Wahrheit oder Pflicht

Hans Aichinger,
Hans Aichinger, „Les Certitude du Réalisme“ (2010)

Ich fühle mich geehrt. Matthias von der Beat Company hat mich nominiert. Und das zu einer Zeit, da mir scheinen will, die Frau, die hier rumwerkelt, verschwindet zunehmend hinter ihren Spiegelbildern. Ich gebe kaum noch Privates von mir preis. Ich folge nur einer Handvoll Blogs. Es geht mir gut.

In mein analoges Leben ist auf leisen Sohlen ein Mensch getreten, den ich anfangs gar nicht bemerkte. Es sind nicht nur die Samtpfoten, die ihn auszeichnen. Es ist wohl seiner Hartnäckigkeit zuzuschreiben, dass er gewartet hat, bis ich ihm eine Tür öffnen konnte. Lange Zeit dachte ich, bis zum Ende meiner Tage würde ich das tiefe Tal nicht mehr verlassen. Und plötzlich fühlt es sich ein bisschen weniger einsam an. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Dieser Mensch ist wesentlich jünger als ich, und eigentlich weiß ich auch überhaupt nicht, was er bei mir findet. Es gibt diesen Sicherheitsabstand zwischen uns, der sich nicht überwinden ließe, ohne dass ich ihn auf meine grauen Haare, auf meine Krähenfüße oder Lachfalten, kurzum: auf die Tatsache aufmerksam machen müsste, dass ich seine Mutter sein könnte. Nicht dass er nicht wüsste, wie alt ich bin. Jahrgang 1964. Kein Geheimnis. Und obwohl ich mich zuweilen älter fühle als meine Mutter, sehe ich nicht so aus und spüre das junge Mädchen in mir, immer auf dem Sprung, all den verpassten Gelegenheiten nachzujagen, die seinen Weg bis zum heutigen Tage pflastern. Keiner von uns macht Anstalten, diesen Sicherheitsabstand aufzugeben, und selbst das fühlt sich ganz natürlich an. Es ist, wie es ist. Und so, wie es ist, ist es erst einmal gut. Wir sind kein Paar, wir sind Freunde, und das ist so viel mehr, als ich vor geraumer Zeit noch für möglich gehalten hätte in meinem Leben.

Ach ja, worum geht es denn überhaupt? Um den Liebsten Award natürlich. Das Spannende an der ganzen Sache sind manchmal die Fragen. Was machst Du im Leben nach dem Tod? Wie bitte? Träumst du noch oder bist du schon wach, dachte ich, als ich das heute morgen las. Well, „in the morning it was morning and I was still alive.“ So weit, so gut. Darüber hinaus konnte es sich nur um einen Zufall handeln, dass mir jemand ausgerechnet die Frage stellt, die mich seit geraumer Zeit umtreibt. Zufall? Wie immer verweise ich auch diesmal auf Max Frisch.

1. Was machst Du im Leben nach dem Tod?

Nach jetzigem Stand der Dinge werde ich nicht zu den Menschen gehören, die rundum zufrieden auf ihr Leben zurückblicken können, wenn sie auf dem Totenbett liegen. Ich hoffe, es wird mir deshalb nicht schwerer fallen, zu gehen, wenn es soweit ist. Ich glaube auch nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. In letzter Zeit denke ich nur manchmal, dass es mich trösten würde, wenn ich glauben könnte, dass sich mir nach dem Tod tatsächlich die Möglichkeit bieten würde, mich für ein weiteres Leben zu entscheiden. Mit etwas Glück würde mir die Gnade eines unproblematischeren Elternhauses zuteil, mein beruflicher Werdegang wäre kein Zickzackkurs, sondern die Entscheidungen lägen klarer und früher auf der Hand, und ich wäre mit genügend Selbstbewusstsein ausgestattet, das zu verwirklichen, wovon ich immer nur geträumt habe. Konkret: Im Leben nach dem Tod arbeite ich, Hauptsache irgendwas, im Bereich Kunst und Kultur, und der Job dient nicht nur dazu, das Dach über dem Kopf und das tägliche Brot zu sichern, ohne jemals Freude zu machen, sondern ist, darunter geht gar nichts, Berufung. Andernfalls kann mir ein Leben nach dem Tod auch gut und gerne gestohlen bleiben.

2. Wen siehst Du, wenn Du morgens in den Spiegel schaust?

Gute Frage an eine, die sich Frau im Spiegel nennt und ein Morgenmuffel ist. Aber ich sehe das oben erwähnte junge Mädchen, das wie jeden Tag schon in den Startlöchern steht. Ich sehe ihr in die Augen und denke: „Here’s looking at you, kid.“ Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich auch die unverbesserliche Romantikerin in mir, der ich für den Rest des Tages konsequent aus dem Weg gehen werde.

3. Wahrheit oder Pflicht ? (Best of Flaschendrehen)

Ich weiß nicht, ob ich das Spiel überhaupt jemals gespielt habe, deshalb musste ich mich erst einmal schlau machen:

Entweder nach beantworteter Frage bzw. erfüllter Aufgabe oder der Reihe nach oder durch eine Zufallsauswahl (oftmals mittels Flaschendrehen) wird der Befragte, welcher nun „Wahrheit oder Pflicht“ (also eine Aufgabe) zu erfüllen hat, ausgewählt. Dazu muss sich der Befragte zuerst zwischen „Wahrheit“ und „Pflicht“ entscheiden. Bei „Wahrheit“ wird dem Ausgewählten eine Frage gestellt, die er wahrheitsgemäß beantworten muss; bei „Pflicht“ muss der Ausgewählte eine von den anderen Mitspielern auserkorene Aufgabe erledigen. Die Frage oder Aufgabe stellt dabei derjenige, der vorher der Befragte war. Je nachdem, in welchem Alter sich die Spieler befinden, gehen die Fragen und Aufgaben oft in den persönlichen oder intimen Bereich.

