Ein Gott der Frechheit

Hephäst* hatte sich angewöhnt, Hermes‘ Gemeinheiten mit einem neutralen Grunzen zu quittieren. Er erklärte nun ungefragt, wie man eine Zigarre auswählte, behandelte, anzündete, rauchte. Hermes kam zu dem Schluß, daß er bald, wie Pan, ein funktionierender Teil des Systems sein würde. Hephäst erriet diesen Gedanken.

„Natürlich sollten wir nicht dieselbe Sorte rauchen. Also: ich Brasil, du Havanna.“

Weil Hermes angestrengt nachdenken mußte, ließ er sich aus Versehen die Zigarre anzünden. Oder wollte er seine Vereinnahmung auf die Spitze treiben, um sie noch besser erfassen zu können?

Der Rauch machte Figuren, und sie veränderten sich durch den Atem und die Bewegungen von Menschen und Göttern auf unberechenbare Weise. Er stieg auf, quoll in den Raum, bildete waagrechte Fladen und Fische längs der Theke, schmiegte sich um den entblößten Rücken einer Dame, kräuselte sich über den Flaschen im Regal. Hermes verstand plötzlich, warum jemand Zigarre rauchte: um ein Bild herzustellen, ein Bild nicht vorhersagbarer, eleganter Bewegungen, die von ihm ausgingen; er war letztlich ihr Autor, obwohl er nur dasaß, sog und blies. Hephäst, Autor und Multiplikator allen Qualms dieser Welt.

Sten Nadolny, “ Ein Gott der Frechheit“

 

*Hephaistos (griechisch Ἥφαιστος, latinisiert Hephaestus, eingedeutscht Hephäst) ist in der griechischen Mythologie der Gott des Feuers und der Schmiede und entspricht dem römischen Vulcanus. Er gehört zu den zwölf olympischen Gottheiten.

Hephaistos ist der einzige Handarbeiter unter den olympischen Gottheiten. Das könnte auf eine religiöse Bedeutung der Schmiedekunst weisen. Der Topos vom „Schmiedegott“ kommt auch in der finnischen Mythologie vor (Ilmarinen), und ein „lahmer Schmied“ erscheint in der germanischen Sage (Wieland der Schmied). Dies hat zu der Vermutung geführt, es handle sich hier um ein europäisches Wandermotiv. Die Brüder Grimm fanden eine Ähnlichkeit zum nordischen Loki. Wahrscheinlicher ist jedoch eine Verwandtschaft zu kleinasiatischen und syrischen Schmiedegöttern, wie Pygmalion, Kinyras und Kothar.

Ein Gott der Frechheit

Wenn er nur gewußt hätte, wer sie war und was es mit ihrer Neugier auf sich hatte! Zum Beispiel hatte sie Interesse dafür gezeigt, ob er sich auch in weibliche Gehirne versetzen könne. Ferner wünschte sie von ihm zu lernen, wie man aus Wolken, Sandlinien oder sich schälenden Farben etwas über den Zusammenhang und die Fortbewegung der Welt las. Dabei konnte sie es offensichtlich längst, war allerdings in allem etwas rasch. Sie wußte immer, wo sie im Gestöber der Zeichen sich selbst finden konnte, und das war es, was göttliche Geister aus dem Chaos Wissen ziehen ließ. Gesträubt hatte sie sich nur gegen die Idee, auch normale Schriftzeilen so zu lesen wie die Botschaften des Rostes oder die Tänze der Kiesel im Brunnenbecken. Dabei war das einfach, man mußte nur gnadenlos ignorieren, was der Schreiber selbst mitteilen wollte. Ihr aber waren auf ungöttliche Weise die Gedanken wichtig, denen die Autoren der Menschenwelt mit ihren Manuskripten auf der Spur zu bleiben hofften. Er teilte ihr mit, was er las: aus der Zeitung Il Gazzettino ersah er, daß seine Begleiterin eine Abgesandte war. Und aus den Fleckenkolonien eines Restaurantspiegels ging hervor, daß sie ihm noch heute sagen würde, wer sie sei und wie alles zusammenhing.

