen, werden sachen
aufgelesen, steht in einer blase jakobson, sagt: die kinder
mit ihren wilden lauten, mit dem ersten blustern lallen,
sind sie in der lage, alle denklichen laute aller sprachen zu
erzeugen, blase steigt auf, welche sie dann vergessen, blase
schwebt bedeutungsschwanger überm Mittag, wenn sie ihre
muttersprache lernen, platzt

Uljana Wolf, aus: „Meine schönste Lengevitch“

Notiz an die Mützenfalterin: Tausend Dank fürs Auflesen und zu mir Herüberschweben lassen…

Augenpaare

Mag sein, die beiden Bilder erwecken einen eigenartigen Gesamteindruck.

Frida Kahlo zierte mit ihrem Selbstbildnis aus dem Jahr 1930 mein Kalenderblatt im Monat Mai. Nähere Informationen dazu konnte ich kurzfristig nicht beitreiben. Zufällig stolperte ich über das gleichfalls 1930 entstandene Bild „American Gothic“ von Grant DeVolson Wood. Vielfach kopiert und parodiert. Wood selber beantwortete Fragen nach den Absichten, die er damit verfolge, ausweichend: Es stelle „Typen“ dar, die er schon sein ganzes Leben lang kenne und die er nicht bloßstellen wolle. Eine Aussage, die möglicherweise einer gewissen Süffisanz nicht entbehrt.

Das Haus hatte der Künstler im August 1930 in Eldon, Iowa auf der Suche nach Inspiration zufällig aus dem Autofenster heraus gesehen und beschlossen, es zu malen. Die Figuren entwarf er nach seiner Vorstellung von Menschen, die in einem solchen Haus leben könnten. Wood bat seine Schwester Nan und seinen Zahnarzt Dr. Byron McKeeby im Studio Modell zu stehen und kleidete sie dafür in ländlich-kolonialem Stil.

Gemeinsam ist beiden Bildern die Art der Darstellung. Sie erinnert an Posen der Porträtfotografie. Darüber hinaus haben sie eigentlich nichts miteinander zu tun. Außer dass sie in mir eine Art Déja Vu hervorrufen, a kind of glitch in the matrix…

Malerinnen / Romaine Brooks

Eine schöne Frau malt schöne Frauen. In sämtlichen Nuancen zwischen reinem Weiß und reinem Schwarz. Grau, grau, grau ist alles, was ich liebe… schimmernd, strahlend, so die eigentliche Bedeutung des althochdeutschen grāo dereinst. Die Bilder der Romaine Brooks changieren zwischen Widersprüchen. Ihre Frauen leuchten wie Solitäre auf der Leinwand. Einzigartig einsam oder unabhängig oder beides. Unberührbar in ihrer Strenge und dabei unendlich sanft eingebettet in all die Zwischentöne, die Romaine Brooks mit ihrer unbunten Palette zum Klingen bringt.

Romaine Brooks, "Renata Borgatti Au Piano" (1920)
Romaine Brooks, „Renata Borgatti at the Piano“ (1920)

 

Malerinnen / Maria Wiik

Auf Maria Wiik stieß ich in Zusammenhang mit Anna Anchers Mädchen in der Küche. Bei Wikipedia hieß es dazu:

Anna Anchers Bild „Pigen i køkenet“ (Mädchen in der Küche) von 1886/87 zeigt ebenso wie das 1889 entstandene Bild „Maailmalle“ (Hinaus in die Welt) der Finnin Maria Wiik eine Frau vor der Folie eines von Sonnenlicht durchschienenen Vorhangs. Die Frauen werden durch die Lichtregie erneut gerahmt; ihre Konturen verschärfen sich im Gegenlicht und ihre Köpfe scheinen selber Licht auszustrahlen. Anna Ancher baut einen Farb- und Strukturkontrast zwischen dem hellgelben, durchscheinenden Vorhang und der tiefschwarzen Bluse der Frau am Fenster auf, der durch den roten Rock verstärkt wird. Derselbe Kontrast wird von Maria Wiik angewendet und umgibt in ihrem Bild die stehende junge Frau mit einer Aura.

