Sand

Er spürte, dass er bis zu diesem Moment geglaubt hatte, unsterblich zu sein. Er schlang sich die Kette um den Hals. Er drückte das Gesicht in den Schlamm. Er schlug die Stirn gegen die Eisenstange. Mit einem Schrei tauchte er wieder auf. Er schrie den Namen, der ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge gelegen hatte. Jetzt hallte er von den Wänden wider ins Nichts.

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Vermutlich ist es der Name der platinblonden Frau, den sich der Mann ohne Gedächtnis im Angesicht des Todes von der Seele schreit und der von den Wänden widerhallt ins Nichts. Ein Nichts, das die Liebe nicht zu besiegen vermag. Nicht dass ich es nicht geahnt hätte. Liebe, Schönheit, alles was einem ein Tüpfelchen Trost verspricht im Leben, am Ende liegt alles in Schutt und Asche:

Er hob seine Schaufel hoch wie ein Priester die Bundeslade, zeigte sie den Ungläubigen und schob den ganzen Schamott den Hügel hinab.

Man könnte tatsächlich zum Ungläubigen werden im Angesicht von so viel, ja, Zynismus? Wenn es nicht ein Buch wäre. Eine Art existentieller Thriller, ein bisschen Quentin Tarantino, ein bisschen Nihilismus, schrieb Gian Snozzi. Und in der Tradition der Klassiker unter den Detektiv- und Spionageromanen. Zuweilen wähnte ich mich auch in einem Science-Fiction-Roman à la Philip K. Dick. Wie man all diese Anklänge unter seinen eigenen Hut bringen und die Spannung auf 470 Seiten ununterbrochen aufrecht erhalten kann, das bewundere ich zutiefst.

Atempausen waren mir jedenfalls bis zum Schluss keine vergönnt. Ein Tüpfelchen Trost auch nicht.

Advertisements

Sand

Er verhielt sich ganz still, und auch die Gegenseite hielt den Atem an. Doch er war sich ganz sicher. Hinter einem Grabstein aus Nacht ein blondes Lockenbündel.

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Fenster zur Welt

Fenster zur Welt

Short Messages von meinem Sohn aus Ordu an der türkischen Schwarzmeerküste. Das ein oder andere ist schon mal missverständlich, weil Netzjargon und heimgesucht von den Tücken des Text on 9 keys. Dann fügt es sich in meinem Kopf zu klassischen Fernschriften: Viele Mischehen stop Korrektur stop Moscheen zum Beispiel.

Als Tonnachrichten erreichen mich die Rufe des Muezzins zum Gebet, der ganz normale Wahnsinn im Straßenverkehr einer türkischen Stadt und das Plätschern von Wasser. Bilder von Haselnussbäumen, so weit das Auge reicht.

„Die Wirklichkeit ist ein Spiegel“, sagte Michelles Stimme, „durch den deine Hand hindurchgreift.“ *

* Zitat Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Sand

„Sie würden einen guten Detektiv abgeben. Wirklich. Aber der Wandertrieb heißt nicht umsonst Wandertrieb. Der Mensch mit dem Wandertrieb ist in seinem Inneren leer: Der wandert, weil er wandert. Der sieht einen schönen Fluss und denkt sich, da geh ich mal diesen Fluss entlang, und so geht der Hunderte Kilometer, und dann wird der manchmal aufgegriffen, und wenn man ihn fragt, warum, dann kann der das nicht beantworten. Der hat komplett vergessen, was ihn forttreibt. Der ist durchdrungen von schöner Gleichgültigkeit. Erstens. Zweitens: Wenn Ihre Verfolger tatsächlich real sind, dann ist das zwar ein schöner Ansatz für seelische Nöte, wie Sie eben in Ihrer Rolle als Sherlock Holmes richtig herausgefunden haben.“ Dr. Cockcroft schloss kurz die Augen, als versuche er, sich die vier Männer bildhaft vorzustellen. „Da werden Sie also von diesen Typen in der Wüste so lange unter Druck gesetzt und misshandelt, bis Sie schwer traumatisiert sind. Sehr schön. Da brauchen wir den überflüssigen Schlag auf den Kopf gar nicht mehr, der kann jetzt einfach so erfolgen, als Sahnehäubchen sozusagen. Aber. Und jetzt kommt das große Aber. Ein Trauma, das so schwerwiegend ist, dass es Ihre gesamte Identität zum Verschwinden bringt, würde unter anderem auch Ihre Verfolger verschwinden lassen. Sogar an allererster Stelle die. Verstehen Sie? Das, was Sie traumatisiert, wird als Erstes weggeblendet. Das ist ja der Sinn der Sache. Wenn alles weg ist, ist auch die Erinnerung an das initiale Geschehen weg. Insbesondere an vier Männer und einen traumatischen Wagenheber. Sie dürfen Watson zu mir sagen.“

