Soutines letzte Fahrt

Als ich endlich beim Grab des Peruaners angekommen war, kritzelte ich mit einem Bleistiftstummel auf die Rückseite zweier Einkaufscoupons aus dem nahegelegenen MONOPRIX. Ich hatte nichts anderes dabei, konnte die Hosentaschen noch so lange umdrehen. Babel, das nackte Jahr, Sertürners Mohnsaft. Keiner kann anders als er ist. Am Himmel über Montparnasse steht als geißelgetriebenes Gestirn Helicobacter pylori. Wer der Kindheit entkommt, darf kein Paradies erwarten. A mentsch on glick is a tojter mentsch. Die einzige Erlösung gibt es nicht. Die einzige Lösung ist die Farbe. Sie ist die letzte mögliche Religion. Nein, ich hatte mich verschrieben: Rebellion. Ihre roten Heiligen sind: Zinnober, Karmesin, Drachenblut, Roter Ocker, Indischrot, Marsrot, Pompejanischrot, Purpur, Amarant, Kirschrot, Krapprot, Rubin, Inkarnat…

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

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Mutter und Kind

Er sieht sie jetzt noch einmal vor seinen Augen, Mutter und Kind, die er gemalt hat im Jahr 42 der großen Deportationen…

Chaim Soutine, "Mère et Enfant" (1942)
Chaim Soutine, „Mère et Enfant“ (1942)

Irgendwann wird das lebhafte Mädchen die Haltung der verhärmten Mutter einnehmen. Die beiden Gesichter verkörpern zwei Lebensphasen, deren eine todsicher in die andere übergehen wird. Die dicken braunen Strümpfe der Mutter beherrschen überaus sichtbar den Vordergrund. Haben Strümpfe je so viel Misere ausgedrückt wie diese torfbraune doppelte Armseligkeit? Das Leben selber ist ein Paar einschnürender brauner Strümpfe. Das Stuhlbein links steht so schräg, dass das knapp verschmolzene ungleiche Paar im nächsten Augenblick endgültig in den Abgrund kippen muss. Warum kommt ihm gerade jetzt das Wort Jama in den Sinn? Der tiefschwarze Schattenwurf links könnte endloser nicht sein. Gibt es hier überhaupt Wände? Kaum, der Raum ist das unmöblierte Riesengehege des Elends.

Aber das Blau der beiden Kleidchen! Zwei unassortierte Geheimfächer von Himmelblau. Auf beider Haut liegt ein Fetzen hellseligen Glücksversprechens. Bei der Mutter wird es von Blick, Haltung und torfbraunen Strümpfen sofort abgeleugnet. Das bisschen weißer Rüschenunterrock verstärkt die Verneinung. Beim kleinen Mädchen ist das Himmelblau die Haut der hüpfenden Gegenwart. Genau so lange, wie es daran glauben wird. Ein wenig von diesem Blau des Versprechens schmiegt sich kokett um seine Augen. Vielleicht wird das kleine himmelblaue Mädchen eines Tages mehr Glück sehen. Aber es steht nirgendwo geschrieben.

Der Maler sträubt sich in seinem lichtweißen Laken. Nein, nicht das Glück. Bloß nicht das nichtige Glück. Das Glück ist nicht das Thema. Sprich lieber von der Milch. Die Farbe der Zukunft ist die Farbe der Milch.

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

Von hungrigen Löwinnen

Spieglein, SpiegleinAlles beginnt damit, dass ich auf der Rampe einer Wasserrutsche stehe. Hinter mir drängt mich eine männliche Stimme, endlich loszulassen und zu springen. Ich würde mich gerne umdrehen, um zu sehen, wer sich dahinter verbirgt, aber das darf ich nicht. „Dreh‘ dich nicht um, dreh‘ dich nicht um!“ raunt sie mir jedes Mal ins Ohr, sobald ich versuche, den Kopf zu wenden.

Irgendwann springe ich tatsächlich, und die Rutsche entpuppt sich als gigantische Wildwasserbahn und das Wildwasser als die Donau, auf der ich in rasender Geschwindigkeit an der Stadt vorbei katapultiert werde. Ich kann gerade noch einen Blick auf das Riesenrad erhaschen und spüre, dass der Unbekannte immer noch dicht hinter mir ist, ja, mich fest umklammert hält und mir inmitten all des Getöses immer noch denselben Satz in die Ohren brüllt: „Dreh‘ dich nicht um, dreh‘ dich nicht um!“

Plötzlich lande ich in einem kleinen Bretterverschlag. Alles wirkt wie die verlassene Kulisse auf einer großen Bühne. Der Vorhang ist gefallen, die Scheinwerfer erloschen. Keine Menschenseele weit und breit. Ich weiß nur, dass ich mich irgendwo auf dem Balkan befinde. Als die ersten Wölfe auftauchen, fühle ich mich rettungslos verloren. Immer mehr Tiere streichen um meinen Verschlag. Hyänen und Schakale. Ein Rudel hungriger Löwinnen, von denen mich eine hinterrücks anfällt. In dem Bewusstsein, dass sie jeden Moment zubeißen kann, beginne ich zu schreien. Ich rufe nach meinem Sohn. Immer wieder. Gleichzeitig wage ich nicht, mich zu bewegen. Eine falsche Bewegung, und sie wird zubeißen. In dem Moment, als ich es nicht mehr auszuhalten glaube, taucht L. auf, in den Händen eine Lanze, mit der er auf die Löwin einzuschlagen beginnt. Wie ein Berserker drischt er auf das Tier ein. Er schlägt sie buchstäblich zu Brei. Alles ist jetzt voller Blut, Fleischstücken und Knochensplittern. Unter meinen Füßen erkenne ich den Teppich aus meinem Zimmer. Jetzt ist er nicht mehr rot gefärbt sondern blutgetränkt, denke ich und: „Es musste früher oder später so kommen!“ Mir scheint, als hätte ich ein Geheimnis gelüftet, und alles würde nun endlich gut werden.

