Die Zeit, die Zeit

Jetzt ploppten die Erinnerungen hoch. Eine nach der anderen. Er stand vom Sofa auf und ging zum Blumenfenster.

Das breite Holzsims war leer und voller alter Wasserflecken von den Zimmerpflanzen des Vormieters.

Er sah hinaus. Etwas war anders.

Der Garten der Familie Hadlauber reichte bis zum Gartenzaun der Scholters. Dort, wo Knupps Haus gestanden hatte, glitzerte türkisblau ein überdimensionierter Pool in der Vormittagssonne.

„Frau Gelphart!“, rief er, „Frau Gelphart!“

„Was ist?“ Sie kam erschrocken zu ihm.

„Das Haus! Dort drüben! Da stand doch gestern noch ein Haus!“

Sie sah ihn besorgt an. „Gestern? Aber das ist doch zwanzig Jahre her!“

„Das Haus von Knupp, nicht wahr?“

„Die armen Knupps. Flogen nach Nepal in die Ferien. Beim Anflug auf Katmandu verunglückte die Maschine. Hundertdreizehn Passagiere. Alle tot. Das war neunzehnhundertzweiundneunzig. – Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ja schneeweiß.“

Hinter Frau Gelphart ging die Tür zum Atelier auf, und aus dem halbdunklen Raum trat – Laura.

Sie war zum Ausgehen angekleidet und schien es eilig zu haben.

„Sag mal, hast du irgendwo meinen scheiß Kalender gesehen?“

Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

 

Die Zeit, die Zeit

Knupp öffnete das Stahlband seiner Armbanduhr und schob sie zu Taler hinüber. Es war ein klobiger Chronometer einer unbekannten Marke mit schwarzem Zifferblatt und schwarzweißen Zeigern. „Konzentrieren Sie sich auf den Sekundenzeiger.“

Peter sah den schlanken Zeiger über die Sekundenmarken gleiten.

„Sehen Sie die Gegenwart? Nein, Sie sehen sie nicht. Sie ist immer schon vorbei. Auch wenn Sie die Sekunden halbieren, durch zehn teilen, durch hundert, tausend. Auch wenn Sie Millionstel, Milliardstel daraus machen – immer schon vorbei.“

Taler löste den Blick von dem rastlosen Zeiger und sah zu dem alten Mann hinüber.

„Sie können die Sekunden unendlich teilen und trotzdem die Gegenwart nicht festhalten – und wissen Sie, warum? Weil es sie nicht gibt. Nicht gibt, nicht gegeben hat und nicht geben wird. Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft: alles Mumpitz. Die Zeit existiert nicht.“

Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

Die Zeit, die Zeit

„Verstehen Sie die Zeit?

„Die Zeit?“

„Verstehen Sie sie?“

„Sie vergeht. Mehr weiß ich nicht.“

„Schon falsch. Sie vergeht nicht.“

Ich habe recht gehabt, dachte Taler, der Mann ist verrückt.

„Aber Sie sind nicht der Einzige, der das nicht versteht. Auch ich habe die Zeit erst vor ein paar Jahren verstanden.“

„Und was genau haben Sie verstanden?“

Knupp trank einen Schluck. „Die Zeit vergeht nicht, alles andere vergeht. Die Natur. Die Materie. Die Menschheit. Aber die Zeit nicht. Die Zeit gibt es nicht.“

Ruhig und geduldig trug er seine bizarre Theorie vor wie ein greiser Lehrer einer neuen Klasse einen alten Stoff.

„Dieses ständige Werden und Vergehen hat nur einen einzigen Zweck: Es täuscht vor, dass die Zeit verstreicht.“

Knupp wartete ab, bis sein Schüler ihm den Gefallen tat zu nicken. Dann fuhr er fort.

„Die Apfelbäume. Nehmen Sie die Apfelbäume, Sie wissen ja, welche.“

Peter nickte.

