The Double-Take of Seeing

Robert Frank said, “When people look at my pictures I want them to feel the way they do when they want to read a line of a poem twice.” I’m drawn to this poetic notion of photography, and I think Frank’s idea is what Pinkhassov, too, is after. He tries to foster the double-take of seeing.

Teju Cole

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Inbetween

Just a shadow. Hardly that. But audible. Coming out of the woods, whispering Happily Ever After...
Just a shadow. Hardly that. But audible.
Coming out of the woods, whispering
Happily Ever After…*

Ich glaube, es geht mir besser, sagte ich neulich zum Urenkel der Schwarzen Witwe, der sich von berufs wegen für mein Befinden interessiert. Beide brachen wir zugleich in schallendes Gelächter aus. Im selben Moment war mir klar, dass meine Antwort, die ich mir im Vorfeld sorgfältigst zurecht gelegt hatte, nicht gerade überzeugend geklungen haben konnte. Gelogen war sie nicht. Sie war so ehrlich, wie ich es zum jetzigen Zeitpunkt sein kann. Darüber hinaus wollte ich nicht den Eindruck eines sich stetig ausweitenden tiefen Tales erwecken. Manchmal ist der Eindruck, den man hinterlassen möchte oder eben nicht, etwas, woran man sich festhalten kann. Ich glaube wirklich, dass es mir besser geht, bekräftigte ich meine Aussage. Am Ende wird ihn nicht die sondern mein Lachen dahingehend überzeugt haben, dass ich zumindest auf einem Weg bin, der aus dem tiefen Tal auch wieder hinaus führt.

Eigentlich hatte ich ihn um eine Erklärung für einen Gedanken bei Teju Cole bitten wollen, der mich bis heute nicht loslässt:

In Trauer und Melancholie und später in Das Ich und das Es argumentierte Freud, dass man im normalen Trauervorgang die Toten verinnerlicht. Die Toten werden vollständig in die Lebenden assimiliert, in einem Prozess, den er Introjektion nennt. Bei einem Trauerprozess, der nicht normal verläuft, bei einer falschen Trauer sozusagen, findet diese gesunde Verinnerlichung nicht statt, sondern etwas, das er Inkorporation nennt. Dann besetzen die Toten nur einen Teil des Überlebenden; sie sind teilweise abgetrennt, verborgen in einer Krypta, von der aus sie die Lebendigen heimsuchen.

Ich verstehe den Unterschied nicht. So oft und so lange ich darüber nachdenke, verstehe ich ihn immer weniger. Leider vergaß ich, den Urenkel danach zu fragen. Auch das Vergessen ist unter Umständen als gutes Zeichen zu werten. Vermutlich hätte er ohnehin abgewunken. Wenn überhaupt, wird Freud heutzutage höchstens noch aus literarischen Gründen gelesen.

Apropos Vergessen: Der Schwester erzählte ich von meinem letzten Traum. Vielleicht brauchst Du das, meinte sie, ihm den Schwarzen Peter zuzuschieben. Auch das gab mir zu denken. Wieso sollte ich das brauchen? Weil Vorwürfe Trotzreaktionen provozieren? Versuche, sich zu rechtfertigen. Das eigene Recht auf Leben verteidigen. Kleine Freuden wie ein Bollwerk vor sich aufbauen.

Zur Medikation gesellt sich nun auch noch ein blutdrucksenkendes Mittel. So what! Die Wirkung ist von größerer Durchschlagskraft als die so manchen Psychopharmakums. Von alleine konnte ich aus dem Drivemodus meines inneren Automatikgetriebes nicht mehr runterschalten. Ich bin jetzt ruhiger. Auch der Presslufthammer, der schon am Morgen in mir zu wüten begann, hat seine Arbeit eingestellt. Ich renne nicht mehr mit weit geschlossenen Augen durch die Gegend.

Nur eine irrationale innere Stimme begleitet mich auf Schritt und Tritt. Wie der Geist, der stets verneint. Und gegen den vielleicht alles, was in diesen Tagen danach entsteht, verteidigt werden muss.

