Der verborgene Garten

Nells Augen schlossen sich. Sie war wieder auf dem Schiff. Spürte das Wasser unter sich, spürte die sanften Bewegungen des Decks. Fässer, Sonnenlicht, Staub, fernes Lachen.

Die Geräusche wurden leiser. Die Lichter gingen aus. Wie das Licht im Plaza-Kino, ehe der Hauptfilm anfing. Zuschauer, die auf ihren Plätzen herumrutschten, flüsterten, warteten…

Schwärze.

Stille.

Dann war sie plötzlich irgendwo anders. An einem kalten, dunklen Ort. Allein. Spitze Zweige überall um sie herum. Das Gefühl, als würden Mauern, hoch und dunkel, von allen Seiten näher rücken. Jetzt war wieder etwas Licht da, nicht viel, aber genug, dass sie den fernen Himmel sehen konnte, wenn sie den Hals reckte.

Ihre Beine bewegten sich. Sie ging mit seitlich ausgestreckten Armen, ihre Hände berührten das Laub an den Zweigen.

Eine Ecke. Sie bog ab. Dichte Hecken. Ein Geruch nach feuchter Erde.

Plötzlich war es wieder da. Das Wort, ein altes, vertrautes Wort. Labyrinth. Sie befand sich in einem Labyrinth.

Und dann wusste sie mit tiefer Gewissheit: Am Ende des Labyrinths lag ein herrlicher Ort. Ein Ort, wo sie in Sicherheit sein und Ruhe und Frieden finden würde.

Sie kam an eine Weggabelung.

Bog ab.

Sie kannte den Weg. Sie erinnerte sich. Hier war sie schon einmal gewesen.

Sie ging immer schneller. Etwas in ihr trieb sie voran. Sie musste ans andere Ende gelangen.

Licht am Ende des Wegs. Sie war fast am Ziel.

Nur noch ein paar Schritte.

Dann trat eine Gestalt aus dem Schatten ins Licht. Die Autorin. Sie streckte ihr die Hand entgegen. Sagte mit silberheller Stimme: „Ich habe auf dich gewartet.“

Als die Autorin zur Seite trat, sah Nell, dass sie das Tor erreicht hatte.

Das Ende des Labyrinths.

„Wo bin ich?“

„Du bist zu Hause.“

Nell holte tief Luft und folgte der Autorin über die Schwelle in den schönsten Garten, den sie je gesehen hatte.

Kate Morton, „Der verborgene Garten“

Der verborgene Garten

Ich habe dir nur die Augen geöffnet, damit du die Dinge siehst, von denen du wusstest, dass sie da sind.

Der Nebel war dick und so gelb wie Pastinaken und Maissuppe…

…Dann rollte sie die Erinnerung an ihn liebevoll zu einer kleinen Kugel, umwickelte sie mit mehreren Lagen von Gefühlen – Freude, Liebe, Zugehörigkeit -, für die sie keine Verwendung mehr hatte, und verschloss sie tief in ihrem Inneren. Bar solcher Erinnerungen und Gefühle zu sein, fühlte sich besser an. Denn seit Sammys Tod war Eliza nur noch ein halber Mensch. Wie ein Zimmer, in dem man das Kerzenlicht gelöscht hatte, war ihre Seele kalt, dunkel und verloren.

…Sie kam sich vor wie eine Figur aus einem Märchenbuch, die aus einer Geschichte, deren Rhythmus und Inhalt ihr bekannt waren, ausgeschnitten und achtlos in eine andere, unbekannte hineingeklebt worden war.

„Die Erinnerung ist eine grausame Dame, mit der wir alle zu tanzen lernen müssen.“

„Man lebt mit dem, was man hat, nicht mit dem, was einem fehlt.“

Kate Morton, „Der verborgene Garten“

Der verborgene Garten

„Aber warum soll ich drei Locken von der Feenkönigin mitbringen?“, fragte der junge Prinz das alte Weiblein. „Warum gerade drei? Warum nicht zwei oder vier?“ Das alte Weiblein beugte sich vor, ohne seine Spinnarbeit zu unterbrechen. „Es gibt keine andere Zahl, mein Kind. Drei ist die Zahl der Zeit, denn sprechen wir nicht von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft? Drei ist die Zahl der Familie, denn sprechen wir nicht von Mutter, Vater und Kind? Drei ist die Zahl der Feen, denn suchen wir sie nicht zwischen Eichen, Eschen und Dornen?“ Der junge Prinz nickte, denn die weise Alte sprach die Wahrheit. „Und deswegen brauche ich drei Locken, um meinen magischen Zopf zu flechten.“

Aus Der Magische Zopf von Eliza Makepeace

Später, als ihre Großmutter wieder in die dunklen Gewässer des Schlafs eingetaucht war, dachte Cassandra über die grausame Fähigkeit des Gehirns nach, Schnipsel aus der Vergangenheit in Erinnerung zu bringen. Warum meldeten sich an ihrem Lebensende Stimmen von Menschen im Kopf ihrer Großmutter, die längst nicht mehr da waren? War das immer so? Suchten diejenigen, die die Überfahrt auf dem lautlosen Schiff des Todes antraten, alle den Kai nach den Gesichtern derer ab, die ihnen vorausgereist waren?

Kate Morton, „Der verborgene Garten“

Titel der Originalausgabe: „The Forgotten Garden“