Karlmann

Charly lächelt sie an , deutet auf den Tisch und sagt: Très bon, reibt sich dann den Magen. Dann deutet er auf sie: Très beau. Es ist zu kompliziert, wenn man die Sprache nicht spricht. Sag ihr, was ich gerne bei ihr bestellen würde, steht leider nicht auf der Karte. (Immer noch sie anblickend bei diesen Worten. Scherzen auf hohlem Grund. Er fühlt sich, als gehe er auf dünnem Eis und müsse, geht er noch einen Schritt weiter, unweigerlich einbrechen und im eisigen flaschengrünen Wasser versinken.)

Das Serviermädchen hält inne, die Schüssel mit den Muschelschalen auf dem Unterarm balancierend – es ist Nachsaison, sie ist entspannter, nächste Woche ist ihr Engagement hier zu Ende, sie hat Muße, ein bißchen zu plaudern. Die Intonation der Stimme und der Blick aus langbewimperten Augen von unten herauf ihren Körper hoch haben sie aufhorchen lassen. Sie lächelt verdutzt, neugierig, geschmeichelt, nachdenklich, dann alles abschüttelnd, wie ein Pudel sein nasses Fell ausschüttelt.

Je comprends pas bien ce que Monsieur dit là, c’est quelle langue?

Allemand, sagt Thommy und denkt, daß die Scheu, den Gemeinten direkt anzusprechen, typisch ist für solch ein einfaches Mädchen, aber auch, daß sie sich gewiß für ihn interessiert.

Dein unwillkürlicher taxierender Blick. Festes Programm, das ganz unabhängig von deinem Willen und deinem Interesse an der jeweiligen Frau gestartet wird. Wahrscheinlich so etwas wie der automatische Blick zum Himmel, welches Wetter ist, sobald man aus dem Haus tritt, obwohl wir alle seit Jahrhunderten keine Bauern mehr sind. Nur die Richtung unterscheidet wahrscheinlich einen Mann vom anderen. Du fängst immer unten an: blasse, schlanke Beine, unbehaart bis auf ein wenig blonden Flaum. Gut. Schlanke Fesseln, wichtig. Nichts schlimmer als Elefantenfüße. Strumpflos in etwas ausgelatschten Halbschuhen, was auf X-Beine oder Senkfüße hindeutet. Nicht schlimm. Das Becken schmal. Fürchterlich sind breite Becken, kurze Beine und dazu dicke Schenkel, die der Slip unter der Hose zu Würsten schnürt. Große Titten für den schmalen Körper. Bestimmt große Warzenhöfe. Wie alt mag sie sein, zwei-, dreiundzwanzig, steht also alles noch. Noch. Im Grunde mag ich ja dicke Titten lieber. Gesicht erst zum Schluß. Hals lang, Pluspunkt. Bißchen kantiges Kinn, bißchen zu große, spitze Nase. Die Haut nicht berühmt. Immerhin weiße Zähne, jetzt, wo sie lächelt, wenn auch nicht ganz gerade. Leider gezupfte Brauen, verdirbt alles, wie die auf solche Ideen kommen können! Dafür schönes dickes Haar, allerdings köterblond. Finger etwas rötlich, muß die hier etwa auch spülen? Um deinen Schwanz? Ja, doch. Glaube, ihr würde es Spaß machen. Hier leben. Dauergast im Hotel. Oder Inhaber? Nach Dienstschluß Spaziergang mit ihr. Oder sie kommt den Berg hoch und holt mich vom Golfen ab. Abends am Strand. Sie bläst mir einen. Danach vögeln im Schlafzimmer. Dann sie raus, damit ich noch in Ruhe fernsehen. Sie bringt mir Tablett mit Frühstück rein. Trägt nur dieses Servierschürzchen. Die großen Brüste. Es ist angerichtet. Und das Ende: Sie hat neuen Vertrag im Süden, wir vögeln nochmal, sagen uns tschüs, nette Erinnerungen. Leichten Herzens vergessen. Meine erste Französin. B-Picture-Leben. Konnte gut blasen. Jemineh.

