Das Bäumchen

Als Verfechter einer sachlich-realistischen Photographie, die stets ihrem Abbildungsmechanismus verpflichtet sein sollte, grenzte Renger-Patzsch sich aber auch deutlich von den künstlerischen Tendenzen um Moholy-Nagy ab. Die Experimente und neuen Sichtweisen der Photo-Avantgarde wurden in den Augen von Renger-Patzsch, der die Photographie eher als Handwerk begriff, mehr und mehr zu einer künstlerischen Marotte, die er in einer Kritik der Ausstellung „Film und Foto“ 1929 regelrecht verhöhnte: „das rezept für den erfolg: man type von oben oder von unten, vergrößere oder verkleinere enorm, der mülleimer ist das dankbarste motiv.“

„Photographie des 20. Jahrhunderts“, Museum Ludwig Köln

Albert Renger-Patzsch, „Das Bäumchen“ (1929)

Das Bäumchen von Albert Renger-Patzsch wird von vielen für eine der besten Fotografien der Welt gehalten, für manche rangiert es zumindest unter den Top 100 aller Zeiten. Und dies nicht nur nach Meinung der Experten. Oder vielleicht ist es gerade deren Ansicht, die die Sammler dazu bewegt, Höchstpreise für ein Bäumchen von Renger-Patzsch zu bezahlen. 2007 waren es beispielsweise 60.000,00 US Dollars.

60.000,00 US Dollars für dieses Bild? Warum? Ist das Motiv nicht ziemlich reizlos, um nicht zu sagen öde? Und wirken Szenerie und Komposition nicht eher uninspiriert? Wenn einem wenigstens die ganze Krone des Bäumchens gezeigt würde. Dann könnte man vielleicht über dieses nichtssagende Stück Landschaft im Hintergrund hinweg sehen. Aber so sticht einem auch noch der Streifen schmutzigen, schmelzenden Schnees ins Auge, aus dem das dürre Bäumchen in einen leeren Himmel ragt…

Ich provoziere natürlich nur. So ein Bäumchen schult den Blick, finde ich. Und hinterfragt gekonnt die Sensationslust des Sehens.

Arnold Newman

Arnold Newman (* 3. März 1918 in New York City; † 6. Juni 2006 in New York City) war einer der einflussreichsten Porträtfotografen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Anfang der 40er Jahre spezialisierte er sich dann mehr und mehr auf Porträts und avancierte zum Starphotographen von Künstlern, Literaten, Musikern und anderen namhaften Persönlichkeiten. Newman entwickelte in diesem Sujet seinen ganz eigenen Stil, der unter dem Begriff „environmental portrait“ bekannt wurde. Gemeint ist damit seine Eigenart, in das Porträt immer auch charakteristische Gegenstände und die typische Umgebung des Dargestellten einzubeziehen, die auf dessen Tätigkeit  und Ideenwelt verweisen. Newman, der sich selbst nicht nur auf den Begriff des „environmental portrait“ festgelegt wissen wollte, legte besonders auf den symbolischen Gehalt seiner Bilder wert. Er sagte zu seiner Arbeit: „Ich bin nicht so sehr an einer Dokumentation interessiert, sondern möchte mit den Mitteln der sich stets ausweitenden Sprache meines Mediums meine Impressionen von den Individuen ausdrücken.“ MBT

„Photographie des 20. Jahrhunderts“, Museum Ludwig Köln

Arnold Newman, „Igor Stravinsky, 1946“