„Weil sie wachsen, weil sie dieses Jahr größer sind als letztes, glauben wir, es sei Zeit vergangen. Dabei sind nur die Apfelbäume gewachsen. Wenn sie aufhören würden zu wachsen, bliebe auch die sogenannte Zeit stehen. So einfach.“

Er trank sein Bier aus. „Die Veränderung schafft die Illusion von Zeit. Die Wiederholung ist ihr Tod. Ein Tag, an dem alles gleich ist wie am Vortag, wäre der Beweis, dass es in Wirklichkeit die Zeit ist, die ausbleibt. Und ein Tag, an dem alles gleich ist wie an einem Tag vor Jahren, erst recht.“

Er wartete einen Moment, bis er den Eindruck hatte, Taler sei ihm gefolgt. Dann fuhr er fort: „Es gibt nur ein Indiz dafür, dass die Zeit vergeht: die Veränderung. Die Zeit ist wie eine Krankheit. Man erkennt sie nur an ihren Symptomen. Wenn die weg sind, dann ist auch die Krankheit weg.“

Knupp trug beide Bierflaschen in die Küche und kam mit zwei neuen zurück. Er stellte sie sorgfältig auf die Untersätze auf dem Tisch und setzte sich.

„Wenn uns jemand vor einer Viertelstunde fotografiert hätte, als die Flaschen noch voll waren, und jetzt wieder, wo sie wieder voll sind, und die Fotos vergleichen würde, würde er glauben, es seien nur Sekunden vergangen. Wenn wir uns anstrengen würden, ganz genau gleich zu sitzen wie auf dem ersten Bild, wäre keine Zeit vergangen. Wir könnten uns so in den Augenblick vor einer Viertelstunde zurückbegeben.“

Er nahm sein Bier vom Tisch. „Auf dieselbe Art können wir uns auch Tage, Monate, Jahre zurückversetzen.“

Knupp trank einen Schluck, stellte die Flasche wieder ab und fügte hinzu: „Daran arbeite ich.“

Auch Taler nahm jetzt einen Schluck, aus Verlegenheit und um die Zeit wieder in Gang zu bringen. „Sie arbeiten sozusagen an der Abschaffung der Zeit?“

Knupp wiegte den Kopf hin und her. „Nicht an deren Abschaffung. An deren Überlistung.“

Taler sah ihn ungläubig an.

„Wissen Sie, was die Buddhisten sagen? Die Buddhisten sehen die Zeit nicht als etwas kontinuierlich Fließendes, sondern als Aufeinanderfolgen von lauter Einzelmomenten. Ich finde, das kommt der Sache schon ein bisschen näher. Wie ein Filmstreifen. Eine Reihe von Standbildern. Die Bewegung entsteht, wie gesagt, nur dadurch, dass diese Standbilder verändert werden. Ohne diese Veränderungen gäbe es die Idee der Zeit nicht.“

Knupps zitternde Hand nahm die Bierflasche vom Tisch. Er trank einen Schluck und fuhr fort:

„Wenn Sie zwei solcher Momentaufnahmen übereinanderlegen und sie sind absolut deckungsgleich, dann haben Sie die Zeit überlistet. Dann haben Sie sie außer Kraft gesetzt, das müssen Sie zugeben.“

Taler wusste nicht, weshalb er sich auf diese Diskussion einließ. Vielleicht hatte es etwas mit seinem ständigen Umgang mit Zahlen zu tun. „Eine Filmkamera macht vierundzwanzig Bilder pro Sekunde. Da dürfte es einfach sein, zwei deckungsgleiche herzustellen. Eine Vierundzwanzigstelsekunde lang kann die Welt stillstehen.“

„Sekunden, Minuten, Stunden – alles Erfindungen, um uns vorzumachen, die Zeit sei etwas Messbares und dadurch Existentes. Ich sage Ihnen, es ist egal, in welchem Abstand Sie die deckungsgleichen Momentaufnahmen machen. Wenn Sie es schaffen, ist die Zeit außer Kraft gesetzt.“

Immer noch sprach Knupp mit der Ruhe und Sicherheit des Wissenden. „Wenn es Ihnen gelingt, die Momentaufnahmen eines beliebigen Tages exakt zu rekonstruieren, dann haben Sie die Zeit für diesen Moment aufgehoben und befinden sich in diesem.“

„Und was ist mit den Faktoren, die man nicht beeinflussen kann? Das Wetter, zum Beispiel.“

„Ein bisschen Wetterglück braucht es ab und zu im Leben“, räumte Knupp ein.

