In a photograph, a person’s history is buried as if under a layer of snow.

Rahel Müller, "In the silence, I listen." (aus "Burning Pictures", 2008)
Rahel Müller, „In the silence, I listen.“ (aus „Burning Pictures“, 2008)

Er konnte seinen Blick nicht losreißen von dieser Fotografie, und er fragte sich, warum er sie zwischen den Blättern der „Akte“ vergessen hatte. War sie etwas, was ihn störte, ein Beweisstück, wie man in der Rechtssprache sagt, das er, Daragane, gern aus seinem Gedächtnis verdrängt hätte? Er spürte eine Art Schwindel, ein Kribbeln in den Haarwurzeln. Dieses Kind, von vielen Jahrzehnten in so graue Ferne gerückt, dass ein Fremder aus ihm wurde, nun musste er sich’s eingestehen, das war er.

Patrick Modiano, „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“

Damit du dich im Viertel nicht verirrst

Er, der keine anderen Bücher mehr las, nur noch die Naturgeschichte von Buffon, er erinnerte sich plötzlich an eine Stelle aus den Memoiren einer französischen Philosophin. Diese war empört über etwas, was eine Frau während des Krieges gesagt hatte: „Was wollen Sie, der Krieg ändert doch nicht meine Beziehungen zu einem Grashalm.“ Sie hielt diese Frau gewiss für oberflächlich oder gleichgültig. Aber für ihn, Daragane, hatte der Satz einen anderen Sinn: In Zeiten von Katastrophen oder geistiger Not gab es keinen anderen Ausweg, man musste sich einen Fixpunkt suchen, um das Gleichgewicht zu halten und nicht über Bord zu gehen. Der Blick bleibt an einem Grashalm hängen, an einem Baum, den Blütenblättern einer Blume, als würde man sich an eine Rettungsboje klammern…

Patrick Modiano, „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“

Dora Bruder

Vor acht Jahren stieß ich in einer alten Zeitung, dem Paris-Soir vom 31. Dezember 1941, auf Seite drei zufällig auf eine Rubrik „Zwischen gestern und heute“. Ganz unten las ich:

Dora Bruder

Es dauert lange, bis das, was ausgelöscht worden ist, wieder ans Licht kommt. Spuren bestehen noch in Registern fort, und man weiß nicht, wo sie versteckt sind und welche Hüter über sie wachen und ob diese bereit sein werden, sie einem zu zeigen. Oder vielleicht haben die Hüter ganz einfach vergessen, daß es diese Register einmal gab.

Es genügt ein wenig Geduld.

….

Doch ich bin geduldig. Ich kann stundenlang im Regen warten.

Patrick Modiano, „Dora Bruder“

Die Kleine Bijou

Erwin Blumenfeld, "Sleeping face of Marua Motherwell" (1941)
Erwin Blumenfeld, „Sleeping face of Marua Motherwell“ (1941)

Ich war in einem großen Glaskäfig. Ich habe mich umgeblickt: andere Glaskäfige, bestückt mit Aquarien. […] In den Aquarien schienen Schatten sich zu bewegen, Fische? Ich hörte, stärker und stärker, das Brausen von Wasserfällen. Lange war ich eingeschlossen gewesen in Eis, und jetzt schmolz es und floß weg. Ich fragte mich, was diese Schatten in den Aquarien wohl darstellten. Später wurde mir erklärt, es habe keinen Platz mehr gegeben, und so sei ich in den Saal der Frühgeburten gelegt worden. Noch lange habe ich das Brausen der Wasserfälle gehört, als ein Zeichen, daß auch für mich, von diesem Tag an, das Leben begann.

Patrick Modiano, „Die Kleine Bijou“

Die Kleine Bijou

Edward Hopper, "Le Bistro", (1909)
Edward Hopper, „Le Bistro“, (1909)

Die  Wintermorgen, an denen es noch dunkel ist, bei scharfer Luft, wenn die Lichter brennen und die ersten Gäste an der Theke stehen wie Verschwörer, geben einem die Illusion, der kommende Tag werde ein abenteuerlicher sein. Und diese Illusion wirkt am Morgen noch eine Zeitlang weiter. Im Sommer, wenn sich ein heißer Tag ankündigte und erst wenig Verkehr war, setzte ich mich auf die erste offene Caféterrasse und sagte mir, es genüge, die Rue Blanche hinunterzugehen, und ich käme zum Strand. Auch an Morgen wie diesen verflogen die schlechten Erinnerungen.

