Frau am Fenster IV

Welch eine sonderbare und großartige Erfindung ist doch Glas – nah zu sein, ohne aneinanderzugeraten. … Ich sitze hinter Glas, still, mein eigenes Porträt.

Tomas Tranströmer, „Isländischer Orkan“ in „Sämtliche Gedichte“

Die Zeichnende junge Frau wird erst seit 1996 Marie-Denise Villers zugeschrieben und ist möglicherweise ein Selbstporträt der Künstlerin. Ihr bevorzugtes Motiv waren Bildnisse junger Frauen unter dem selbst gewählten Begriff études des femmes.

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En Route III

Sergey Ponomarev, "Looking out of the train carrying refugees through Macedonia, to its border with Serbia"
Sergey Ponomarev, „Looking out of the train carrying refugees through Macedonia, to its border with Serbia“

Der Schleppdampfer ist sommersprossig vor Rost. Was tut er hier, so tief im Land drinnen?
Er ist eine schwere erloschene Lampe in der Kälte.
Aber die Bäume haben wilde Farben. Signale zum anderen Ufer!
Als wollten welche geholt werden.

Auf dem Weg nach Haus sehe ich die Tintenpilze durch die Grasnarbe schießen.
Sie sind die hilfesuchenden Finger von einem,
der lange vor sich hingeschluchzt hat im Dunkeln dort unten.
Wir gehören der Erde.

Tomas Tranströmer, „Skizze im Oktober“

Hier sehr schön interpretiert von Herbert Steib.

Bildquelle: New York Times Lens Blog, „On Migrant Trail, Melding Words and Images“

Der helle Himmel hat sich schräg zur Wand gestellt.

Jan Vermeer, "Die Musikstunde (ca. 1662-65)
Jan Vermeer, „Die Musikstunde (ca. 1662-65)

Es saust in den Ohren von Tiefe oder Höhe. / Das ist der Druck von der anderen Seite der Wand. / Er bringt jede Tatsache zum Schweben / und macht den Pinsel fest.

Es tut weh, durch Wände zu gehen, man wird davon krank, / aber es muß sein. / Die Welt ist eins. Aber Wände… / Und die Wand ist ein Teil von dir selbst – / man weiß es oder weiß es nicht, doch es gilt für alle, / nur für kleine Kinder nicht. Für sie keine Wand.

Der helle Himmel hat sich schräg zur Wand gestellt. / Es ist wie ein Gebet zur Leere. / Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu / und flüstert: / „Ich bin nicht leer, ich bin offen.“

Tomas Tranströmer, „Vermeer“

Verstohlen melkten wir den Kosmos und überlebten.

Wir wissen es im Grunde nicht, ahnen es aber: zu unserem Leben gibt es ein Schwesterschiff, das einen ganz anderen Kurs steuert. Während die Sonne hinter den Inseln brennt.

Tomas Tranströmer, „Das blaue Haus“

(* 15. April 1931 in Stockholm, † 26. März 2015 ebenda)

Straßen in Shanghai

I
Der weiße Schmetterling im Park wird von vielen gelesen.
Ich liebe diesen Kohlweißling so, als wäre er eine flatternde Ecke der Wahrheit selbst!

Im Morgengraun treten die Völkermassen unsern stillen Planeten in Gang.
Da füllt sich der Park mit Menschen. An jedem acht Gesichter, poliert wie Jade, für alle Situationen, um Irrtümer zu vermeiden.
An jedem auch das unsichtbare Gesicht: es spiegelt „etwas, worüber man nicht spricht“.
Etwas, das in müden Stunden auftaucht und herb ist wie ein Schluck Kreuzotterschnaps mit dem langen schuppigen Nachgeschmack.

Die Karpfen im Teich bewegen sich ständig, sie schwimmen im Schlafen, sie sind das Vorbild für den Gläubigen: stets in Bewegung.

II
Es ist mitten am Tag. Die Wäsche flattert im grauen Seewind hoch über den Radfahrern,
die in dichten Schwärmen kommen. Achte auf die Nebenlabyrinthe!

Ich bin umgeben von Schriftzeichen, die ich nicht deuten kann, ich bin durch und durch Analphabet.
Doch ich habe bezahlt, was ich mußte, und habe für alles eine Quittung.
Ich habe viele unleserliche Quittungen gesammelt.
lch bin ein alter Baum mit welkem Laub, das noch dranhängt und nicht zu Boden fallen kann.

Und ein Hauch von der See bringt all diese Quittungen zum Rascheln.

III
Im Morgengraun trampeln die Menschenmassen unsern stillen Planeten in Gang.
Wir sind alle an Bord der Straße, es herrscht Gedränge wie auf dem Deck einer Fähre.
Wohin sind wir unterwegs? Reichen die Teebecher? Wir können uns glücklich schätzen, an Bord dieser Straße gekommen zu sein!
Es ist tausend Jahre vor der Geburt der Klaustrophobie.

Hinter jedem, der hier geht, schwebt ein Kreuz, das uns überholen, an uns vorbeigehn, sich mit uns vereinigen will.
Etwas, das sich von hinten an uns heranschleichen und uns die Augen zuhalten und flüstern will: „Rat mal, wer da ist!“

Wir sehen fast glücklich aus in der Sonne, während wir verbluten aus Wunden, von denen wir nicht wissen.