Sten Nadolny, „Ein Gott der Frechheit“

Ein Gott der Frechheit

Musik! Wie sich da aus Kratzen und Schaben, Zupfen, Pusten und Schlagen eine Weltstimmung, ein fröhlicher Hirntanz machen ließen, das war auch für Götter ein tolles Ding. Seit Hermes im Kopf des DRUMMER war, tanzte er dort vorsichtig zwischen Ammonshorn, Gewölbe und Lebensbaum auf und ab und merkte sich jeden Griff und Schlag, jeden Ton und Zusammenklang.

Eines war seltsam: die Menschen schienen jetzt die helleren Töne als die fröhlicheren zu empfinden, und tiefere zu nehmen, wenn sie Trauer und Tod meinten. In den Melodien, die er damals auf der Lyra gespielt hatte, zeigten helle Töne Entfernung und Einsamkeit, auch Kühle oder Abschied an, dunkle dagegen Nähe, Wärme, Freude. Irgend jemand hatte die Musik auf den Kopf gestellt und vielleicht mit ihr die Welt.

Sten Nadolny, „Ein Gott der Frechheit“

Ein Gott der Frechheit

Unsterblichkeit war nichts als Last. Er dachte an den armen Tithonos*, für den die Göttin Eos von Zeus Unsterblichkeit erbeten hatte, ohne daran zu denken, daß auch ewige Gesundheit, Schönheit und Jugend nötig waren, um den Geliebten in der von ihr geschätzten Form zu erhalten. Tithonos war immer älter und grauer und runzeliger geworden, zusammengeschrumpft, bekam eine Fistelstimme. Im Schmuckkästchen hatte sie ihn schließlich mit sich geführt. Unsterblich, wie er war, krabbelte er wohl noch heute irgendwo herum, als die absolut müdeste Grille der Welt.

Sten Nadolny, „Ein Gott der Frechheit“

*Tithonos (griechisch Τιθωνός) ist in der griechischen Mythologie ein Sohn des trojanischen Königs Laomedon.

Zusammen mit Eos, der Göttin der Morgenröte, hatte er den Sohn Memnon. Tithonos wurde von Eos so geliebt, dass sie für ihn von dem widerstrebenden Zeus das ewige Leben erbat. Dies wurde ihr gewährt. Da sie – anders als der verärgerte Zeus – jedoch übersehen hatte, zugleich ewige Jugend für Tithonos zu erbitten, wurde er älter und älter und schrumpfte (nach Ovid) zuletzt so zusammen, dass am Ende nur noch seine keifende schrille Stimme übrig blieb und er zur Zikade ward.

Ein Gott der Frechheit

Götter können ohne ein Ende der Menschheit nicht sterben. Wohl aber können sie dahinvegetieren, äußerlich und innerlich verwahrlosen, zur Ungestalt verkommen. Und einige sind ganz verschollen, warten tief unten im dunklen Tartaros* auf bessere Zeiten. Ohne Folge bleibt nichts von alledem.

*

Die Menschen hatte keine Ahnung davon, daß die Götter zu ihrem Pessimismus beitrugen. Sie sahen diesen gewöhnlich wohlbegründet durch Ereignisse und allgemeine Lage. „Die Welt ist da angekommen“, sagte einer in Bebra nach dem Frühstück beim Bezahlen seiner Hotelrechnung, „wo nur noch ein Schelm sie retten kann.“ Er meinte, daß, wer sie jetzt noch retten wolle, nur ein Aufschneider sein könne.

Sten Nadolny, „Ein Gott der Frechheit“

*Tartaros (altgr: Τάρταρος, lat: Tartarus) ist in der griechischen Mythologie ein personifizierter Teil der Unterwelt, der noch unter dem Hades liegt. Er ist angeblich so tief, dass ein Amboss, der von der Erde zum Tartaros hinabfiel, neun Tage brauchte, um ihn zu erreichen; genauso lange, wie der Amboss benötigte, um vom Himmel bis zur Erde zu gelangen.

Ein Gott der Frechheit

Erstes Kapitel

Eine Art Auferstehung

Das Schiff durchquerte ein Gewässer von lauernder Ruhe. Hier war Schlimmes passiert, und vielleicht kehrte es wieder. Es war kalt. Noch zwei Tage bis zum griechischen Osterfest.