Maria Wiik, "Hinaus in die Welt" (1989)
Maria Wiik, „Hinaus in die Welt“ (1989)

Außer einem Eintrag auf Suomi konnte ich keine weiteren nennenswerten Informationen zu Maria Catharina Wiik (1853-1928) ausfindig machen. Ihre  Bilder von Kindern und Jugendlichen hinterlassen bei mir einen überzuckerten Nachgeschmack. Was mir an diesem hier gefällt: Wie sie den Moment des Verlassenwerdens der, vermutlich, Mutter durch die Tochter in Szene setzt. Die eine im Schein des Gegenlichts, das Gesicht der anderen fast schon erloschen. Der Strohhut, auf den der Blick der Alten gerichtet ist, wenn er nicht ins Leere geht, und den das Mädchen gleich vom Stuhl nehmen und sich aufbinden wird, leuchtet wie ein Vorschusslorbeer für die, die von ihm bedeckt hinaus in die Welt treten wird. In der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich kleidet, liegt ja fast eine gewisse Grausamkeit, so absichtslos und unvermeidlich, wie der natürliche Gang des Geschehens in diesem Bild.

Malerinnen / Anna Ancher

Beim Googeln des Begriffes Malerinnen erhält man an erster Stelle einen Verweis auf die Seite von Fembio und eine Liste diverser Berühmtheiten, die dort unter diesem Schlagwort geführt wird. Berühmt ist nicht das Kriterium, aber nur die Hälfte der in alphabetischer Reihenfolge aufgezählten Namen kenne ich. In etwa. Ein Einstieg in medias res also. Den zweiten Hinweis auf einen Artikel bei Wikipedia merke ich mir: Frauen in der Kunst. Reich illustriert mit Selbstbildnissen von Malerinnen aus allen Epochen der Kunstgeschichte. Von diesen ist mir immerhin die eine oder andere schon begegnet.

Der Fembio-Film zu Anna Ancher, dem ersten Namen auf der Liste, gewährt Einblicke in ihr komplettes Schaffen. Bei Wikipedia gibt es auch einen lesenswerten Artikel über Leben und Werk dieser dänischen Malerin des Impressionismus, deren Arbeiten zu den Themenschwerpunkten Interieurs, Porträts, Mutter und Kind, Die blinde Frau, Trauer, Reisigsammeln, Erschöpfung und Schwermut, Geflügelrupfen, Schafschur und Schafwäsche sowie Landschaften mich sofort in ihren Bann ziehen. Bei den Interieurs fallen mir die magischen Licht- und Schattenspiele ins Auge, die immer wieder an den Vorhängen und Wänden der dargestellten Innenräume aufscheinen.

Anna Ancher, "Mädchen in der Küche" (1986/87)
Anna Ancher, „Mädchen in der Küche“ (1986/87)

Und das Porträt der Mutter ruft mir ein Projekt in Erinnerung, das ich mir vor einiger Zeit schon einmal vornehmen wollte: Maler und ihre Mütter. Ich mag es, wenn sich solche weiten Felder auftun.

Notizen

Noti t zen schreibt man so. Immer, wenn ich dieses Wort verwende, muss ich an eine diskrete Geste denken, mit der ich während einer Klassenarbeit auf meinen Rechtschreibfehler aufmerksam gemacht wurde. Ich sehe eine Hand, die mir unauffällig einen kleinen Zettel zuschiebt. Die korrekte Diktion ist mir nie in Fleisch und Blut übergegangen. Immer setzt die Zeit für einen kurzen Moment aus, und der Akt des Schreibens wird von der Erinnerung überblendet, die das Wort Notizen in mir auslöst.

Was hat Duchamps Akt, eine Treppe herabsteigend mit mir zu tun? Wenn ich das Bild auch kannte, die Druckwelle verspürte ich erst beim Lesen von Illies‘ Beschreibung: Eine Frau, die Raum und Zeit durchschreitet – sie katapultierte mich direkt in einen Raum vor dieser Zeit:

2011-11-01_out-of-a-dreamZu Duchamps Bild gibt es einen exzellenten Artikel bei Wikipedia.