Was heißt coquin, fragt Charly, während die Bedienung nach drinnen geht.

Spitzbube, übersetzt Hélène.

Geiler Bock heißt es, sagt Thommy.

Spitzbube ist schön. Ich glaube, seit zwanzig Jahren hat mich keiner mehr einen Spitzbuben genannt.

Und, was hast du jetzt so vor? fragt Thommy.

Du, wir fahren jetzt zurück, hauen uns in die Falle, morgen früh frühstücken wir nochmal schön mit Baguette und Croissants, und dann mache ich mich auf die Heimfahrt.

Nein, ich dachte eigentlich längerfristig, mit Job und – überhaupt.

Michael Kleeberg, „Karlmann“

Karlmann

Dieses ganze Buch ist wie ein verzauberter See. Abends vor dem Einschlafen springe ich hinein und tauche unter den Wasserspiegel der Schrift und verwandle mich gewissermaßen in ein Amphibium der Literatur. Du kriegst noch mit , was oben passiert, aber es erreicht dich nicht mehr. Ich bin als Leser so eine Art Astralleib, schwebe körperlos in diesem anderen, glücklicheren Universum herum.

Glücklich und leidlos aber doch wohl nur, weil du darin wie ein Schatten im Hades bist. Eher so eine Art Nahtoderfahrung, würde ich sagen.

Ja, aber dafür inkarnierst du dich in jeder beliebigen Gestalt des Buches und wirst zu ihr und erlebst ihre Emotionen und Gedanken mit. Das relativiert die eigenen Probleme von da oben, da draußen ganz gründlich, oder wenn es sie nicht relativiert, denn wenn du auftauchst, sind sie ja wieder da, dann läßt es sie dich immerhin vergessen, solange du fort bist. Manchmal, aber das kann ich nicht erklären, inkarnierst du dich nicht in den Leuten, sondern in der Sprache, in den Sätzen…

So wie beim Musikhören, wenn du in der Musik verschwindest.

Ganz genau! ruft Thommy beglückt, und sie stoßen an und dann noch einmal mit Hélène.

Charly denkt über die Worte des Freundes nach, und dabei fällt ihm auf, daß die Identifizierung mit Frankreich und mit der Literatur demselben Zweck dienen: etwas Objektives zu finden außerhalb seiner selbst, was einem hilft, Schicksalsschläge zu überstehen. Was könnte das für dich sein? Daß du dergleichen brauchst ist erwiesen, nochmal eine solche Woche hältst du nicht durch. Es muß ein Wert sein, ein Wert in sich. Ein Ideal – aber das ist die Liebe auch. Konkreteres. Ein Wissen. Kenntnisse. Es muß etwas sein, das im Moment der Katastrophe stehenbleibt, weil es von der Katastrophe nicht betroffen ist. Aber doch so mit dir verbunden, daß du dich daran festhalten kannst. Ja, es muß etwas sein, das man lernen kann. Der berühmte Tischlerberuf der Intellektuellen…

Michael Kleeberg, „Karlmann“

Karlmann

Juli 85

Wo entspringt diese ungeheure Zuversicht, die sich durch den Bildschirm hindurch auf dich überträgt und fortpflanzt: Es kann nichts passieren. Es kann nichts schiefgehen.

In den leeren blauen Augen, die nach innen horchen (darüber im Sonnenlicht leuchtend der weißblonde Fransenteppich der Schweinswimpern)? In dem ernsten, versunkenen, kalten Kindergesicht? Der spielerisch oder als sei er ein schüchternes kleines Mädchen, das etwas aufsagen soll, vor- und zurückgleitenden rosigen Zunge im Mundwinkel, wenn zugleich die Augen starr werden wie Gewehrmündungen?

Du weißt es nicht.