Quelle: wikipedia

Hier fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Unter welchen Umständen auch immer, ich gebe der Wahrheit den Vorzug. Jede Wahrheit ist besser, als eine Pflicht zu erfüllen, die womöglich lästig ist.

Für den Fall, dass ich mich jetzt auf eine weitere Frage gefasst machen muss: „I am ready, I am fine“, Matthias. Und last but not least: Herzlichen Dank!

Kommt ein Stöckchen geflogen

Tikerscherk hat mir ein Buchstöckchen zugeworfen. Ich gestehe, ich beantworte ungern Fragen. Den Grund dafür, glaube ich zu kennen. Ein Kapitel aus der Kategorie „Stöckchen, an denen man ein Leben lang herumkaut“. Strategien, die man sich im Laufe eines solchen zurecht legt, gehen bis zu einem gewissen Grad auf. So lese ich im Leben der anderen zuweilen wie in einem offenen Buch, ohne dass mir selbst auch nur eine Gegenfrage gestellt wird. Wirklich befriedigend ist das nicht immer.

Als das Stöckchen auf mich zugeflogen kam, ging ich zunächst in Deckung. Desweiteren überzeugte ich mich von der Unverfänglichkeit der Fragen. So weit, so gut. Über das Buch, das ich momentan lese, wollte ich ohnedies schreiben. Den Ausschlag aber gibt nicht zuletzt die Tatsache, dass das Stöckchen von einer meiner Lieblingsbloggerinnen kommt und ich mich im Grunde meines Herzens darüber freue.

Genug davon. Bevor der geneigte Leser feststellt, dass er es hier mit einer hochnotdkomplizierten Person zu tun hat. Werfe ich also meine Schneebälle ins Feuer:

Welches Buch liest Du momentan?

„Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic

Warum liest Du das Buch? Was magst Du daran?

Ich lese das Buch zum dritten Mal und frage mich selbst immer wieder, was ich daran so mag. Es handelt von einem, der eines Morgens in Wien erwacht und peu à peu feststellt, dass er anscheinend der einzig Überlebende einer wie auch immer gearteten Katastrophe ist. Auch die Tiere sind verschwunden. Was über Nacht geschehen ist, bleibt im Dunkel. Spätestens beim zweiten Mal wusste ich natürlich, dass die eigentliche Katastrophe immer die ist, die sich jetzt gerade, in diesem Moment ereignet.

Als gälte es, ein Experiment zu protokollieren, zeichnet Glavinic auf, was mit einem Menschen geschieht, dem alle Spiegel weggebrochen sind. Ist ein Mensch auch dann noch sich selbst der nächste, wenn er sich auf niemanden mehr beziehen und von niemandem mehr abgrenzen kann? Mit welchen Mitteln lässt sich eine solch abgrundtiefe Einsamkeit aushalten? Wie lange?

Obwohl ich weiß, worauf das alles hinausläuft, ist das Leseerlebnis von Mal zu mal intensiver. Vielleicht weil das Buch weniger Fragen beantwortet als aufwirft. Oder weil ich das Gefühl habe, es birgt ein Geheimnis, dem ich auf den Grund gehen muss.

Wurde Dir als Kind vorgelesen? Kannst Du Dich an eine der Geschichten erinnern?

Leider kann ich mich weder an das eine noch das andere erinnern.

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den / die die Du mal regelrecht verliebt warst?

Bis über beide Ohren! Meine erste große Liebe war Michael Strogoff, der „Kurier des Zaren“ von Jules Verne. Wenig später verdrehte mir Jack Londons „Seewolf“ den Kopf. Irgendwann bekam ich dann „Zelda“ von Nancy Milford in die Hände und verliebte mich, wenn auch sterblich, in F. Scott Fitzgerald. Meine letzte große Liebe war Raymond Chandler’s Philip Marlowe.

In welchem Buch würdest Du gern leben wollen?

Spontan würde ich mich für die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson entscheiden: Verblendung – Verdammnis – Vergebung. Aber je länger ich darüber nachdenke, um so schwerer fällt mir die Entscheidung.

Welche drei Bücher würdest Du nicht mehr hergeben wollen“

„Jenseits von Eden“ von John Steinbeck, „Die Wand“ von Marlen Haushofer, „Das sterbende Tier“ von Philip Roth

Ein Lieblingssatz aus einem Buch?

Darf es auch ein ganzer Absatz sein?