Außer der jungen Frau war niemand an Deck.

Das Ausflugsschiff näherte sich der Engstelle zwischen zwei Inseln von melancholischem Aussehen. An der einen ragte, wo sie der anderen am nächsten war, eine Steilwand aus schwarzem Fels auf, senkrecht fast, hoch wie eine Festung. Nicht die kleinste Pflanze schien dort zu gedeihen. Von weitem sah es aus wie eine Narbe, verhornt und verwachsen, beim Näherkommen bekam die Nacktheit des Gesteins einen metallischen Glanz. Von der Gegend ging Gewalt aus. Da stand etwas und drohte, überall zwischen Himmel und Wasser, vibrierend und unsichtbar. Eine Kraft vor dem Sprung, ein Blitz, noch lichtlos, kurz vor dem Aufzucken und Zuschlagen…

Sten Nadolny, „Ein Gott der Frechheit“

Ein Geschenk vom Kater!

 

Die Entdeckung der Langsamkeit

Da sich immer noch Lebensmittel fanden, glaubte niemand an eine nur vom Hunger verursachte Katastrophe. Die nächstliegende Antwort hieß: Skorbut. Die Untersuchung der Skelette ergab, daß vielen die Zähne ausgefallen waren. Sie ergab aber vor allem noch eines: der um sein Leben kämpfende Rest der Mannschaft hatte an diesem Ort zum letzten, verzweifelten Mittel gegriffen: McClintock fand abgetrennte Knochen mit glatten Schnittflächen, die nur von einer Säge stammen konnten. Der Schiffsarzt hockte ihm gegenüber, ihre Blicke trafen sich.

Der Arzt flüsterte: „Von meinem Standpunkt aus… Skorbut ist eine Mangelkrankheit. Dem Fleisch eines Menschen, der daran gestorben ist, fehlen genau die Stoffe, welche die Kranken zum Überleben nötig hätten. Es hat also nicht einmal -“

„Sprechen Sie ruhig weiter“, sagte McClintock.

„Es hat nichts genützt“, sagte der Arzt.

Als man die Gebeine versammelt hatte, um sie zu begraben, sagte McClintock: „Es war eine würdige und tapfere Schiffsmannschaft. Die Zeit war zu lang für sie. Wer nicht weiß, was Zeit ist, versteht kein Bild, und dieses auch nicht.“

Der einzige, der ihm nicht zuhörte, war der Photograph der „Illustrated London News“, der eilends seinen Apparat, System Talbot, in Stellung brachte, um den Zustand der Skelette im Bild festzuhalten.

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die alte Frau putzte ihr Fenster, und John schrieb sein Buch, Tag für Tag. Jetzt hatte er schon über 50 000 Wörter und war beim ersten Treffen mit Akaitcho und den Kupferminenindianern. Schreiben war mühselig, aber wie eine Schiffsreise: es erzeugte die Kräfte und Hoffnungen, die es erforderte, selbst, und sie reichten auch noch für das sonstige Leben. Wer ein Buch zu schreiben hatte, konnte nicht auf Dauer verzweifelt sein. Und alle Verzweiflungen des Formulierens waren durch Fleiß zu besiegen. Anfangs hatte John besonders mit seinen Wiederholungen zu kämpfen. Sein ganzes Leben lang hatte er es abgelehnt, für eine einzige Sache mehrere Wörter zu gebrauchen. Daher hatte er zwischen gebräuchlichen und überflüssigen Wörtern unterschieden und seinen Vorrat so gering wie möglich gehalten. Jetzt aber kam es vor, daß ein Wort auf einer Seite zehnmal vorkam, etwa das Verbum „vorkommen“ bei der Aufzählung der arktischen Pflanzen. Sogar nachts schreckte John hoch und suchte nach Wiederholungen wie nach einem hartnäckigen, schlafraubenden Ungeziefer.