*Zitat Paul Grant, „Just Another Paradigm Shift“

Zarzuela und Halászlé

Manchmal brate ich meinem Sohn ein Schnitzel. Im Prinzip ist er mittlerweile Manns genug, es selbst zu tun, aber das ist eine andere Geschichte. Es geht mir auch nicht ums Prinzip. Der Punkt ist, dass ich immer vergesse, Paniermehl zu kaufen. Dann suche ich im Vorratsschrank nach einem verwertbaren Ersatz. Haferflocken, zum Bespiel. Oder Couscous. Man glaubt es kaum, aber die Couscousvariante war der Renner. Schnitzel nach nordafrikanischer Art sozusagen.

Das Mehlieren und Panieren erinnert mich an Kinderspiele in nassem Sand. Die feuchte, klumpige Masse nannten wir damals Moddepappe. Es ist vor allem dieses Wort, an das ich denke, wenn sich an meinen Fingerkuppen die Klümpchen aus Mehl und Ei und Semmelbröseln, Haferflocken oder Couscous bilden.

Manchmal höre ich dazu Radio. Oft lausche ich dem Katzenjammer aus der Wohnung gegenüber. Der Kater, der sich dort die Seele aus dem Leib schreit, ist so weiß wie Schnee oder wie die Blüten der Orchidee, die an meinem Küchenfenster steht. Wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, büchst er aus. Sehr zum Leidwesen der Nachbarschaft. Auf irgendeinem Fußabstreifer hinterlässt er garantiert ein Häuflein seiner Exkremente. Als wolle er alle mit der Nase auf sein Elend stoßen. Manche Katzen sind so. Nichts geschieht ohne Grund, sagt mir mein Bauchgefühl, während mein Verstand alles in Frage stellt.

Für mich alleine würde ich wahrscheinlich nicht kochen. Ich würde ein paar Blöcke weiter zum Spanier am Stadtplatz gehen und einen Teller meiner Lieblingsfischsuppe mit einem Viertel Marqués de Altillo vertilgen. Er kocht wirklich ausgezeichnet, der Spanier, und hat höchstwahrscheinlich immer Paniermehl in seinem Vorratsschrank. Mein Vater ist für einen Teller seiner Lieblingsfischsuppe jedes Jahr 1.000 Kilometer gefahren. Serviert wurde sie in einer Spelunke an der ungarisch-rumänischen Grenze. Ich erinnere mich nicht, was ich dort zu essen bekam. Ich erinnere mich nur daran, meinem Vater beim Essen zugesehen zu haben. Wie er die Suppe mit einem Genuss in sich hinein löffelte, als wäre sie wirklich die beste Fischsuppe der Welt gewesen. Ein Fremder ist der Mensch dem Menschen, bis er plötzlich etwas an sich entdeckt, das ihm als Eigenschaft des Fremden schon lange vertraut ist.

Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, wenn er sich selbst nicht kennt, dachte ich nach der Lektüre von Open City:

Jeder Mensch muss sich unter bestimmten Bedingungen als Sollwert der Normalität setzen und davon ausgehen, dass seine Psyche für ihn selbst nicht durchschaubar ist, nicht undurchschaubar sein kann. Vielleicht verstehen wir das unter geistiger Gesundheit: dass wir uns selbst, so verschroben wir uns auch finden mögen, niemals als Bösewichte unserer eigenen Geschichte wahrnehmen.

Julius, der Ich-Erzähler, der kurz vor dem Abschluss seiner Facharztausbildung zum Psychiater steht, wird am Ende mit der Geschichte eines anderen Menschen konfrontiert, in der er tatsächlich der Bösewicht ist. Nicht die Wendung selber sondern Julius‘ Reaktion darauf schockiert. Und doch passt sie in jenes Bild, das sich mir von Seite zu Seite immer stärker aufgedrängt hat: Hier versucht einer zu verschleiern, wer er ist, was ihn eigentlich umtreibt, was die Gründe für seine Unruhe, seine endlosen Wanderungen durch die Stadt sind. Und er wird es weiter tun. Wird seinen Beruf ausüben, in die Dunkelkammern der Seelen seiner Patienten blicken und dabei ganz behutsam und wohlüberlegt vorgehen. Das war interessant, stellenweise sogar richtig spannend. Anders gelesen, hätte es mich womöglich gelangweilt.

Meine Hände hielten sich am Metall fest und mein Blick am Licht der Sterne, und es war, als wäre ich einer bestimmten Sache so nahe gekommen, dass sie aus dem Fokus geriet, oder als hätte ich mich so weit von ihr entfernt, dass sie in der Ferne verblasste.