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Temporäre Gewissheiten

Frech. Fromm. Frei. Frau. Mit diesen vier F-Worten wirbt eine Partei für eine ihrer Kandidatinnen. Scharf umrissen. So scharf wie das Konterfei der Dame von ihrem platinblonden Helm aus Haar. Wie frisch geschmiedet verleiht er ihr den vielleicht letzten Schliff. Scharf sitzt auch der Scheitel. Mitte-Rechts. Gezogen wie von Messers Schneide über einem Paar stahlblauer Augen. Dies ist es! Es gibt keinen tieferen Sinn: Dich möchte ich nicht zum Schwesterle haben. Das Scharfe wurde ja aus dem Riesenschlund des Nebels geboren. Das Barmherzige war, wenn der Schlund sich schloss. Wenige Meter weiter baumelt das große Brüderle von einem Laternenpfahl. Das Gesicht weich wie ein Kinderpopo oder wie geschmirgelt mit einem Schleifpapier allerfeinster Körnung. Sämtliche Ecken und Kanten gebrochen. Ja, das Barmherzige…

Das Barmherzige daran ist auch, dass es mir eine Reminiszenz an „Das Buch der Gleichnisse“ beschert. Und dass Brüderle mich an das Gleichnis von der ungespielten Geige erinnert. Wie sie dort hing! Wie ein frisch gehängter schwedischer Spion. Der stumm gaffte. Genug davon. Wenden wir uns ihm zu. Dem schwedischen Spion.

In dem Buch, das ich zur Zeit lese, gibt es eigentlich nicht viel zu lachen, aber dieser schwedische Spion mit Namen Lundgren, obwohl eigentlich schon tot, als von ihm die Rede ist, amüsiert mich. Erstens habe ich den drittklassigen Schauspieler Dolph Lundgren vor Augen. Zweitens hält er sich selbst höchstwahrscheinlich für James Bond. In der Wüste wird zwar kein Martini serviert, aber im Tee lässt sich ja bekanntlich auch rühren. Lundgren hat seine Lektion – Die Lektion heißt Überleben! – gelernt und dieses Überleben perfektioniert. Er ist so gut darin, dass er zwangsläufig paranoid werden musste. Was ihm wohl am Ende doch das Genick gebrochen hat. Vermute ich. Alle wichtigen Entscheidungen werden immer auf der Basis unzureichender Daten gefällt. Auch ein Lundgren hat nichts wirklich unter Kontrolle.

An dieser winzigen Episode um den schwedischen Spion Lundgren kann man ein Exempel statuieren, ein triviales vielleicht, aber immerhin ein Exempel für das bodenlose Fass an Assoziationen, aus dem Wolfgang Herrndorf beim Schreiben dieses Buches offensichtlich geschöpft hat. Und die Wüste ist womöglich die beste Metapher für dieses zufällige Universum, dem wir so verzweifelt einen Sinn zu geben versuchen. In dem wir nur uns selber haben und manchmal einander. Das klingt nach sehr wenig, aber recht viel mehr scheint es nicht zu geben. Genau an dieser Stelle kommt Helen ins Spiel.

Helen Gliese. Ein platinblonder Engel mit Handkanten, die sie wie zwei Schwerter einzusetzen weiß. Wenn es darauf ankommt. Vorgeblich ist sie für einen amerikanischen Kosmetikriesen auf dem afrikanischen Kontinent unterwegs. Noch so ein aberwitziges Detail, denn schon beim Verlassen des Flugzeugs zerschellt ihr Musterkoffer im heißen Wüstensand, und die geneigte Leserin fragt sich, welcher CIA-Agent sich diese lausige Tarnung wohl ausgedacht haben mag. Nur, seit sie sich des Mannes ohne Gedächtnis angenommen hat, will die unverbesserliche Romantikerin in mir gerne glauben, dass diese Frau einfach nur ein großes Herz hat und dass ich von Kindesbeinen an lese, um Figuren wie dieser zu begegnen.

Er spürte ein sonderbares Gefühl für diese Frau in sich aufsteigen, ein, wie er sich sagte, möglicherweise unangebrachtes und irregeleitetes Gefühl. Sie war es gewesen, die ihn gerettet hatte, sie hatte ihm ein Dach über dem Kopf gegeben und ihn gepflegt, sie war ein Rettungsanker in einer hoffnungslos versunkenen Welt. Es war nicht Dankbarkeit. Es war etwas anderes. Es schnürte ihm die Kehle zu.