Auch wer ein Tagebuch schreibt, glaubt er nicht an den Zufall, der ihm die Fragen stellt, die Bilder liefert, und jeder Mensch, der im Gespräch erzählt, was ihm über den Weg gekommen ist, glaubt er im Grunde nicht, daß es in einem Zusammenhang stehe, was immer ihm begegnet? Dabei wäre es kaum nötig, daß wir, um die Macht des Zufalls zu deuten und dadurch erträglich zu machen, schon den lieben Gott bemühen; es genügte die Vorstellung, daß immer und überall wo wir leben, alles vorhanden ist: für mich aber, wo immer ich gehe und stehe, ist es nicht das vorhandene Alles, was mein Verhalten bestimmt, sondern das Mögliche, jener Teil des Vorhandenen, den ich sehen und hören kann. An allem übrigen, und wenn es noch so vorhanden ist, leben wir vorbei. Wir haben keine Antenne dafür; jedenfalls jetzt nicht; vielleicht später. Das Verblüffende, das Erregende jedes Zufalls besteht darin, daß wir unser eigenes Gesicht erkennen; der Zufall zeigt mir, wofür ich zur Zeit ein Auge habe, und ich höre, wofür ich eine Antenne habe. Ohne dieses einfache Vertrauen, daß uns nichts erreicht, was uns nichts angeht, und daß uns nichts verwandeln kann, wenn wir uns nicht verwandelt haben, wie könnte man über die Straße gehen, ohne in den Irrsinn zu wandeln? Natürlich läßt sich denken, daß wir unser mögliches Gesicht, unser mögliches Gehör nicht immer offen haben, will sagen, daß es noch manche Zufälle gebe, die wir übersehen und überhören, obschon sie zu uns gehören; aber wir erleben keine, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt.

Max Frisch, “Tagebuch 1946 – 1949″

Das Stöckchen werfe ich jetzt Roswitha zu. Ich fände es schön, neben ihren Bilderwelten auch etwas über ihre Buchwelten zu erfahren.

Tagebuch 1946 – 1949

Auch wer ein Tagebuch schreibt, glaubt er nicht an den Zufall, der ihm die Fragen stellt, die Bilder liefert, und jeder Mensch, der im Gespräch erzählt, was ihm über den Weg gekommen ist, glaubt er im Grunde nicht, daß es in einem Zusammenhang stehe, was immer ihm begegnet? Dabei wäre es kaum nötig, daß wir, um die Macht des Zufalls zu deuten und dadurch erträglich zu machen, schon den lieben Gott bemühen; es genügte die Vorstellung, daß immer und überall wo wir leben, alles vorhanden ist: für mich aber, wo immer ich gehe und stehe, ist es nicht das vorhandene Alles, was mein Verhalten bestimmt, sondern das Mögliche, jener Teil des Vorhandenen, den ich sehen und hören kann. An allem übrigen, und wenn es noch so vorhanden ist, leben wir vorbei. Wir haben keine Antenne dafür; jedenfalls jetzt nicht; vielleicht später. Das Verblüffende, das Erregende jedes Zufalls besteht darin, daß wir unser eigenes Gesicht erkennen; der Zufall zeigt mir, wofür ich zur Zeit ein Auge habe, und ich höre, wofür ich eine Antenne habe. Ohne dieses einfache Vertrauen, daß uns nichts erreicht, was uns nichts angeht, und daß uns nichts verwandeln kann, wenn wir uns nicht verwandelt haben, wie könnte man über die Straße gehen, ohne in den Irrsinn zu wandeln? Natürlich läßt sich denken, daß wir unser mögliches Gesicht, unser mögliches Gehör nicht immer offen haben, will sagen, daß es noch manche Zufälle gebe, die wir übersehen und überhören, obschon sie zu uns gehören; aber wir erleben keine, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt.

Max Frisch, „Tagebuch 1946 – 1949“

Tagebuch 1946 – 1949

Später der Mond –

Wie er aufgeht über den rötlichen Bergen, nicht als Scheibe, sondern als Kugel, als Ball aus blassem Elfenbein; das Violette ringsum, das andere, was außer ihm ist, das Nichts zwischen ihm und uns, das All, die Nacht, der Tod. Und der Tag und das Licht, das vor diesem Raum hängt, wie dünn es wieder ist, ein Schleier von Seide, der jederzeit zerreißen kann. Man sollte nicht schlafen an der Sonne. Man erwacht mit schmerzenden Adern, mindestens mit einer leiblichen Empfindung, daß man Blut und Adern hat, mit einem jähen Bewußtsein von vergehender Zeit, und der Abend, der uns noch einmal aufnimmt mit blühendem Ginster und glitzerndem Meer, er ist so erschreckend wie herrlich, jedesmal, voll plötzlicher Durchsicht ins Unsichtbare.

Max Frisch, „Tagebuch 1946 – 1949“

Tagebuch 1946 – 1949

Andererseits:

Wenn auch nur die Form eines einzelnen Satzes gelingt, der scheinbar nichts mit allem gemein hat, was ringsum geschieht – wie wenig das Uferlose uns anhaben kann, das Gestaltlose im eigenen Innern und rings in der Welt! Das menschliche Dasein, plötzlich erscheint es lebbar, ohne weiteres, wir ertragen die Welt, sogar die wirkliche, den Blick in den Wahnwitz: wir ertragen ihn in der wahnwitzigen Zuversicht, daß das Chaos sich ordnen lasse, fassen lasse wie ein Satz, und die Form, wo immer sie einmal geleistet wird, erfüllt uns mit einer Macht des Trostes, die ohnegleichen ist.

Max Frisch, „Tagebuch 1946 – 1949“

Montauk

…Es freute sie, daß mich der Tabaksbeutel freute; genau der richtige, das dunkle Leder ist zärtlich anzufühlen. Wir beklagten es nicht, daß ich heute fliegen muß. Wir schauten bloß: die Möwen, die schwarzen Kähne mit dem Gischt, den sie vor sich her wälzten. Lynn blickte auf die Uhr, ich nahm die Hand von ihrer Schulter. Um uns zu küssen, waren wir aufgestanden. Leichter als jetzt, als wir über eine grelle Freitreppe gingen, kann man nicht gehen. Wir mußten jetzt nur noch den genauen Ort finden, wo man sich trennt, und auf den Verkehr achten; wir nahmen uns an der Hand, als wir die Avenue zu überqueren hatten, und liefen. FIRST AVE / 46TH STREET, das war der Punkt offenkundig, wir sagten: BYE, kußlos, dann ein zweites Mal mit erhobener Hand: HI. Nach einigen Schritten ging ich an die Ecke zurück, sah sie, ihre gehende Gestalt; sie drehte sich nicht um, sie blieb stehen, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie die Straße überqueren konnte.

