Nox

„…Licht zitterte durch den Vorhang auf das Kissen. Ich zündete mir eine Zigarette an und spürte, als ich mit der Hand über die Lichtflecken wischte, wie warm die Stellen auf dem Stoff waren. Sah zu, wie der Rauch ins Licht hineinwirbelte und aufleuchtete. Mein Körper, an dem ich ungläubig entlangstrich, fühlte sich warm an und wie hingelegt vom Schlaf. Ich sah dem Rauch zu und vergaß zu rauchen.

Als ich schließlich aufstand und mich anzog, genoss ich es, mich bewegen zu können. Doch das, wusste ich, hatte mit mir nichts zu tun. Schnell ging ich unter den alten, großen Bäumen den steilen Abhang hinunter zum See und setzte mich auf die Steinbank, die sich am Ufer als Halbkreis zum Wasser hin öffnet.

Auf der Brüstung standen noch die beiden Weingläser. Kleine gelbe Blätter schwammen in der Neige. Zigarettenstummel auf dem Boden. Bis zum Mittag würde die Temperatur bei anhaltendem Sonnenschein auf neun Grad Celsius steigen. Nichts war zu hören als das Klimpern der Drahtseile gegen die Aluminiummasten der Segelboote, bis mich plötzlich eine tiefe, seltsam schleppende Stimme beim Namen rief.

Ich stand auf, schaute mich um und bemerkte dort, wo das Grundstück an einem verrosteten Maschendrahtzaun und in wildem Buschwerk endet, am Fuß zweier hoher Eichen den Hund. Erkennst du mich?

Ich nickte. Er lag in der Sonne auf dem Laub, leckte sich über das schmutzige Fell und biss sich den Dreck zwischen den Ballen seiner Pfoten heraus. Die Wunde am linken Hinterlauf begann bereits zu verschorfen. Ich ging hinüber und kauerte mich an ihn. Es roch streng aus dem Maul.

Du hast doch nicht vergessen, dass du tot bist? Ich schüttelte den Kopf. Aber warum?

Denk an das, was geschehen ist, knurrte er leise. Was meinst du?

Erinnere dich an die Nacht, als du mit ihr hier warst. An das, was du in ihrem Gesicht gesehen hast.

Nur deshalb?

Du durftest es nicht. Da begann es. Er warf die Schnauze hoch, und die Zunge flatterte ihm weit aus dem Maul. Lachte so, wie Hunde lachen. Erinnere dich.

Wolken bauten sich am anderen Seeufer auf, ohne dass ich es beachtete. Wie sie mich umbrachte. Der Schmerz und die Stille danach. Wie sie nackt auf dem Tisch im Café lag. Davids verstümmelte Haut. Das Schiff auf dem Landwehrkanal und wie es an der Grenze strandete. Kirchberger, Schween, Professor Matern und das Theater der Anatomie. Das Lachen im Gesicht des Senatsrats Dr. Ewald Roll. Der Geräuschemacher und die Filme, die ich nicht kannte, und wie man sie in dieser Nacht von Ost nach West brachte. Der stählerne Tisch und die Monstren, die in Kisten und Fässern aus dem Osten in diese Stadt kamen. Die Narbe und wie sie aufbrach.

Das alles ist vorbei, sagte der Hund. Was?

Alles, was du kennst. Und ich?

Er lachte wieder, und sein Speichel troff auf die Blätter. Was meinst du?

Was ist mit mir?

Mit dir? Vorbei, was sonst. Was ist vorbei?

Ich erkläre es dir doch gerade! knurrte er. In seinem Fell roch es noch nach der Nacht. Einen Moment lang glaubte ich auch sie zu riechen und erinnerte mich an jenes bisschen Süße, als ich meinen Kopf an ihrem Hals begraben hatte.