Taler war sich nicht sicher, ob er nicht doch auf den Arm genommen wurde. Aber der Alte fuhr ganz ernst fort:

„Ich habe mir natürlich alle Einwände tausendmal überlegt. Auch den, dass, selbst wenn es gelänge, einen vergangenen Tag zu klonen, diese Wahrnehmung eine subjektive wäre.“

„Und? Was sagen Sie dazu?“

„Wahrnehmungen sind immer subjektiv.“

Taler schüttelte ungläubig den Kopf. Er deutete auf seine Armbanduhr. „Ich sehe hier sechzehn nach acht. Und Sie?“ Er hielt ihm das linke Handgelenk unter die Nase.

Knupp zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Sie können Sie auch auf sechzehn nach elf stellen.“

„Und wenn es eine Sonnenuhr wäre?“ Talers Frage klang halb gereizt, halb amüsiert.

„Sehen Sie, jetzt sind wir wieder bei der Veränderung. Der Stand der Sonne verändert sich, und wir messen diese Unterschiede und glauben, es sei die Zeit, die sich verändere.

Die Bierflaschen waren wieder leer, und Knupp trug sie in die Küche.

Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

Die Zeit, die Zeit

I

Etwas war anders, aber er wusste nicht, was.

Peter Taler stand am Fenster und hielt die Bierflasche mit zwei Fingern am Hals, damit seine Hand ihren Inhalt nicht wärmte. Als hätte er seinem Feierabendbier jemals genügend Zeit gelassen, warm zu werden…

Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

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Der Koch

…Maravan stand in seiner eigenen Küche. Es war früh am Morgen, es sah nach Regen aus, ein grauer kühler Tag. Der Müllwagen hatte mit Getöse die Container geleert. Jetzt lag wieder die unheimliche Stille über dem Häuserblock in der Theodorstraße, die seit dem Tag herrschte, als die sri-lankische Regierung die LTTE für besiegt erklärt hatte. Journalisten, unabhängigen Beobachtern und Hilfsorganisationen war der Zugang zu den Kriegsgebieten verwehrt. Es gab keine zuverlässigen Nachrichten. Nur Gerüchte. Schreckliche Gerüchte über Zehntausende getöteter, verhungerter, seuchenkranker Zivilisten und über Kriegsverbrechen auf beiden Seiten. Die, die Angehörige in diesem Gebiet hatten, warteten bange auf Nachrichten oder Lebenszeichen. Die, die gute Nachrichten hatten, wagten nicht, sich zu freuen, aus Rücksicht auf die, die schlechte hatten. Und über allem lastete die Ungewissheit, wie es weitergehen sollte. Mit jenen dort und mit ihnen hier.

Aber wieder hatten die Ereignisse dafür gesorgt, dass das Drama nicht auf den Frontseiten landete. Diese wurden von einem Thema beherrscht, das alle anging: In Mexiko war die Schweinegrippe ausgebrochen und hielt die Welt in Angst vor einer Pandemie, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg gewütet hatte, mit Millionen von Opfern.

Maravan hatte am Vorabend aus Reismehl, Kokosmilch, Zucker und einem bisschen Hefe einen dickflüssigen Teig angerührt und über Nacht fermentieren lassen. Vor einer halben Stunde hatte er etwas Salz und Backpulver beigefügt. Jetzt war es Zeit, die heiße halbrunde kleine Eisenpfanne mit etwas Kokosöl einzureiben.

Er stellte sie zurück, gab zwei Esslöffel Teig hinein, nahm die Pfanne an ihrem Stiel vom Herd und ließ ihren Inhalt so kreisen, dass sich an ihren Seiten eine Schicht bildete. Er brach ein Ei entzwei und goss es in die Mitte des Teiges. Dann stellte er die Pfanne zurück auf die kleine Flamme und deckte sie zu. Nach drei Minuten waren die Ränder des Hoppers knusprig braun und das Ei durch. Er hielt den Egghopper im Backofen warm und machte den nächsten.

Als er das Tablett mit den duftenden Hoppers, dem Kokosnuss-Chutney, dem Tee und den Früchten ins Schlafzimmer brachte, war es dort immer noch dunkel.

