Utopia

Insel auf der sich alles klärt.

Hier steht man auf dem Boden der Beweise.

Hier gibt es keine anderen Wege außer dem Weg des Zugangs.

Die Sträucher sind brechend voll Antwort.

Hier wächst der Baum der richtigen Aussicht mit den für ewig entworrenen Zweigen.

Der blendend einfache Baum der Einsicht am Quell, genannt Ach So Ist Das Also.

Je tiefer waldeinwärts, um so breiter liegt das Tal der Selbstverständlichkeit offen.

Und gibt’s einen Zweifel, dann wird er vom Winde verweht.

Das Echo meldet sich ungerufen und klärt die Weltgeheimnisse völlig.

Rechts ist die Hölle, dort lagert der Sinn.

Links liegt der See der Tiefen Überzeugung. Vom Boden löst sich die Wahrheit und schwimmt mühelos nach oben.

Über das Tal erhebt sich die Unbeugsame Gewißheit. Von ihrem Gipfel breitet sich aus der Sinn der Dinge.

Die Insel ist leer, allen Reizen zum Trotz, die an den Ufern sichtbaren kleinen Spuren von Füßen führen ausnahmslos hin zum Meer. Als ginge man hier nur fort und tauche in den Fluten unter ohne Rückkehr.

In Wirklichkeit gar nicht zu fassen.

Wisława Szymborska, „Hundert Freuden“

Hoffnungsfroh und Hundert Freuden

Eine derart positive Verstärkung in einem Vorstellungsgespräch habe ich noch nie erfahren. Für Herrn K. war es offensichtlich nur eine Formalität. Ihm war wohl vom ersten Moment an, nachdem er meine Bewerbung gelesen hatte, klar, dass ich die Richtige bin für die von ihm ausgeschriebene Stelle. Meinen Lebenslauf fände er interessant, meine Zeugnisse wären ausgezeichnet, solche Bewerbungen bekommt man nicht alle Tage, die hat mir sofort gefallen, sagte er. Nach eineinhalb Stunden fragte ich immer noch ungläubig: „Heißt das, Sie haben sich schon für mich entschieden?“

Vom Fleck weg eingestellt, also, aber so richtig fassen kann ich es noch nicht. Meinen augenblicklichen Gemütszustand würde ich, in ein Wort gekleidet, als hoffnungsfroh bezeichnen.

Im Briefkasten fand ich gestern eine Benachrichtigung vom Paketboten und rätselte bis heute, wer mir da wohl was geschickt haben mochte. In Verdacht hatte ich seltsamerweise die Telekom. Aber als ich den Amazon-Schriftzug erkannte, wusste ich: Es kann nur einen geben. Inliegend fand sich ein Gedichtband von Wisława Szymborska:

Hundert Freuden. Sagen wir, ein Vierteljahr jeden Tag ein Gedicht von Wisława Szymborska. Wie schön. Tausend Dank, Katerchen!

Für heute habe ich mir das Folgende ausgesucht:

„Ein Leben im Handumdrehen“

Ein Leben im Handumdrehen.
Eine Aufführung ohne Probe.
Ein Körper von der Stange.
Ein Schädel ohne Bedacht.

Ich kenne die Rolle, die ich spiele, nicht.
Ich weiß nur, sie ist unauswechselbar mein.

Wovon das Stück handelt,
werde ich erst auf der Bühne erraten.

Dürftig gerüstet dem Leben zum Ruhm,
ertrage ich das mir aufgezwungene Tempo der
Handlung mit Mühe.
Ich improvisiere, obwohl mich das Improvisieren
ekelt.
Ich stolpere auf Schritt und Tritt über meine
Unkenntnis der Dinge.
Mein Lebenslauf schmeckt nach Provinz.
Meine Instinkte sind Dilettantismus.
Das Lampenfieber, das für mich spricht, demütigt um
so mehr.
Die mildernden Umstände scheinen mir grausam.

Nicht rücknehmbar sind die Worte und Gesten,
die Sterne nicht zählbar,
und der Charakter, gleich einem Mantel, im Laufen
zu Ende geknöpft –
das sind die kläglichen Folgen dieser Eile.
Probte man wenigstens rechtzeitig einen Mittwoch,
oder man wiederholte den Donnerstag doch!
Aber schon naht der Freitag mit der mir fremden
Rolle.
Ist das in Ordnung – frag ich
(mit heiserer Stimme,
denn nicht einmal hüsteln durfte ich hinter Kulissen).

Es täuscht der Gedanke, die Prüfung sei Nebensache,
in einen provisorischen Raum verwiesen. Nein.
Ich steh im Bühnenbild und seh, wie solide es ist.
Die Präzision verschiedener Requisiten fällt auf.
Der Drehmechanismus funktioniert seit geraumer
Zeit.
Sogar die entferntesten Nebel sind angezündet.
Kein Zweifel, es ist die Premiere.
Und was ich auch tue,
verwandelt sich ein für alle Male in das, was ich tat.

Kommt mir irgendwie bekannt vor. Vielleicht ist es eins von den Gedichten, die wir damals im Literaturgrundkurs besprochen haben.