Und der Hund, den Kopf auf einer Pfote, begann zu erzählen. Von der schamhaften Sinnpflanze aus Brasilien, MIMOSA PUNIKA L., erzählte er, deren Blätter schon bei geringster Berührung zusammenklappen. Von Hyperion, dem ungleichmäßig geformten und chaotisch rotierenden Jupitermond, dessen Umlaufbahn weder berechenbar noch beschreibbar ist, und von den Ochsenfröschen in den Wüsten Arizonas erzählte er, die, das ganze Jahr eingegraben in der Erde, mit dem einzigen jährlichen Regen hervorkriechen aus dem Schlamm zum nächsten Tümpel, um sich zu begatten, zu laichen und sich noch am selben Tag wieder einzugraben.

Verstehst du?

Nein, sagte ich und schmiegte mich an sein Fell. Wie heißt die Frau?

Er drehte den Kopf so, dass seine kleinen, gelben Augen mich ansahen. Weißt du es noch immer nicht?

Ich schüttelte den Kopf.

Wir alle drei, sagte er, du und ich und sie, gehören zu einer Geschichte. Zu einer alten Geschichte, die sich wieder ereignet. Warum? Wer weiß? Nichts von dem, was du kennst, wird nach dieser Nacht bleiben wie es ist. Und nur die Geschichten, die man sich davon erzählt, bestimmen, was wird.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel finden sich seit 1798, als James Rennell sie kartographierte, auf allen Landkarten Westafrikas die Kong-Berge. Die Legende berichtet, ihre Gipfel seien von ewigem Eis gekrönt. Doch niemand hat sie je bestiegen. Verstehst du?

Wieder schüttelte ich den Kopf.

Es gab sie nie! Der Hund lachte wieder, und er schien sich an seinem eigenen knurrenden Lachen zu verschlucken wie an einem Husten.

Und du? fragte ich.

Was meinst du?

Wer bist du?

Ich bin von jenseits der Grenze. Erzähl mir von dort, bat ich.

Je schneller man lief, dem schrillen Pfeifen der von Anschlag zu Anschlag jagenden Eisenrollen am Drahtseil zu entkommen, um so schneidender pfiff es, erzählte der Hund. Immer wieder erhängten sich welche am Laufseil. Andere wurden eingeschläfert, weil sie sich ständig in ihre Hütten verkrochen oder nicht schussfest waren. Wieder andere, weil sie es nicht aushielten, vergessen worden zu sein, aussortiert, ungeeignet zur Zucht, hetzten sich an ihrer Leine zu Tode.

Und er erzählte von dem Armeelaster, der täglich mit Futter- und Wasserbottich die Grenze abfuhr. Im Sommer verdunstete das Wasser in den Näpfen, die mit Stahlringen an einem in die Erde gerammten Stab befestigt waren. Wir gruben uns tiefe Wannen in den Sand, um der Sonne zu entgehen. Nur am Nachmittag warfen die Hütten, das TGL-Standardmodell der bewaffneten Organe mit windgeschütztem Seiteneinlass, etwas Schatten. Und wie sie bei Regen alles ableckten, Steine und Stöcke, die eigenen Pfoten, das Dach der Hütte und sich noch den Kopf verrenkten nach den Tropfen auf ihren Rücken vor Durst, erzählte er. Wie im Winter dagegen die Nässe ihre Pfoten so sehr aufweichte, dass die Ballen im Schnee zu bluten begannen.

Die Fleischstücke, die der Soldat im Vorbeifahren mit der Forke vom Lastwagen herunter schleuderte, landeten oft außerhalb der Reichweite der Leinen. Die durch einen Ruck der Leine endgültig gebremsten Sprünge hörte man noch stundenlang. Nachts, wenn ein Tier von außen den Signalzaun streifte, fing der Draht plötzlich an zu singen, und die Grenze war mit Licht überflutet. Heulen pflanzte sich von Trasse zu Trasse fort, in das jeder einstimmte mit einem aufwärts gezogenen, in der Höhe abbrechenden Ton.

Es gab nichts als Geschichten, sagte der Hund. Ich weiß nicht mehr, wer jene mitbrachte, die so lange unter uns kursierte, von Hütte zu Hütte die Grenze entlang, dass sie schließlich wieder zurückkam und wir sie uns noch einmal erzählten. Jene Geschichte von den kugelförmigen Wesen, die vor den Menschen auf der Erde lebten und die nur ein Geschlecht besaßen. Wesen, die sich nicht miteinander fortpflanzten, sondern in die Erde hinein. Wie es die Zikaden tun.