Noch etwas hatte ihn anfangs gestört: je eifriger er die wirklichen Erlebnisse beschrieb, desto mehr schienen sie zurückzuweichen. Was er aus Erfahrung kannte, verwandelte sich durch Formulierung in etwas, was auch er selbst nur noch sah wie ein Bild. Die Vertrautheit war weg, dafür ein Reiz der Fremdheit wieder da. Irgendwann hatte John angefangen, darin eher einen Vorzug als einen Nachteil zu sehen, obwohl es, gemessen an dem Ziel, Vertrautes zu beschreiben, eigentlich eine Enttäuschung war.

„Der Häuptling kam den Hügel herauf mit gemessenem und würdigem Gang, er blickte weder nach rechts noch nach links“ – John ließ die Stelle so stehen, obwohl er wußte, daß damit weniger gesagt war über seine damaligen Gefühle bei diesem Anblick, über die unklare, bange Situation und über die seltsame Hoffnung, die der Häuptling ihm vom ersten Augenblick an eingeflößt hatte. Trotzdem war es ein brauchbarer Satz, weil jedermann seine eigenen Gefühle in ihn hineinstecken konnte oder sogar mußte.

So ergab sich aus den Enttäuschungen des Schreibens schließlich etwas Gutes: eine neue Arbeit, auf die John sich verstand, weil er in ihr das Mögliche wollte und das Unmögliche wegließ. Schon etwa um das fünfzehntausendste Wort herum waren seine Ziele erreichbar geworden:

Das Buch mußte, wenn es seinen Autor rechtfertigen sollte, gut geschrieben sein. Das war eine Zeitfrage, weiter nichts.

Es mußte einfach sein, damit möglichst viele Leute begriffen, wie gut es war.

Es mußte über dreihundert Seiten haben, damit alle, die es besaßen, sich damit sehen lassen konnten.

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Die Entdeckung der Langsamkeit

„Der Kopf kann den dazugehörigen Menschen falsch führen. Er kann ein Verräterkopf sein und damit alles auf lange Zeit verderben. Aber ich glaube, man kann auch lang dauernde Fehler überleben. – Mehr nach Steuerbord! Immer gegenhalten, sonst gehst du im Kreis!“

Der Blinde schwieg, korrigierte die Richtung und schritt aus.

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Die Entdeckung der Langsamkeit

Er war unendlich müde. An seinen Untergang glaubte er nicht, aber es schien ihm dennoch, auf eine noch nicht bestimmbare Weise, alles aus, auch wenn es weiterging. Er konnte nicht mehr weinen wie ein Kind, schon weil er nicht mehr glaubte, daß Weinen in der Welt etwas änderte. Aber dafür nistete sich tief in seinem Inneren ein dauerhafter Kummer ein, lichtscheu und allgemeingültig. Er machte sich breit und hielt sich doch verborgen, er trug den Namen der Mary Rose, streckte aber die Finger nach allem anderen aus. John wollte nicht untergehen: er verlegte sich wieder auf Mithalten. Er vermied es sorgfältig, seine Fähigkeit der Mißbilligung weiter zu üben. Dafür erntete er Lob und wurde Leutnant. Das war nicht wenig.

Zehn Jahr überließ der die wichtigste Entscheidung, die über das eigene Leben, seiner Seekiste. Das wäre beinahe eine zu lange Zeit geworden.

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Die Entdeckung der Langsamkeit

Im Traum sah John eine neue Figur. Das mondhelle nächtliche Meer wuchs zu einer eigenen Gestalt auf, es bäumte sich empor zu einer gelockten Wasserwolke, die spiralenförmig um sich selbst kreiste, nach oben im Umfang zunehmend wie eine wuchernde Pflanze, wie ein flackernder und brennender Busch aus Wasser oder ein Strudel, aber nicht aus Wind und Strömung, sondern aus eigener Kraft. Das Meer gab sich selbst einen Körper, es konnte sich neigen, Haltungen einnehmen, Richtungen anzeigen. Aus der scheinbar ewigen Geraden des Horizonts stieg im Traum mühelos diese rätselhafte Figur auf, sie war wie eine Wahrheit, durch die alles anders werden mußte. Himmelwärts öffnete sich ein Krater, ein Mund oder Schlund. Vielleicht war das Ganze Leviathan, vielleicht ein Tanz von Millionen kleiner Wesen. John träumte das oft. Manchmal folgten nach dem Aufwachen lange Gedanken. Mary Rose in Portsmouth fiel ihm ein, und daß es bei Frauen nicht auf einen äußeren, sondern auf einen verborgenen inneren Zeitpunkt ankam. Ein andermal sann er über den Zug des Volkes Israel durchs Rote Meer nach und vermutete, daß nicht Gott, sondern das Meer selbst für Rettung gesorgt habe.

