Vielleicht Esther

Mein Vater, ein Kriegskind, ein Angehöriger des auserwählten Volkes, das in seiner Stadt Kiew, vor allem aber in Polen, fast vollzählig ermordet worden war, trauerte großherzig um Polen – der Kanal, der Warschauer Aufstand, die polnischen Teilungen, Katyn. Die polnische Tragödie schmerzte ihn, als dürfe er das Eigene nur im Schmerz der anderen erkennen, in einer Art Übersetzung. Den Gram zu hegen, den er in sich trug, wäre ihm unanständig vorgekommen. Vieler seiner Kiewer Freunde, die sich in den fünfziger, sechziger und späteren Jahren von Polen angezogen fühlten, waren jüdischer Herkunft, sie wussten über alles Bescheid, was in Polen passierte, auch über die Nachkriegszeit und den Umgang mit Überlebenden. Sie haben es den Polen niemals übel genommen, denn sie hatten das andere Polen im Herzen, und als ich meinen Vater fragte, wie es möglich sei, dass sie Polen so hingebungsvoll liebten, wenn Polen sie nicht liebte, sagte er, Liebe muss nicht erwidert werden.

Katja Petrowskaja, „Vielleicht Esther“

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Vielleicht Esther

Wir waren glücklich, und alles in mir widersetzte sich dem Satz, den uns Lew Tolstoj vererbt hat, dass die glücklichen Familien sich ähnelten in ihrem Glück und nur die unglücklichen einzigartig sind, ein Satz, der uns in die Falle lockte und den Hang zum Unglück weckte, als wäre nur das Unglück der Rede wert, das Glück aber leer.

Katja Petrowskaja, „Vielleicht Esther“

Vielleicht Esther