Was geschah mit ihnen?

Die Götter, die ihnen ihre vollkommene Form neideten, zerschnitten eines Tages die Kugelwesen. Lange Zeit taten sie daraufhin nichts, als ihre abgetrennte Hälfte zu umarmen. Viele starben vor Hunger und Traurigkeit, bis die Götter sich ihrer erbarmten. Der einen Hälfte der verwundeten Wesen stülpten sie das Geschlecht nach innen in den Körper hinein.

Und?

Ihre wahnsinnige Sehnsucht verwandelte und linderte sich in das, was ihr Liebe nennt. Den nicht endenden Versuch, die Wunde zu heilen, sagte der Hund. Dann schwieg er.

Wir mochten diese Geschichte sehr, sagte er leise nach einer Weile.

Ich sah hinüber zur Brüstung, auf der noch die beiden Weingläser standen. Der Hund schaute hechelnd in die Sonne, die immer mehr hinter Wolken verschwand, und hinaus auf den See. Plötzlich stellte er die Ohren und witterte hoch zum Haus. Und ich sah, wie sie langsam den Abhang herunterkam.

Der Hund leckte ihr die Hand zur Begrüßung und kauerte sich dicht an ihre Beine. Wie müde von einer Jagd, lehnte sie sich mit ihrer Mitte ganz leicht an mich, das Wild, das warm bei ihr lag. Meine Stirn an ihrem Bauch. Ich spürte und hörte auf den Atem unter ihrer Haut. Ihr Geruch umhüllte und verwandelte mich.

Du musst jetzt gehen. Sie lächelte über mich hinweg, zog den goldenen Lippenstift und das Streichholzbriefchen aus der Tasche und gab mir beides. PHÄNOMENWERKE las ich. Der Hund sprang auf.

Das letzte Licht vom See her, bevor die Sonne hinter dichten Wolken verschwand, war ein grelles, spitzes Glitzern, das sich in ihren schwarzen Haaren fing, als wären sie nass. Sie strich mit der Hand hindurch und sagte mir, bevor ich dem Hund folgte, ihren Namen.

Thomas Hettche, der Meister des kryptischen Ausklangs, „Nox“

Nox

„Ich sah in ihrer Hand das Messer nicht. Sie hatte es vor kurzem erst gekauft. Plötzlich, als sie es absichtslos aus dem Etui nahm und in der Hand wog, fasziniert von seinem Gewicht und von der Fertigkeit, die es zu verlangen schien. Das Heft mit großen stählernen Nieten war aus schwarzem Holz. Die etwa zwölf Zentimeter lange Klinge lief mit leichtem Schwung spitz zu. Kühl und angenehm schwer fühlte sie es in ihrer Hand und beugte sich von hinten über mich im Sessel.

Das Fenster stand weit offen, und der Regen, der in Böen gegen das Haus trieb, hatte die Vorhänge so sehr schon genässt, dass sie schwer und dunkel vor den Fensterflügeln herabhingen. Auf dem Parkettboden eine Lache Wasser. Licht darin, das im Dämmer des Raumes hell schimmerte.

Ich stellte mir vor, wie sie den ganzen Tag hier vor dem tief verhangenen Himmel gesessen und hinüber gesehen hatte zur hohen Häuserzeile jenseits des Parks, die, ein Horizont in der Stadt, den anderen verdeckte und ihren Blick aufhielt. Als ich sie in der Nacht zuvor gefragt hatte, wie sie heiße, antwortete sie, ihres sei das dritte Türschild von unten. Der Baumwollbezug des Sessels war klamm und kalt. Ich lehnte mich zurück, um sie ansehen zu können…“

Thomas Hettche, „Nox“

Woraus wir gemacht sind

…“Die Liebe“, entgegnete er leise und lächelte Jackson entschuldigend an, „ist kein Gefühl.“

Jackson runzelte die Stirn.