Wenn er morgens in der Hängematte lag und nachdachte, hellwach schon längst vom Poltern des „heiligen Steins“, dann gab es Augenblicke von rauschhafter Klarheit. Er wußte, daß, sehr langsam, etwas Neues begann. Gleichzeitig spürte sein Rücken schon, wie das Meer heute aussah. Nicht mehr lang, und er war ein Seemann durch und durch.

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Die Entdeckung der Langsamkeit

… Aber die Zeit war verstrichen, die Gelegenheit vorbei. „Denken ist gut“, hatte der Vater gesagt, „aber nicht so lange, bis das Angebot einem anderen gemacht wird.“ Wer eine Runde nachging, hatte eine zu schmale Gegenwart, dünn wie die Grenze zwischen Land und Meer. Vielleicht sollte er versuchen, richtige Zeitpunkte einzufangen, wie einen Ball: wenn er rechtzeitig den starren Blick anwandte, dann war er, tauchte die Gelegenheit auf, schon beim Zufassen, und sie entging ihm nicht. Übungssache!

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Die Entdeckung der Langsamkeit

Nachts näherten sie sich einem Leuchtfeuer. „Das ist Burlings“, hörte John. Eine Insel mit Kastell und Leuchtturm. Da nahm er etwas wahr, was ihn an Dr. Ormes Theorien erinnerte:

Der Lichtstrahl kreiste um die Spitze des Turms – wie bei jedem einarmigen Drehfeuer. John sah den Strahl wandern, aber das Licht blieb rechts immer weiter sichtbar, auch wenn es schon wieder links hinüberschwenkte, und es war links noch da, wenn es rechts wieder auftauchte. Vergangenheit und Gegenwart – was hatte Dr. Orme darüber gesagt? Am gegenwärtigsten war das Licht, wenn es beim Aufblitzen direkt in Johns Pupille traf. Was er sonst noch sah, mußte schon vorher geleuchtet haben, es leuchtete jetzt nur noch in seinem geistigen Auge, ein vergangenes Licht.

Eben kam der Holländer. „Burlings, Burlings!“ murrte er. „Die Insel heißt Berlengas!“ John starrte noch immer auf den Leuchtturm. „Ich sehe einen Schweif statt eines Punktes“, erklärte er, „und Gegenwart habe ich nur, wenn es blitzt.“ Plötzlich kam ihm ein trauriger Verdacht: Vielleicht ging sein Auge eine ganze Runde nach? Das Aufblitzen stammte dann nicht von der gegenwärtigen, sondern von der letzten Umdrehung!

Johns Erklärung dauerte ihre Zeit, es wurde selbst dem Holländer zu lang. „Ich seh‘ das anders“, warf er ein. „Ein Seemann muß seinen Augen trauen können wie seinen Armen oder…“ Er verstummte. Dann nahm er seine Krücken und verholte sein geschwollenes Bein vorsichtig unter Deck. John blieb oben. Berlengas! Die erste fremde Küste außerhalb Englands. Es ging ihm wieder gut. Er legte die geballte Faust aufs Schandeck, feierlich. Jetzt wurde alles anders, heute schon ein wenig und morgen ganz…

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Die Entdeckung der Langsamkeit

