Vom Ende einer Geschichte

Du kommst ans Ende des Lebens – nein, nicht des Lebens an sich, sondern von etwas anderem: das Ende jeder Wahrscheinlichkeit einer Änderung in diesem Leben. Du darfst lange innehalten, lange genug, um die Frage zu stellen: Was habe ich sonst noch falsch gemacht? Ich dachte an eine Gruppe junger Leute auf dem Trafalgar Square. Ich dachte an eine junge Frau, die einmal im Leben tanzte. Ich dachte an das, was ich jetzt nicht wissen und verstehen konnte, an alles, was niemals gewusst oder verstanden werden konnte. Ich dachte an Adrians Definition von Geschichte. Ich dachte an seinen Sohn, der das Gesicht in ein Regal mit extraweichem Toilettenpapier drückte, um mir zu entgehen. Ich dachte an eine Frau, die unbekümmert und unachtsam Spiegeleier briet und sich nicht daran störte, dass eines davon in der Pfanne zerlief; dann an dieselbe Frau, später, die unter einer sonnenbeschienenen Glyzinie eine verstohlene, waagerechte Geste machte. Und ich dachte an eine anbrandende, mondbeschienene Welle, die vorüberrollte und stromaufwärts verschwand, von einer Bande johlender Studenten verfolgt, deren Taschenlampenstrahlen sich im Dunkeln kreuzten.

Da ist Akkumulation. Da ist Verantwortung. Und darüber hinaus herrscht Unruhe. Es herrscht große Unruhe.

Julian Barnes, „Vom Ende einer Geschichte“

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Vom Ende einer Geschichte

ICH ERINNERE MICH in ungeordneter Reihenfolge an:

die schimmernde Innenseite eines Handgelenks;

aufsteigenden Dampf aus einem Spülbecken, in das lachend eine heiße Bratpfanne geworfen wird;

Spermaflatschen, die um ein Abflussloch in einem hohen Haus kreisen und dann ganz hinuntergespült werden;

einen widersinnig stromaufwärts brausenden Fluss, dessen Wogen und Wellen von den Strahlen mehrerer Taschenlampen verfolgt und erleuchtet werden;

einen anderen Fluss, breit und grau, bei dem ein steifer Wind die Wasserfläche aufwühlt und die Strömung verbirgt;

längst erkaltetes Badewasser hinter einer verschlossenen Tür.

Dieses letzte Bild habe ich nicht wirklich gesehen, aber am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat.

Wir leben in der Zeit – sie trägt und sie prägt uns -, aber ich hatte immer das Gefühl, sie nicht recht zu verstehen. Und damit meine ich nicht die Theorien, dass sie bisweilen kehrtmacht und rückwärts läuft oder womöglich anderswo in einer Parallelausgabe existiert. Nein, ich meine die ganz gewöhnliche, alltägliche Zeit, die, wie uns sämtliche Uhren versichern, regelmäßig vergeht: tick-tack, klick-klack. Was ist glaubwürdiger als ein Sekundenzeiger? Und doch lehren uns schon die kleinsten Freuden und Schmerzen, wie geschmeidig die Zeit ist. Manche Gefühle lassen sie schneller, andere langsamer vergehen; zuweilen scheint sie abhandenzukommen – bis sie dann schließlich wirklich abhandenkommt und niemals wiederkehrt.

Julian Barnes, „Vom Ende einer Geschichte“

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