Vielleicht in dem breitbeinigen, steifen, fast gorillahaft im Oberkörper pendelnden Stand auf weißbeflaumt-weißen, obszön kräftigen, säulenhaften Schenkeln? Der irrsinnigen Bogenspannung des weißen Oberkörpers, sodass sich vor der Explosion, vor dem Zusammenschnappen, dem schussähnlichen trockenen Knall, Hinterkopf und Waden, so meint man, berühren müssen? Oder in der im Grunde lächerlichen geballten Faust, der man dennoch glaubt wie der Geste des Erlösers?

Diese sinnlich aufgeworfenen vollen Lippen im Profil, wie geschwollen, wie angeklebt, die helle Haut, der blonde Lulu-Haarhelm, länger jetzt als vor zwei Wochen. Und wie er fällt! Der Sprung dem ausgestreckten Arm hinterher, quer in der Luft schwebend. Der Aufprall dieses schweren, großen, weißen Kindmann-Körpers. Ein abstoßender Anblick: wie ein erschossenes riesiges Albino-Tier…

Michael Kleeberg, „Karlmann“

Guess who?

Der Roman beginnt mit einer kongenialen Personenbeschreibung. Ja, es ist einer der üblichen Verdächtigen. Jeder kennt ihn, und fast jeder wird sein Coming out, seine ultimative Sternstunde, zumindest in Ausschnitten, am Bildschirm miterlebt haben. So wie Karlmann, der am selben Tag noch dazu geheiratet hat. Zwischen Trauung und Hochzeitsfestivitäten ereignet sich die Sensation jenes Juli 85…

Anfangs konnte ich Karlmann nicht ausstehen. So wenig ich mich in ihn hineinversetzen mochte, so sehr sträubte auch die Sprache ihr an sich poetisches Fell. Aber nach 100 Seiten platze ich jetzt vor Neugier auf mehr Betriebsgeheimnisse dieses ganz normalen Mannes

Das Amerikanische Hospital

…Dem Neuankömmling scheint sich die Stadt zu öffnen – sie ist sein in aller Faszination, er muss nur zugreifen. Aber um ein etwas abgegriffenes Bild zu gebrauchen: Sie öffnet sich ihm nur, wie eine Frau auf dem gynäkologischen Stuhl sich dem Arzt öffnet; die Macht über ihren Körper ist rein funktional, bleibt äußerlich.

Geht man irgendwann wieder fort, schließt der Sesam sich nahtlos, als habe er sich nie aufgetan, und man hat das Recht verwirkt, ihn noch einmal zu finden. Aber wer es versucht hat, wird zweifelnd vor der geschlossenen Wand stehen: Ist er der Stadt entkommen, oder ist er ihrer verwiesen worden? Denn die Seele von Paris, um deren Aufmerksamkeit, um deren Gunst man gebuhlt hat, ist erbarmungslos. Diese Metropole ist zu groß und zu alt für einen einzelnen Menschen.

Das Leben in Paris ist ein Zeugen und Sterben unter dem saturnisch schweren, gleichmütigen Blick der alten Stadt. Man muss die Tragödie, die sie für einen bereithält, bis zur Neige durchleben. Wer sich ihr opfert, wer zum Humus wird, auf dem sie wächst, nur der darf sagen, sie gehöre ihm und er ihr. Wer ihr entkommt oder ihrer verwiesen wird wie ich, der nun schon lange wieder in Deutschland lebt, dem bleibt für den Rest seines Lebens nur das schwermütige Dahin…

Ein Buch, an dessen Ende man noch einmal an den Anfang zurückkehrt. Einfach um dieses schwermütigen Dahins willen. Der allwissende Erzähler verschleiert im Laufe der Geschichte geschickt, welche Rolle er selbst darin spielt. Erst am Ende gibt er die des reinen Beobachters plötzlich wieder auf und sich selbst preis. Und damit die Schuld, die er auf sich geladen zu haben glaubt.

Wie geht es deinem Amerikaner?, fragte ich.

Gut, sagte sie.

Hast du ihn öfter gesehen?, fragte ich.

Ja, sagte sie.