Kalf wusste nicht, wie er auf diesen Satz gekommen war, er wusste nur, dass er so etwas wie die Quintessenz der ganzen langen Zeit bildete, die er von Liz getrennt in diesem Land verbracht hatte. Und ihm lag plötzlich daran, dass man ihn verstand. Ihm wurde wieder schwindlig. Doch er ließ Jackson nicht aus den Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Er war sich nicht mehr sicher, wer von ihnen beiden verrückt war. Zugleich aber wusste er genau, was er zu sagen versuchte, ohne noch die Wörter dafür zu haben.

„Wissen Sie, Jackson, auch Tiere leiden. Was uns von ihnen unterscheidet, ist nicht die Empfindung.“

Er hielt einen Augenblick inne, weil Jackson ihn noch immer ungläubig anstarrte und überlegte, wie er es ihm erklären konnte. „Es ist doch so: Sie haben mir Liz weg genommen und glauben, mir damit weh getan zu haben. Ist es nicht so?“

Jackson starrte ihn an.

„Und Sie können mir Liz wieder geben und damit mein Glück.“

Der Produzent nickte.

„Eine Wunde , die verheilen wird. Ein Trauma, das sich auflösen lässt.“ Kalf musste lächeln. „Aber was, wenn ich Ihnen sage, dass es darum gar nicht geht? Es geht nicht um Gefühle, Jackson. Liebe ist kein Gefühl. Das habe ich in den letzten Monaten gelernt. Die Liebe ist etwas ganz anderes.“

Doch Jackson verstand nicht, was er meinte. Kalf merkte es daran, wie er ihn ansah. Es hatte keinen Sinn, weiter zu sprechen. Er musste wieder daran denken, wie er den Schwarzen getötet hatte. Die Erinnerung an jenen Moment, als Frank starb, hatte er seitdem so sehr gemieden, dass ihn nun fast wunderte, jemanden umgebracht zu haben. Es war etwas wie ein Reflex gewesen. Etwas, das man eben tat…

…Er setzte sich auf einen Stuhl und schöpfte Atem. Er kannte diese Stille. Es war die selbe Stille, in der Frank gelegen hatte, wie eingehüllt in glatten, kühlen Stoff. Wie elegant sie war. Die Erinnerung an Marvin und Frank verblasste in der selben Bewegung, in der das rote Blut aus dem toten Körper vor ihm sickerte, als dichte es die Vergangenheit ab. Es ist vorüber, dachte Kalf. Was aber war die Liebe, wenn sie kein Gefühl war? Vielleicht war die Liebe so etwas wie ein Vertrag, der die ganze Welt umfasste, weil wir den Tod in unseren Augen sehen. Kein Tier sieht den Tod. Die Liebe ist das, was uns unter dem leeren Himmel möglich ist. Endlich, dachte er noch einmal, ist es vorüber. Und er machte sich auf die Suche nach Liz…

…Alles war plötzlich einfach: Nichts als der Tod ist uns gewiss, und keiner kann ihn uns nehmen. Der Himmel ist leer, und wir haben nur uns. Das ist die Liebe. Sie ist kein Gefühl. Denn wenn wir gehen, bleibt der andere allein…

Thomas Hettche, „Woraus wir gemacht sind“

Woraus wir gemacht sind

„Sie waren zu spät. Hatten keine Ahnung, wie lange die Taxifahrt vom Hotel hinunter in die 29. Straße dauern würde. Wünschten sich jetlagmüde nur, dass die sommerheiße Stadt immer weiter vor den Autofenstern vorbei ziehen möge, während sie auf der weichen Rückbank des Wagens zueinander rutschten, in den Luftstrahl der Klimaanlage hinein, der ihren Schweiß trocknete, bis sie zu frieren begannen. Vor Müdigkeit, sagte er. Vor Aufregung, Liz. Sie küssten sich, starrten hinaus, und dann waren sie auch schon da. Drei Schritte nur durch den Abend, dessen Luft feucht und schwer war, und sie standen in der wohltuend metallenen Kälte eines Restaurants, dessen französischen Namen Niklas Kalf sich im Hotel noch schnell eingeprägt und beim Betreten schon wieder vergessen hatte…“

Thomas Hettche, „Woraus wir gemacht sind“

Download des ersten Kapitels, „Daphne Abdela“