Jetzt hatte er keine Zuversicht mehr. Auf das Erwachsenwerden wollte er nicht mehr warten! Eingesperrt in die Kammer mit Wasser und Brot, damit er daraus etwas lernte, wollte er auch nichts mehr lernen. Bewegungslos starrte er immer auf den gleichen Fleck, ohne etwas zu sehen. Sein Atem ging, als sei die Luft wie Lehm. Seine Lider schlossen sich nur alle Stunden, er ließ alles laufen, was lief. Jetzt wollte er nicht mehr schnell werden. Im Gegenteil, er wollte sich zu Tode verlangsamen. Es war sicher nicht leicht, Kummers zu sterben ohne Hilfsmittel, aber er würde es schaffen. Allem Zeitablauf gegenüber würde er sich jetzt willentlich verspäten und bald so nachgehen, daß sie ihn ganz für tot hielten. Der Tag der anderen würde für ihn nur eine Stunde dauern, und ihre Stunde Minuten. Ihre Sonne jagte über den Himmel, platschte in die Südsee, schoß über China wieder herauf und rollte über Asien weg wie eine Kegelkugel. Die Leute in den Dörfern zwitscherten und zappelten eine halbe Stunde, das war ihr Tag. Dann verstummten sie und sanken um, und der Mond ruderte hastig über das Firmament, weil auf der anderen Seite schon wieder die Sonne herankeuchte. Immer langsamer würde er werden. Der Wechsel von Tag und Nacht schließlich nur noch ein Flimmern, und endlich, weil sie ihn ja für tot hielten, sein Begräbnis! John sog die Luft ein und hielt den Atem an…

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Die Entdeckung der Langsamkeit

Erstes Kapitel

Das Dorf

John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. Vom tiefsten Ast des Baums reichte sie herüber bis in seine emporgestreckte Hand. Er hielt sie so gut wie der Baum, er senkte den Arm nicht vor dem Ende des Spiels. Als Schnurhalter war er geeignet wie kein anderes Kind in Spilsby oder sogar in Lincolnshire. Aus dem Fenster des Rathauses sah der Schreiber herüber. Sein Blick schien anerkennend.

Vielleicht war in ganz England keiner, der eine Stunde und länger nur stehen und eine Schnur halten konnte. Er stand so ruhig wie ein Grabkreuz, ragte wie ein Denkmal. „Wie eine Vogelscheuche!“ sagte Tom Barker.

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Weitlings Sommerfrische

Nein, ich bin nicht undankbar, und immerhin bin ich dem Tod entronnen.

Wahrscheinlich brauchen die Menschen Gott in erster Linie, um Dankbarkeit für ihr Leben auszudrücken, mag er Jehova heißen, Allah, Wilson oder eben Gott. Für einen, der nur ersehnt und ausgedacht ist, hat er ziemlich viele Namen. Und für einen, der nur ausgedacht ist, gibt es auch reichlich Menschen, die mit ihm geredet haben wollen. Haben sie sicher auch. Sie haben ihn nur nicht gesehen, und gesagt hat er auch nichts.

Er ordnete noch einmal ausgiebig seine Gedanken über „oben“. Wenn überhaupt, dachte er, dann müsste man sich Gott unschlüssig denken. Er probiert herum, macht Fehler, überlegt, hat einen besseren Einfall und korrigiert sich! Ein Kreativer, Schöpfer eben, wie schon der Name sagt. Und es war, fand Weitling, ein großer Irrtum, sich Schöpfer als Ingenieure mit Blaupausen vorzustellen. Gott schuf etwas, ließ zum Beispiel ein Menschenleben, beginnen, lernte beim Zuschauen, und wenn er genügend gelernt hatte, änderte er etwas – rückwirkend! Meister fielen nicht vom Himmel, selbst wenn sie dort wohnten. Gottes Weg konnte also noch lang sein, aber wenigstens saß er nicht irgendwo herum und wusste alles besser – er blieb unterwegs. Ab und zu kriegte er einen unglaublichen Menschen hin, dem man glauben konnte.

Im Grunde sprach nichts dagegen, sich die Geschichte so vorzustellen. Weitling beschrieb immer noch gern manches Geschehen als Folge dessen, was Gott tat oder nicht tat: „Und was tut Gott? Er lässt es ausgerechnet an diesem Tag regnen!“ Von dieser Erzählweise musste er sich nicht verabschieden, nur weil er „nicht glaubte“. Dasselbe taten ja auch Märchen, in denen Gott Menschen auf die Probe stellte und je nach Ergebnis dann belohnte oder bestrafte. Es war einerseits vergnüglich, Märchen zu erfinden, und andererseits bitter, in einem sinnlosen „Weiter so“ zu leben. Wenn Menschen Gott bemühten, dann aus Gründen erzählerischen Begreifens: Sinnlosigkeit ließ sich so gut wie nicht erzählen, sie war ja nur das Fehlen von etwas. Man konnte nur von Etwas erzählen, aber nicht vom Nichts.

