Ein fliehendes Pferd

Helmut küßte Sabine vorsichtig auf die Stirn. Otto gab einen Laut, als habe er zu leiden. Sabine sah Helmut so an, daß er sagen mußte: Du siehst durch mich hindurch wie durch ein leeres Marmeladenglas. Wart‘ noch. Im Zug. Sabine sagte: Heute nacht im Traum hätte ich wissen müssen, wie eine Zahl heißt, die durch keine andere mehr teilbar ist und habe es nicht gewußt. Alle anderen haben es gewußt. Du auch. Aber auch du hast mir nicht geholfen. Er wühlte ein bißchen wiedergutmacherisch in ihren Haaren herum. Der Zug fuhr ein. Helmut sagte zu der farbigen Lokomotive, die ihm vorkam wie ein Ordensgeistlicher: Qui tollis peccata mundi*.

Als sie ein Abteil gefunden hatten, in dem sie allein waren, sagte er: Sabine, jetzt können wir bis Basel sitzen bleiben.

Sabine sagte: Ich habe doch Angst vor der Hitze. Was tun wir, wenn es da drunten zu heiß ist.

Ach, sagte Helmut leichthin, Schatten zusammennähen.

Eine Weile saßen sie einander stumm gegenüber wie Fremde. Sie in Fahrtrichtung. Er mit dem Rücken zur Fahrtrichtung.

Was war jetzt eigentlich gestern, sagte sie.

Ein Schnellzug hobelte sich vorbei.

Das ist eine längere Geschichte, sagte er und schaute hinaus auf den Rhein. Der Rhein, sagte sie. Sie streckte sich ein wenig. Sie saß in der Abendsonne. Er im Schatten. Er hob den Ton an wie noch nie und sagte: Ach du. Einziger Mensch. Sabine. Er sah, daß sie das gern hörte. Das befähigte ihn zu einer weiteren, für sein Gefühl geradezu sprunghaften Tonanhebung. Du, Angeschienene, du, sagte er. Mit deiner Stärke, von der du nichts weißt. Aus den Jahren herausschauen wie aus Rosen, das sieht dir gleich.

Schön, sagte sie. Und jetzt?

Jetzt fange ich an, sagte er. Es tut mir leid, sagte er, aber es kann sein, ich erzähle dir alles von diesem Helmut, dieser Sabine.

Nur zu, sagte sie, ich glaube nicht, daß ich dir alles glaube.

Das wäre die Lösung, sagte er. Also bitte, sagte er. Es war so: Plötzlich drängte Sabine aus dem Strom der Promenierenden hinaus und ging auf ein Tischchen zu, an dem noch niemand saß.

Martin Walser, „Ein fliehendes Pferd“

*Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis.
 Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis.
 Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona nobis pacem.

Deutscher Text in der katholischen Messfeier:

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, gib uns deinen Frieden.

Ein fliehendes Pferd

Plötzlich drängte  Sabine aus dem Strom der Promenierenden hinaus und ging auf ein Tischchen zu, an dem noch niemand saß. Helmut hatte das Gefühl, die Stühle dieses Cafés seien für ihn zu klein, aber Sabine saß schon. Er hätte auch nie einen Platz in der ersten Reihe genommen. So dicht an den in beiden Richtungen Vorbeiströmenden sah man doch nichts. Er hätte sich möglichst nah an die Hauswand gesetzt. Otto saß auch schon. Zu Sabines Füßen. Er sah aber noch zu Helmut herauf, als wolle er sagen, er betrachte sein Sitzen, so lange Helmut sich noch nicht gesetzt habe, als vorläufig. Sabine bestellte schon den Kaffee, legte ein Bein über das andere und schaute dem trägen Durcheinander auf der Uferpromenade mit einem Ausdruck des Vergnügens zu, der ausschließlich für Helmut bestimmt war. Er verlegte seinen Blick auch wieder auf die Leute, die zu dicht an ihm vorbeipromenierten. Man sah wenig. Von dem wenigen aber zuviel…

Martin Walser, „Ein fliehendes Pferd“

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Ein liebender Mann

Irgendwo, er wusste nicht mehr, wo, hatte er geschrieben, ein Tier kennt keine Apparate, es nimmt nur wahr, was die Natur uns ermöglicht. Und was ermöglicht sie nicht alles. Jetzt konnte er ergänzen: Und verhindert das Unmögliche. Das Unmögliche war verhindert worden. War das eine Leichtigkeit jetzt? Eine Leichtigkeit, die er noch nicht empfunden hatte. Die hieß Lieblosigkeit. Ja. Nie gekannt. Nie erlebt. Aber anders konnte er dieses Gefühl nicht buchstabieren. Er war frei. Kein Zweifel möglich, er war lieblos. Lieblosigkeit, spürbar, eine Geräumigkeit wie noch nie, bitte, sei’s Leere, eine Nichtempfindung, die alle Empfindungen übertraf, er ist erlöst, frei, das ist überhaupt Freiheit, lieblos sein, lieblos, freudlos, leblos, schmerzlos, ihn wird nie mehr jemand quälen können. Auch er selbst nicht. Die Kreatur ist erlöst. Was Moses, vom Aufstieg auf den Gesetzgebungsberg erschöpft, überhört hatte, das allererste Gebot, tragödienträchtiges Versäumnis für alle Zeit, er, auf seinem eigenen Sinai angekommen, erschöpft auch, aber kein bisschen schwerhörig, hellhörig wie noch nie, hat er das Gebot gehört und begriffen: Du sollst nicht lieben.

