Unrast

…und vielleicht ist es ja möglich…“, hörte sie, „…in die Vergangenheit zu blicken, einen Blick hineinzuwerfen wie in ein Panoptikum, oder, liebe Freunde, die Vergangenheit zu behandeln als existiere sie noch und wäre nur in eine andere Dimension verlegt worden. Vielleicht muss man nur den Blick ändern, alles irgendwie schief ansehen. Denn wenn Zukunft und Vergangenheit unendlich sind, dann gibt es in Wirklichkeit kein „einst“. Verschiedene Momente der Zeit hängen wie Leintücher in der Luft, wie Bildschirme, die einen Moment ausstrahlen werden, die Welt besteht aus diesen unbeweglichen Momenten, großen Metaaufnahmen, und wir springen von einer zur anderen.“

Er hielt einen Augenblick inne, um zu verschnaufen, denn der Weg führte leicht bergauf, und kurz darauf hörte Karen, wie er seine Worte zwischen pfeifenden Atemzügen hervorstieß:

„In Wirklichkeit gibt es keine Bewegung. Es ist wie mit dieser Schildkröte aus dem Paradox von Zenon: Wir bewegen uns nirgendwohin, wandern allenfalls zum Innern eines Moments, und es gibt weder Begrenzung noch Ziel. Dasselbe könnte auch den Raum betreffen – da wir alle gleichermaßen von der Unendlichkeit entfernt sind, existiert auch kein Irgendwo -, niemand steckt in keinem Tag, an keinem Ort.“

Niemand hat uns gelehrt zu altern, dachte sie, wir wissen nicht, wie das ist. Wenn wir jung sind, kommt es uns so vor, als suche diese Krankheit nur andere heim. Wir selbst jedoch meinen aus nicht ganz geklärten Gründen, dass wir immer jung bleiben werden. Die Alten behandeln wir, als wären sie selber schuld, als hätten sich sich ihre Beschwerden wie Diabetes oder Sklerose selbst eingehandelt. Dabei fallen dieser Krankheit, dem Alter, doch die Unschuldigsten zum Opfer. Und als ihr die Augen schon zufielen, hatte sie noch einen Gedanken: Dass ihr Rücken dann ungedeckt bleiben würde. Wer würde sich dann an sie schmiegen?

Olga Tokarczuk, „Unrast“

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Unrast

Im Abseits stehen. Die Welt nur in Bruchstücken sehen, eine andere wird es nicht geben. Es gibt Augenblicke, Fragmente, vorübergehende Konfigurationen, die kurz nach ihrer Entstehung wieder zerfallen. Leben? So etwas gibt es nicht, ich sehe Linien, Flächen und Körper und ihre Verwandlungen in der Zeit. Die Zeit erweist sich als einfaches Instrument zur Messung kleiner Veränderung, ein Schullineal mit einer vereinfachten Skala: Es gibt knappe drei Punkte: war, ist und wird sein.

Ich bin sicher, dass wir nicht imstande sind, das Schicksal zu erkennen, das die göttlichen Griffel für uns auf der anderen Seite des Lebens einritzen. Sie müssen sich uns erst in einer dem Menschen zugänglichen Gestalt offenbaren – schwarz auf weiß. Gott schreibt mit der linken Hand und in Spiegelschrift.

„Warum habe ich Schmerzen? Deshalb weil – wie jener Schleifer behauptet, und was das Einzige sein mag, worin er sich nicht irrt – Körper und Seele in Wahrheit Teile eines größeren Ganzen sind, Zustände derselben Substanz, so wie das Wasser das gleichzeitig flüssig und fest sein kann. Warum schmerzt mich etwas, was nicht existiert? Weshalb spüre ich einen Mangel, eine Abwesenheit? Sind wir vielleicht zur Ganzheit verurteilt, und jede Zerteilung, jede Durchtrennung geschieht nur zum Schein, ereignet sich auf der Oberfläche, während die Ebene darunter unangetastet und unverändert bleibt? Gehört nicht das kleinste Fragment auch weiterhin zum Ganzen? Wenn die Welt wie eine große gläserne Kugel fällt und in Millionen Teile zerspringt – bleibt dann nicht weiterhin eine Ganzheit in diesem Großen, Gewaltigen, Unendlichen erhalten?

Kann es sein, dass dieser Schmerz Gott ist?

