Light Circles

„Dann strömt das Licht plötzlich herein und verbirgt uns ganz.“

Tomas Espedal, „Wider die Kunst“

Die Dunkelheit ist ein Ort. Das Licht ist ein Weg.

Ich fand eine Ruhestatt, an welcher der Geist rastet
und in einem ruhigen, mild murmelnden Wellengang
zu traumhaften Ufern schreitet. Was soll denn noch eilen
wenn die Ewigkeit ihr sanftes Wiegenlied anstimmt
wie Echoträume; Jahre und Stunden werfen
von breiten Schultern das enge Sklavenjoch
und gleiten in einem sachten Rhythmus in den Tanz
während die Sonne Silber auf den Lorbeer tropft.

Es ist wie Lenz und Herbst im gleichen Hauch;
silberbleicher Sonnenrauch blinzelt zwischen Bergen
mit Frühjahrsbeben und Herbststille vermischt,
mit frohen Hüpfern und mit Laub als Fell.
Es spielt eine Saite mit Ach und Weh,
eine Grabestrauer aus tiefer Seen Quellen auf;
doch Sonnentagsfackeln schweben auf Strahlenschwingen
und drängen siegesforsch wider die Schattentiefe.

Tomas Espedal, aus: „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“

Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Aber es ist nicht möglich, die Wahrheit über sich selbst zu schreiben.

Man schreibt und versteckt sich. Man kleidet sich in Sprache.

Was Maurice Blanchot über Kierkegaard schrieb, gilt auch für Rousseau: „Indem er bis zu einem gewissen Grad unaufhörlich über sich selbst spricht und die Begebenheiten in seinem Leben reflektiert, stellt Kierkegaard für sich selbst die Regel auf, nichts Wichtiges über sie auszusagen, und gründet seine Größe darauf, das Geheimnis zu bewahren. Er erklärt und verhüllt sich.“

Allan Ramsay, "Portrait von Jean-Jacques Rousseau" (1766)
Allan Ramsay, „Portrait von Jean-Jacques Rousseau“ (1766)

Das armenische Gewand ist eine Verkleidung, und auf die gleiche Art schreibt Rousseau, um sich zu verbergen. Er sucht nicht Zuflucht in der Natur, sondern versteckt sich in der Literatur, hinter einem Wald aus Worten. Er dichtet sich und seine Umgebungen, und so muss es wohl auch sein. Rousseau ist nicht anders, er macht sich anders, der Schriftsteller, der uns glauben machen möchte, dass er ein Kind der Natur ist, entpuppt sich als der künstliche Held schlechthin; ein Provokateur, ein Flaneur, ein echter und wahrer Poseur: „Einzig und allein ich. Ich fühle mein Herz – und ich kenne die Menschen. Ich bin nicht gemacht wie irgendeiner von denen, die ich bisher sah, und ich wage zu glauben, dass ich auch nicht gemacht bin wie irgendeiner von allen, die leben. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich doch wenigstens anders. Ob die Natur gut oder übel daran getan hat, die Form zu zerbrechen, in der sie mich gestaltete, das wird man nur beurteilen können, nachdem man mich gelesen hat.“

Wenn man Rousseau dann gelesen hat, ist man voller Bewunderung für den Schriftsteller Jean-Jacques, der Mensch erscheint einem dagegen unzugänglicher, fast schon unsympathisch, aber es ist das Privileg des Lesers, seinem Schriftsteller niemals guten Tag sagen zu müssen: „So bin ich nun allein auf dieser Welt, habe keinen Bruder mehr, keinen Nächsten, keinen Freund, keine Gesellschaft außer mir selbst.“

War es Rousseau, der die Einsamkeit erfand?

Ursprung der Einsamkeit muss die Sprache sein, denke ich…

Tomas Espedal, „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“

Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Man muss sich diesem Gedanken einmal stellen: Du wirst dein Leben lang mit dir selbst leben. Du kannst eine neue Geliebte finden, du kannst Freunde und Familie verlassen, verreisen, eine neue Stadt und neue Orte finden, du kannst verkaufen, was du besitzt, und dich von allem trennen, was dir nicht passt, aber solange du lebst, wirst du dich nie von dir selbst trennen können.

Der Traum vom Verschwinden. Vom Fortsein. Eines Tages zur Tür hinausgehen und nicht wiederkehren.

