Schändung

Er fühlte, wie alle seine Bewegungen auf Slow Motion heruntergefahren wurden. Als schüttelte er ewig lange den Kopf. Als arbeitete seine Lunge wie ein undichter Blasebalg. Weißt du was, Carl?, hatte sie gefragt, und egal, was die Frage beinhaltete, er wollte die Antwort nicht wissen. Sie sollte nur ewig so sitzen bleiben, mit der Frage auf ihren Lippen, die er fürs Leben gern küssen würde. Wenn sie die Antwort auf ihre eigene Frage bekam, blieb nur noch wenig Zeit, bis ihr Duft eine Erinnerung war und der Anblick ihrer Augen vollständig unwirklich.

„Nein, weiß ich nicht“, sagte er zögernd.

Sie legte ihre Hand auf seine. „Du bist einfach wunderbar“, sagte sie und beugte sich zu ihm, sodass ihr Atem seinen traf.

Sie ist wunderbar, dachte er, als das Telefon klingelte und sie darauf bestand, dass er abnahm.

„Vigga hier!“ Unüberhörbar die Stimme seiner weggelaufenen Frau. „Jesper hat angerufen. Er sagt, er will bei mir einziehen“, empörte sie sich, und das Gefühl von Paradies, das sich gerade in Carl breitgemacht hatte, wurde brutal vertrieben.

„Aber das geht auf gar keinen Fall, Carl. Völlig unmöglich! Darüber müssen wir reden. Bin auf dem Weg zu dir. In zwanzig Minuten bin ich da. Bis dann.“

Er wollte protestieren. Aber Vigga hatte schon aufgelegt.

Carl sah in Monas bezaubernde Augen und lächelte entschuldigend.

Das war sein Leben, auf den Punkt gebracht.

Jussi Adler Olsen, „Schändung“

Schändung

Nach einer halb bewusstlosen Fahrt mit der Metro tauchte Carl aus den labyrinthischen Tiefen der Metro-Station Callao ans Tageslicht. Wie riesige Eisberge ragten ringsum die monumentalen Gebäude der Gran Vía empor. Kolosse, neoimpressionistisch, klassizistisch, funktionalistisch, wenn er es später beschreiben sollte. Er hatte nie etwas Ähnliches gesehen. Lärm, Gerüche, Hitze und ein Gewimmel von dunkelhaarigen Menschen, die es eilig hatten. Einem einzigen fühlte Carl sich verbunden, einem fast zahnlosen Bettler, der dort auf der Straße saß. Vor ihm lagen eine Unmenge bunter Plastikdeckel. An jedem war angegeben, wofür man spenden konnte, und in allen lagen Münzen und Geldscheine aus aller Herren Länder. Carl verstand nicht die Hälfte. Sollten das Spenden für Bier, für Wein, Schnaps oder Zigaretten sein? Such dir was aus, sagte der Blick des Mannes, dessen Augen ironisch funkelten. Such dir was aus.

Die Menschen ringsum lächelten, und einer zückte einen Fotoapparat und fragte den Bettler, ob er ihn fotografieren dürfe. Darauf machte sich ein zahnloses Grinsen auf dessen Gesicht breit und er hielt ein Schild hoch.

Fotos 280 Euro stand darauf…

Jussi Adler Olsen, „Schändung“

Schändung

Prolog

Wieder krachte ein Schuss über die Baumwipfel.

Das Rufen der Treiber war jetzt schon deutlich zu hören. Das Blut pochte in den Ohren, und die Lungen schmerzten vom scharfen Einatmen der feuchten Luft…

Da bahnt sich etwas „Unleckeres“ an. Nach Prolog und erstem Kapitel weiß ich noch nicht, ob mir das schmeckt. Nach einem weiteren Kapitel denke ich: Hier bist du richtig:

3

Erst als er im Keller des Präsidiums stand, ging es Carl Morck auf, dass der Sommer und der Urlaub endgültig zu Ende waren…

Jussi Adler Olsen, „Schändung“


Erbarmen

„Danke, Uffe“, sagte sie leise und richtete dann den Blick auf Carl.

Und Carl spürte, wie der Druck in der Brust allmählich nachließ.

Jussi Adler Olsen, „Erbarmen“

Erbarmen

Carl bedankte sich, unterbrach die Verbindung und starrte die Bäume an, deren hellgrüne Äste so voller frühlingshaftem Leben aufragten. Eigentlich müsste er aus tiefstem Herzen froh sein, aber er war es nicht. Vielleicht würde Merete für den Rest ihres Lebens dahinvegetieren. Nichts im Leben war einfach. Nicht einmal der Frühling dauerte an, und das zu erleben gehörte mit zu den schmerzlichsten Erfahrungen. Ja, bald wird es wieder früh dunkel werden, dachte er und hasste sich selbst für seinen Pessimismus…

Jussi Adler Olsen, „Erbarmen“

Erbarmen

1

2007

Carl trat einen Schritt näher an den Spiegel heran. Mit dem Zeigefinger fuhr er sich über die Stelle an der Schläfe, wo ihn die Kugel gestreift hatte. Die Wunde war verheilt, aber die Narbe zeichnete sich am Haaransatz deutlich ab. Sofern sich überhaupt jemand die Mühe machte hinzusehen…