Aber Sandanas Stimme war wach und klar, als sie sagte: „Und wann kochst du mir einmal ein Liebesmenü?“

„Nie.“

Martin Suter, „Der Koch“

„Weltweite Finanzkrise, Bürgerkrieg in Sri Lanka und eine Firma, die in aller Verschwiegenheit boomt: Love Food fürs diskrete Tete-à-Tete. Politische Gegenwart, Exotik und Sinnlichkeit – ein Roman, der keinen Wunsch offenlässt, meint Wolfgang Höbel vom Spiegel. Suters Themen besitzen durchaus Thrillerqualität, nichtsdestotrotz kommt wieder einmal keine richtige Spannung auf. Mir scheint, als wolle Suter nicht aufregen. Durchaus geschickt vermengt er die Zutaten seines Romangerichts zu einem Mehrgängemenü. In appetitlichen Häppchen wird dem Leser dann der ganze Rotz der politischen Gegenwart serviert. Am Ende geschieht sogar ein Mord. Ganz diskret, versteht sich. Und der Tote hat’s auch verdient. Aber es bleibt ein fader Nachgeschmack, den man sich nach soviel Kochkunst gar nicht recht erklären kann.

Der Koch

MÄRZ 2008

1

„Maravan! Siphon!“

Maravan legte rasch das scharfe Messer neben die feinen Gemüsestreifen, ging zum Wärmeschrank, entnahm ihm den heißen Edelstahlsiphon und brachte ihn zu Anton Fink.

Der Siphon enthielt die Paste für die Bärlauchsabayon der marinierten Makrelenfilets.

Noch bevor sie den Tisch erreicht hatte, würde sie in sich zusammengefallen sein, darauf könnte Maravan wetten. Er hatte nämlich beobachtet, wie Fink, der Spezialist für molekulare Küche, Xanthan und Johannisbrotkernmehl verwendet hatte. Anstatt Xanthan und Guarkernmehl, wie es sich für heiße Schäume empfahl.

Er stellte den Siphon auf die Arbeitsfläche vor dem ungeduldig wartenden Koch.

„Maravan! Julienne!“ Diesmal war es die Stimme von Bertrand, dem Beilagenkoch, in dessen Auftrag er eigentlich dabei war, die Julienne zu schneiden. Maravan eilte zu seinem Küchenbrett zurück. In ein paar Sekunden hatte er das restliche Gmüse geschnitten – Maravan war ein Messervirtuose – und brachte Bertrand die Gemüsestreifen.

„Scheiße!“, schrie hinter ihm Anton Fink, der Mann fürs Molekulare…

Martin Suter, „Der Koch“


Lila, Lila

345 Seiten Warten auf einen Tsunami.

345 Seiten Lesen wie in einer einzigen Ruhe vor dem Sturm, in der das Aufwallen der ganz großen Gefühle einfach ausbleibt und dramatische Konflikte stillschweigend vor sich hin dümpeln.

Worauf die geneigte Leserin wartet, fand bereits andernorts statt. In jenem Buch nämlich, um das sich die Geschichte von „Lila, Lila“ rankt und vom vermeintlich wahren Leben erzählt. Die ganz großen Gefühle versanden am Strand des Lebens, und dramatische Konflikte lassen sich immer wieder geschickt umschiffen oder werden schlicht und wenig ergreifend einfach fort gespült. Im vermeintlich wahren Leben ist das so.

Ist das wirklich so, Herr Suter? Und das wirklich wahre Leben findet dann im nächsten Buch statt?

…Ein böiger Wind trieb den Regen an die großen Scheiben des Zimmers. Die Lampen an den Oberleitungen schaukelten im Sturm und tauchten die Straße in ein unruhiges Licht. Ein Auto mit aufgeblendeten Scheinwerfern fuhr langsam vorbei. An den Auslegern der Baukräne leuchteten kleine Punkte.

Die einzige Lichtquelle im Zimmer war Davids Bildschirm. Er saß davor und starrte auf das senkrechte Strichlein. Schreibschon, schreibschon, blinkte es.

David legte die kleine Schatulle mit dem blauen Saphir neben die Tastatur und begann zu schreiben:

Das ist die Geschichte von David und Marie. Lieber Gott, lass sie nicht traurig enden.

Martin Suter, „Lila, Lila“

Lila, Lila

„Ihre weiße Hand legte sich wie ein müdes Kätzchen auf die schwarze Samtunterlage.“

und

„Knisternd zerfiel der Schaum und flüsterte Geschichten über sein zukünftiges Leben in sein gutes Ohr.“

Martin Suter, „Lila, Lila“

Lila, Lila

„Und dieser Peter Landwei – das war ich.

Er  drehte an der Walze der schwarzen Underwood, bis der letzte Satz zum Vorschein kam, steckte sich eine Zigarette an und las die eng beschriebene Seite.