Max Frisch, „Montauk“

Montauk

ICH PROBIERE GESCHICHTEN AN WIE KLEIDER

Immer öfter erschreckt mich irgendeine Erinnerung, meistens sind es Erinnerungen, die eigentlich nicht schrecklich sind; viel Bagatellen, nicht wert, daß ich sie erzähle in der Küche oder als Beifahrer. Es erschreckt mich nur die Entdeckung: Ich habe mir mein Leben verschwiegen. Ich habe irgendeine Öffentlichkeit bedient mit Geschichten. Ich habe mich in diesen Geschichten entblößt, ich weiß, bis zur Unkenntlichkeit. Ich lebe nicht mit der eigenen Geschichte, nur mit Teilen davon, die ich habe literarisieren können. Es fehlen ganze Bezirke: der Vater, der Bruder, die Schwester. Im vergangenen Jahr ist meine Schwester gestorben. Ich bin betroffen gewesen, wieviel ich von ihr weiß; nichts davon habe ich je geschrieben. Es stimmt nicht einmal, daß ich immer nur mich selbst beschrieben habe. Ich habe mich selbst nie beschrieben. Ich habe mich nur verraten.

Max Frisch, „Montauk“

Tage in Weiß

In diesen Tagen steh ich auf mit den Birken
Und kämm mir das Weizenhaar aus der Stirn
Vor einem Spiegel aus Eis.

Mit meinem Atem vermengt,
flockt die Milch.
So früh schäumt sie leicht
Und wo ich die Scheibe behauch,
erscheint, von einem kindlichen Finger gemalt,
wieder dein Name: Unschuld!
Nach so langer Zeit,

In diesen Tagen schmerzt mich nicht,
daß ich vergessen kann
und mich erinnern muß.

Ich liebe. Bis zur Weißglut
Lieb ich und danke mit englischen Grüßen.
Ich hab sie im Fluge erlernt.

In diesen Tagen denk ich des Albatros‘,
mit dem ich auf-
und herüberschwang
in ein unbeschriebenes Land.

Am Horizont ahne ich,
glanzvoll im Untergang,
meinen fabelhaften Kontinent
dort drüben, der mich entließ
im Totenhemd.

Ich lebe und höre von fern seinen Schwanengesang!

Ingeborg Bachmann

Quelle: Deutschlandfunk

Montauk

MUSEUM OF MODERN ART:

ich schwänze die Kunst und sitze im Gartenhof einen ganzen Vormittag. Es kann sein, daß mich Kunst nichts angeht, wenn ich allein bin. Ich genieße es, hier unter ein paar Bäumen zu sitzen. Ich sitze in diesem Gartenhof (Moore, Picasso, Calder etc.) seit zwanzig Jahren und länger:

1951

1956

1963

1970

1971

1972

Unterwegs wieder einmal das Gefühl, der Körper sei leichter geworden, ganz leicht, als habe sich die Schwerkraft vermindert beim langen Gehen: alles, was ich einsehe, erscheint auch durchführbar, ich muß es nur nicht aussprechen, sondern tun…

Max Frisch, „Montauk“

Montauk

Ein Schild, das Aussicht über die Insel verspricht: OVERLOOK. Es ist sein Vorschlag gewesen, hier zu stoppen. Ein Parkplatz für mindestens hundert Wagen, zur Zeit leer; ihr Wagen steht als einziger in dem Raster, das auf den Asphalt gemalt ist. Es ist Vormittag. Sonnig. Büsche und Gestrüpp um den leeren Parkplatz; keine Aussicht also, aber es gibt einen Pfad, der durch das Gestrüpp führt, und sie haben nicht lang beraten: der Pfad wird sie zur großen Aussicht führen. Dann ist sie nochmals zum Wagen zurückgegangen. Er wartet; sie haben Zeit. Ein ganzes Wochenende. Er steht und weiß nicht, was er im Augenblick grad denkt… In Berlin ist es jetzt schon drei Uhr nachmittags… Er wartet sonst ungern. Es ist ihr eingefallen, daß sie, um den Atlantik zu sehen, eigentlich ihre Handtasche nicht braucht. Es kommt ihm alles etwas unwahrscheinlich vor, aber nach einer Weile sieht er es als einfache Wirklichkeit: Rascheln in den Büschen, dann ihre Hosen (das verwaschene Hellblau natürlich) und ihre Füße  auf dem Pfad, hinter viel Zweigen und Ästen ihr ziemlich rotes Haar. Ihr Gang zum Wagen hat sich gelohnt: YOUR PIPE…

