Totengleich

Eines hoffe ich: dass sie nie stehen geblieben ist. Ich hoffe, als ihr Körper nicht mehr weiterlaufen konnte, hat sie ihn zurückgelassen, wie alles andere, was je versucht hat, sie festzuhalten, ich hoffe, dass sie das Pedal bis zum Anschlag durchgetreten hat und wie der Wind davongefegt ist, durch die Nacht die Highways hinunter, beide Hände vom Lenkrad gehoben und den Kopf im Nacken, dass sie hinauf in den Himmel geschrien hat wie ein Luchs, weiße Linien und grüne Lichter, die in die Dunkelheit hinein davonjagen, ihre Reifen nur Millimeter über dem Boden und das Gefühl von Freiheit, das ihr den Rücken hochzischt. Ich hoffe, jede Sekunde, die sie hätte haben können, ist wie ein Sturmwind durch das Cottage gerauscht: Schleifen und salzige Gischt, ein Ehering und Chads Mutter, die vor Rührung weint, Sonnenfältchen und Galoppaden durch wildes rotes Buschwerk, der erste Zahn eines Babys und seine Schulterblätter wie winzige Flügel in Amsterdam Toronto Dubai; Weißdornblüten, die durch Sommerluft wirbeln, Daniels Haar, das grau wird unter hohen Decken und Kerzenflammen, und die zauberhaften Klänge von Abbys Gesang. Die Zeit tut so viel für uns, hat Daniel einmal zu mir gesagt. Ich hoffe, in jener halben Stunde hat sie all ihre unzähligen Leben gelebt.

Tana French, „Totengleich“

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Totengleich

Egal, was die Werbung uns weismachen will, wir können nicht alles haben. Verzicht ist keine Option oder ein Anachronismus, er ist eine Lebensrealität. Wir alle hacken uns Körperteile ab, um sie auf irgendeinem Altar zu opfern. Es kommt darauf an, einen Altar zu wählen, der es auch wert ist, und ein Körperteil, auf das man verzichten kann, und das Opfer bereitwillig auf sich zu nehmen.

Tana French, „Totengleich“

Totengleich

Ich musste daran denken, wie Rob und ich Verdächtige von diesem Beobachtungsraum aus studiert hatten, wie wir lachend Schulter an Schulter über diesen Flur gegangen waren, wie wir in der vergifteten Luft des Knocknaree-Falls in Stücke zerborsten waren wie ein Meteor, in Rauch und Flammen aufgegangen, und ich empfand absolut nichts, nichts, außer dass sich die Wände um mich herum öffneten und abfielen wie Blütenblätter…

Tana French, „Totengleich“

Totengleich

Eigentlich bin ich keine Freundin von Prologen, aber hier kommt einer vom Feinsten:

Prolog

Manchmal nachts, wenn ich allein schlafe, träume ich noch immer vom Whitethorn House. Im Traum ist es stets Frühling, kühles, zart dunstiges Spätnachmittagslicht. Ich steige die abgetretenen Steinstufen hoch und klopfe an die Tür – der prächtige Messingklopfer ist schwarz angelaufen und so schwer, dass man jedes Mal erschrickt -; und eine alte Frau mit Schürze und einem bauernschlauen, harten Gesicht lässt mich herein. Dann hängt sie den großen, rostigen Schlüssel wieder an ihren Gürtel und geht die Einfahrt hinunter davon, unter den fallenden Kirschblüten hindurch, und ich schließe die Tür hinter ihr.

Das Haus ist immer leer. Die Schlafzimmer sind kahl und hell, nur meine Schritte hallen von den Dielenbrettern, kreiseln durch die Sonne und die Staubkörnchen hinauf bis zur hohen Decke. Es riecht nach wilden Hyazinthen, deren Duft durch die weit offenen Fenster hereinweht, und nach Bienenwachspolitur. Weiße Farbflocken blättern von den Schiebefenstern ab, und eine Efeuranke ragt schwankend über die Fensterbank. Waldtauben, träge irgendwo draußen.

