Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz

Delaney, der ein lebendiges Geschöpf witterte, das er quälen konnte, fiel aus dem Nichts über Peter her, eine große, eiförmige, in eine wehende Strickjacke gehüllte Gestalt, die auf dem Tisch alle Papiere durcheinanderwirbelte. Mays machte sich auf das Schlimmste gefasst, aber Dougo verzichtete auf die übliche Varieténummer und beschnüffelte nur die Habseligkeiten seines Kollegen. Er nahm eine der Münzen hin, beäugte sie misstrauisch und ließ dann eine Hand auf den Tisch knallen wie der Teilnehmer einer Quiz-Show, der hastig auf den Antwortknopf drückt.

„Henry Ford.“

Er ahmte einen Gong nach und belohnte sich selbst mit der Münze.

„Und diese drei Bauerntrottel…“

Er griff nach dem Abzug, der sich dort befand, wo andere die Fotos Verstorbener oder naher Angehöriger aufstellten.

„… sind Stalin, Churchill und Roosevelt auf Jalta.“

Moseleys Pflanzenbarrikade raschelte, und durch eine Lücke im Laub spähte die seltene Spezies, um die sich alles drehte: Mays war auf jeder Seite – unmittelbar hier, im Trading Floor am anderen Ende der Stadt, ja sogar auf einem entlegenen Weg in einem Jahrzehnt, das nur noch durch einen günstigen, überall erhältlichen Silberhalogenid-Abzug zugänglich war – von der flüchtigsten und universalsten, stets auf Hilfe angewiesenen und unausrottbaren Größe umgeben: dem Mitmenschen.

Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Verrückt nach Haaren

Wenn Frauen mit schönem Haar hereinkamen…, war er wie die in eine Frau verwandelte Katze, die aus dem Bett sprang und einer Maus hinterherjagte… Und beim Anblick ganz besonderer rotbrauner, gekräuselter oder gewellter Haare sauste er sofort los und bemühte sich, der Person mit besagtem Haar vorgestellt zu werden. Er ist kein haariger Verrückter, sondern verrückt nach Haaren.

Elisabeth Gaskell über Dante Rosetti (in einem Brief an Charles Eliot Norton)

zitiert nach Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Dante Gabriel Rosetti, „Beata Beatrix“ (1864-1870)

Lebenskoffer

Siehst du, was ich da mache? Ich habe einen leeren Raum in meinem Koffer entdeckt und stopfe ihn mit Heu aus, so gut ich kann; so muß man’s auch mit dem Lebenskoffer machen; man muß ihn mit allem ausfüllen, was einem in die Hände kommt, wenn nur keine leere Stelle darin bleibt.

Iwan Turgenjew, „Väter und Söhne“

zitiert nach Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz

In seinem Buch widmet Richard Powers ein Kapitel auch ganz explizit der Arbeit August Sanders. Nichts, was ich mir nicht schon selber erarbeitet hätte. Ich habe meine Sache gut gemacht, denke ich. Ein Zitat ist noch dabei, das mir gefällt:

Ich legte die Platten ein und begab mich auf meine erste fotografische Tour zu einem hügeligen Abschnitt des Dorfes, wo ich die Landschaft mit den Grubenanlagen fotografierte. Abends entwickelte ich die Platte, doch als ich fertig war, erblickte ich ein in den Wolken gespiegeltes zweites Dorf. Zunächst glaubte ich, doppelt belichtet zu haben und war tief enttäuscht über das Bild. Sobald die Platte trocken war, ging ich damit zu unserem Dorfarzt und berichtete ihm, was passiert war. Der Arzt sagte, es sei keine Doppelbelichtung, sondern eine Fata Morgana – ein Trugbild, eine Luftspiegelung. Das war meine allererste Fotografie.

August Sander, zitiert nach Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz

August Sander, „Jungbauern, Westerwald“ (1914)

Schon das Datum verriet mir, dass sie nicht wie erwartet zu einem Tanz gingen. Ich ging nicht wie erwartet zu einem Tanz. Wir alle würden mit verbundenen Augen auf ein Feld irgendwo in diesem geschundenen Jahrhundert geführt werden und tanzen müssen, bis uns die Luft ausgeht. Tanzen, bis wir zusammenbrechen.

Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz

EINS

ICH RÜSTE MICH FÜR EINE REISE NACH SAINT IVES

Cats, kits, sacks, wives: how many were going to St. Ives?

Ein gutes Dritteljahrhundert bin ich wunderbar ohne Detroit ausgekommen. Ich fühle mich in Autos unwohl und habe nie eins besessen. Wenn ich etwas rieche, das auch nur entfernt an Autositze erinnert, wird mir übel. Schon deshalb rangiert Detroit tief im unteren Drittel der Rangfolge amerikanischer Städte, die ich gern besuchen würde. Ich hoffe immer, das lästige Reisen durch reizvolle Aussichten versüßt werden, aber die Formulierung „reizvolles Detroit“ klingt in meinen Ohren genauso widersprüchlich wie „künstlerischer Film“, „gutartiger Tumor“, „ehrenwerte Journalisten“ oder „amerikanische Diplomatie“. Ich hatte Detroit mein ganzes Leben lang erfolgreich ignoriert. Doch vor zwei Jahren wurde ich eines schönen Tages von der Stadt gepackt, bevor ich ihr entwischen konnte…

Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Eingangsirrtum

Man errät vieles beim Lesen oder erfindet schöpferisch etwas hinzu; alles übrige ergibt sich aus einem Eingangsirrtum…

Ein Gutteil von dem, was wir (…) mit ebenso viel Eigensinn wie Treuherzigkeit glauben, rührt von einer ersten Täuschung über die Voraussetzungen her.

Marcel Proust, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“

zitiert nach Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“