Max Frisch, „Montauk“

Homo Faber

Diskussion mit Hanna! – über Technik (laut Hanna) als Kniff, die Welt so einzurichten, daß wir sie nicht erleben müssen. Manie des Technikers, die Schöpfung nutzbar zu machen, weil er sie als Partner nicht aushält, nichts mit ihr anfangen kann; Technik als Kniff, die Welt als Widerstand aus der Welt zu schaffen, beispielsweise durch Tempo zu verdünnen, damit wir sie nicht erleben müssen. (Was Hanna damit meint, weiß ich nicht.) Die Weltlosigkeit des Technikers. (Was Hanna damit meint, weiß ich nicht.) Hanna macht keine Vorwürfe, Hanna findet es nicht unbegreiflich, daß ich mich gegenüber Sabeth so verhalten habe; ich habe (meint Hanna) eine Art von Beziehung erlebt, die ich nicht kannte, und sie mißdeutet, indem ich mir einredete, verliebt zu sein. Es ist kein zufälliger Irrtum gewesen, sondern ein Irrtum, der zu mir gehört (?) wie mein Beruf, wie mein ganzes Leben sonst. Mein Irrtum: daß wir Techniker versuchen, ohne den Tod zu leben. Wörtlich: Du behandelst das Leben nicht als Gestalt, sondern als bloße Addition, daher kein Verhältnis zur Zeit, weil kein Verhältnis zum Tod. Leben sei Gestalt in der Zeit. Hanna gibt zu, daß sie nicht erklären kann, was sie meint. Leben ist nicht Stoff, nicht mit Technik zu bewältigen. Mein Irrtum mit Sabeth: Repetition, ich habe mich so verhalten, als gebe es kein Alter, daher widernatürlich. Wir können nicht das Alter aufheben, indem wir weiter addieren, indem wir unsere eigenen Kinder heiraten.

Ich verstehe nur, daß Hanna, nach allem was geschehen ist, Athen nie wieder verlassen will, das Grab unseres Kindes. Wir beide werden hier bleiben, denke ich. Ich verstehe auch, daß sie ihre Wohnung aufgab mit dem leeren Zimmer; es ist Hanna schon schwer genug gefallen, das Mädchen allein auf die Reise gehen zu lassen, wenn auch nur für ein halbes Jahr. Hanna hat immer schon gewußt, daß ihr Kind sie einmal verlassen wird; aber auch Hanna hatte nicht ahnen können, daß Sabeth auf dieser Reise gerade ihrem Vater begegnet, der alles zerstört –

 

08.05 Uhr

Sie kommen.

Max Frisch, „Homo Faber“

Homo Faber

Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mir sagt, was ich zu empfinden habe; dann komme ich mir, obschon ich sehe, wovon die Rede ist, wie ein Blinder vor.

Kopf einer schlafenden Erinnye.*

Das war meine Entdeckung (im selben Seitensaal links) ohne Hilfe eines bayerischen Priesters; ich wußte allerdings den Titel nicht, was mich keineswegs störte, im Gegenteil, meistens stören mich die Titel, weil ich mich mit antiken Namen sowieso nicht auskenne, dann fühlt man sich wie im Examen… Hier fand ich: Großartig, ganz großartig, beeindruckend, famos, tiefbeeindruckend. Es war ein steinerner Mädchenkopf, so gelegt, daß man drauf blickt wie auf das Gesicht einer schlafenden Frau, wenn man sich auf die Ellbogen stützt.

„Was sie wohl zusammenträumt -?“

Keine Art der Kunstbetrachtung, mag sein, aber es interessierte mich mehr als die Frage, ob viertes Jahrhundert oder drittes Jahrhundert v. Chr… Als ich nochmals die Geburt der Venus besichtigte, sagte sie plötzlich: Bleib! sagt sie: Wenn du dort stehst, ist sie viel schöner, die Erinnye hier, unglaublich, was das ausmacht! Ich muß mich davon überzeugen, Sabeth besteht darauf, daß wir die Plätze wechseln. Es macht etwas aus, in der Tat, was mich aber nicht verwundert; eine Belichtungssache. Wenn Sabeth (oder sonst jemand) bei der Geburt der Venus steht, gibt es Schatten, das Gesicht der schlafenden Erinnye wirkt, infolge einseitigen Lichteinfalls, sofort viel wacher, lebendiger, geradezu wild.

„Toll“, sagt sie, „was das ausmacht!“

Max Frisch, „Homo Faber“

*

 

Die Medusa Ludovisi im Museo Nazionale Romano, dem sogenannten „Thermenmuseum“ in Rom

Die Erinyen oder Erinnyen (griechisch Ἐρīνύς , Pl.: Ἐρινύες)  – bei den Griechen auch als Maniai, „die Rasenden“, später als Eumeniden (Εὐμενίδες), bei den Römern als Furien bezeichnet – sind in der griechischen Mythologie drei Rachegöttinnen:

  • Alekto (Ἀληκτώ), „die (bei ihrer Jagd) Unaufhörliche“
  • Megaira (Μέγαιρα, deutsch auch „Megäre“), „der neidische Zorn“. Im übertragenen Sinne wird ihr Name auch für eine böse, wütende Frau verwendet, eben für eine Furie (römisches Pendant einer Erinye).
  • Tisiphone (Τισιφόνη, auch: Teisiphone), „die Vergeltung“ oder „die den Mord Rächende“. Sie wird auf griechischen Amphoren häufig mit Hundekopf und Fledermausschwingen dargestellt.

Sie stellen die personifizierten Gewissensbisse dar. Der Beiname Eumeniden, die Wohlmeinenden, wurde ihnen nach Aischylos Die Eumeniden im Ergebnis des Verfahrens gegen Orestes verliehen, nachdem sie ihr Amt und ihre Macht verloren hatten. Wahrscheinlich ist darin auch ein Rest der ursprünglichen Bedeutung zu sehen: Sie standen in altem matriarchalem Kontext in Zusammenhang mit Totenkult und auch mit Fruchtbarkeitsthematik.

