Leben & Sein

Leben, darin liegt kein Glück.
Leben: das schmerzende Ich durch die Welt tragen.
Aber sein, sein das ist Glück. Sein: sich in einen Brunnen,
in ein steinernes Becken verwandeln, in das wie
warmer Regen das Universum fällt.

Milan Kundera, „Die Unsterblichkeit“

Die Arbeit der Nacht

Glück, das war auch, als kleines Kind im Kinderwagen umhergeschoben zu werden. Den Erwachsenen zuzusehen, ihren Stimmen zu lauschen, viele neue Dinge zu bestaunen, begrüßt und angelächelt zu werden von fremden Gesichtern. Dazusitzen und zugleich zu fahren, etwas Süßes in der Hand, und die Beine von der Sonne gewärmt zu bekommen. Und vielleicht einem anderen Kinderwagen zu begegnen, dem Mädchen mit Locken, und aneinander vorbeigeschoben zu werden und sich zuzuwinken und zu wissen, das ist sie, das ist sie, das ist die, die man lieben wird.

Thomas Glavinic, „Die Arbeit der Nacht“

Die Arbeit der Nacht

Gleichgültig, wohin er ging: Immer hatte er sich gewünscht, daß sein letzter Gedanke der Liebe gehören sollte. Liebe als ein Wort. Liebe als ein Zustand. Liebe als ein Prinzip. Liebe sollte sein letzter Gedanke und seine letzte Empfindung sein, ein Ja und kein Nein, egal, ob er sich nur transportierte oder ob er zum Stillstand kam. Und er hatte immer gehofft, daß es ihm dann gelingen würde, daran zu denken. An die Liebe.

Thomas Glavinic, „Die Arbeit der Nacht“

Kommt ein Stöckchen geflogen

Tikerscherk hat mir ein Buchstöckchen zugeworfen. Ich gestehe, ich beantworte ungern Fragen. Den Grund dafür, glaube ich zu kennen. Ein Kapitel aus der Kategorie „Stöckchen, an denen man ein Leben lang herumkaut“. Strategien, die man sich im Laufe eines solchen zurecht legt, gehen bis zu einem gewissen Grad auf. So lese ich im Leben der anderen zuweilen wie in einem offenen Buch, ohne dass mir selbst auch nur eine Gegenfrage gestellt wird. Wirklich befriedigend ist das nicht immer.

Als das Stöckchen auf mich zugeflogen kam, ging ich zunächst in Deckung. Desweiteren überzeugte ich mich von der Unverfänglichkeit der Fragen. So weit, so gut. Über das Buch, das ich momentan lese, wollte ich ohnedies schreiben. Den Ausschlag aber gibt nicht zuletzt die Tatsache, dass das Stöckchen von einer meiner Lieblingsbloggerinnen kommt und ich mich im Grunde meines Herzens darüber freue.

Genug davon. Bevor der geneigte Leser feststellt, dass er es hier mit einer hochnotdkomplizierten Person zu tun hat. Werfe ich also meine Schneebälle ins Feuer:

Welches Buch liest Du momentan?

„Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic

Warum liest Du das Buch? Was magst Du daran?

Ich lese das Buch zum dritten Mal und frage mich selbst immer wieder, was ich daran so mag. Es handelt von einem, der eines Morgens in Wien erwacht und peu à peu feststellt, dass er anscheinend der einzig Überlebende einer wie auch immer gearteten Katastrophe ist. Auch die Tiere sind verschwunden. Was über Nacht geschehen ist, bleibt im Dunkel. Spätestens beim zweiten Mal wusste ich natürlich, dass die eigentliche Katastrophe immer die ist, die sich jetzt gerade, in diesem Moment ereignet.

Als gälte es, ein Experiment zu protokollieren, zeichnet Glavinic auf, was mit einem Menschen geschieht, dem alle Spiegel weggebrochen sind. Ist ein Mensch auch dann noch sich selbst der nächste, wenn er sich auf niemanden mehr beziehen und von niemandem mehr abgrenzen kann? Mit welchen Mitteln lässt sich eine solch abgrundtiefe Einsamkeit aushalten? Wie lange?

Obwohl ich weiß, worauf das alles hinausläuft, ist das Leseerlebnis von Mal zu mal intensiver. Vielleicht weil das Buch weniger Fragen beantwortet als aufwirft. Oder weil ich das Gefühl habe, es birgt ein Geheimnis, dem ich auf den Grund gehen muss.