Einen besseren Schlusssatz gibt es im Prinzip nicht. Aber wie bereits erwähnt geht es mir nicht ums Prinzip. Der Punkt ist, dass ich manchmal vergesse, das Paniermehl zu kaufen. Für einen Vorrat an Lektüre ist dagegen immer gesorgt. „Sand“, zum Beispiel, von Wolfgang Herrndorf. Oder „Das Buch der Gleichnisse“ von Per Olov Enquist. Beiden eilt der Ruf voraus, rätselhaft zu sein. Nun gilt es also, mich zwischen dem Rätselhaften und dem Rätselhaften zu entscheiden.

Himmel, der nirgendwo endet

Himmel, der nirgendwo endetMeine Tochter hat mir ein Bild geschickt. Aus Berlin. Dabei musste ich sofort an Tanjamarias Raum der Möglichkeiten denken. Das Lebensgefühl, das es mir vermittelt, erinnert mich zudem an meine Zeit in New York, die mir heute wie ein Traum erscheint. Wie die Erinnerung an einen Trip, aus dem ich nicht viel retten konnte über den großen Teich. In ein Leben, dessen Grenzen, nüchtern betrachtet, mir mittlerweile so eng gezogen erscheinen, dass ich mich tagtäglich frage, ob sie sich wohl noch einmal sprengen lassen. Gleichzeitig bin ich müde. Überanstrengt. Die Kräfte reichen gerade einmal, um den Anforderungen des Alltags standzuhalten.

Eigentlich wollte ich in dieser Woche Urlaub „Kleine Lichter“ von Roger Willemsen lesen, aber nach den ersten Zeilen musste ich es wieder weg legen.

Hier endet meine Reise zu den Männern. Sie endet bei dir…

Und stör dich nicht daran, dass ich ein Wort so verschwenderisch gebrauche, mit dem du so geizig warst. Ich will dir die Liebe erklären, wie man den Krieg erklärt. Das heißt, die Liebe kann ich dir nicht erklären, nur meine. Ich erkläre sie dir in alten Vokabeln. Es geht nicht anders: Wer liebt, wechselt das Jahrhundert.

Wunderbare Worte. Weiterlesen konnte ich dennoch nicht. Immerhin zeigt das Buchcover Gerhard Richters Lesende. So bin ich bei Vermeer gelandet und all den anderen Lesenden begegnet, und Vermeer fand ich auch bei Teju Cole, der sehr gepflegt zu erzählen weiß von seinen Spaziergängen und was ihm auf seinen Wegen so alles begegnet. Gepflegt aber bisweilen ein bisschen flach, denke ich manchmal, wenn ich zwischen den Zeilen etwas vom New York State of Mind suche, wie ich ihn im Kopf habe oder es der Klappentext verkündet, und mich auf jeder Seite ein Gefühl begleitet, als müsse es jetzt endlich in medias res gehen. Tut es aber nicht. Der Reiz dieses Buches liegt ganz in seiner Bewegung. Im Gehen, sich treiben lassen. Nicht im Verweilen:

Wie flüchtig doch die Empfindung von Glück war, wie wackelig ihre Grundlage: ein warmes Restaurant, wenn man aus dem Regen kommt, der Duft von Essen und Wein, ein interessantes Gespräch, Tageslicht, das sich schwach in den polierten Kirschholzplatten der Tische spiegelt. Der Übergang von einem Gefühlszustand zum anderen war so mühelos wie der Zug eines Schachspielers. Allein das Bewusstsein, einen Moment des Glückes zu erleben, schmälerte dies schon, war ein solcher Zug auf dem Schachbrett…

Mit einem Reflex ein Baby gerettet, ein Moment des Glücks; eine Begegnung mit Ruandern, mit Überlebenden, ein Moment der Traurigkeit; der Gedanke, dass wir letztendlich anonym blieben, noch mehr Traurigkeit, die Erfüllung von sexuellem Verlangen, komplikationslos, noch ein Moment des Glücks – und so ging es weiter, ein Gedanke folgte auf den anderen. Wie belanglos schien das menschliche Dasein, das uns in den immerwährenden Kampf zwang, unser Innenleben zu regulieren, das hin und her geschoben wurde wie eine Wolke im Wind. Und auch diese Wahrnehmung registrierte der Verstand und wies ihr ihren Platz zu: eine kleine Traurigkeit…

Der Platz, den ich meinen Wahrnehmungen zuweise, ist zuweilen nicht ganz eindeutig. Der Arzt, der diese Woche über mein Bein strich, als würde er es streicheln, zum Beispiel, es begutachtete, als wäre es das schönste Bein der Welt – ein Glücksmoment und zugleich erfüllt von grenzenloser Traurigkeit.

