Das sterbende Tier

…Ich muss gehen. Sie will mich bei sich haben. Sie will, dass ich bei ihr im Bett schlafe. Sie hat den ganzen Tag nichts gegessen. Sie muss etwas essen. Jemand muss sie füttern. Sie? Sie können bleiben, wenn Sie wollen. Sie können bleiben, Sie können gehen… Aber ich habe jetzt keine Zeit mehr, ich muss gehen!

„Tun Sie’s nicht.“

Was?

„Gehen Sie nicht.“

Aber ich muss. Jemand muss bei ihr sein.

„Sie wird schon jemanden finden.“

Aber sie hat schreckliche Angst. Ich muss gehen.

„Denken Sie darüber nach. Denken Sie nach. Denn wenn Sie gehen, sind Sie erledigt.“

Philip Roth, „Das sterbende Tier“

Stanley Spencer: The Artist and His Second Wife

This big double nude is rather a remarkable thing. There is in it male, female and animal flesh. The remarkable thing is that to me it is absorbing and restful to look at. There is none of my usual imagination in this thing: it is direct from nature and my imagination never works faced with objects or landscape. But there is something satisfying in looking at it. It was done with zest and any direct painting capacity I had.

Stanley Spencer


Stanley Spencer, „Double Nude Portrait: The Artist and His Second Wife“ (1937, Ausschnitt)

Es gibt ein Bild von Stanley Spencer, das in der Tate Gallery hängt, einen Doppelakt von Spencer und seiner Frau in den Mittvierzigern. Es ist der Inbegriff der ungeschminkten Darstellung eines langen Zusammenlebens von Mann und Frau… Spencer sitzt, hockt neben seiner liegenden Frau. Er sieht durch seine Nickelbrille aus kurzer Entfernung nachdenklich auf sie hinab. Und wir sehen die beiden ebenfalls aus kurzer Entfernung: zwei nackte Körper, direkt vor unseren Augen, damit wir umso besser sehen können, dass sie nicht mehr jung und schön sind. Keiner von beiden ist glücklich. Auf der Gegenwart lastet eine schwere Vergangenheit. Besonders bei der Frau ist alles schlaff und dick geworden, und die Zukunft hält noch härtere Prüfungen als faltige Haut für sie bereit.

Am Rand des Tisches im Vordergrund liegen zwei Stücke Fleisch, eine große Lammkeule und ein kleines Kotelett. Sie sind mit fotografischer Akkuratesse wiedergegeben, mit derselben unbarmherzigen Wahrhaftigkeit wie, nur Zentimeter hinter dem rohen Fleisch, die schlaffen Brüste und der hängende, unerregte Schwanz. Es könnte ein Blick in das Schaufenster eines Metzgers sein, nicht nur auf das Fleisch, sondern auch auf die sexuelle Anatomie dieses Ehepaars. Jedes Mal wenn ich an Consuela denke, sehe ich diese rohe Lammkeule vor mir, einen primitiven Knüppel neben den unerbittlich ausgestellten Körpern dieses Mannes und dieser Frau. Dass sie da ist, so nah an beider Bett, erscheint immer weniger unpassend, je länger man das Bild betrachtet. Im irgendwie ratlosen Gesichtsausdruck der Frau liegt eine melancholische Resignation, und dieser Klumpen Fleisch hat nichts gemein mit einem lebenden Lamm, und seit drei Wochen, seit Consuelas Besuch, muss ich ständig an diese beiden Darstellungen denken.

Philip Roth, „Das sterbende Tier“

Sailing to Byzantium

That is no country for old men. The young
In one another’s arms, birds in the trees
– Those dying generations – at their song,
The salmon-falls, the mackerel-crowded seas,
Fish, flesh, or fowl, commend all summer long
Whatever is begotten, born, and dies.
Caught in that sensual music all neglect
Monuments of unageing intellect.An aged man is but a paltry thing,
A tattered coat upon a stick, unless
Soul clap its hands and sing, and louder sing
For every tatter in its mortal dress,
Nor is there singing school but studying
Monuments of its own magnificence;
And therefore I have sailed the seas and come
To the holy city of Byzantium.

O sages standing in God’s holy fire
As in the gold mosaic of a wall,
Come from the holy fire, perne in a gyre,
And be the singing-masters of my soul.
Consume my heart away; sick with desire
And fastened to a dying animal
It knows not what it is; and gather me
Into the artifice of eternity.

