Blutmale

Etwas Kaltes berührte leicht ihre Nase, und als sie aufblickte, sah sie dicke Flocken vom Himmel herabsinken. Es war, als spende der reine weiße Schnee den letzten Segen.

„Können wir gehen, Lily?“, fragte Baum.

„Ja.“ Sie lächelte. „Ich bin bereit.“ Dann wandte sie sich ab, um ihnen zu folgen, und die drei Dämonenjäger stiegen zusammen den Hügel hinunter.

Tess Gerritsen, „Blutmale“

Blutmale

1

Sie sahen aus wie die perfekte Familie.

2

Zwölf Jahre später.

Dr. Maura Isles blieb vor dem Eingang der Kirche Unserer Lieben Frau vom Himmlischen Licht stehen, unschlüssig, ob sie eintreten sollte oder nicht. Die Gottesdienstbesucher waren schon hineingegangen, und sie stand allein in der nächtlichen Dunkelheit, wo Schneeflocken lautlos auf ihren unbedeckten Kopf herabrieselten. Durch die geschlossenen Kirchentüren hörte sie die Organistin „Nun freut euch, ihr Christen“ anstimmen, und sie wusste, dass inzwischen alle ihre Plätze eingenommen haben mussten. Wenn sie vorhatte, sich ihnen anzuschließen, sollte sie allmählich hineingehen.

Sie zögerte, weil sie nicht wirklich zu den Gläubigen gehörte, die sich dort drinnen zur Messe versammelt hatten. Doch die Musik lockte sie, wie auch die Aussicht auf die Wärme und auf den Trost vertrauter Rituale. Hier draußen auf der dunklen Straße stand sie allein. Allein an Heiligabend.

Tess Gerritsen, „Blutmale“


Titel der Originalausgabe: „The Mephisto Club“

Schwesternmord

In ihrem Gesicht , ihren Augen, trug Maura das Kainsmal ihrer Abstammung. In ihren Adern floss das Blut von Mördern. Doch das Böse war nicht erblich. Sie trug vielleicht die Anlagen dazu in ihren Genen, doch darin unterschied sie sich nicht von jedem anderen Kind, das auf dieser Welt geboren wurde.  Darin bin ich nicht anders als alle anderen. Wir stammen alle von Monstern ab.

Sie ging weiter, ließ dieses Haus der gefangenen Seelen hinter sich. Da stand ihr Wagen, und vor ihr lag die Straße, die sie nach Hause führen würde. Und sie drehte sich nicht um.

Tess Gerritsen, „Schwesternmord“

Schwesternmord

Prolog

Dieser Junge beobachtete sie schon wieder.

Die vierzehnjährige Alice Rose versuchte, sich auf die Matrize mit den zehn Fragen zu konzentrieren, die vor ihr auf dem Tisch lagen, doch ihre Gedanken waren nicht bei der englischen Literatur, die sie im ersten High-School-Jahr durchgenommen hatten, sie waren bei Elijah. Sie konnte den Blick des Jungen spüren wie einen Strahl, der auf ihr Gesicht gerichtet war; sie fühlte seine Wärme auf ihrer Wange – und merkte, wie sie errötete…

Tess Gerritsen, „Schwesternmord“

(Titel der Originalausgabe: „Body Double“)


Vom Verlag bin ich ein bisschen enttäuscht. Ich hatte mich schon auf das neue Umschlagbild gefreut, auf die Entdeckung eines neuen alten Meisters. Aber nein. Der Verlag verwendet wieder einen Ausschnitt von Artemisia Gentileschis „Susanna und die Ältesten“.

Todsünde

Mit leisen Schritten ging Maura auf den kleinen Seitenaltar zu. Dort zündete sie drei Kerzen für drei Frauen an. Eine für Schwester Ursula. Eine für Schwester Camille. Und eine für eine Leprakranke ohne Gesicht, deren Namen sie nie erfahren würde. Sie glaubte nicht an Himmel und Hölle, sie war sich nicht einmal sicher, ob sie an die Unsterblichkeit der Seele glaubte. Und doch stand sie hier in diesem Haus des Gebets und entzündete drei kleine Flammen, und sie fand Trost in dieser Handlung, denn an eines glaubte sie wahrhaftig: an die Macht der Erinnerung. Nur wer vergessen ist, ist wirklich tot.

Sie trat aus dem Alkoven ins Kirchenschiff und sah, das Pater Brophy sich zu den beiden Frauen gesetzt hatte und ihnen tröstende Worte zuflüsterte. Er blickte auf. Und im Schein der letzten Sonnenstrahlen, die wie flüssige Juwelen durch die Fenster strömten, trafen sich ihre Blicke. Für einen kurzen Moment vergaßen sie beide, wo sie waren. Und wer sie waren.

Sie hob die Hand zum Abschiedsgruß.

Dann verließ sie seine Kirche und kehrte zurück in ihre eigene Welt.

Tess Gerritsen, „Todsünde“

Todsünde

1

Man nannte sie die „Königin der Toten“.