Quelle: wikipedia


Homo Faber

Das Mädchen will mich unterstützen und bringt das Gespräch, da ich die Skulpturen im Louvre nicht kenne, auf meinen Roboter; ich habe aber keine Lust, davon zu sprechen, und sagte lediglich, daß Skulpturen und Derartiges nichts anderes sind (für mich) als Vorfahren des Roboters. Die Primitiven versuchten den Tod zu annullieren, indem sie den Menschenleib abbilden – wir, indem wir den Menschenleib ersetzen. Technik statt Mystik!

Max Frisch, „Homo Faber“

Homo Faber

Erste Station

Wir starteten in La Guardia, New York, mit dreistündiger Verspätung infolge Schneestürmen. Unsere Maschine war, wie üblich auf dieser Strecke, eine Super-Constellation. Ich richtete mich sofort zum Schlafen, es war Nacht. Wir warteten noch weitere vierzig Minuten draußen auf der Piste, Schnee vor den Scheinwerfern, Pulverschnee, Wirbel über der Piste, und was mich nervös machte, so daß ich nicht sogleich schlief, war nicht die Zeitung, die unsere Stewardeß verteilte, First Pictures Of World’s Greatest Air Crash In Nevada, eine Neuigkeit, die ich schon am Mittag gelesen hatte, sondern einzig und allein diese Vibration in der stehenden Maschine mit laufenden Motoren – dazu der junge Deutsche neben mir, der mir sogleich auffiel, ich weiß nicht wieso, er fiel auf, wenn er den Mantel auszog, wenn er sich setzte und sich die Bügelfalten zog, wenn er überhaupt nichts tat, sondern auf den Start wartete wie wir alle und einfach im Sessel saß, ein Blonder mit rosiger Haut, der sich sofort vorstellte, noch bevor man die Gürtel geschnallt hatte. Seinen Namen hatte ich überhört, die Motoren dröhnten, einer nach dem andern auf Vollgasprobe –

Ich war todmüde…

Max Frisch, „Homo Faber“

Stiller

„Ihre Haare sind rot, der gegenwärtigen Mode entsprechend sogar sehr rot, jedoch nicht wie Hagebutten-Konfitüre, eher wie trockenes Mennig-Pulver. Sehr eigenartig. Und dazu ein sehr feiner Teint; Alabaster mit Sommersprossen. Ebenfalls sehr eigenartig, aber schön. Und die Augen? Ich würde sagen: glänzend, sozusagen wässerig, bläulich-grün wie die Ränder von farblosem Fensterglas. Leider hat sie die Augenbrauen zu einem dünnen Strich zusammenrasiert, was ihrem Gesicht eine graziöse Härte gibt, aber auch etwas Maskenartiges, eine fixierte Mimik von Erstauntheit. Sehr edel wirkt die Nase zumal von der Seite, viel unwillkürlicher Ausdruck in den Nüstern. Ihre Lippen sind für meinen Geschmack etwas schmal, nicht ohne Sinnlichkeit, doch muß sie zuerst erweckt werden. Ihre offenen Haare sind köstlich, duftig, seidenlicht. Ihre Schneidezähne sind vortrefflich, nicht ohne Plomben, sonst aber von einem schönen Perlmutterglanz. Ich betrachtete sie wie einen Gegenstand; ein Weib, ein fremdartiges, irgendein Weib“ … Genau so lag sie auf dem Totenbett, und ich hatte plötzlich das ungeheure Gefühl, Stiller hätte sie von allem Anfang an nur als Tote gesehen, zum erstenmal auch das tiefe unbedingte, von keinem menschlichen Wort zu tilgende Bewußtsein seiner Versündigung.

Das Bild der Toten war so viel stärker als alles, was ich mit offenen Augen zu sehen vermochte; als Bild eines vergangenen Wesens, das in seiner Zeit von niemand erkannt worden ist, am allerwenigsten von dem, der mit seiner menschlichen Liebe um sie gerungen hat. Schon nach einer Viertelstunde kam Stiller zurück, um sich neben mich in den Wagen zu setzen. „Sie ist schön“, sagte er…

Wir sahen einander dann und wann; seine nächtlichen Anrufe blieben aus, und seine Briefe waren karg. Stiller blieb in Glion und lebte allein.

Max Frisch, „Stiller“

Stiller

Ich erinnere mich an jene etwas nichtssagende Viertelstunde sehr genau. Was macht der Mensch mit der Zeit seines Lebens? Die Frage war mir kaum bewußt, sie irritierte mich bloß. Wie hält dieser Stiller es aus, so ohne gesellschaftliche oder berufliche Wichtigkeiten gleichsam schutzlos vor dieser Frage zu sitzen? Er saß auf der verwitterten Balustrade, ein Knie emporgezogen, die Hände um dieses Knie geflochten; bei seinem Anblick konnte ich mir nicht vorstellen, wie er sein Dasein aushielt, ja, wie überhaupt ein Mensch, einmal seiner Erfahrung bewußt und also frei von allerlei nichtigen Erwartungen, sein Dasein aushält!…