Patrick Modiano, „Die Kleine Bijou“

Unfall in der Nacht

Man muß warten, daß die anderen ganz ungezwungen auf einen zukommen. Keine allzu brüsken Bewegungen. Reglos und stumm bleiben und mit der Bewegung verschmelzen. Ich setzte mich immer an den abgelegensten Tisch. Und ich wartete. Ich war jemand, der in der Abenddämmerung am Ufer eines Teichs stehenbleibt und seinem Blick Zeit läßt, sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, bis er den wilden Aufruhr im stillen Wasser sieht.

Patrick Modiano, „Unfall in der Nacht“

Five Years

Für Asallime: Hörst du drei oder vier Lieder mit mir?

Seine Tage waren schon immer gezählt. Nichtsdestotrotz hielt sich der Schuppen – jahrzehntelang – im Hinterhof eines sanierungsbedürftigen Altbaus. Bis sich am Ende doch noch ein Investor gefunden hat. Heute gibt es das Roxy nicht mehr. Time flies oder: Die Zeit geht nicht, sie stehet still, wir ziehen durch sie hin…

Zu einer Zeit jedenfalls, als mein Trommelfell noch nicht rebellierte, sobald die Bässe zu vibrieren begannen, zog es auch mich dorthin. Ich war neu in der Stadt. Ich kannte niemanden. Ich dachte, das wäre gut so. Jemanden kennen bedeutete, früher oder später etwas von mir preisgeben zu müssen. Die DJs trugen orangefarbene Overalls wie Gefallene aus einem anderen Orbit. Und erst viel später würde einer von ihnen mein Vorgesetzter sein. Ich habe mich immer gefragt, was aus seinem orangefarbenen Overall geworden ist. Ob er ihn einfach irgendwann abgestreift hat wie eine blutleere Haut oder an die Wand des stillen Kämmerleins genagelt, in dem er noch immer die alten Platten auflegt. Aber als ich dort im Roxy stand, unter jener Glasglocke, die ich nun schon eine ganze Weile mit mir herumschleppte und die, hartnäckig wie sie war, ihren Platz beanspruchte inmitten der Welt da draußen, hatte ich keine Ahnung, wie das Leben sich verlaufen oder, sagen wir, keinen Plan, wie sich das in letzter Minute vielleicht verhindern lassen konnte.

Ziellos ließ ich meine Blicke schweifen, bis sie eines Abends an jemandem hängenblieben, der aussah wie David Bowie, ja, in meiner Erinnerung hat er sogar diese beiden verschiedenfarbigen Augen. Von da an tauchte er immer wieder auf, wie aus dem Nichts, und war auch jedes Mal genau so plötzlich wieder verschwunden. Eine jener creatures of the night, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie meinen Weg tatsächlich gekreuzt haben oder mir nur im Traum begegnet sind. Aber wenn er da war, konnte ich meine Augen nicht von ihm lassen, was mir im übrigen als vollkommen risikoloses Unterfangen vorkam, denn niemals nahm er auch nur irgendeine Notiz von mir.

Heute würde ich ihn als rauchblauen Engel mit einem grauen Flügelpaar malen, don’t think you knew you were in this song, oder als arroganten Schnösel, der sich heimlich genau daran weidete. Wie auch immer, sowohl das eine wie das andere sagt sicher mehr über mich als über die Erscheinung des Menschen, der gemeint ist.

Vielleicht wäre ich irgendwann sogar aus meiner Deckung gekommen, doch von einem Tag auf den anderen war er für immer verschwunden. Ich hatte keinen Namen, nichts. Ich habe ihn einfach nie wieder gesehen, und, um es mit Patrick Modiano zu sagen: Er wird ein Rätsel bleiben, wie so viele andere […] Gesichter, die wir für einen Augenblick entdecken und die in unserer Erinnerung leuchten mit dem Flimmern eines fernen Sterns, bevor sie am Tag unseres Todes erlöschen, ohne ihr Geheimnis preisgegeben zu haben.

