Niagara

Wohl dem, der sich bei seinem Gegenüber nicht entschuldigen muss, weil ihn diese Lektüre so gefangen nimmt, dass der immer wiederkehrende Griff zum Buch zur geflügelten Geste des Tages wird – bis die letzte Zeile gelesen ist…

…Es stimmt: Überall in Niagara Falls ist die Luft am 21. September 1978 muffig, schwer, kaum zu atmen, hat die Beschaffenheit verrotteter Fasern, gefiltert durch eine beizende, senfgelbe Sonne. Aber hier im Prospect Park, in der Nähe der Niagaraschlucht, ist die Luft frisch, als sei sie elektrisch aufgeladen. Man möchte leben. Man möchte ewig leben. Die Bläser, die sich jetzt außer Sichtweite zurückziehen und Spucke  aus ihren funkelnden Instrumenten schütteln, sind Emissäre des Staunens. Auf dem Podium, wo der erste Redner spricht, strahlt eine mit Eiswasser gefüllte Vase in vielfach gebrochenem Licht. Von den Niagarafällen herangewehte, mit Feuchtigkeit gefüllte Luftpartikel zittern im Licht. Während der anderthalb Stunden dauernden Gedenkfeier für Dirk Burnaby 1917-1962, in denen die Sonne zwischen Wolkenfetzen verschwindet und wieder auftaucht, erscheinen manchmal Regenbögen am Himmel über der Schlucht. Sie sind so schwach, so zart, kaum mehr als eine optische Täuschung. Schaut man ein zweites Mal hin, sind sie wieder weg.

Joyce Carol Oates, „Niagara“

Niagara

Vor dem Hintergrund einer großen metaphorischen Kulisse spielt Joyce Carol Oates Roman „Niagara“:

Die Wasserfälle bei Niagara bestehend aus den amerikanischen Fällen, dem Brautschleier und den riesigen Hufeisenfällen, üben auf einen Teil der Bevölkerung, vielleicht sogar vierzig Prozent (der Erwachsenen) eine unheimliche psychische Wirkung aus, die man als „psychische Wassersucht“ bezeichnen könnte. Diese Krankheit ist dafür bekannt, dass sie sogar den Willen eines aktiven, tatkräftigen Mannes in der Blüte seines Lebens vorübergehend lähmt, so als erliege er dem Bann eines boshaften Hypnotiseurs. Ein solcher Mann mag, angezogen von den wirbelnden Stromschnellen oberhalb der Niagarafälle, viele Minuten stehen und starr, wie gelähmt schauen. Auch wenn du ihn noch so eindringlich ansprichst, er wird dich nicht hören. Berühre ihn, versuche, ihn zurückzuhalten, er wird deine Hand wütend abschütteln. Die Augen des auf diese Weise befallenen Opfers sind starr und geweitet. Vielleicht geht eine geheimnisvolle biologische Anziehung von der tosenden Naturgewalt aus, für die die Niagarafälle ein Beispiel sind – in romantischer Fehldeutung als „erhaben“, „groß“, „göttlich“ bezeichnet -, und so stürzt sich das unglückselige Opfer in sein Verderben, wenn es nicht abgehalten wird.

Wir können nur vermuten: Im Bann der Niagarafälle hört der glücklose Einzelne zu existieren auf und will zugleich unsterblich werden. Eine Neugeburt, nicht unähnlich dem christlichen Versprechen der Wiederauferstehung des Leibes, mag die grausamste Hoffnung sein. Im Stillen gelobt das Opfer den Fällen – „Ja, du hast Tausende Männer und Frauen getötet, aber mich kannst du nicht töten. Denn ich bin ich.“

Dr. Moses Blaine, „A Niagara Falls Physician’s Log“

1879-1905

Eine tiefgründige Mischung aus mythischer Familiensaga und Umweltthriller, der man sich nur ergeben kann.