Wellenglas

Was heute Spinne war, wird morgen Licht.
Augäpfel reifen, bis der Schlaf sie pflückt.
Ich esse die Orange nicht von deinen Fingerspitzen.

Man wird den Winter in die Sträucher legen.
Mit Weiß und Rot bespritzt ist sein Gesicht.
Die Hände winden sich zum Feuergruß.

So neigt sich das Gedächtnis in den Schlaf.
Vom Wellenglas getäuscht, trittst du zurück
und suchst sein Weiß, sein Rot im Gartenschnee.

Und Zäune innen, dornenlichtbedeckt,
darüber blickt ein Nachbarkind, ein Greis;
ein Hauch genügt, und sie sind schneeverweht.

Verona Bratesch
aus: „Außerhalb des Kreises“

Erforschung

Wie sehne ich mich nach dir, neuer Erdteil!
Wie habe ich Angst vor dir, Unbekannter!
So windet sich zwischen Sehnsucht und Angst
das gewitterfrohe, gewitterfürchtende Herz.
Ja, es gäbe noch viel mehr zu wagen, zu fürchten.
Einmal ist’s Schwung, ein andermal Heimweh;
ist man denn nicht ein Samen mit fliegender Wurzel?
Oder ein Blatt, dessen Zweig man verlor?

Verona Bratesch
aus: „Außerhalb des Kreises“