Ist er hier in Paris?, fragte ich.

Nein, sagte sie. Aber ich habe gestern einen Brief von ihm bekommen. Sie deutete auf das Büfett.

Kann ich sehen?, fragte ich vorsichtig.

Sie nickte. Steht nichts Geheimnisvolles drin.

Sie nahm das erste Blatt des Briefes vom Büfett, reichte es mir, und ich begann zu lesen.

Fort Riley, KS, 2. Oktober 2000

Liebe Hélène,

nun sind es schon zwei Monate, dass ich wieder hier bin. Ich mache Schreibtischarbeit und versuche, so oft wie möglich raus in die Natur zu kommen. Das sind hier die Flint Hills. Ein wenig wie die Gorges du Corong in Guerlédan. Aber es kann natürlich nie dasselbe sein…

Ich unterbrach die Lektüre. Was sind Gorges du Corong?, fragte ich.

Eine Heidelandschaft mit einer Schlucht und einem Wildbach in der Zentralbretagne, sagte Hélène.

Ich nickte und las weiter.

…eine Stelle als Englischlehrer an einem katholischen Collège oder Lycée in Frankreich zu kriegen, wird überhaupt kein Problem. Ein Job als Maitre de Conférences an einer Provinz-Uni würde sich sehr viel schwieriger gestalten, und ich fürchte, dafür habe ich die letzten zwanzig Jahre auch nicht genug getan. Von heute an gerechnet, ist es übrigens auf den Tag genau noch ein Jahr, bis meine zwanzigjährige Dienstzeit bei vollen Pensions- und Rentenansprüchen zu Ende ist, und das werde ich auch noch absitzen können.

Natürlich sind sie alle hinter mir her, noch ein paar Jahre dranzuhängen, um dann vielleicht als General in Pension gehen zu können, mein Vater, die Kollegen, einige Vorgesetzte, die mir Hoffnungen machen. Aber ich habe abgewinkt. Dieser Teil meines Lebens ist Ende September nächsten Jahres endgültig vorüber. Und ich wüsste nichts auf der Welt, was mich von diesem Entschluss abbringen könnte. Denn alles, was ich will

Hier endet das Blatt, das sie mir gegeben hatte. Ich faltete es zusammen und legte es wieder aufs Büfett zu dem zweiten. Gegen zehn Uhr abends verabschiedete ich mich und ging zurück ins Hotel. Ich ging die Rue Bobillot bis zur Place d’Italie, von dort die Avenue des Gobelins hinunter, die Rue Mouffetard hinauf und von der Place Contrescarpe über die Rue Descartes und die Rue de la Montagne Sainte-Geneviève, den Bouldevard Saint-Germain kreuzend, wieder hinunter zur Seine. Paris zeigte mir die nächtliche Variante des freundlich-oberflächlichen Gesichts, mit dem es Touristen empfängt.

Ich bin nicht wieder in die Stadt zurückgekehrt.

Michael Kleeberg, „Das Amerikanische Hospital“

Das Amerikanische Hospital

Dahin

dahin

Wann immer ich an meine Jahre in Paris zurückdenke, schiebt sich dieses janusköpfige Wort, das zugleich die Trauer um einen unwiederbringlichen Verlust und die Sehnsucht nach einer unerreichbaren Ferne bezeichnet, vor meine Erinnerungen und verhindert, dass ich in sie eintauchen, in ihnen umhergehen kann. Dieses Dahin umgibt sie wie ein ferner Schleier aus Melancholie, und versuche ich ihn zu lüften, versetzt er mir einen Schmerz, der mich loslassen lässt.

Dabei ist es kein stechender, kein bohrender, eher, wenn es so etwas gibt, ein sanfter Schmerz, und ich sage mir dann, das, was ich für einen Schleier halte, ist in Wahrheit ein Wundhäutchen, und risse ich es fort, begänne die Blutung wieder und wäre vielleicht nicht mehr zu stillen…

Michael Kleeberg, „Das Amerikanische Hospital“