We dance round in a ring and suppose, / But the Secret sits in the middle and knows.

„Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muss, in Versen wenigstens anfänglich konzipieren, denn das Platte kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird.“

Friedrich Schiller

Wohlan denn:

Feiertag.
Suhlen im
Wasser und Tauchen
im Finsteren Tal. Feuchte
und Stille, nur die Spannung
schwebt wie ein Bogen im Raum.
Noch 84 Seiten bis zum gnadenlosen Showdown.

Inzwischen:

Latte Macchiato schmeichelt den Schleimhäuten, macht die
Mundhöhle geschmeidig für Smalltalk und Subtext,
ölig an der Oberfläche, aber
zwischen den Zeilen, da
zerfallen die Sprechblasen,
porös wie
Milchschaum.

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Das finstere Tal

Eine absolut gelungene Mischung aus Bergroman, Krimi und Western. Willmann hat sich bei jedem Genre bedient und die verschiedenen Stilelemente zu einem Crossover geschmiedet, das es in sich hat. Der wirklich gnadenlose Showdown kann es anstandslos mit Highnoon aufnehmen und lässt viele Krimis alt aussehen. Auch sprachlich eine Wucht.

Der schmale Felsdurchlass war durch den Föhn nicht ganz vom Schnee befreit. Aber die eisige Decke war dünn genug geworden, dass Mann und Tier gut ihren Weg hindurchfanden. Diesmal blickte sich Greider nicht mehr um.

Er trat am anderen Ende aus der Spalte, und unter ihm erstreckte sich weit die Ebene. Dort hatte der warme Sturm tatsächlich gründlicher sein Werk verrichtet. Zum ersten Mal seit Monaten sah Greider wieder das Grün von Wiesen, das fruchtbare Schwarz von zur nächsten Aussaat bereiteten Feldern. Auch am Hang unter ihm klebten nur mehr einzelne Flecken von Weiß. Er würde den Abstieg ins Tal gut bewältigen können.

Zunächst aber wandte sich sein Blick nach oben, wo über den Bergen ein Azur prangte, das von keiner Wolke getrübt war und aus dem der gleißende, seelenlose Ball der Sonne strahlte.

Und lange schauten seine dunkelbraunen Augen in den blauen, leeren Himmel.

Thomas Willmann, „Das finstere Tal“

Das finstere Tal

Greider setzte den Hufnagel, den er in seiner Linken hielt, in die Kuhle, wo das Rückgrat in den Schädel mündete. Dann holte er mit dem Fausthammer, den seine Rechte umklammerte, aus und schlug zu.

Die Schreie rissen ab wie ausgepustet. Die Beine des Schmieds führten auf dem staubigen Boden einen irren Tanz auf, seine Füße trommelten einen unzusammenhängenden Rhythmus in den Staub, und die Eggenraute spendete dazu ihren klappernden, hölzernen Applaus.

Greider wurde auf dem Rücken des Riesen geschüttelt wie auf einem nicht zugerittenen Pferd. Doch dann ging ein letztes, großes Zittern durch den Körper, er streckte sich, so gut ihm die Zinken das erlaubten, und wurde starr.

In der Werkstatt kehrte eine Stille ein, dass man meinte, man könne draußen den Schnee fallen hören.

Thomas Willmann, „Das finstere Tal“

Das finstere Tal

Er stützte sich auf den obersten Balken und ließ erneut und genauer als je zuvor seinen Blick über den Hof streichen. Doch kaum war er ein paar Atemzüge so verharrt, da zog der kleine Anbau neben dem Stall seine Aufmerksamkeit auf sich, weil das gluthelle Flackern, das aus ihm drang, plötzlich unterbrochen wurde. In der türlosen Öffnung war eine Gestalt erschienen, die einen großen Schatten in den Schnee warf. Sie füllte das Rechteck des Eingangs so vollständig aus, dass nur ein kleiner Kranz des rotgelben Lichts noch Raum hatte, den Schattenleib zu umzüngeln.

Es war ein hünenhafter Mann, der sich da durch den Eingang zu zwängen schien, bekleidet mit einer Lederschürze, welche stammdicke Beine und einen fassgleichen Körper verbarg, mit Unterarmen so stark wie eines kräftigen Mannes Oberschenkel und einem Nacken, der die stierbreiten Schultern ansatzlos in den runden, kahlen Schädel übergehen ließ – der ganze Kerl glänzend und dampfend von Schweiß. In der einen Hand hielt der Hofschmied locker seinen Hammer, den ein gewöhnlicher Mann nur mit beiden Armen zu schwingen vermocht hätte, in der anderen seine Zange, deren Spitze ein weißglühendes Stück Metall umfasst hielt.

Von dem Moment an, da er durch die Türöffnung getreten war, hatten seine tiefliegenden, polierten Eisenkugeln gleichenden Augen sich an Greiders Blick gekrallt und diesen fest an sich gezwungen. Und sie wendeten sich auch nicht ab, als der Schmied das Eisen in einen Schneehaufen stieß, aus dem sofort Dampf aufzischte. Nur einen kurzen Moment gönnte er sich, das erkaltete, schwarz gewordene Werkstück in Gesichtshöhe zu heben und zu prüfen. Ein Hufnagel war es, von dem der Blick des Schmieds – der das Gewicht seines Hammers in der anderen Hand spielerisch tanzen ließ – umgehend zu Greider zurückkehrte, um ihn herausfordernd zu mustern.

Wer immer unter dem Dach des Brenner-Hofs zurückblieb, wenn die sechs Söhne ausgeritten waren, wer immer im Dämmer hinter den halb blinden Fenstern kauerte – er wusste sein Haus nicht ohne Hüter…

Thomas Willmann, „Das finstere Tal“

Das finstere Tal

Die knorrige Hand fuhr hinein in das wurlende Knäuel neugeborenen Lebens. Sie scherte sich nicht um das Maunzen der Kätzchen und die Wischer ihrer bekrallten Tatzen. Sie erkundete die Kräftigkeit und das Geschlecht der kleinen Körper, drehte hin und wieder eines der noch blinden Gesichter ins Licht des großen Petroleumlüsters, der über dem Weidenkorb mit den Tieren hing. Dann wurden kurz die zahnlosen Mäuler betrachtet, auf Fauchen oder Jammern gehört.

Lange dauerte es nicht. Dann hatte die Hand drei strampelnde Leiber aus dem Haufen der Brüder und Schwestern gelupft.

„De, de und de“, erging das Urteil.

Die drei Kätzlein wurden auf einen weiblichen Arm gehoben und zurück zu ihrer Mutter gebracht, die – noch immer benommen von der Anstrengung der vielfachen Geburt – beim Ofen lag.

Ein bärtiger Mann packte den Korb mit den Übrigen, trug ihn zur Stube, zum Haus hinaus. Er ging den kurzen Weg zur Scheune, pflanzte sich drei Schritt vor den harten Brettern ihrer Seitenwand auf. Dann packte er eins nach dem andern die Kätzlein aus dem Korb, den er in die Beuge des linken Arms gehängt hatte, und derschmiss sie.

Thomas Willmann, „Das finstere Tal“