A Very Private Gentleman

…Wohin ich geflohen bin, ist ein Geheimnis. Ich muss weiterhin ein zurückgezogenes Leben führen, wiedergeboren in meine neue Existenz hinein und dort behaglich eingerichtet. Mir bleiben natürlich meine Erinnerungen. Ich habe es nicht verlernt, Schmetterlinge zu malen, habe nicht vergessen, dass die Kadenz einer Sterling Parabellum Mark 7A 550 Schuss pro Minute und die Mündungsgeschwindigkeit 365 Meter pro Sekunde beträgt; ebenso wenig habe ich vergessen, dass sie aus der Waffe des letzten Schattenbewohners entwickelt wurde. Ich erinnere mich lebhaft an das Kellerzimmer in Marseille, an Don Benedettos kleinen Garten, an das Dreckloch in Hongkong, an Wein, blutrot wie Mädchenküsse, an die Werkstatt in den Bogengewölben in Südlondon, an Visconti, Milo und die anderen, an Galeazzo und Signora Prasca und die erlesene Schönheit der pagliara. Nie werde ich die Aussicht von der Loggia vergessen.

Sie werden natürlich nicht von mir erwarten, dass ich Ihnen auf die Nase binde, zu wem ich metamorphosiert bin. Es mag genügen, wenn ich sage, dass Mr. Butterfly – il Signor Farfalla – nach wie vor vom wilden Honig des Lebens schlürft und vergleichsweise zufrieden ist. Und er ist absolut in Sicherheit.

Doch Clara kriege ich nicht aus dem Kopf, wie sehr ich’s auch versuche.

Martin Booth, „A Very Private Gentleman“

A Very Private Gentleman

Hoch oben in den Apenninen, dem Rückgrat Italiens, mit seinen Wirbeln aus jungem Gestein, an denen die Sehnen und das Fleisch der Alten Welt befestigt sind, gibt es eine kleine Höhle über einem tiefen Abgrund. Sie ist sehr schwer zu erreichen. Der schmale Pfad hinauf ist mit losem Geröll übersät, und im Frühjahr, wenn es taut, verwandelt er sich in einen Wildbach, eine zweihundert Meter lange Rinne, die sich quer über die nackte Felswand hinzieht und in der sich das Schmelzwasser sammelt wie der milchige Saft in der Abflusskerbe eines Kautschukbaums.

In manchen Jahren, so behaupten die Einheimischen, färbe sich das Wasser purpurn vom gebenedeiten Blut eines heiligen Eremiten, der einst die Grotte bewohnte, sich von Moos und Flechten ernährte und von den Pinienzapfen, die von den hoch über dem Abgrund ragenden Schirmkiefern herabfielen, und der nur das Wasser trank, das durch die Decke seiner Wohnstatt sickerte.

Ich bin dort gewesen. Das ist kein Spaziergang für Furchtsame oder Nicht-Schwindelfreie. Streckenweise ist der Pfad nicht breiter als eine Gerüstplanke, und man muss sich im Krebsgang emporarbeiten, den Rücken an den Fels gedrückt. Tief unter sich sieht man das Tal liegen und vor sich, in violetten Dunst gehüllt und zerklüftet, wie schuppige Drachenrücken, die Berge. Dieser Aufstieg, sagt man, ist eine Glaubensprobe, eine Prüfung, die es auf dem Weg zur Erlösung abzulegen gilt. Bei klarem Wetter, heißt es, kann man zweihundert Kilometer weit sehen.

Entlang des Pfades wachsen in einigem Abstand verkrüppelte Nachkommen der Pinien, die hoch oben stehen. Sie alle sind, wie zu einem religiösen Fest, mit Girlanden von Spinnweben geschmückt, die wie die dichten Gaze-Gespenster chinesischer Laternen herabhängen. Es heißt, wer sie berührt, verbrennt sich, wird mit Erbsünde infiziert. Das Gift auf den Spinnenfäden hemmt die Atmung, lässt einen so schnell ersticken, als verstopften die haarigen Beine einer monströsen Spinne den Rachen. Smaragdgrüne Eidechsen schießen pfeilschnell durch das Gewirr von abgestorbenen Nadeln, alpinen Sukkulenten und windgeduckten Kräutern. Sie könnten genauso gut Edelsteinbroschen sein mit Augen aus schwarzen Perlen, wären nicht ihre geschmeidigen hastigen Bewegungen.

Die Höhle ist rund fünf Meter tief und gerade so hoch, dass ein durchschnittlicher großer Mann darin stehen kann. Ich brauche dort drinnen den Kopf nicht zu beugen. Auf einer Seite befindet sich ein aus dem Felsen gehauener Sims, das dem Heiligen als hartes Büßerbrett gedient haben mag. Am Höhleneingang findet man gewöhnlich die Überreste eines Lagerfeuers. Pärchen nutzen diesen Ort als Liebeslaube – ein einmaliger, um sich zu paaren, vielleicht auch, um den Segen des Heiligen für ihre unzüchtigen Handlungen zu erbitten. Am hinteren Ende der Höhle haben Gläubige – oder auch nur Menschen, die bei jeder läppischen privaten Katastrophe himmlischen Beistand erflehen – einen Altar aus grobverputzten Steinblöcken errichtet. Auf diesem primitiven Opfertisch stehen ein staubiges Holzkreuz und ein Kerzenhalter aus billigem goldfarbenem Metall. Wachs befleckt die Oberfläche des Altars: Niemand macht sich die Mühe, es abzukratzen.

Es ist rotes Wachs. Eines Tages wird jemand behaupten, es sei das gebenedeite Fleisch des Heiligen. Alles ist möglich, wo der Glaube im Spiel ist. Der Sünder sucht unaufhörlich nach Zeichen dafür, dass es nicht vergebens ist, Abbitte zu leisten. Ich kann ein Lied davon singen: Ich bin selber lange Sünder und Katholik gewesen…

Martin Booth, „A Very Private Gentleman“, neu herausgegeben unter dem Titel „The American“

Die Verfilmung trifft auf unterschiedliche Kritiken. Die FAZ schreibt: „The American wird, aller Voraussicht nach, als der Film in die Kinogeschichte eingehen, in dem George Clooney neunzig Minuten lang nicht ein einziges Mal gelacht, gelächelt oder gegrinst hat. Der ganze Charme, die gewinnenden Gesten, Eloquenz und Witz – alles auf Eis gelegt.“