And now, Ladies and Gentlemen:

 

Ein Stammbaum

Willy Ronis, "Vincent" (1945)
Willy Ronis, „Vincent, 5 ans“ (1945)

Abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle. Ich schreibe diese Seiten so, wie man ein Protokoll oder einen Lebenslauf verfaßt, aus dokumentarischen Gründen und wahrscheinlich auch, um einen Schlußstrich zu ziehen unter ein Leben, das nicht meines war. Es handelt sich nur um eine dünne Schicht von Fakten und Gesten. Ich habe nichts zu bekennen, nichts zu erhellen, und ich verspüre keinerlei Neigung zu Introspektion und Gewissenserforschung. Im Gegenteil, je dunkler und geheimnisvoller die Dinge bleiben, desto mehr haben sie mich immer interessiert. Ja, ich versuche ein Geheimnis sogar in etwas zu finden, was gar keines hatte. Die Ereignisse, von denen ich bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr berichten werde, habe ich als Rückprojektion erlebt – jenes Verfahren, das darin besteht, im Hintergrund Landschaften vorüberziehen zu lassen, während die Darsteller reglos auf der Studiobühne verharren. Ich möchte dieses Gefühl, das viele andere vor mir empfunden haben, in Worten ausdrücken: alles zog vorüber wie bei einer Rückprojektion, und ich konnte mein Leben noch nicht leben.

Patrick Modiano, „Ein Stammbaum“

Im Café der verlorenen Jugend

Paolo Roversi, "Théatre" (Paris, 1998)
Paolo Roversi, „Théatre“ (Paris, 1998)

Ich ließ mich von einem Rausch überwältigen, den Alkohol oder Schnee mir niemals verschafft hätten… Später habe ich den gleichen Rausch immer dann verspürt, wenn ich die Brücken zu jemandem abbrach. Ich war nur dann wirklich ich selbst, wenn ich ausriss. Meine einzigen guten Erinnerungen sind Erinnerungen an Flucht und Weglaufen…

Und dann ist das Leben weitergegangen, mit seinen Höhen und Tiefen. An einem trübseligen Tag habe ich auf dem Einband eines Buches, das Guy de Vere mir geliehen hatte: „Louise du Néant“, mit Kugelschreiber den Vornamen durch meinen eigenen ersetzt: Jacqueline du Néant, Jacqueline aus dem Nichts.

Patrick Modiano, „Im Café der verlorenen Jugend“

Der Horizont

Gustave Caillebotte, "Jeune homme à la fenêtre" (1875)
Gustave Caillebotte, „Jeune homme à la fenêtre“ (1875)

„Ich muss gegen zehn zurück sein.“

Bosmans wusste, dieser Satz würde in seinem Gedächtnis bleiben und jedesmal einen heftigen Schmerz auslösen, eine Art Seitenstechen. Er würde nie erfahren, was er bedeutete, und er würde ein Bedauern spüren, wie bei anderen abgebrochenen Worten, anderen durch Leichtsinn verlorenen Menschen…

Es war besser nichts Genaueres zu erfahren. Mit dem Zweifel bleibt wenigstens noch eine Art Hoffnung, eine Fluchtlinie in Richtung Horizont. Man sagt sich, die Zeit hat ihre zerstörerische Arbeit vielleicht noch nicht vollendet und es wird andere Zusammentreffen geben.

Ich muss gegen zehn zurück sein.

Patrick Modiano, „Der Horizont“

Der Horizont

Er stellte ein merkwürdiges Phänomen fest. Dieser Traum erhellte durch sein Licht alles, was Wirklichkeit gewesen war, die Straßen, die Menschen, mit denen Margaret und er gemeinsam in Berührung gekommen waren. Und wenn dieses Licht nun das wahre Licht gewesen war, jenes Licht, das sie beide damals umstrahlte? Warum hatte er dann in jener Zeit die zwei Hefte vollgeschrieben mit einer kleinen Schrift, die ein Gefühl von Beklemmung und Ersticken verriet?

Sarah Moon, "Suzanne aux Tuileries" (1974)
Sarah Moon, „Suzanne aux Tuileries“ (1974)

Er glaubte, die Antwort zu finden. Alles, was man tagein, tagaus erlebt, ist gekennzeichnet von den Ungewissheiten der Gegenwart… Doch aus der Ferne betrachtet, mit dem Abstand der Jahre, sind die Ungewissheiten und Ängste, die man in einem bestimmten Augenblick durchgestanden hat, verflogen wie das Rauschen, das einen hinderte, im Radio kristallklare Musik zu hören. Ja, wenn ich jetzt daran zurückdenke, dann war es genau wie im Traum: Margaret und ich, die einander gegenübersitzen in einem reinen und zeitlosen Licht.

