Die Sonne war der ganze Himmel

Und dann erblickte ich Murph, wie ich ihn zuletzt gesehen hatte, doch er war schön. Seine Wunden waren nicht mehr so grässlich, seine entstellten Züge von einem Schimmer der Ewigkeit überzogen. Die träge Strömung des Tigris zog ihn aus Al Tafar, sein blasser Körper wurde von glubschäugigen, dicht unter der Wasseroberfläche schwimmenden Geschöpfen gesäubert. Er war noch unversehrt, als ihn das aus dem Zagros-Gebirge kommende Tauwasser weiter flussabwärts schwemmte, er blieb unversehrt, während er durch die Wiege der Welt trieb, die erst frühlingshaft grünte und danach zu Staub wurde. Zwei Soldaten ruhten zwischen Schilf und Binsen, einer schlief, der andere erspähte den Toten im Fluss und rief ihm etwas zu, ohne zu ahnen, dass Murph ein Kamerad gewesen war, im Glauben, dieser wäre einem anderen Krieg zum Opfer gefallen, einem, in dem er nicht kämpfte, rief er: „Hasta la vista, Scheißkerl!“, und seine in der Hitze wie Gesang klingende Stimme weckte seinen Freund, doch der Tote, dem sein Ruf gegolten hatte, war jetzt nur noch ein Skelett, das Fleisch mitsamt allen Wunden verschwunden. Im Sommer trieb er aus dem Tigris in den Schatt al-Arab, wo ihn ein Fischer versehentlich mit der Stake seines Kahns streifte. Und ich sah, wie Murphs sterbliche Überreste beim Eintritt in den Persischen Golf endgültig auseinanderbrachen – die Schatten der Dattelpalmen fielen lang und dunkel auf seine Knochen, die in das Meer hinausgezogen wurden, und die Wellen, in die seine Gebeine eintraten, brechen sich bis in alle Ewigkeit.

Kevin Powers, „Die Sonne war der ganze Himmel“

Dieses Buch wäre wahrscheinlich an mir vorüber gegangen, hätte ich nicht ein Interview mit dem Autor und etwas in seinen Augen gesehen, das mich berührte.

Powers, der selbst ein Jahr im Irak stationiert war, erzählt in seinem Roman, was der Krieg mit ihm gemacht hat. Ideologische Auseinandersetzungen finden keine statt. Dafür hat man in jeder Zeile das Gefühl, hier weiß einer, wovon er schreibt und hat noch dazu eine Sprache dafür gefunden. Das ist das eigentlich Faszinierende an diesem Buch. Powers gelingt auf wundersame Weise, was in meinen Augen kaum ein Film zustande bringt: in  bildhafte Worte zu kleiden, was ein Mensch fühlt, der sich in diesem Ausnahmezustand „Krieg“ wieder findet. Dazu bedarf es keiner aufwändigen Schilderung von Schlachtgemetzeln. Die kennt man. Aber wie es tief in einem aussieht, wenn er das ganze Elend überlebt, davon hat noch kaum einer so erzählt, wie Powers es tut. Und dabei bin ich ihm gerne gefolgt.

Die Sonne war der ganze Himmel

DER KRIEG WOLLTE UNS IM FRÜHLING TÖTEN. Während  es wärmer wurde und das Gras auf den Ebenen Ninives grünte, waren wir in den flachen Hügeln auf Patrouille, zogen in blindem Vertrauen über sie hinweg, bahnten uns wie Pioniere einen Pfad durch windzerzaustes Unterholz und hohes Gras. Während wir schliefen, rieb der Krieg seine tausend Rippen betend auf dem Boden. Wenn wir trotz Erschöpfung weitermarschierten, glänzten seine Augen weiß im Dunkeln. Während wir aßen, fastete er, genährt von den eigenen Entbehrungen. Er zeugte, und er gebar, und er verbreitete sich durch Feuer…

Kevin Powers, „Die Sonne war der ganze Himmel“

u1_978-3-10-059029-9