Lila

Michael Andrews, „Melanie and me swimming“ (1978-79)

Sie wusch gern ihre Sachen. Manchmal stiegen Fische nach den Blasen. Die Seife roch etwas streng, wie der Fluss. In solchem Wasser konntest du Sachen schön sauber ausspülen. Konnte zwar sein, dass es nach einem ordentlichen Regen etwas braun war, Ackerboden, aber der Schlamm floss ab oder setzte sich. Ihre Hemden und ihr Kleid kamen ihr vor wie Wesen, die gar nicht zur Welt kommen wollten, so welkten sie in sich rein und sanken unter die Oberfläche, als wollten sie nur gelassen werden, vielleicht um einen tieferen, dunkleren Gumpen zu finden. Und wenn sie sie dann herauszog und an den Schultern hochhielt, sahen sie nach blanker Erschöpfung aus und nach Bedauern. Wie ihre eigene geschundene Haut. Aber wenn sie sie über eine Kordel hängte und das Wasser herauslaufen und Sonne und Wind sie trocknen ließ, kriegten sie langsam was von Wesen, die leben könnten. In der Kirche hatten sie einmal die Geschichte gelesen, wie die Königin von Ägypten an einen Fluss kam und ein Baby fand, das in einem Korb trieb, und das war dann ihr Baby. Lebe! Die richtige Mutter sollte das Kind eigentlich töten, aber das konnte sie nicht. Sie legte es auf den Fluss, und die Königin fischte es heraus. Aber es wurde erwachsen und zum Mann, und der beschloss, dass er nicht ihr Kind sein wollte. Oder vielleicht war sie gestorben, und ihr Vater konnte mit dem Burschen nicht, bloß ist das nicht Teil der Geschichte. Na ja, dachte Lila, ich kann nur hoffen, dass sie gestorben ist, bevor er sie so schlecht behandeln konnte. Sie hätte ihm trauen können müssen. Ach, jetzt denk ich schon wieder so. Kannst niemand trauen. Das denke ich die ganze Zeit. Wenn ich’s überhaupt noch versuchen will, dann am besten jetzt, wo ich gehen kann, wenn’s sein muss, und wo ich noch jung genug bin, eine Weile über die Runden zu kommen. Wo es nicht so drauf ankommt, wenn’s schief geht.

Also.

Marilynne Robinson, „Lila“

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Lila

Dorothea Lange, „Migrant Mother“ (Florence Owens Thompson, 1936)

So seltsam das war, es war was dran. Allein schon wie seltsam es war. Der alte Mann hatte keine Ahnung. Lasst uns beten, und alle beteten sie. Lasst uns gemeinsam Lied Nummer egal was anstimmen, und alle sangen sie. Wozu verschwendeten sie Kerzen ans Tageslicht? Und er stellte sich hin und redete von Leuten, die wer weiß wie lange tot waren, wenn die Geschichten über sie überhaupt wahr waren, und die meisten Leute hörten zu, oder versuchten es. Das war alles unnötig. Die Tage kamen und gingen ganz von alleine, ganz ohne beten. Und trotzdem überall Versammlungen und Erweckungen, Leute, die sehend wurden. Die Trost fanden, wo es keinen Trost gab, bloß diesen alten Mann, der Dinge sagte, die er so oft schon gesagt hatte, dass er sie scheints selber gar nicht hörte. Ging um den Sinn der Existenz, sagte er. In Ordnung. Von der Existenz verstand sie ein bisschen was. Es war ziemlich das Einzige, wo sie was von verstand, und das Wort dafür hatte sie von ihm gelernt. Das war wie mit den Vereinigten Staaten von Amerika – irgendwas mussten sie dazu ja sagen. Der Abend  und der Morgen, schlafen und aufwachen. Hunger und Einsamkeit und Erschöpfung und trotzdem mehr davon wollen. Existenz. Wozu plage ich mich damit ab? Das konnte er ihr auch nicht sagen. Dabei wusste er’s, das sah sie ihm an. Warum will er mehr davon, wo sein Haus doch so leer ist, seine Frau und sein Kind längst unter der Erde? Der Abend und der Morgen, singen und beten. Die Seltsamkeit des Ganzen. Du hörst nicht auf zu suchen. Er würde den Hügel zu der traurigen Stelle hochsteigen und sie mit Rosen bedeckt vorfinden. Ob er nun wusste oder nicht wusste, wer sie zum Blühen gebracht hatte, er würde es seltsam und recht finden. Rosen waren unnötig.

Marilynne Robinson, „Lila“