Das Gemälde vereint Elemente des Kubismus und des Futurismus und ist vom noch jungen Medium Film, von fotografischen Bewegungsstudien und von der Chronofotografie, mit der unter anderem Thomas Eakins, Étienne-Jules Marey und Eadweard Muybridge experimentierten, beeinflusst. Vornehmlich Muybridges Serienfotografie Woman Walking Downstairs aus dessen 1887 veröffentlichter Bildserie The Human Figure in Motion und die 1890-91 entstandene fotografische Bewegungsstudie Man Walking von Étienne-Jules Marey dienten Duchamp als Anregungen.

Eadweard Joseph Muybridge, "Woman Walking Downstairs" aus der Serie "The Human Figure in Motion" (spätes 19. Jahrhundert)
Eadweard Joseph Muybridge, „Woman Walking Downstairs“
aus der Serie „The Human Figure in Motion“
(spätes 19. Jahrhundert)
Étienne-Jules Marey, "Man walking"
Étienne-Jules Marey, „Man walking“

Im Unterschied zum Futurismus, der sich mit der reinen Abbildung von Bewegungsabläufen, der „statischen Bewegung“, auseinandersetzte, wollte Duchamp allerdings „den visuellen Eindruck der Idee von Bewegung“ wiedergeben. Ihm war es nicht wichtig, „ob es sich um eine reale Person, die eine reale Treppe herabsteigt, handelt oder nicht.“

Was den Schluss nahelegt, dass sich auch die Frage, ob es sich bei der Person, die in Duchamps Bild eine Treppe herabsteigt, um eine Frau oder einen Mann handelt, für ihn nicht stellte. Und doch scheint sie bei der Interpretation eine der spannendsten überhaupt zu sein, wie dieses Gedicht zeigt, das aus einem Wettbewerb um die Enträtselung des Bildes als Gewinner hervor ging:

Du hast versucht, sie zu finden,
Und hast vergebens geschaut
Das Bild hinauf und hinab,
Hast versucht, sie zusammenzusetzen
Aus tausend zerbrochenen Stücken
Hast bald dich zu Tode gemartert;
Den Grund für dein Scheitern ich sagen kann:
Es ist keine Lady, er ist nur ein Mann.

Der Preis war übrigens mit 10 Dollar dotiert.

Ich frage mich also nicht nur, was dieser Akt, eine Treppe herabsteigend mit mir zu tun hat sondern auch, was Illies dazu veranlasst, von einer Frau, die Raum und Zeit durchschreitet, zu sprechen, und: Wie meine Reaktion wohl ausgefallen wäre, wenn hier nicht von einer Frau die Rede gewesen wäre.

Kurz nachdem Marcel Duchamp mit seiner Malerei endlich in aller Munde war, erklärte er, sie langweile ihn und das Thema „mit Bewegung vermischte Ölfarbe“ für beendet:

Für mich ist die Malerei veraltet. Sie ist Energieverschwendung, keine gute Masche, nicht praktisch. Wir haben jetzt die Photographie, das Kino – soviel andere Wege um das Leben auszudrücken.

Eadweard_Muybridge_1Der Rest ist bekanntlich Geschichte.

„I don’t feel good.“

Frida Kahlo, "Portrait of (1931)
Frida Kahlo, „Bildnis Luther Burbank“ (1931)

I don’t feel good, waren die letzten Worte von Luther Burbank am 11. April 1926. Unschwer nachvollziehbar. Wer aber war dieser Luther Burbank. Das fragte ich mich natürlich auch, als ich das erste Blatt meines diesjährigen Kalenders aufschlug. Ich war übrigens so frei, mich beim Verkäufer wegen eines Preisnachlasses aufgrund des bereits angebrochenen Neuen Jahres zu erkundigen. Der winkte ab. Wenn überhaupt, werden Kalender erst ab 15. Januar reduziert, die meisten Verlage rufen ihre bis dahin nicht an den Mann oder die Frau gebrachten Exemplare neuerdings jedoch zurück und stampfen sie ein. Same procedure as everywhere. Erwarb ich ihn also zum vollen Preis inklusive Obolus für die Entsorgung des anstehenden Altpapiers. Es ist zum Auswachsen.