Max Frisch, „Stiller“

Stiller

…Wir leben in einem Zeitalter der Reproduktion. Das allermeiste in unserem persönlichen Weltbild haben wir nie mit eigenen Augen erfahren, genauer: wohl mit eigenen Augen, doch nicht an Ort und Stelle; wir sind Fernseher, Fernhörer, Fernwisser. Man braucht dieses Städtchen nie verlassen zu haben, um die Hitlerstimme noch heute im Ohr zu haben, um den Schah von Persien aus drei Metern Entfernung zu kennen und zu wissen, wie der Monsun über den Himalaya heult oder wie es tausend Meter unter dem Meeresspiegel aussieht. Kann heutzutage jeder wissen. Bin ich deswegen je unter dem Meeresspiegel gewesen; bin ich auch nur beinahe (wie die Schweizer) auf dem Mount Everest gewesen? Und mit dem menschlichen Innenleben ist es genau so. Kann heutzutage jeder wissen. Daß ich meine Mordinstinkte nicht durch C. G. Jung kenne, die Eifersucht nicht durch Marcel Proust, Spanien nicht durch Hemingway, Paris nicht durch Ernst Jünger, die Schweiz nicht durch Mark Twain, Mexiko nicht durch Graham Greene, meine Todesangst nicht durch Bernanos und mein Nie-Ankommen nicht durch Kafka und allerlei Sonstiges nicht durch Thomas Mann, zum Teufel, wie soll ich es meinem Verteidiger beweisen? Es ist ja wahr, man braucht diese Herrschaften nie gelesen zu haben, man hat sie in sich schon durch seine Bekannten, die ihrerseits auch bereits in lauter Plagiaten erleben. Was für ein Zeitalter! Es heißt überhaupt nichts mehr, Schwertfische gesehen zu haben, eine Mulattin geliebt zu haben, all dies kann auch in einer Kulturfilm-Matinée geschehen sein, und Gedanken zu haben, ach Gott, es ist in diesem Zeitalter schon eine Rarität, einen Kopf zu treffen, der auf ein bestimmtes Plagiatprofil gebracht werden kann, es zeugt von Persönlichkeit, wenn einer die Welt etwa mit Heidegger sieht und nur mit Heidegger, wir andern schwimmen in einem Cocktail, der ungefähr alles enthält, in nobelster Art von Eliot gemixt, und überall wissen wir ein und wieder aus, und nicht einmal unsere Erzählungen von der sichtbaren Welt, wie gesagt, heißen etwas; es gibt für uns heutzutage (ausgenommen Rußland) keine terra incognita mehr. Wozu also die Erzählerei! Es heißt nicht, daß einer dabeigewesen ist. Mein Verteidiger hat recht. Und doch! –

Max Frisch, „Stiller“

Stiller

Mann kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben; – diese Unmöglichkeit ist es, was uns verurteilt zu bleiben, wie unsere Gefährten uns sehen und spiegeln, sie, die vorgeben, mich zu kennen, sie, die sich als meine Freunde bezeichnen und nimmer gestatten, daß ich mich wandle, und jedes Wunder (was ich nicht erzählen kann, das Unaussprechliche, was ich nicht beweisen kann) zuschanden machen – nur um sagen zu können: „Ich kenne dich.“

Denn Trotz ist das Gegenteil von wirklicher Unabhängigkeit.

Das ist es: ich habe keine Sprache für die Wirklichkeit. Ich liege auf meiner Pritsche, schlaflos von Stundenschlag zu Stundenschlag, versuche zu denken, was ich tun soll. Soll ich mich ergeben? Mit Lügen ist es ohne weiteres zu machen, ein einziges Wort, ein sogenanntes Geständnis, und ich bin >frei<, das heißt in meinem Fall: dazu verdammt, eine Rolle zu spielen, die nichts mit mir zu tun hat. Anderseits: wie soll einer denn beweisen können, wer er in Wirklichkeit ist? Ich kann’s nicht. Weiß ich denn selbst, wer ich bin? Das ist die erschreckendste Erfahrung dieser Untersuchungshaft: ich habe keine Sprache für meine Wirklichkeit!

Wieder einmal das bekannte Gefühl: fliegen zu müssen, auf der Brüstung eines Fensters zu stehen (in einem brennenden Haus?) und keinerlei Rettung zu haben, wenn nicht durch plötzliches Fliegen-Können. Dabei die Gewißheit: Es hilft gar nichts, sich auf die Straße zu stürzen, Selbstmord ist Illusion. Das bedeutet: fliegen zu müssen im Vertrauen, daß eben die Leere mich trage, also Sprung ohne Flügel, einfach Sprung in die Nichtigkeit, in ein nie gelebtes Leben, in die Schuld durch Versäumnis, in die Leere als das Einzigwirkliche, was zu mir gehört, was mich tragen kann…

Max Frisch, „Stiller“

Stiller

Wiederholung! Dabei weiß ich: alles hängt davon ab, ob es gelingt, sein Leben nicht außerhalb der Wiederholung zu erwarten, sondern die Wiederholung, die ausweglose, aus freiem Willen (trotz Zwang) zu seinem Leben zu machen, indem man anerkennt: Das bin ich! … Doch immer wieder (auch darin die Wiederholung) genügt ein Wort, eine Miene, die mich erschreckt, eine Landschaft, die mich erinnert, und alles in mir ist Flucht, Flucht ohne Hoffnung, irgendwohin zu kommen, lediglich aus Angst vor Wiederholung –

Seite 69

Eine Seite weiter stoße ich auf eine Stelle, die ich mir vor ca. 30 Jahren angestrichen habe. Mr. White fabuliert mal wieder:

Rip van Winkle, ein Nachkomme jener unerschrockenen van Winkles, die unter Hendrik Hudson dereinst das amerikanische Land erschlossen hatten, war ein geborener Faulenzer, dabei, wie es scheint, ein herzensguter Kerl, der nicht um der Fische willen fischte, sondern um zu träumen, denn sein Kopf war voll sogenannter Gedanken, die mit seiner Wirklichkeit wenig zu tun hatten…

