Himmel, der nirgendwo endet

Himmel, der nirgendwo endetMeine Tochter hat mir ein Bild geschickt. Aus Berlin. Dabei musste ich sofort an Tanjamarias Raum der Möglichkeiten denken. Das Lebensgefühl, das es mir vermittelt, erinnert mich zudem an meine Zeit in New York, die mir heute wie ein Traum erscheint. Wie die Erinnerung an einen Trip, aus dem ich nicht viel retten konnte über den großen Teich. In ein Leben, dessen Grenzen, nüchtern betrachtet, mir mittlerweile so eng gezogen erscheinen, dass ich mich tagtäglich frage, ob sie sich wohl noch einmal sprengen lassen. Gleichzeitig bin ich müde. Überanstrengt. Die Kräfte reichen gerade einmal, um den Anforderungen des Alltags standzuhalten.

Eigentlich wollte ich in dieser Woche Urlaub „Kleine Lichter“ von Roger Willemsen lesen, aber nach den ersten Zeilen musste ich es wieder weg legen.

Hier endet meine Reise zu den Männern. Sie endet bei dir…

Und stör dich nicht daran, dass ich ein Wort so verschwenderisch gebrauche, mit dem du so geizig warst. Ich will dir die Liebe erklären, wie man den Krieg erklärt. Das heißt, die Liebe kann ich dir nicht erklären, nur meine. Ich erkläre sie dir in alten Vokabeln. Es geht nicht anders: Wer liebt, wechselt das Jahrhundert.

Wunderbare Worte. Weiterlesen konnte ich dennoch nicht. Immerhin zeigt das Buchcover Gerhard Richters Lesende. So bin ich bei Vermeer gelandet und all den anderen Lesenden begegnet, und Vermeer fand ich auch bei Teju Cole, der sehr gepflegt zu erzählen weiß von seinen Spaziergängen und was ihm auf seinen Wegen so alles begegnet. Gepflegt aber bisweilen ein bisschen flach, denke ich manchmal, wenn ich zwischen den Zeilen etwas vom New York State of Mind suche, wie ich ihn im Kopf habe oder es der Klappentext verkündet, und mich auf jeder Seite ein Gefühl begleitet, als müsse es jetzt endlich in medias res gehen. Tut es aber nicht. Der Reiz dieses Buches liegt ganz in seiner Bewegung. Im Gehen, sich treiben lassen. Nicht im Verweilen:

Wie flüchtig doch die Empfindung von Glück war, wie wackelig ihre Grundlage: ein warmes Restaurant, wenn man aus dem Regen kommt, der Duft von Essen und Wein, ein interessantes Gespräch, Tageslicht, das sich schwach in den polierten Kirschholzplatten der Tische spiegelt. Der Übergang von einem Gefühlszustand zum anderen war so mühelos wie der Zug eines Schachspielers. Allein das Bewusstsein, einen Moment des Glückes zu erleben, schmälerte dies schon, war ein solcher Zug auf dem Schachbrett…

Mit einem Reflex ein Baby gerettet, ein Moment des Glücks; eine Begegnung mit Ruandern, mit Überlebenden, ein Moment der Traurigkeit; der Gedanke, dass wir letztendlich anonym blieben, noch mehr Traurigkeit, die Erfüllung von sexuellem Verlangen, komplikationslos, noch ein Moment des Glücks – und so ging es weiter, ein Gedanke folgte auf den anderen. Wie belanglos schien das menschliche Dasein, das uns in den immerwährenden Kampf zwang, unser Innenleben zu regulieren, das hin und her geschoben wurde wie eine Wolke im Wind. Und auch diese Wahrnehmung registrierte der Verstand und wies ihr ihren Platz zu: eine kleine Traurigkeit…

Der Platz, den ich meinen Wahrnehmungen zuweise, ist zuweilen nicht ganz eindeutig. Der Arzt, der diese Woche über mein Bein strich, als würde er es streicheln, zum Beispiel, es begutachtete, als wäre es das schönste Bein der Welt – ein Glücksmoment und zugleich erfüllt von grenzenloser Traurigkeit.

Die Tochtertage dagegen – eine glückliche Zeit. Nur beim Knipsen auf dem Johannisfriedhof in Nürnberg ertappte ich mich dabei, wie ich so manches Motiv auf seine Blogtauglichkeit hin überprüfte. Blogst du noch oder lebst du schon, schoss es mir da durch den Kopf. Und: Life through a lens, wenn wir uns mittendrin gegenseitig ablichteten…

Life through a lens