Tomas Tranströmer, „Straßen in Shanghai“

aus: „Sämtliche Gedichte“

Minusgrade

Wir sind auf einem Fest, das uns nicht liebt. Zum Schluß läßt das Fest seine Maske fallen und zeigt sich als das, was es wirklich ist: ein Rangierbahnhof. Kalte Kolosse stehen auf Schienen im Nebel. Ein Stück Kreide hat die Wagentüren bekritzelt.

Es darf nicht erwähnt werden, aber hier ist viel unterdrückte Gewalt. Deshalb sind die Einzelheiten so lastend. Und ist es so schwer, das andere zu sehen, das es auch gibt: einen gespiegelten Sonnenstrahl, der sich über die Hausmauer bewegt und durch den unwissenden Wald aus flimmernden Gesichtern gleitet ein Bibelwort, das nie geschrieben wurde: „Komm zu mir, denn ich bin widerspruchsvoll wie du selber.“

Morgen arbeite ich in einer anderen Stadt. Ich sause dahin durch die Morgenstunde, die ein großer schwarzblauer Zylinder ist. Orion hängt über dem Bodenfrost. Kinder stehen in einem stummen Haufen und warten auf den Schulbus, Kinder, für die niemand betet. Das Licht wächst sachte wie unser Haar.

Tomas Tranströmer, „Sämtliche Gedichte“

Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel

(* 18. April 1932 in Leipzig; † 1. August 2012 in Köln)

Nach jemandes Tod

Es war einmal ein Schock, / der hinterließ einen langen, bleichen, schimmernden Kometenschweif. / Er beherbergt uns. Er macht die Fernsehbilder verschwommen. / Setzt sich als kalte Tropfen auf die Überlandleitungen.

Noch immer kann man auf Skiern vorwärts rutschen / durch Gehölz, an dem noch das Vorjahreslaub hängt. / Aus alten Telefonbüchern herausgerissenen Blättern ähnelt es – / die Namen der Teilnehmer von der Kälte verschluckt.

Noch immer ist es schön, sein Herz klopfen zu spüren. / Doch oft fühlt sich der Schatten wirklicher an als der Körper. / Der Samurai sieht unbedeutend aus / neben seiner Rüstung aus schwarzen Drachenschuppen.

Tomas Tranströmer, „Nach jemandes Tod“ (zitiert aus „Sämtliche Gedichte“)

Romanische Bögen

In der gewaltigen romanischen Kirche drängten sich die Touristen im Halbdunkel.

Gewölbe klaffend um Gewölbe und kein Überblick.

Kerzenflammen flackerten.

Ein Engel ohne Gesicht umarmte mich

und flüsterte durch den ganzen Körper:

„Schäm dich nicht, Mensch zu sein, sei stolz!

In dir öffnet sich Gewölbe um Gewölbe, endlos.

Du wirst nie fertig, und es ist, wie es sein soll.“

Ich war blind vor Tränen

und wurde auf die sonnensiedende Piazza hinausgeschoben

zusammen mit Mr. und Mrs. Jones, Herrn Tanaka und Signora Sabatini,

und in ihnen allen öffnete sich Gewölbe um Gewölbe, endlos.

Tomas Tranströmer aus „Sämtliche Gedichte“

Im März ’79

Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache

daherkommen,

fuhr ich zu der schneebedeckten Insel.

Das Wilde hat keine Wörter.

Die ungeschriebenen Seiten breiten sich nach allen Richtungen aus!

Ich stoße auf Spuren von Rehhufen im Schnee.

Sprache, aber keine Wörter.

Thomas Tranströmer, „Sämtliche Gedichte“

Gleise

Zwei Uhr nachts: Mondschein. Der Zug hat angehalten / mitten auf der Ebene draußen. Weit weg Lichtpunkte in einer Stadt, / kalt am Rand des Gesichtskreises flimmernd.

Wie wenn ein Mensch so tief in einen Traum hineingegangen ist, / daß er sich nie erinnern wird, daß er dort war, / wenn er zu seinem Zimmer zurückkehrt.

Und wie wenn ein Mensch so tief in eine Krankheit hineingegangen ist, / daß alles, was seine Tage waren, zu ein paar flimmernden Punkten wird, ein Schwarm, / kalt und gering am Rand des Gesichtskreises.

Der Zug steht völlig still. / Zwei Uhr: starker Mondschein, wenige Sterne.

Tomas Tranströmer, „Sämtliche Gedichte“

Das große Rätsel

Seit Donnerstag, 06.10.2011 ist es amtlich. Der Nobelpreis für Literatur 2011 geht an Tomas Tranströmer. Noch hat es keine der Buchhandlungen, in denen ich seither gestöbert habe, zur Kenntnis genommen.

Aschfarbenes Schweigen.

Der blaue Riese geht vorbei.

Kalte Brise vom Meer.

*

Großer und langsamer Wind

aus der Bibliothek des Meeres.

Hier darf ich ruhen.

*

Menschenvögel.

Die Apfelbäume blühten.

Das große Rätsel.

Tomas Tranströmer, „Das große Rätsel“

Der Adlerfels

Hinterm Glas des Terrariums

die Reptile

seltsam reglos.

Eine Frau hängt Wäsche auf

im Schweigen.

Der Tod ist windstill.

In der Tiefe des Bodens

gleitet meine Seele

schweigend wie ein Komet.

Tomas Tranströmer