Der Schwimmer

Mein Vater hat gesagt, wenn du fahren willst, kannst du fahren, schon vor Monaten hat er das gesagt, und seither warte ich darauf, daß man mich läßt. Man hat mir erklärt, es wird dauern, ich werde warten müssen, vielleicht länger, als ich denke, bestimmt länger, und ich habe gesagt, es macht nichts, es macht gar nichts, ich kann warten, und dann habe ich noch einmal gesagt: Ich kann warten, ja.

Zsuzsa Bánk, „Der Schwimmer“

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Der Schwimmer

Wir.

Ich hatte wenige Erinnerungen an meine Mutter. Im Grunde kannte ich sie nur von Fotos, die mein Vater in einem kleinen Kasten aufbewahrte. Schwarzweißbilder waren es, mit dickem weißen Rand. Meine Mutter beim Tanz. Meine Mutter mit geflochtenen Zöpfen. Meine Mutter barfüßig. Meine Mutter, die ein Kissen auf dem Kopf balancierte. Ich schaute mir die Bilder häufig an. Es gab Zeiten, in denen ich nichts anderes tat.

Zsuzsa Bánk, „Der Schwimmer“

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Die hellen Tage

Zigi hat das schiefhängende Tor gerichtet. Damit es getan ist, wenn der Winter kommen und Kirchblüt zudecken wird. Es schleift nicht mehr am Boden, es schiebt keine Steinchen mehr durch den Staub. Aber es ist ein Klang, der mich nie verlassen wird, ich kann ihn noch immer hören, jedes Mal, wenn ich das Tor öffne, um die wenigen Schritte über die losen Platten zu Évis Haus zu gehen, kann ich es hören, das Schleifen der Steinchen im Staub, und ich bin sicher, Aja und Karl, sie hören es auch.

Zsuzsa Bánk, „Die hellen Tage“

Die hellen Tage

Zirkusmädchen

Ich kenne Aja, seit ich denken kann. Ich habe kaum eine Erinnerung an eine Zeit vor ihr, an ein Leben, in dem es sie nicht gegeben hat, keine Vorstellung, wie sie ausgesehen haben könnten, Tage ohne Aja. Aja gefiel mir sofort. Sie sprach laut und deutlich und kannte Wörter wie Wanderzirkus und Schellenkranz. Zwischen anderen sah sie winzig aus, mit ihren kleinen Händen und Füßen, und als müsse sie dem etwas entgegensetzen, sprach sie in langen Sätzen, denen kaum jemand folgte, als wolle sie beweisen, dass sie laut reden konnte, ohne Pause und ohne Fehler. Sie zog in dem Jahr zu uns, in dem für uns Kinder nichts lustiger war, als unsere Namen rückwärts aufzusagen und uns laut Retep oder Itteb zu rufen. Aja hieß immer nur Aja.

Zsuzsa Bánk, „Die hellen Tage“

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