Land’s End

An klaren Sommerabenden, wenn die Sonne untergegangen ist, gibt es in Provincetown einen kurzen Augenblick, in dem der Himmel tiefblau ist, aber die Boote im Hafen einen letzten Hauch Licht wahren, der sonst nirgendwo zu sehen ist. Einen Moment lang phosphoreszieren sie in einer dämmerig blauen Welt. Als ich letzten Sommer am Hafen stand und die Boote betrachtete, fand ich im seichten Wasser am Strand eine Kaffeetasse. Tonscherben sind an diesem Strand nichts Ungewöhnliches (da der Hafen von Provincetown die Form einer riesigen Kelle hat, bleibt dort vieles hängen, was von den Gezeiten aus den Gewässern rund um Cape Cod landwärts gespült wird), aber eine ganze Tasse findet man selten. Es war, wie ich leider zugeben muss, nicht die zierliche weiße Porzellantasse, wie sie die Dichtung verlangt. Es war vielmehr ein billiges Ding, vermutlich in den siebziger Jahren hergestellt, ein reizloses flaches Oval aus Plastik (praktisch und haltbar, aber wenig schmeichelhaft), mit knallig orangen und gelben Gänseblümchen gemustert – die offizielle Blume der aufdringlichen, gelackten Zuversicht, an die ich mich aus meiner Jugend erinnere, als das Gerede von der Revolution verklang und wir einfach anfingen zu tanzen. Die Tasse war nichts Besonderes, doch sie würde viele empfindlichere Gebrauchsgegenstände überdauern, mit denen die Menschheit ihrer Vorstellung von Hoffnung Ausdruck zu verleihen sucht. Sie war unversehrt am Strand gelandet, während ihre graziöseren Gegenstücke, Kreationen aus Ton und zermahlenen Knochen, weiß wie Monde, in Trümmern auf dem Meeresboden lagen. Diese Tasse enthielt eine hübsche kleine Muschelschale, zinnfarben, mit einem zarten Tupfer Violett am Scharnier und einem Rest glitzernder, glimmerartiger Sandkörner, wie Teeblätter, in der flachen Wölbung. Ich hielt sie hoch, als wollte ich daraus trinken, während das Licht auf den Booten erlosch.

Michael Cunningham, „Land’s End – Ein Spaziergang in Provincetown“



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