Im Wohnzimmer ist das Klavier aufgeklappt, kastanienfarben schimmerndes Holz, in den Sonnenstreifen fast blendend hell, leichter Wind, der die vergilbten Notenblätter bewegt wie ein Finger. Der Tisch ist für fünf Personen gedeckt, für uns – die Knochenporzellanteller und die langstieligen, frisch geschnittenes Waldgeißblatt quillt aus einer Kristallschale -, aber das Tafelsilber ist matt angelaufen, und die dicken Damastservietten sind wattig vor Staub. Daniels Zigarettenetui liegt an seinem Platz am Kopfende des Tisches, offen und leer bis auf ein abgebranntes Streichholz.

Irgendwo im Haus, schwach wie ein Fingernagelklicken, sind Geräusche: ein Schlurfen, Flüstern. Mir bleibt fast das Herz stehen. Die anderen sind gar nicht fort, irgendwie hab ich das alles nur falsch verstanden. Sie verstecken sich bloß; sind noch da, für alle Zeit.

Ich folge den winzigen Geräuschen Zimmer für Zimmer durchs Haus, verharre nach jedem Schritt, um zu lauschen, aber ich bin nie schnell genug: Sie entgleiten stets wie Trugbilder, hinter die nächste Tür oder weiter die Treppe hinauf. Ein spitziges Kichern, augenblicklich gedämpft, das Knarren von Holz. Ich lasse Kleiderschranktüren weit aufschwingen, ich nehme drei Stufen auf einmal, ich wirbele oben um den Treppenpfosten herum und erhasche aus dem Augenwinkel noch eine rasche Bewegung: der fleckige alte Spiegel am Ende des Korridors, mein Gesicht darin, lachend.

Tana French, „Totengleich“

Titel der Originalausgabe: „The Likeness“

In the Woods

Ich zündete mir auch eine Zigarette an und sah den Arbeitern zu. Das Metallding hatte einen dünnen roten Abdruck in meiner Handfläche hinterlassen. Zwei Kinder, vielleicht acht oder neun, lagen bäuchlings quer über der Siedlungsmauer. Die Arbeiter fuchtelten mit den Armen und brüllten über den Maschinenlärm hinweg, bis die Kinder verschwanden, doch kurz darauf waren sie wieder da. Die Protestler spannten Schirme auf und reichten Sandwiches herum. Ich schaute lange Zeit zu, bis mein Handy anfing, hartnäckig in meiner Tasche zu vibrieren, und der Regen heftiger wurde. Dann machte ich meine Zigarette aus, knöpfte mir die Jacke zu und ging zurück zu meinem Wagen.

Tana French, „Grabesgrün“

In the Woods

Ein Geschenk vom Kater:

STELLT EUCH EINEN SOMMER VOR wie aus einem Fünfzigerjahre-Kinderfilm in ländlicher Kulisse. Er ist weit entfernt von Irlands kaum zu unterscheidenden Jahreszeiten, die für den Gourmetgaumen angerührt werden, keine Aquarelltöne mit einer Prise Wolken und weichem Regen. Nein, dieser Sommer ist vollmundig und verschwenderisch in einem warmen klaren Siebdruckblau. Dieser Sommer explodiert auf der Zunge und schmeckt nach Grashalmen, eurem eigenen sauberen Schweiß, nach Doppelkeksen, aus denen die Cremefüllung quillt, und geschüttelten Flaschen roter Limonade, dem klassischen Baumhauspicknick. Er prickelt euch auf der Haut, wie der BMX-Fahrradwind im Gesicht, wie Marienkäferbeinchen auf den Armen. Er erfüllt jeden Atemzug mit frisch gemähtem Gras und wehender Wäsche an der Leine. Er klingelt und sprudelt über vor Vogelgezwitscher, Bienen, Blätter und hüpfenden Fußbällen und Abzählreimen, Eins! Zwei! Drei! Dieser Sommer wird nie enden. Er beginnt jeden Tag mit dem Klingeln des Eiswagens und eurem besten Freund, der an die Tür klopft, beendet ihn mit einer langen, gemächlichen Dämmerung und den Silhouetten eurer Mütter, die euch von der Haustür aus über die Balzrufe der Fledermäuse hinweg zum Abendessen rufen. Es ist der Ewigsommer in all seiner schönsten Pracht…

Tana French, „Grabesgrün“

Titel der Originalausgabe: „In the Woods“