Wurde Dir als Kind vorgelesen? Kannst Du Dich an eine der Geschichten erinnern?

Leider kann ich mich weder an das eine noch das andere erinnern.

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den / die die Du mal regelrecht verliebt warst?

Bis über beide Ohren! Meine erste große Liebe war Michael Strogoff, der „Kurier des Zaren“ von Jules Verne. Wenig später verdrehte mir Jack Londons „Seewolf“ den Kopf. Irgendwann bekam ich dann „Zelda“ von Nancy Milford in die Hände und verliebte mich, wenn auch sterblich, in F. Scott Fitzgerald. Meine letzte große Liebe war Raymond Chandler’s Philip Marlowe.

In welchem Buch würdest Du gern leben wollen?

Spontan würde ich mich für die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson entscheiden: Verblendung – Verdammnis – Vergebung. Aber je länger ich darüber nachdenke, um so schwerer fällt mir die Entscheidung.

Welche drei Bücher würdest Du nicht mehr hergeben wollen“

„Jenseits von Eden“ von John Steinbeck, „Die Wand“ von Marlen Haushofer, „Das sterbende Tier“ von Philip Roth

Ein Lieblingssatz aus einem Buch?

Darf es auch ein ganzer Absatz sein?

Auch wer ein Tagebuch schreibt, glaubt er nicht an den Zufall, der ihm die Fragen stellt, die Bilder liefert, und jeder Mensch, der im Gespräch erzählt, was ihm über den Weg gekommen ist, glaubt er im Grunde nicht, daß es in einem Zusammenhang stehe, was immer ihm begegnet? Dabei wäre es kaum nötig, daß wir, um die Macht des Zufalls zu deuten und dadurch erträglich zu machen, schon den lieben Gott bemühen; es genügte die Vorstellung, daß immer und überall wo wir leben, alles vorhanden ist: für mich aber, wo immer ich gehe und stehe, ist es nicht das vorhandene Alles, was mein Verhalten bestimmt, sondern das Mögliche, jener Teil des Vorhandenen, den ich sehen und hören kann. An allem übrigen, und wenn es noch so vorhanden ist, leben wir vorbei. Wir haben keine Antenne dafür; jedenfalls jetzt nicht; vielleicht später. Das Verblüffende, das Erregende jedes Zufalls besteht darin, daß wir unser eigenes Gesicht erkennen; der Zufall zeigt mir, wofür ich zur Zeit ein Auge habe, und ich höre, wofür ich eine Antenne habe. Ohne dieses einfache Vertrauen, daß uns nichts erreicht, was uns nichts angeht, und daß uns nichts verwandeln kann, wenn wir uns nicht verwandelt haben, wie könnte man über die Straße gehen, ohne in den Irrsinn zu wandeln? Natürlich läßt sich denken, daß wir unser mögliches Gesicht, unser mögliches Gehör nicht immer offen haben, will sagen, daß es noch manche Zufälle gebe, die wir übersehen und überhören, obschon sie zu uns gehören; aber wir erleben keine, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt.

Max Frisch, “Tagebuch 1946 – 1949″

Das Stöckchen werfe ich jetzt Roswitha zu. Ich fände es schön, neben ihren Bilderwelten auch etwas über ihre Buchwelten zu erfahren.

Die Arbeit der Nacht

Schon immer hatte er sich vorgestellt, man könne durch Langsamkeit sterben. Indem man die Ausführung einer alltäglichen Handlung zeitlich dehnte – ins >Unendliche< oder eben doch Endliche: weil man in diesem Dehnen und Ausdehnen diese Welt verließ. Ein Winken mit dem Arm, ein Schritt, ein Drehen des Kopfes, eine Geste: Verlangsamte man diese Bewegung mehr und mehr, ging, gewissermaßen von selbst, alles zu Ende.

Beim Anblick des Fotos erinnerte er sich an seinen Gedanken, die fortschreitende Langsamkeit könne töten. Wenn dies stimmte, wenn man durch eine endlose Bewegung, die in der Bewegungslosigkeit endete, an der Ewigkeit anstreifte – überwog darin das Tröstende oder das Entsetzliche?

Thomas Glavinic, „Die Arbeit der Nacht“

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