Noch immer trommelte der Regen dumpf auf die Ziegel. Er öffnete das Mansardenfenster. Das Trommeln wurde lauter und heller. Zwei Meter unter dem Sims verschwand das Wasser der Dachrinne gurgelnd im Abflussrohr. Die nasse Straße spiegelte das schwache Licht der einzigen Straßenlaterne in der Sackgasse. Vor dem Haus gegenüber stand der Kastenwagen mit der Aufschrift „Sattlerei-Polsterei Maurer“. Hinter einem Schaufenster mit der gleichen Aufschrift brannte Licht, wie jeden Abend, seit Maurers Frau gestorben war. Und wie jeden Abend saß in einem Zimmer im ersten Stock desselben Hauses ein kahler Mann im Kegel einer Stehlampe und las. Reglos wie eine Wachsfigur. Die übrigen Fenster waren dunkel bis auf eine Dachluke neben dem Kamin. Früher hatte Peter sich manchmal gefragt, wer dort wohnte. Inzwischen war es ihm egal. So egal wie alles, was nicht mit Sophie zu tun hatte. So egal wie er ihr.

Er schloss das Fenster und nahm eine gerahmte Photographie vom Schreibtisch. Sophie im Badeanzug. Hinter sich hatte sie ein Frottiertuch mit beiden Armen ausgespannt, als wollte sie es sich gerade um die Schultern legen. Ihre Haare glänzten nass. Sie lächelte.

Es war die einzige Photographie, die Peter von Sophie besaß. Sie hatte sie ihm geschenkt. Früher gab es ihm einen Stich, wenn er sie betrachtete, weil sie ihm nicht verraten wollte, wer sie aufgenommen hatte. Jetzt gab es ihm einen Stich, weil er Sophie nie mehr sehen sollte.

Er nahm das Bild aus dem Rahmen und steckte es in die Innentasche seiner schweren Motorradjacke. Dann löschte er das Licht und schloss das Zimmer ab. Den Schlüssel ließ er stecken.

Im Treppenhaus roch es nach angedünsteten Zwiebeln und dem Wachs, mit dem jemand das Linoleum auf den ausgetretenen Stufen frisch gebohnert hatte.

Eine halbe Stunde später hatte er Rieten erreicht. Der Regen hatte nicht nachgelassen. Das Echo von den dunklen Fassaden veränderte das Motorengeräusch seiner Ducati.

Am Ausgang des Städtchens begann die Landstraße, die einen schnurgeraden Kilometer später im Rotwandtunnel verschwand.

Peter schaltete in den höchsten Gang und fuhr mit Vollgas auf die Tunneleinfahrt zu. Sie war in eine Felswand gesprengt, die sich wie eine Mauer quer über das Tal legte. Tagsüber, bei guter Sicht, war sie als Mauseloch aus fünfhundert Meter Distanz zu sehen. Die Autofahrer gingen bei ihrem Anblick unwillkürlich vom Gas, als fürchteten sie, das kleine Loch nicht zu treffen.

Dabei konnte man die Einfahrt zum Rotwandtunnel nicht verfehlen. Auch nachts nicht.

Es sei denn, man tat es absichtlich, wie Peter Landwei.

Und dieser Peter Landwei – das war ich.

Er tippte die Zahl 84 an den unteren Seitenrand, zog das Blatt aus der Maschine und legte es mit der beschriebenen Seite nach unten auf die übrigen. Er klopfte den Stoß zurecht und legte ihn mit der ersten Seite zuoberst auf den Schreibtisch.

Sophie, Sophie stand in Großbuchstaben auf dem Titelblatt. Und darunter Roman. Und darunter: Von Alfred Duster.

Er öffnete das Mansardenfenster, lauschte dem eintönigen Trommeln des Regens auf dem Ziegeldach und beobachtete den reglosen Mann im Kegel der Stehlampe.

Er schloss das Fenster und holte seine schwere Motorradjacke aus dem Schrank, zog sie an, löschte das Licht und schloss das Zimmer ab. Den Schlüssel ließ er stecken.

Vor dem Haus kickte er seine Ducati an, wischte mit der Hand die Tropfen vom Sattel und stieg auf.

Als der Motor in der Sackgasse aufdröhnte, schaute der reglose Mann kurz von seinem Buch auf…“

Martin Suter, „Lila, Lila“