Apropos Auswachsen. Abgesehen davon, dass ich ab und an ein scharfes Chili zubereite, werden in meiner Küche derzeit keine Fiestas à la Frida Kahlo gefeiert. Ihr Bildnis Luther Burbank, seines Zeichens US-amerikanischer Pflanzenforscher bzw. -züchter, geboren 1849 und gestorben, wie bereits erwähnt, 1926, ziert die weiße Wand dafür um so mehr. Inspiriert  von Charles Darwin hatte er sich die Pflanzenauslese durch Selektion und das Kreuzen neuer Sorten zur Lebensaufgabe gemacht. Burbanks Arbeit führte 1930 schließlich zur Einführung eines Gesetzes über die Patentierbarkeit von Pflanzensorten.

Wikipedia schreibt:

Luther Burbank war zu seiner Zeit unglaublich populär, ein Star im Bereich der Botanik und Pflanzenzüchtung. Er galt als „Pflanzenzauberer“. Noch heute bedeutet das Verb „to burbank“ so viel wie Verändern und Verbessern von Pflanzen, und die Kartoffelsorte „Burbank“ zählt zu den wichtigsten auf dem US-Markt.

In einem Zeitungsinterview kurz vor seinem Tod ließ Burbank verlauten, er glaube nicht an die Unsterblichkeit der Seele.

Auf ihrem Portrait von 1931 zeigt ihn Frida Kahlo als Hybriden, halb Mensch halb Baum, der in seinem toten Körper wurzelt. The fertilization of life by death… ein Thema, das auch in ihren späteren Bildern immer wieder auftauchen sollte.

Ich schätze mal, Luther Burbank hätte es gefallen.

One Cent Life

Die Hoffnung auf das gleichnamige Gedicht von Walasse Ting muss ich wohl fahren lassen. Was bleibt ist die Möglichkeit, dereinst vielleicht in der Universitätsbibliothek Düsseldorf einen Blick in das gleichnamige Künstlerbuch werfen zu können und last but not least die Erinnerung an den Besuch der Ausstellung „Kunst der Sechziger“ des Kunstvereins Nümbrecht mit Kater und Sohn.

Und die Moral von der Geschicht: Gehe nie in eine Ausstellung ohne Notizbuch und Stift nicht.

Tagesbild

Seit ungefähr drei Jahren verfolge ich nun die Tagesbilder von Edward B. Gordon.

Zu diesem hier kehre ich immer wieder zurück:

„The Cathedral At Dawn“

Sieht aus, als hätte der Künstler es nicht fertig gemalt. Als bestünde der Reiz der Morgendämmerung auf diesem Bild einfach im Fehlen von ein paar Farbschichten mehr.

Also im Weglassen.

Der Dom schwebt wie eine Fata Morgana inmitten der Stadt. Vielleicht ist es die Art und wie Weise, wie die Stimmung der Form entweicht, die mich so fasziniert. Als hätte es für dieses Bild nur eine Rohskizze von der Stadt gegeben, nicht aber von der Erscheinung des Domes.

Und Ihre Zeichnungen sehen so aus wie die Träume?, fragte Inga. Finden Sie, dass auf dem fertigen Bild alles genau stimmt? Miranda beugte sich vor und machte eine Geste mit der rechten Hand. Nein, sagte sie. Nicht so, wie Sie das meinen. Ich fange nach dem Aufwachen mit einer Rohskizze an und fülle sie dann schrittweise auf, suche einen Weg, damit in dem Bild das richtige Gefühl zum Ausdruck kommt.

Siri Hustvedt, „Die Leiden eines Amerikaners“

Ich selbst habe heute Lippenstift aufgetragen. Komisches Gefühl. Als hätte ich mein Tagesbild heute übertüncht und dem richtigen Gefühl damit die Gelegenheit genommen, sich Ausdruck zu verleihen.