Der Traum, ein anderer zu werden. Freunde und Familie zu verlassen, sich selbst zu verlassen und ein anderer zu werden; alle Bande abzuschütteln, Besitz und Geborgenheit, Zukunftsaussichten und Ambitionen aufzugeben, um ein Fremder zu werden.

Der Traum von einer Verwandlung.

Als wachtest du eines Morgens im Bett neben einem Gesicht auf, das du nicht kennst. Als spräche sie deinen Namen aus, und dein Name schiene offen. Als würdest du aus dem Bett steigen, durchs Zimmer gehen und den Lichtschalter nicht dort finden, wo er sein sollte: Der Nachttisch ist fort, die Wände sind verändert, die Decke ist abgesenkt worden, und die Tür, einen Spaltbreit offen, ist links vom Bett und nicht rechts wie sonst. Und wo ist das Fenster? Das Fenster zum Hinterhof, es bietet Aussicht auf eine Landschaft, die du noch nie gesehen hast aber dennoch erkennst, vielleicht aus einem Traum oder früheren Leben, oder die Landschaft gehört zu einem Leben, von dessen Kommen du wusstest, zu einem Ort, von dem du wusstest, du würdest ihn finden, und nun bist du hier, stehst am Fenster, siehst hinaus und bist für einen Moment glücklich; du hast vergessen, wer du bist.

Oder die geträumte Verdopplung, ein Albtraum; du stehst an einer Straßenecke und siehst auf der anderen Straßenseite jenen Mann, den du von allen am meisten fürchtest; du siehst dich selbst. Du kannst dem Drang nicht widerstehen, ihm zu folgen, und kommst nicht umhin zu bemerken, dass er einen Weg und eine Route nimmt, die du kennst und deine eigene nennst. Dein Name steht auf seinem Briefkasten. Er liest deine Briefe. Deine Gewohnheiten scheinen ihm vertraut zu sein. Er hat ganz offensichtlich deinen Platz eingenommen. Was sollst du tun? Was wirst du tun? Du wolltest verschwinden, kannst aber jederzeit ersetzt werden, bist schon ersetzt worden, und erkennst nunmehr schmerzlich und klar, wie sehr du an dich und deine Eigenart gefesselt bist.

Oder der Traum, nicht mehr zu sein, allerdings nur, um als etwas Neues wiederaufzuleben, nicht als Käfer, nicht als Blume, nicht als etwas Höheres oder Niederes, nicht als Nichts, sondern wie im christlichen Traum von Lazarus: zu einem neuen Leben zu erwachen. Wiedererkennbar für sich und andere, gleichwohl verändert. Ein neuer Mensch.

Ein alter Traum. So alt wie der Mensch, wie der Überdruss am Sein. Wie die Unzufriedenheit darüber, man selbst zu sein. Nein, jetzt habe ich genug. Nein, jetzt kann ich nicht mehr. Und dann diese Lüge, die allmählich zu Stumpfsinn, zu einer lebensmüden Wahrheit geworden ist: ich habe alles gesehen, alles gehört, alles getan.

Die Langeweile. Nicht die gute, stille, sondern die quälende, erstickende, angstvolle Langeweile. In das große, allumfassende, leere, sinnlose Nichts zu starren…

Tomas Espedal, „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“

Wider die Natur

Peter Handke erzählt von einem Mann, der von einem Auto angefahren wird. Er fliegt durch die Luft und landet hinter dem Wagen auf beiden Beinen, dann geht er weiter.

Wir gehen weiter. Als ob nichts geschehen wäre?

Nein, etwas hat sich ereignet, etwas hat uns verletzt, aber wir gehen weiter, als ob das nicht der Fall wäre.

Ich konnte nicht viel anderes tun, wir mussten weiterleben, als ob alles normal wäre. Ich schickte die Mädchen wie immer zur Schule, wir aßen zu Abend wie üblich, aber nichts war normal.

Ist das Unglück eine Voraussetzung für das Glück?

Nein, das Glück kommt jäh und unerwartet, es ist eine ganz selbständige, unabhängige Größe, es tritt ein ohne Vorboten, wie ein Naturereignis, ein Regenbogen, eine Sternschnuppe, ein Blitzschlag oder ein Feuer, furchteinflößend und schön, auch das Glück wirft alles über den Haufen.

Tomas Espedal, „Wider die Natur“