Leider war es mir nicht vergönnt, das Wissen um dieses Geheimnis über die Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit zu tragen. Bemerkenswert dagegen die Farbe, die sich aus dem Traumraum in die Wirklichkeit ergießt. Obwohl Wirklichkeit. Was heißt das schon. In Soutines Morphinträumen ist das Paradies „ein weites leeres … tiefverschneites Land …“ Und an einer anderen Stelle, die ich sehr liebe, heißt es:

Warum sollten nicht die Farben Brüder der Schmerzen sein, da diese wie jene uns ins Ewige ziehen?

Wenn im Französischen couleur und douleur, Farbe und Schmerz, so nah beieinander liegen, wirft einer von den dreien ein, was meinen Sie zur merkwürdigen Nachbarschaft von Farben und Narben im Deutschen? Sind die farbigen Wunden in der einen Sprache schmerzhaft offenbar und gegenwärtig, durchpulsen die Haut und das sprachliche Gewebe, so zeugen sie in der anderen von gewesenen Verletzungen, von geschlossenen Wunden, von der späten Erinnerung an den Schmerz.

Der Maler zuckt auf. Denn in seiner Sprache reimen sich die Farben noch mit einem anderen Wort.

Wi an ofene wund … Los mich nit asoj fil mol schtarbn wi der harbsst in tojsnt farbn.

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

 

Nature Morte

Da, nimm das weiße Laken. Deck dich zu. Spiel eine Leiche. Das müsste man malen können.

Wo hat er diese Sätze zum ersten Mal gehört? In Minsk, in Wilna? Gewiss nicht in Paris. Wer hat sie gesagt? Kiko oder Krem? Die Erinnerung ist älter als diese Provinzstadt an der Loire. Wo ist er jetzt? Gewiss nicht in Chinon.

Tu so, als ob du tot wärst. Dann wird es leichter. So wird alles leichter. Du bist schon tot, kannst das Leben nicht mehr verlieren. Immer schon verloren, sind wir halb schon frei. Du kannst überhaupt nichts verlieren. Also gehst du leicht hinaus. Das müsste man malen können.

Spiel eine Leiche, sagt er selber zu Kiko, der sich auf den Boden legt. Dann deckt er ihn mit einem Laken zu und umgibt ihn mit Kerzen. Tu so, als ob du tot wärst. Aber der Tod lässt sich noch nicht malen, es ist zu früh. Es ist gut, früh mit dem Üben zu beginnen. Den Tod kannst du nicht malen. Er lässt sich nicht, verstehst du. Versuch es später, mit Hasen, Fasanen, Truthähnen. Versuch ihren Tod zu malen, dann wirst du zu ihm finden.

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

Chaim Soutine, "Hase mit Gabeln"
Chaim Soutine, „Hase mit Gabeln“

Jour de Vent

Ich verließ diese obszöne Höhle, nicht ohne einen letzten Blick auf ein grünes Etwas zu werfen, grüne Zypressen, die vom Wind verdreht waren, grüne Kugeln von Sträuchern, die in einen vom Sturm grünen Himmel aufwirbelten, mit Wolken, die jäh von einem Blitz erhellt wurden. Ich fand mit Erleichterung die Welt wieder, dieselben Zypressen, die jetzt so ruhig dastanden auf beiden Seiten der Landstraße. Während des ganzen Heimwegs schob eine erschreckende Vision derselben Natur sich über diese stille Nachmittagslandschaft, die Soutine den entfesselten Elementen ausgesetzt hatte … Höllenvisionen überblendeten die anmutige Wirklichkeit in diesem zauberhaften Städtchen des Südens…

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

Chaim Soutine, "Jour de Vent à Auxerre" (1934)
Chaim Soutine, „Jour de Vent à Auxerre“ (1934)

Soutines letzte Fahrt

Sie werfen mit einer kräftigen Bewegung die beiden schwarzen Flügel der Hintertür zu. Ein scharfes Klicken wie von einer Waffe, ein trockenes Einschnappen ins wartende Schloss. Ein Ruck geht durch das Auto, aufgeschreckte Tauben fliegen voller Panik über das Dach des Krankenhauses ins Blaue hinauf. Es ist, als ob ein kurzes Lachen hereinfahre ins schwarze Ungetüm. Es muss vom Älteren stammen, der Junge, der einen Wollschal um den Hals trägt, erkältet jetzt im August, wie das besetzte Land, hätte es nicht gewagt. Nein, der Maler muss sich getäuscht haben. Es konnte kein Lachen sein. Der Chef schärft es den Angestellten am ersten Tag ein, dass es in diesem Beruf keine Witze über die Toten gebe, nur stille Würde, schlichte Pietät. Das ist man den Hinterbliebenen schuldig und dem guten Ruf der Firma…

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

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