Die Erfindung der Einsamkeit

Die wuchernde, völlig verwirrende Kraft des Widerspruchs. Ich verstehe jetzt, daß jede Tatsache von der nächsten aufgehoben wird, daß jeder Gedanke einen gleichwertigen, aber entgegengesetzten erzeugt. Unmöglich, irgend etwas ohne Vorbehalt zu sagen: er war gut, beziehungsweise er war schlecht; er war dies, beziehungsweise er war das. Alles davon ist wahr. Manchmal habe ich das Gefühl, daß ich über drei oder vier verschiedene Männer schreibe, jeder ein Individuum, jeder im Widerspruch zu allen anderen. Fragmente. Oder die Anekdote als Form des Wissens.

Ja.

Seit zwei Wochen gehen mir diese Zeilen von Maurice Blanchot nicht mehr aus dem Kopf: „Eins muss klar sein: ich habe nichts Ungewöhnliches, nicht einmal etwas Überraschendes gesagt. Das Ungewöhnliche beginnt in dem Augenblick, da ich aufhöre. Aber ich bin nicht mehr fähig, davon zu sprechen.“

Mit dem Tod anfangen. Mich ins Leben zurückarbeiten und am Ende zum Tod zurückkehren.

Oder aber: der leere Wahn, irgend etwas über irgend jemanden sagen zu wollen.

Paul Auster, „Die Erfindung der Einsamkeit“ (Porträt eines Unsichtbaren)

Die Erfindung der Einsamkeit

Einsam. Doch nicht im Sinne von Alleinsein. Nicht einsam wie Thoreau zum Beispiel, der freiwillig ins Exil ging, um herauszufinden, wer er war; nicht einsam wie Jona, der im Bauch des Wals um Erlösung betete. Einsam im Sinne von zurückgezogen. Um sich nicht sehen zu müssen, um sich nicht von anderen betrachten lassen zu müssen…

Unmöglich, in die Einsamkeit eines anderen einzudringen, das wird mir jetzt klar. Falls wir einen Menschen, wenn auch nur in Maßen, überhaupt jemals richtig kennenlernen können, dann allenfalls insoweit, als er bereit ist, sich zu offenbaren. Jemand mag sagen: Mir ist kalt. Oder aber er sagt gar nichts, und wir sehen ihn zittern. In jedem Fall wissen wir, daß ihm kalt ist. Was aber, wenn einer nichts sagt und auch nicht zittert? Wo alles verhärtet ist, wo alles hermetisch und ausweichend ist, kann man nur noch beobachten. Doch ob man aus dem Beobachteten schlau wird, ist eine ganz andere Sache…

Paul Auster, „Die Erfindung der Einsamkeit“ (Porträt eines Unsichtbaren)

Die Erfindung der Einsamkeit

Porträt eines Unsichtbaren

An einem Tag ist noch das Leben da. Zum Beispiel ein Mann, bei bester Gesundheit, nicht einmal alt, nie krank gewesen. Alles ist, wie es war, wie es immer sein wird. Er lebt von einem Tag zum anderen, kümmert sich um seine Angelegenheiten, träumt nur von dem Leben, das vor ihm liegt. Und dann kommt plötzlich der Tod…

Paul Auster, „Die Erfindung der Einsamkeit

(Leihgabe vom Herrn Kater)

Die Brooklyn-Revue

„…Es war acht Uhr, als ich auf die Straße trat, acht Uhr am Morgen des 11. September 2001 – sechsundvierzig Minuten bevor das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center raste. Nur zwei Stunden später trieb der Rauch von dreitausend verbrannten Leibern auf Brooklyn zu und regnete als weiße Wolke aus Asche und Tod auf uns hernieder.

Aber noch war es erst acht Uhr, und als ich unter dem strahlend blauen Himmel die Straße entlang spazierte, war ich glücklich, mein Freund, so glücklich wie nur je ein Mensch auf dieser Erde.“

Paul Auster, „Die Brooklyn-Revue“

Die Brooklyn-Revue

„Ich suchte nach einem ruhigen Ort zum Sterben. Jemand empfahl mir Brooklyn, und so brach ich am nächsten Morgen von Westchester aus auf, um das Terrain zu sondieren…“

Paul Auster, „Die Brooklyn-Revue“