Das Parfum

Es ist schon eine Weile her, dass ich dieses Buch gelesen habe. Vielleicht habe ich zu der Zeit gerade nicht gearbeitet und konnte mir den Luxus leisten, den ganzen Tag zu liegen und zu lesen. Jedenfalls erinnere ich es so. Vom ersten Wort an war ich der Sprache Patrick Süskinds verfallen und gerate heute noch ins Schwärmen, wenn jemand „Das Parfum“ erwähnt. Wenn ich jetzt die ersten Sätze lese, würde ich es auch heute am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen:

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden. Er hieß Jean-Baptiste Grenouille, und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer genialer Scheusale, wie etwa de Sades, Saint-Justs, Fouchés, Bonapartes usw., heute in Vergessenheit geraten ist, so sicher nicht deshalb, weil Grenouille diesen berühmteren Finstermännern an Selbstüberhebung, Menschenverachtung, Immoralität, kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hätte, sondern weil sich sein Genie und sein einziger Ehrgeiz auf ein Gebiet beschränkte, welches in der Geschichte keine Spuren hinterlässt: auf das flüchtige Reich der Gerüche…

Süskinds Sprache ist so intensiv, dass jeder noch so widerwärtige Gestank dem Buch schon fast als Wohlgeruch entströmt. Sie verführt. Ein sinnlicheres Leseerlebnis hatte ich selten.

Wenngleich kein Film dieses flüchtige Reich der Gerüche und die Sprache, die es verströmt, visualisieren kann, so gibt es ihn doch schon. Laura hat ihn gesehen und mich am nächsten Tag angerufen. Ob ich das Buch hätte, es würde zu mir passen. Das Düstere, das Mysteriöse daran. – Aha! Meine zweite Haut. Nun trage ich diese nicht gerade zu Markte, aber vielleicht hat sie ja meine Elfchen gelesen, und die haben einen gewissen Eindruck in ihr erweckt. Ich weiß es nicht.

Zeit der Krähen mal wieder. Das Düstere, das Mysteriöse begegnet mir auf Schritt und Tritt. Ein Vogel, ein Gedicht, ein Motiv, eine Assoziation ziehen sich wie ein roter Faden durch die Woche.

Ich hatte den Winter so satt. Jetzt werde ich den Geruch des Herbstes nicht los.