Er legte sich ins Bett. Keine Gedanken mehr, gegen die er sich erfolglos hätte wehren müssen. Er spürte nur noch sich. Außer ihm nichts. Als fülle er die Welt aus. Die ganze Welt war er. Prall vor Leichtigkeit. Eine göttliche Schwere. Leichtigkeitsschwere. Endlich. Das verlorene Gleichgewicht? War es das? Dachte er. Schlief ein. Schlief ohne Unterbrechung weit in den nächsten Tag hinein.

Als er aufwachte, hatte er sein Teil in der Hand, und das war steif. Da wusste er, von wem er geträumt hatte. S w s w.

Martin Walser, „Ein liebender Mann“

Ein liebender Mann

Ein Geschenk vom Kater:

Illustration von Alissa Wagner
Illustration von Alissa Wagner

I.

Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen. Als sein Blick sie erreichte, war ihr Blick schon auf ihn gerichtet. Das fand statt am Kreuzbrunnen, nachmittags um fünf, am 11. Juli 1823 in Marienbad. Hundert feine Gäste promenierten, das Glas mit dem jedes Jahr noch mehr gerühmten Wasser in der Hand, und wollten gesehen werden. Goethe hatte nichts dagegen, gesehen zu werden. Aber er wollte gesehen werden als jemand, der mehr im Gespräch war als auf der Promenade. In diesen Julitagen war er immer mit dem Grafen Sternberg im Gespräch. Gut zehn Jahre jünger als Goethe und Naturforscher. Goethe war es gewohnt, obwohl er es nicht gewohnt werden konnte, dass so gut wie alle Naturwissenschaftler für seine Farbenlehre im besten Fall ein spöttisches Bedauern erübrigten. Begegnete er einem, der die Farbenlehre gelten ließ, konnte er sich vor Freundlichkeit, Dankbarkeit, Rührung jeder Art oft fast nicht mehr beherrschen. Kaspar Graf Sternberg war so ein Naturwissenschaftler, hatte ein Buch über die Flora der Vorzeit geschrieben, das heißt, er konnte lesen, was die Steine bewahrt hatten. Und Steine waren inzwischen Goethes liebstes Forschungsfeld. Aber jetzt, in diesen Julitagen, war es noch ein anderer Umstand, der den Grafen über alle Naturwissenschaft hinaus für Goethe anziehend machte…

Martin Walser, „Ein liebender Mann“

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Das dreizehnte Kapitel

Iris saß immer noch droben. Ich ging hinauf. Sie zeigte auf die Glut.

Die Glut atmet wie ein Tier, sagte sie.

Obwohl ich wissen konnte, was sie verbrannt hatte, fragte ich: Was hast du verbrannt?

Und sie: Das dreizehnte Kapitel.

Und ich, plötzlich vom Leben ergriffen: Schenkst du mir den Titel?

Gern, sagte sie und legte ihre Hände mir aufs Knie.

Martin Walser, „Das dreizehnte Kapitel“

 

Das dreizehnte Kapitel

Schloss Bellevue, sagte ich. Der Taxifahrer hatte bemerkt, dass ich getan hatte, als führen wir jeden Tag zweimal dahin, und tat seinerseits so, als sei das eine ihm unbekannte Adresse. Wer’ma findn, sagte er.

Iris suchte meine Hand. Du hast kalte Hände, sagte ich. Wenn wir uns beide stumm transportieren ließen, musste der Taxifahrer das für eine Art Pathos halten. Und draußen dreißig Grad. Da durfte ich doch tun, als fielen mir Iris‘ kalte Hände auf. Der Taxifahrer wusste ja nicht, dass Iris immer kalte Hände hat, dass also nichts so überflüssig war, wie zu sagen, sie habe kalte Hände.

Dass Iris nichts sagte, rechnete ich ihr hoch an. Ihr war es gleichgültig, was der Taxifahrer über uns dachte. Das ist ihre Unabhängigkeit. Sie hat ihren Schwerpunkt in sich selbst. In der Schule war zu lernen: Körper, die den Schwerpunkt innerhalb ihrer Unterstützungsfläche haben, fallen nicht um. Das ist Iris.

Ich dagegen, wenn ich nicht Iris hätte, auf die ich mich stützen kann, ich fiele andauernd um. Mir hätte es auch gleich sein können, was der Taxifahrer über uns dachte. Wenn ich nicht diesen komischen Ehrgeiz hätte, überall bestimmen zu wollen, wie ich wirke. Locker plaudern, alltäglich sein, banal, dass der Taxifahrer denken musste, die fahren wirklich jeden Tag zum Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue. Stumm, mussten wir ergriffen wirken. Das waren wir überhaupt nicht. Und eben deshalb wollte ich diese Wirkung nicht zulassen…

Martin Walser, „Das dreizehnte Kapitel“

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