Max Frisch, „Stiller“

Stiller

Meine Zelle – ich habe sie eben mit meinem Schuh gemessen, der nicht ganz dreißig Zentimeter hat – ist klein wie alles in diesem Land, sauber, so daß man kaum atmen kann vor Hygiene, und beklemmend gerade dadurch, daß alles recht, angemessen und genügend ist. Nicht weniger und nicht mehr! Alles in diesem Land hat eine beklemmende Hinlänglichkeit. Ich habe gemessen: Länge 3,10 Meter, Breite 2,40 Meter, Höhe 2,50 Meter. Ein humanes Gefängnis, man kann nichts dagegen sagen, und darin liegt die Gemeinheit. Keine Spinnweben, kein Schimmel an den Wänden, nichts, was die Empörung rechtfertigen würde! Es gibt Kerker, die gestürmt werden, wenn das Volk davon hört; hier gibt es nichts zu stürmen. Millionen von Menschen, ich weiß es, wohnen schlechter als ich. Die Pritsche ist gefedert. Das vergitterte Fenster hat Morgensonne; in dieser Jahreszeit etwa bis elf Uhr. Der Tisch hat zwei Schubladen; dazu Bibel und Ständerlampe. Und wenn ich etwas verrichten muß, habe ich nur auf einen weißen Knopf zu drücken und werde an den betreffenden Ort geführt, wo es nicht etwa alte Zeitungen gibt, die man vorher lesen könnte, sondern ein weiches Kreppapier. Und trotzdem ist es ein Kerker, und es gibt Augenblicke, da man brüllen möchte. Man tut es nicht, so wenig wie in einem Geschäftshaus; sondern man trocknet seine Hände an einem Tuch, geht auf Linoleum, sagt danke, wenn man wieder in seine Kabine eingeschlossen wird. Außer dem schon herbstlichen Laub einer Kastanie sehe ich nichts, auch nicht, wenn ich auf die gefederte Pritsche steige, was übrigens (mit Schuhen) verboten ist. Am meisten peinigen natürlich die Geräusche unbekannter Herkunft; seit ich weiß, daß sie in diesem Städtchen noch Straßenbahnen haben, kann ich ihr Gepolter beinahe überhören. Schlimm bleibt der unverständliche Ansager aus einem nachbarlichen Radio, das tägliche Geschepper der Kehrichtabfuhr und die wilde Teppichklopferei aus hallenden Höfen. Man hat hierzulande eine fast krankhafte Angst vor dem Unrat, scheint es. Gestern sind sie dazu übergegangen, mich mit dem Gestotter eines Preßluftbohrers zu unterhalten; irgendwo reißen sie die Straße auf, um sie später wieder zu pflastern Oft habe ich das Gefühl, der einzige mußevolle Mensch in diesem Städtchen zu sein. Nach den Stimmen auf der Straße zu schließen, wenn der Preßluftbohrer einmal aussetzt, wird hier viel geschimpft, selten gelacht. Um Mitternacht grölen die Besoffenen, weil dann sämtliche Wirtschaften geschlossen werden. Einmal singen Studenten, als wäre man im tiefsten Deutschland. Etwa um ein Uhr wird es still. Aber es nützt wenig, das Licht zu löschen; eine ferne Straßenlaterne scheint in meine Zelle, die Gitterschatten strecken sich über die Wand, knicken sich in die Decke, und wenn es draußen windig ist, so daß die Straßenlampe schaukelt, könnte man irrsinnig werden vor schaukelnden Gitterschatten. Am Morgen, wenn die Sonne scheint, liegen diese Gitterschatten wenigstens auf dem Fußboden.

Zuweilen, allein in meiner Zelle, habe ich das Gefühl, daß ich all dies nur träume; das Gefühl: Ich könnte jederzeit aufstehen, die Hände von meinem Gesicht nehmen und mich in Freiheit umsehen, das Gefängnis ist nur in mir.

Max Frisch, „Stiller“

Stiller

Ich bin nicht Stiller! – … Heute bringen sie mir dieses Heft voll leerer Blätter: Ich soll mein Leben niederschreiben! wohl um zu beweisen, daß ich eines habe, ein anderes als das Leben ihres verschollenen Herrn Stiller.

„Sie schreiben einfach die Wahrheit“, sagt mein amtlicher Verteidiger, „nichts als die schlichte und pure Wahrheit. Tinte können Sie jederzeit nachfüllen lassen!“

Max Frisch, „Stiller“

In meinem vergilbten Band aus dem Jahr 1980 schreibt Friedrich Dürrenmatt:

„Das Ich wird eine Behauptung der Welt, der man eine Gegenbehauptung, ein Nicht-Ich entgegenstellt. Anders gesagt: an Stelle des Ichs tritt ein fingiertes Ich, und das Ich wird ein Objekt. Romantechnisch gesehen: das Ich wird ein Kriminalfall. Einfacher ausgedrückt: Frisch hat sich durch diese Form, die gleichzeitig Handlung, gleichzeitig Problematik ist, in einen anderen verwandelt, der nun erzählt, nicht von Stiller zuerst, sondern von sich, von White eben, für den Stiller der andere ist, für den er sich nun zu interessieren beginnt und dem er nachforscht, weil man doch ständig behauptet, er sei mit ihm identisch. Gerade durch diese Romanform wird so Selbstdarstellung möglich, gesetzt -, der Leser mache auch mit, spiele mit. Ohne Mitmachen ist der Stiller weder zu lesen noch zu begreifen.“