 

Famous last words:

Jetzt ging es noch mal ein Stück zurück: Er war als Vierjähriger im Kinderheim und erzählte und redete in einem fort mit großen Augen. Lauter Kinder saßen um ihn herum und hörten etwas von Schlangen und Löwen und Elefanten, und wie man Elefanten am besten einfangen könne, bei zweien habe er es bisher geschafft, alles in Chieming am Chiemsee, wahnsinnig weit weg von Schlederloh.

Durch das Bild begriff Wilhelm Weitling endlich, wieso er dieses Mal Schriftsteller geworden war: Sein Aufenthalt im Heim war lang genug gewesen, um ihn entdecken zu lassen, wie er – erfindend und erzählend – unter lauter ihm eher unheimlichen Menschenkindern überleben konnte. Nichts anderes tun Schriftsteller.

Der Mann, der vielleicht Arzt war, sagte jetzt: „Ich denke, es dauert noch. Glaubt er eigentlich an Gott?“

Sie waren am Hinausgehen.

„Schwer zu sagen, er redet nicht darüber.“

Mehr war nicht zu verstehen, die Tür schloss sich.

Ihn, Weitling, hatten sie nicht mehr gefragt. Dabei hätte er eine Antwort gehabt: „Gott gibt es. Wie wäre ich sonst zu zwei Leben gekommen?“

Sten Nadolny, „Weitlings Sommerfrische“

 

Hat mich ein bisschen an Rosendorfer erinnert: schräg, humorvoll und mit ganz viel Tiefgang.

Weitlings Sommerfrische

„Hat das Buch den Titel Zuversicht?“

Hatte es. Einer von den Soziologen, die jetzt ständig von Gott reden, ohne ihn beim Namen zu nennen.

„Wenn Ihnen die Zuversicht ausgeht, vertrauen Sie auf den Erfindungsreichtum des Lebens, er übersteigt Ihren eigenen bei Weitem.“ Statt zum Beispiel zu schreiben: „Beten hilft, Gott hat manchmal ganz gute Einfälle.“ So stand es bei Weitling – halt, den Satz hatte er ja gestrichen. „Muss wieder rein“, murmelte er.

Er wunderte sich über die eigene Kraft und Geschicklichkeit. Das Gefühl, dass da gar nicht er, sondern ein anderer kämpfte, blieb unverändert, er war gleichzeitig ein Er und ein Ich. Vielleicht fühlte es sich so an, wenn Gott selbst handgreiflich wurde und einen Menschen rettete, mit dem er noch Pläne hatte. Man durfte dann quasi zusehen, wie man dem Tod entrissen wurde.

Sten Nadolny, „Weitlings Sommerfrische“

Weitlings Sommerfrische

Erstes Kapitel

Das Schiff

„Sicher ist, dass ich im Leben ein paar grundlegende Dinge nie begriffen habe, und ich weiß nicht einmal, welche.“

Nachts hatte Weitling diese Bemerkung auf einen Zettel geschrieben, noch halb im Schlaf, aber euphorisch, durchdrungen von einer grundlegenden Erkenntnis. Jetzt, auf der Terrasse am hellen Tage, las er die Zeilen wieder, sie kamen ihm etwas depressiv vor, allerdings nicht falsch. Es klang wie der Beginn von Selbsterkenntnis und Besserung. Nun liebte er am hellen Tag Sätze nicht, in denen zwar etwas steckte, aber nicht herauskam. Er war unschlüssig, wollte den Zettel weder aufheben noch wegwerfen. Neben seinem rechten Fuß war eine Bodenfliese locker. Er hob sie an, schob den Zettel darunter und murmelte: „Wiedervorlage!“

Sten Nadolny, „Weitlings Sommerfrische“