Die Tochtertage dagegen – eine glückliche Zeit. Nur beim Knipsen auf dem Johannisfriedhof in Nürnberg ertappte ich mich dabei, wie ich so manches Motiv auf seine Blogtauglichkeit hin überprüfte. Blogst du noch oder lebst du schon, schoss es mir da durch den Kopf. Und: Life through a lens, wenn wir uns mittendrin gegenseitig ablichteten…

Life through a lens

Three Boys at Lake Tanganyika

Dort, in dieser weißen Galerie, zwischen Bilderreihen und murmelnden Betrachtern, erschien mir die Fotografie als die unheimlichste aller Künste. Nur ein Augenblick, dem Lauf der Geschichte entrissen, wurde festgehalten, während der Strom der Zeit die Momente davor und danach verschwinden ließ. Nur dieser eine Augenblick wurde vom Auge der Kamera auserwählt, gerettet, der Zeit willkürlich entzogen.

Teju Cole, „Open City“

Martin Munkácsi, "Three Boys at Lake Tanganyika" (ca. 1930)
Martin Munkácsi, „Three Boys at Lake Tanganyika“ (ca. 1930)

Open City

Mit fünfzig, so alt schätzte ich sie, erfordert gutes Aussehen oft Mühe. Für Frauen im Alter der Bedienung im Café genügte es, ein bisschen gut auszusehen. Mit zwanzig spielt alles perfekt zusammen: die straffe Haut, die gerade Haltung, der selbstbewusste Gang, das gesunde Haar, die klare und feste Stimme. Mit fünfzig ist es ein Kampf. Und deswegen war der Nachmittag eine Überraschung – für die Touristin, die mein deutliches, weitgehend wortloses Interesse spürte, und für mich, der völlig unerwartet von diesen großen graugrünen Augen, die mich traurig und klug anblickten, verführt wurde.

Teju Cole, „Open City“

One Shoe Off

Als ich, innerlich zur Ruhe gekommen, vor Brewsters Porträts stand, erkannte ich, dass in den Gemälden eine lautlose Übertragung zwischen Künstler und Objekt festgehalten war. Ein Pinselstrich gibt beim Auftragen der Farbe an der Tafel oder auf der Leinwand kaum ein Geräusch von sich, und genau dieser Frieden wird bei den großen Künstlern der Stille wunderbar greifbar: bei Vermeer, Chardin, Hammershøi. Das Schweigen geht sogar noch tiefer, dachte ich, wenn die persönliche Welt des Künstlers von vollkommener Lautlosigkeit erfüllt ist. Im Unterschied zu anderen Malern hatte Brewster nicht auf indirekte Blicke oder Hell-Dunkel-Kontraste zurückgegriffen, um das Schweigen dieser Welt zu vermitteln. Die Gesichter waren ganz im Licht und trotzdem still.

Teju Cole, „Open City“

John Brewster Jr., "One Shoe Off" (1807)
John Brewster Jr., „One Shoe Off“ (1807)

Open City

Teil 1 Der Tod ist eine Vervollkommnung des Blickes

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Als ich also im vergangenen Herbst begann, abendliche Streifzüge durch die Stadt zu unternehmen, erwies sich Morningside Heights als guter Ausgangspunkt. Der Weg, der ausgehend von der Cathedral of St. John the Divine den Morningside Park durchquert, führt in nur fünfzehn Minuten zum Central Park. In die andere Richtung, nach Westen, sind es ungefähr zehn Minuten zum Sakura Park, und wenn man sich von dort nach Norden wendet, immer am Hudson River entlang, der aber wegen des Straßenlärms jenseits der Bäume nicht zu hören ist, kommt man nach Harlem. Diese Spaziergänge, ein Kontrapunkt zu meinen geschäftigen Tagen im Krankenhaus, wurden länger und länger und führten mich von Mal zu Mal weiter fort. Oft fand ich mich spätabends in großer Entfernung von zu Hause wieder und war gezwungen, die U-Bahn zurück zu nehmen. So drang New York City zu Beginn des letzten Jahres meiner Facharztausbildung zum Psychiater im Schritttempo in mein Leben ein.

Teju Cole, „Open City“

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