Patrick Modiano, „Der Horizont“

Der Horizont

Fred van Schagen
Fred Van Schagen, Paris 1954

Diese Menschenmenge im Metroeingang, die überfüllten Züge, jeden Tag, um die gleiche Zeit … Bosmans hatte irgendwo gelesen, die erste Begegnung zweier Menschen sei wie eine leichte Verletzung, die jeder spürt und die ihn aus seiner Einsamkeit und seiner Benommenheit reißt. Später, wenn er an seine erste Begegnung mit Margaret Le Coz dachte, sagte er sich, dass sie gar nicht anders hätte verlaufen können: da, in diesem Metroeingang, aufeinandergeschleudert. Und wenn man bedenkt, dass sie an einem anderen Abend, am selben Ort, dieselbe Treppe in derselben Menge hinuntergegangen und in denselben Wagen gestiegen wären, ohne sich zu sehen … Aber war das so sicher?

Patrick Modiano, „Der Horizont“

Gräser der Nacht

Heute habe ich keine Angst mehr vor diesem schwarzen Notizbuch. Es hilft mir, mich über die Vergangenheit zu beugen, und bei diesem Ausdruck muss ich lächeln. Das war der Titel eines Romans. Ein Mann beugt sich über seine Vergangenheit, den ich in der Bibliothek des Hauses – ein paar Regalbretter mit Büchern, neben einem Fenster im Salon – entdeckt hatte. Vergangenheit? Nein, nein, es handelt sich nicht um die Vergangenheit, vielmehr um Episoden eines geträumten, zeitlosen Lebens, die ich Seite um Seite dem trüben Alltagsleben entreiße, damit es ein bisschen Schatten und Licht bekommt. Heute nachmittag sind wir in der Gegenwart, es regnet, Menschen und Dinge versinken in einem Grau-in-Grau, und ich warte ungeduldig auf die Nacht, in der sich alles klar und deutlich abzeichnen wird, ja, eben dank der Kontraste von Schatten und Licht.

Neulich, in der Nacht, fuhr ich im Auto durch Paris, und ich war gerührt über diese Lichter und diese Schatten, über die verschiedenen Arten von Laternen oder Kandelabern, bei denen ich das Gefühl hatte, sie würden mir, entlang einer Avenue oder an einer Straßenecke, Zeichen schicken. Es war genau das Gefühl, das du verspürst, wenn du lange ein erleuchtetes Fenster betrachtest: ein Gefühl von Anwesenheit und von Abwesenheit zugleich. Hinter der Glasscheibe ist das Zimmer leer, doch jemand hat die Lampe angelassen. Für mich hat es Gegenwart oder Vergangenheit niemals gegeben. Alles verschmilzt, wie in dem leeren Zimmer, wo eine Lampe brennt, jede Nacht.

Patrick Modiano, „Gräser der Nacht“

Gräser der Nacht

Konnte es wirklich sein, dass ein Doppelgänger, den ich hier zurückgelassen hatte, immer weiter jede meiner alten Bewegungen wiederholte, meine alten Wege ging bis in alle Ewigkeit? Nein, hier war nichts mehr von uns übrig, die Zeit hatte Tabula rasa gemacht. Das Viertel war neu, saniert, so als hätte man es an der Stelle eines baufälligen Wohnblocks errichtet. Und selbst wenn die meisten Häuser dieselben waren, so hatte man doch den Eindruck, vor einem ausgestopften Hund zu stehen, einem Hund, der dir früher einmal gehörte und den du geliebt hast, als er noch lebte.

Patrick Modiano, „Gräser der Nacht“

Gräser der Nacht

Modiano-Graeser-Nacht-2-Nein, ich habe nicht geträumt. Der Beweis, ich besitze noch immer ein schwarzes Buch, angefüllt mit Notizen. In diesem Nebel brauche ich genaue Begriffe, und ich schaue ins Wörterbuch. Notiz: kurze Aufzeichnung, die jemand macht, um sich an etwas zu erinnern…

Unter diesen Unmengen von Notizen haben manche einen stärkeren Nachhall als andere. Vor allem, wenn nichts die Stille beeinträchtigt. Kein Telefongeklingel mehr seit langem. Und niemand wird an die Tür klopfen. Bestimmt glauben sie, ich sei gestorben. Du bist allein, hellwach, als wolltest du Morsezeichen auffangen, die ein unbekannter Korrespondent dir aus weiter Ferne schickt. Natürlich, viele Zeichen sind gestört, und auch wenn du die Ohren spitzt, gehen sie für immer verloren. Doch ein paar Namen lösen sich ganz deutlich aus der Stille und von der weißen Seite …

Patrick Modiano, „Gräser der Nacht“