Schlaflied

Mit den Faltern, mit der Nacht
lass mich ein in Deinen Schlummer:
über dir bin ich ein stummer
Atemzug der wacht,

dass der Spiegel nicht zu spät
deine Stunde krönt und kündet,
Mond dir dein Haar nicht entzündet,
wenn er kommt und weht,

unter deine Lider sieht,
was für Fremde sie verschweigen –
über dich muss ich mich neigen,
wenn er weiterzieht …

Wenn du dann die Hände hebst
und das Dunkel feierst, freier,
bin ich der flüsternde Schleier,
dem du fremd entschwebst.

Paul Celan

Zwiegestalt

Lass dein Aug in der Kammer sein eine Kerze,
den Blick einen Docht,
lass mich blind genug sein,
ihn zu entzünden.

Nein.
Lass anderes sein.

Tritt vor dein Haus,
schirr deinen scheckigen Traum an,
laß seine Hufe reden
zum Schnee, den du fortbliest
vom First meiner
Seele.

Paul Celan

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehen:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

 

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

 

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

 

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
dass der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

 

Es ist Zeit.

 

Paul Celan

Schwermutsschwellen

DIE SCHWERMUTSSCHWELLEN HINDURCH,

am blanken

Wundenspiegel vorbei:

da werden die vierzig

entrindeten Lebensbäume geflößt.

Einzige Gegen-

schwimmerin, du

zählst sie, berührst sie

alle.

Paul Celan

(* 23. November 1920; + vermutlich 20. April 1970)