Olga Tokarczuk, „Unrast“

Die Anbetung des Lamms

Jan van Eyck, „Die Anbetung des Lamms“

(Mitteltafel des Genter Altars im geöffneten Zustand, „Die Festtagsseite“)

„Der wahre Gott ist ein Tier“, erklärte sie. „Er ist in den Tieren, so nah, dass wir ihn nicht erkennen. Tagtäglich opfert er sich für uns, stirbt unzählige Male, ernährt uns mit seinem Körper, kleidet uns in seine Haut, lässt zu, dass man Medikamente an ihm testet, damit wir länger und besser leben können. So zeigt er uns seine Zuneigung, beschenkt uns mit Liebe und Freundschaft.“

Olga Tokarczuk, „Unrast“

Die verlassene Wohnung

Die Wohnung versteht nicht, was passiert ist. Die Wohnung meint, der Besitzer ist gestorben. Seitdem die Tür ins Schloss gefallen ist und der Schlüssel im Schlüsselloch geknirscht hat, dringen alle Geräusche nur noch gedämpft herein, ohne Schattierung und Umriss, wie verlaufene Flecken. Der Raum erstarrt, ungenutzt, von keinem Durchzug, keiner Bewegung der Vorhänge aufgestört, in dieser Reglosigkeit bilden sich zaghaft probeweise Formen, und zwar solche, wie sie einen Augenblick lang im Flur zwischen Decke und Fußboden hängen.

Natürlich erscheint hier nichts Neues, wie könnte es auch? Das sind nur die Imitationen bekannter Formen, die blasenartige Ballungen bilden und ganz kurz Gestalt annehmen. Es sind einzelne Episoden, wie zum Beispiel ein Fußabdruck auf dem weichen Teppich, der dauernd – und immer an der gleichen Stelle – entsteht und verschwindet. Oder bloße Gesten, wie die Hand, die am Tisch die Bewegung beim Schreiben imitiert, was vollkommen unbegreiflich ist, denn sie hat weder Stift noch Blatt noch Schrift noch einen Körper, der dazu gehört.

Olga Tokarczuk, „Unrast“

La Mano di Giovanni Battista

Leonardo da Vinci, „Johannes der Täufer“

Es gibt zu viel Welt. Man müsste sie verkleinern, nicht weiter und größer machen. Man sollte sie wieder in eine kleine Dose stopfen, in ein mobiles Panoptikum, das man nur samstagnachmittags anschauen dürfte, wenn die Tagesarbeit getan, die saubere Wäsche vorbereitet ist, die gestärkten Hemden auf der Stuhllehne hängen, die Böden gescheuert sind und der Streuselkuchen zum Auskühlen auf der Fensterbank steht. Dann würde man durch ein kleines Loch hineinschauen wie in ein Fotoplastikon und jede Einzelheit bestaunen.

Leider aber ist es dafür wohl zu spät.

Wahrscheinlich bleibt einem nichts anderes übrig, als zu lernen, wie man unentwegt eine Wahl trifft. Wie man so wird wie der Reisende, den ich einmal in einem Nachtzug kennengelernt habe. Der sagte, er müsse in regelmäßigen Abständen in den Louvre fahren und vor dem einen Bild stehen, das es seiner Meinung nach wert ist, gesehen zu werden. Vor dem Bild von Johannes dem Täufer, um mit dem Blick seinem erhobenen Finger zu folgen.

Olga Tokarczuk, „Unrast“

Unrast

Ein Herz. Sein ganzes Geheimnis ist ein für alle Mal offengelegt: Es ist dieser unförmige Klumpen, faustgroß und schmutzigweiß. Das ist nämlich die Farbe unseres Körpers, grau-cremeweiß, graubraun, hässlich, das darf man nicht vergessen. Weder in unserem Haus noch in unserem Auto würden wir eine solche Farbe sehen wollen. Das ist die Farbe des Inneren, der Dunkelheit, der Orte, wo die Sonne nicht eindringt, wo sich die Materie im Feuchten vor fremden Blicken verbirgt, da muss sie sich nicht mehr zur Schau stellen. Nur mit dem Blut kann sie sich Eskapaden leisten. Das Blut soll warnen, sein Rot soll der Alarm sein, dass die Muschel des Körpers sich geöffnet hat, dass die Geschlossenheit des Gewebes unterbrochen ist.

In Wirklichkeit haben wir im Innern gar keine Farbe. Wenn alles Blut aus dem Herzen gespült ist, sieht es genau so aus: wie ein Schleimklumpen.