Eine kleine Welle spritzte an ihr hoch, sie lächelte ein wenig undurchschaubar, und er fragte sich, ob ein menschliches Gehirn ein Bild so bezaubernd wie dieses, jemals vergessen könnte; ob er es schon vergessen hatte.

Während er noch zurücklächelte, spürte er tief aus seinem Innern einen Gedanken sich emporarbeiten, einen Gedanken, der, wie er jetzt deutlich fühlte, schon länger im Dunkel hin und her bewegt worden war: Was, wenn er sie tatsächlich von früher kannte? Wenn sie ihn kannte? Wenn sie ihm nur Theater vorspielte? Er sprang auf, lief den Strand hinunter, lief zurück und stolperte über zwei Badegäste. Helen bemerkte ihn erst, als er bis zu den Oberschenkeln im Wasser stand und schrie. Er kannte niemanden. Niemand kannte ihn. Er kannte sich selbst nicht. Er war verloren.

Der Wille, sein bisheriges Leben fortzusetzen, war längst nicht so stark wie der Wunsch nach Ruhe und Sicherheit. Auswandern nach Frankreich oder Amerika, ein unbelastetes Leben beginnen, sich langsam zurechtfinden an der Seite einer platinblonden Frau. War das nicht möglich?

Seit diese platinblonde Frau sich des Mannes ohne Gedächtnis angenommen hat, fürchte ich den Teufel, der noch in Gott weiß welchem Detail stecken könnte. Sämtliche Klischees, die Helen in sich vereint, dürften einem Funken Wahrheit entsprungen sein. Jedes einzelne kann gebrochen werden, und alle Wahrheiten lassen sich in Frage stellen. Was wissen wir eigentlich… sicher?

Sand

Staub wirbelte hoch. Flechtwände, Metallkanister, Sand, eine Kette, ein Quietschen. Licht durch ein offenes Tor. Im Tor Poseidon, der Gott des Meeres, mit rauschendem Bart und Dreizack.

Korrektur: ein Fellache mit Mistgabel.

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Sand

Der Mensch war eine Maske, die Welt nur Fassade und hinter allem ein Gedanke und ein Geheimnis. Und hinter jedem Geheimnis noch ein Geheimnis, wie der Schatten eines Schattens.

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Sand

Die Erkenntnis, nichts Besonderes zu sein, überfällt die meisten Menschen einmal in ihrem Leben, nicht selten gegen Ende der Schulzeit oder zu Beginn der Berufsausbildung, und die intelligenteren eher als die unintelligenten. Aber nicht alle leiden gleich stark darunter. Wer mit den Idealen des persönlichen Verdienstes, der Leistung, des Herausragens als Kind nicht ausreichend vertraut gemacht worden ist, wird das Bewusstsein blasser Durchschnittlichkeit vielleicht hinnehmen wie eine zu große Nase oder zu dünnes Haar. Andere wieder reagieren darauf mit den bekannten Fluchtbewegungen, die von exzentrischer Kleidung über exzentrisches Leben bis hin zur ehrgeizigen Suche nach einem Selbst reichen können, das im eigenen Inneren vermutet wird wie ein prächtiger verborgener Schatz, welchen die gnädige Psychoanalyse auch dem letzten Trottel zugesteht. Und die Sensiblen reagieren mit einer Depression.

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Sand

ERSTES BUCH: DAS MEER

I. TARGAT AM MEER

Wir schicken jedes Jahr – und scheuen dabei weder Leben noch Geld – ein Schiff nach Afrika, um Antwort auf die Fragen zu finden: Wer seid ihr? Wie lauten eure Gesetze? Welche Sprache sprecht ihr? Sie aber schicken nie ein Schiff zu uns.

Herodot

Auf der Lehmziegelmauer stand ein Mann mit nacktem Oberkörper und seitlich ausgestreckten Armen, wie gekreuzigt. Er hatte einen verrosteten Schraubenschlüssel in der einen Hand und einen blauen Plastikkanister in der anderen. Sein Blick fiel über Zelte und Baracken, Müllberge und Plastikplanen und die endlose Wüste hinweg auf einen Punkt am Horizont, über dem in Kürze die Sonne aufgehen musste.

Als es so weit war, schlug er Schraubenschlüssel und Plastikkanister gegeneinander und rief: „Meine Kinder! Meine Kinder!“

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

057889259-sand