Zwar wagte niemand, den Spitznamen in ihrer Gegenwart auszusprechen, doch ab und zu hörte sie, wie sich die Leute ihn hinter ihrem Rücken zuflüsterten, wenn sie zwischen Tatort, Leichenschauhaus und Gerichtssaal dem düsteren Geschäft nachging. Bisweilen konnte sie einen Unterton von finsterem Sarkasmus aus den Kommentaren heraushören: Ach, sieh da, die Herrin der Unterwelt holt wieder eine arme Seele in ihr Reich! Manchmal schwang auch ein nervöses Tremolo in den geflüsterten Bemerkungen mit, wie in dem Getuschel der Frommen, wenn ein gottloser Fremder vorübergeht. Es war die Unruhe derer, die nicht begreifen konnten, warum sie freiwillig in den Fußstapfen der Toten wandelte. Macht ihr das vielleicht Spaß?, fragten sie sich. Übt die Berührung von eiskaltem Fleisch, der Geruch der Verwesung einen solchen Reiz auf sie aus, dass sie dafür den Lebenden den Rücken kehrt? Sie finden das einfach nicht normal – sie werfen ihr verstörte Blicke zu und registrieren Details, die sie nur in ihrer Überzeugung bestärken, dass sie ein ziemlich schräger Vogel ist. Die elfenbeinfarbene Haut, das rabenschwarze Haar mit dem schlichten Kleopatra-Schnitt; die grellrot geschminkten Lippen, wie eine blutige Wunde. Wer außer ihr trägt denn zu einer Leichenuntersuchung Lippenstift? Aber vor allem ist es ihre unerschütterliche Ruhe, die diese Beobachter beunruhigt, die kühle, hoheitsvolle Miene, mit der sie einen grausigen Anblick aufnimmt, bei dem sich ihnen selbst der Magen umdreht. Im Gegensatz zu ihnen wendet sie sich nicht angewidert ab. Im Gegenteil, sie beugt sich herab, geht ganz nahe heran, tastet – und schnuppert.

Und später schwingt sie dann unter den grellen Lampen ihres Autopsiesaales das Skalpell.

Tess Gerritsen, „Todsünde“

Titel der Originalausgabe: „The Sinner“

Der Meister

Ich sehe sie an und denke: O ja, sie möchte gerne hören, was ich ihr zu sagen habe. Wie alle anderen auch will sie alles hören, jedes makabre Detail. Sie behauptet, ihr Interesse sei rein akademischer Natur; dass alles, was ich ihr sage, nur für ihre Forschung bestimmt sei. Aber ich sehe die lustvolle Neugier in ihren Augen aufblitzen. Ich wittere den Duft ihrer Erregung.

Ich sehe, wie das Reptil sich in seinem Käfig regt.

Sie will wissen, was ich weiß. Sie will in meine Welt eindringen. Sie ist endlich bereit für das Abenteuer.

Es ist an der Zeit, ihr die Tür zu öffnen.

Tess Gerritsen, „Der Meister“

Der Meister

1

Die Fliegen waren schon zur Stelle. Nach vier Stunden auf dem aufgeheizten Pflaster von South Boston war das zerschmetterte Fleisch regelrecht gar gekocht und strömte das chemische Äquivalent  eines Essensglöckchens aus, was ganze Schwärme summender Insekten angelockt hatte. Obwohl das, was von dem Körper übrig geblieben war, inzwischen mit einem Tuch abgedeckt war, fanden die Aasfresser noch reichlich herumliegendes Gewebe, an dem sie sich gütlich tun konnten. Klümpchen grauer Hirnmasse  und andere nicht identifizierbare Fragmente waren in einem Radius von zehn Metern über die Straße verstreut. Ein Schädelsplitter war in einem Blumenkasten im ersten Stock gelandet, und an den parkenden Autos klebten Fleischfetzen…

Tess Gerritsen, „Der Meister“

Titel der Originalausgabe: „The Apprentice“

Die Chirurgin

Epilog

Ich besitze diese kostbare Locke nicht mehr. Aber ich brauche sie auch nicht mehr, denn ihr Geruch ist mir so vertraut wie mein eigener. Ich weiß, wie ihr Blut schmeckt. Ich kenne den seidigen Schimmer des Schweißes auf ihrer Haut. All das bewahre ich in meinen Träumen auf, wo die Lust mit der Stimme einer Frau schreit und blutige Fußspuren hinterlässt. Nicht alle Souvenirs kann man in der Hand halten, betasten und streicheln. Manche können wir nur in den tiefsten Tiefen unseres Gehirns bewahren, in unserem innersten, tierhaften Kern, der unser aller Ursprung ist.

Dem Teil von uns allen, den so viele gerne verleugnen.

Ich habe ihn nie verleugnet. Ich stehe zu meinem innersten Wesen, ich bekenne mich bereitwillig dazu. Ich bin so, wie Gott mich geschaffen hat, wie Gott uns alle geschaffen hat.

Wie das Lamm gesegnet ist, so auch der Löwe.

So auch der Jäger.

Tess Gerritsen, „Die Chirurgin“