Once out of nature I shall never take
My bodily form from any natural thing,
But such a form as Grecian goldsmiths make
Of hammered gold and gold enamelling
To keep a drowsy Emperor awake;
Or set upon a golden bough to sing
To lords and ladies of Byzantium
Of what is past, or passing, or to come.

William Butler Yeats

Das sterbende Tier

Der große biologische Witz ist, dass man miteinander intim ist, bevor man irgendetwas über den anderen weiß. In dem Augenblick, in dem es beginnt, begreift man alles. Zu Beginn wird man von der Oberfläche des anderen angezogen, aber man begreift intuitiv auch die ganze Tiefe. Und die Anziehung muss nicht gleich sein: Die Frau fühlt sich von der einen Sache angezogen, man selbst aber von etwas ganz anderem. Es geht um die Oberfläche, es geht um Neugier, aber dann – bum! – kommt die Tiefe.

Denn beim Sex hat die absolute Stasis keinen Sinn. Es gibt keine sexuelle Gleichheit, es kann sie gar nicht geben, und ganz gewiss keine Gleichheit, bei der die Verteilung genau ausgewogen und der männliche Quotient exakt so groß wie der weibliche ist. Diese ungezähmte Sache lässt sich nicht berechnen. Hier gibt es kein fifty-fifty wie bei einer geschäftlichen Transaktion. Wir sprechen hier vom Chaos des Eros, von der radikalen Destabilisierung, die das Wesen der sexuellen Erregung ist. Beim Sex ist man wieder im Urwald. Man ist wieder im Sumpf. Beim Sex geht es darum, dass die Dominanz wechselt, es geht um fortwährendes Ungleichgewicht. Wollen Sie Dominanz ausschließen? Wollen Sie Nachgiebigkeit ausschließen? Dominanz ist der Feuerstein, sie schlägt den Funken und setzt alles in Gang. Und dann? Geben Sie Acht. Sie werden schon sehen. Sie werden sehen, wohin das Dominieren führt. Sie werden sehen, wohin das Nachgeben führt.

Man muss zwischen Sterben und Tod unterscheiden. Das Sterben ist kein ununterbrochener Prozess. Wenn man gesund ist und sich wohl fühlt, ist das Sterben nicht wahrnehmbar. Das Ende ist gewiss, kündigt sich aber nicht unbedingt auffällig an. Nein, man kann es nicht verstehen. Solange man selbst nicht alt ist, versteht man nur, dass die Zeit den Alten ihren Stempel aufgedrückt hat. Doch wenn das alles ist, was man versteht, fixiert man sie in der Zeit, und das bedeutet, dass man eigentlich überhaupt nichts versteht. Alt zu sein bedeutet für alle, die noch nicht alt sind, dass man gewesen ist. Aber wenn Sie alt sind, bedeutet es, dass Sie trotz ihrer Gewesenheit, zusätzlich zu Ihrer Gewesenheit, über Ihre Gewesenheit hinaus noch immer sind. Ihre Gewesenheit ist sehr lebendig. Sie sind noch immer, und dieses Noch-immer-Sein und seine Fülle verfolgen Sie ebenso wie die Gewesenheit, die Vergangenheit. Stellen Sie sich das Alter so vor: Es ist eine alltägliche Tatsache, dass Ihr Leben auf dem Spiel steht. Sie können dem Wissen um das, was Sie in Kürze erwartet, nicht entgehen. Die Stille, die Sie für alle Ewigkeit umgeben wird. Davon abgesehen ist alles wie immer. Davon abgesehen ist man unsterblich, solange man lebt.

Sex ist nicht bloß Reibung und seichtes Vergnügen. Mit Sex übt man auch Vergeltung am Tod. Vergessen Sie nicht den Tod. Vergessen Sie ihn nie. Ja, auch die Macht des Sex hat ihre Grenzen. Ich weiß sehr wohl, wie begrenzt sie ist. Aber sagen Sie mir: Welche Macht ist größer?

Und das hier…

Philip Roth, „Das sterbende Tier“

Das sterbende Tier

Die Geschichte eines Lebens

ist im Körper ebenso enthalten

wie im Gehirn.

Edna O’Brian

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Ich lernte sie vor acht Jahren kennen. Sie war in meinem Seminar.

Philip Roth, „Das sterbende Tier“