Das Fähnchen hoch halten

Bubble BathMeine Schwester badet nicht.

Sie vermachte mir kürzlich diverse Tütchen der tetesept Sinnensalze des Jahres “Zeit für Dich” sowie ein kleines Nackenkissen für die Wanne.

Sehen Sie die harmonische Farbe von hellem Rosé.

Riechen Sie den blumig-leichten Duft mit Hibiskus und weißem Tee.

Reimt sich sogar. Außerdem sind diese Sinnensalze frei von allem möglichen. Frei von Farbstoffen sind sie offensichtlich nicht.

Schon vorgestern tauchte ich meinen Körper in die hochgebaute Wanne voll warmen Wassers mit Meersalz und einer Kombination ätherischer Öle aus Orange, Mandarine, Lavendel sowie Limette und ließ den Kopf ins Nackenkissen sinken. Dabei schwebte mir das in Entwicklerflüssigkeit schwimmende latente Bild eines belichteten Films vor Augen, das in der Fotoemulsion allmählich sichtbar werden würde. Wie vom Rotlicht einer Dunkelkammerleuchte bestrahlt glühte das Wasser in einem tiefen Orangerot und verstärkte die Illusion, es ließe sich darin tatsächlich ein Entwicklungsfortschritt in statu nascendi beobachten. Kein schlechtes Setting für einen Psychothriller, dachte ich.

Gleichzeitig bildete die intensive Farbe einen wohltuenden Kontrast zur nebelverhangenen Außenwelt.

Heute badete ich also in Hibiskus und weißem Tee, der sich aber nicht wie angekündigt als helles Rosé entpuppte sondern himbeerrot wie die gute alte AHOJ-BRAUSE in der Wanne sprudelte. Und wie der Matrose sein Frigeo-Fähnchen, so hielt ich das Lesebändchen meiner Lektüre hoch, um Virginia Woolf vor einem zweiten Tod durch Ertrinken zu bewahren.

Wenn ich lese, läuft ein purpurfarbener Rand um die schwarze Kante des Schulbuchs. Doch kann ich keinem Wort durch seine Abwandlungen folgen. Ich kann keinem Gedanken aus der Gegenwart in die Vergangenheit folgen. Ich stehe nicht verloren herum, wie Susan, mit Tränen in den Augen, wenn ich mich an zu Hause erinnere; noch liege ich, wie Rhoda, zerknittert unter den Farnkräutern und mache grüne Flecken auf mein rosa Baumwollkleid, während ich von Pflanzen träume, die unter der Meeresoberfläche blühen, und von Felsen, zwischen denen gemächlich die Fische dahinschwimmen. Ich träume nicht.

So schwebt durch Traum und Wachen hin die Welle, heißt es bei Tieck. Ja. So schwebt sie hin… und in einer Endlosschleife Louise and the Pins mit ihrem „Bell Jar“.

Die Wellen

Ich beginne, mir ein Kaminfeuer zu wünschen, Ungestörtheit und die Glieder eines einzigen Menschen.

Virginia Woolf, „Die Wellen“

Die Wellen

…Sie haben mich allein gelassen, damit ich die Lösung finde. Die Zahlen bedeuten jetzt nichts. Die Bedeutung ist verschwunden. Die Uhr tickt. Die beiden Zeiger sind Konvois, die durch eine Wüste marschieren. Die schwarzen Striche auf dem Zifferblatt sind grüne Oasen. Der große Zeiger ist vorausmarschiert, um Wasser zu suchen. Der andere stolpert qualvoll zwischen den heißen Steinen in der Wüste weiter. Er wird in der Wüste sterben. Die Küchentür knallt zu. Wilde Hunde bellen weit weg. Schau, die Schlinge der Zahl beginnt, sich mit Zeit zu füllen; sie enthält die Welt. Ich fange an, eine Zahl zu malen, und die Welt ist in sie geschlungen, und ich bin außerhalb der Schlinge, die ich nun verknüpfe – so – und versiegle und vervollständige. Die Welt ist vollständig, und ich bin draußen und rufe, „Oh rettet mich davor, auf immer aus der Schlinge der Zeit hinausgeweht zu werden!“

Virginia Woolf, „Die Wellen“

The Magic Sphere III

Clarence H. White, "Drops of Rain" (1903)
Clarence H. White, „Drops of Rain“ (1903)

„…Doch es gibt Augenblicke, in denen die Wände meines Geistes dünn werden; wo es nichts gibt, das nicht eingesogen wird, und ich mir vorstellen könnte, wir würden eine riesige Blase aufblasen, so groß, daß die Sonne in ihr unter- und aufgehen könnte, und wir würden das Blau des Mittags und das Schwarz der Mitternacht nehmen und abheben und entfliehen aus dem Hier und Jetzt.“

„Tropfen auf Tropfen“, sagte Bernard, „fällt das Schweigen. Es bildet sich am Dach des Geistes und fällt in darunterliegende Teiche. Auf immer allein, allein, allein – hör, wie das Schweigen fällt und seine Ringe bis zu den entferntesten Rändern breitet. Sattgegessen und voll, angefüllt mit der Zufriedenheit des mittleren Alters, lasse ich, den die Einsamkeit zerstört, das Schweigen fallen, Tropfen um Tropfen.“

Virginia Woolf, „Die Wellen“

The Magic Sphere II

„Ich sehe einen Ring“, sagte Bernard, „der über mir hängt. Er bebt und hängt in einer Lichtschlaufe.“

„Ich sehe eine Tafel aus blassem Gelb“, sagte Susan, „die sich verbreitert, bis sie auf einen Purpurstreifen trifft.“

„Ich höre ein Geräusch“, sagte Rhoda, „tschirp, zirp, tschirp, zirp, das auf- und niedersteigt.“

„Ich sehe eine Kugel“, sagte Neville, „die als Tropfen an den riesigen Flanken eines Hügels hängt.“

„Ich sehe eine feuerrote Troddel“, sagte Jinny, „die mit Goldfäden durchwirkt ist.“

„Ich höre etwas stampfen“, sagte Louis. „Der Fuß eines großen Tieres ist angekettet. Es stampft und stampft und stampft.“

Virginia Woolf, „Die Wellen“

Happiness

Virginia Woolf„Einen Augenblick lang wollen wir es festhalten“, sagte Jinny; „Liebe, Haß, einerlei welchen Namen wir ihr geben, dieser Kugel, deren Wände aus Percival bestehen, aus Jugend und Schönheit, und aus etwas, das so tief versunken in uns liegt, daß wir wohl nie wieder einen solchen Augenblick aus einem einzigen Menschen erschaffen werden.“

„Wälder und ferne Länder am anderen Ende der Welt“, sagte Rhoda, „sind darin enthalten; Meere und Dschungel; das Heulen der Schakale und das Mondlicht, das auf einen hohen Gipfel fällt, wo der Adler kreist.“

„Das Glück ist darin enthalten“, sagte Neville, „und die Stille der gewöhnlichen Dinge. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Buch mit einem Papiermesser, das zwischen den Seiten steckt. Und das Blütenblatt, das von der Rose abfällt, und das Licht, das flackert, während wir schweigend dasitzen, oder vielleicht auch, da uns etwas Beliebiges einfällt, plötzlich sprechen.“

Virginia Woolf, „Die Wellen“