Olga Tokarczuk, „Unrast“

Unrast

Ich kletterte auf den Deich und sah ein bewegliches Band, einen Weg, der über die Grenzen des Blickfelds, über die Grenzen der Welt hinausfloss. Und wenn man Glück hatte, konnte man Kähne darauf sehen, große, flache Boote, die stromauf und stromab fuhren, ohne auf die Ufer zu achten, auf die Bäume, auf die Menschen, die auf dem Deich standen und wahrscheinlich als unstete, nicht weiter beachtenswerte Orientierungspunkte erschienen, Zeugen der anmutigen Bewegung der Boote. Ich träumte davon, später, wenn ich groß sein würde, auf einem solchen Kahn zu arbeiten oder – besser noch, überhaupt ein Kahn zu werden.

Als ich so in den Anblick der Strömung versunken auf dem Flutwall stand, wurde mir klar, dass aller Gefahren zum Trotz das, was in Bewegung ist, immer besser sein wird, als das, was ruht, dass der Wandel edler ist als die Stetigkeit, dass das Unbewegliche Zerfall und Auflösung anheimfallen muss und zu Schutt und Asche wird, während das Bewegliche sogar ewig währen kann. Von da an wurde der Fluss zur Nadel, die in meiner sicheren, steten Landschaft stak: im Park, in den Beeten, wo die Gemüse in verschämten Reihen standen, in dem Gehweg aus Betonplatten, wo Himmel und Hölle gespielt wurde. Die Nadel durchstach sie alle, bezeichnete vertikal eine dritte Dimension, sie hatte ein Loch gemacht, und die kindliche Welt erwies sich als Aufblasspielzeug, aus dem pfeifend die Luft entwich.

Das ist nichts für mich. Offenbar fehlt mir irgendein Gen, das beim Menschen dazu führt, nach kurzer Zeit an einem Ort Wurzeln zu schlagen. Ich habe es oft versucht, aber meine Wurzeln waren flach, jeder beliebige Windstoß konnte mich ausreißen. Ich konnte nicht sprießen, diese den Pflanzen eigene Fähigkeit fehlt mir. Ich ziehe keine Säfte aus der Erde, ich bin ein Anti-Anteus*. Meine Energie schöpft sich aus der Bewegung – aus dem Ruckeln von Autobussen, dem Dröhnen von Flugzeugen, dem Schaukeln von Fähren und Zügen.

Olga Tokarczuk, „Unrast“

 

*Antaios oder Antäus (griechisch Ἀνταῖος, lat. Antaeus, von άντάω, antao= ich trete entgegen, ich begegne) ist ein Riese aus der griechischen Mythologie.

Er war der Sohn des Poseidon und der Gaia mit nahezu unbezwingbarer Stärke. Beheimatet war er in Libyen und er maß über 60 griechische Ellen (28,44 m). Er pflegte alle vorbeiziehenden Reisenden zu zwingen, mit ihm zu kämpfen – und er gewann stets. Aus den Schädeln der Unterlegenen fertigte er für seinen VaterPoseidon einen Tempel. Antaios lebte in seiner Höhle oder in der Stadt Tingis, die er einst selbst errichtet haben soll, und jagte Fremde, Löwen (die er verspeiste) und Einwohner seines Landes: Als der Held Herakles auf den Riesen traf, wurde auch er von Antaios zum Kampf herausgefordert; es war ein ungleicher Kampf, da Antaios immer wieder aus der Erde neue Kraft erhielt. Herakles erkannte während des nahezu aussichtslosen Kampfes, dass die Stärke des Riesen von seiner Mutter Gaia, der Erde, kommen musste, hob ihn weg von der Erde in die Luft und erwürgte den seiner Kräfte beraubten Antaios dort.

Quelle: wikipedia

Unrast

Ich bin ein paar Jahre alt. Ich sitze auf der Fensterbank, ringsum liegen Spielsachen verstreut, umgestürzte Türme aus Bauklötzen, Puppen mit weit aufgerissenen Augen. Im Haus ist es dunkel, die Luft in den Zimmern wird kühler, der Abend dämmert. Niemand ist zu Hause; sie sind fortgegangen, verschwunden, man hört noch ihre verhallenden Stimmen, Rascheln, das Echo von Schritten, ein fernes Lachen. Draußen vor dem Fenster liegt der verlassene Hof. Sanft senkt sich das Dunkel herab. Wie schwarzer Tau breitet es sich über die Dinge…

Olga Tokarczuk, „Unrast“