Aus der Kälte

Er starrte um sich wie ein geblendeter Stier in der Arena. Als er zu Boden ging, sah Leamas ein kleines Auto, das zwischen riesigen Lastern zermalmt wurde, das Fenster voll fröhlich winkender Kinder.

John le Carré, „Der Spion, der aus der Kälte kam“

Was für ein genialer Plot. Le Carré lässt den Leser im Angesicht jenes vermeintlichen „Spiels“ der Geheimdienste einen Blick in den schwärzesten und bittersten Bodensatz menschlicher Existenz werfen, den man sich nur vorstellen kann. Irgendwann begreift auch der Naive, dass jeder Wendung noch eine potentielle folgen könnte und noch eine und noch eine. Keine Identität ist das, was sie zwischendurch zu sein scheint. Und zum Schluss fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Aus dieser Kälte führt kein Weg zurück, wenn man als Agent erst das Stigma eines menschlichen Makels trägt. Sowohl die Geschichte funktioniert – als nach wie vor superspannender Spionagethriller – als auch der Kalte Krieg als zeitlose spiegelglatte Folie für den ewig eisigen Untergrund, in dem die darin agierenden Dunkelmänner ihre frostigen Fäden ziehen.

T. las dieses Buch im September, und ich bereue heute, wie man so vieles im Nachhinein bereut, dass ich nicht damals schon danach gegriffen habe. Unsere letzte gemeinsame Lektüre waren die Märchen, davor Philip Roth, „Das sterbende Tier“. Und wie so vieles einem in der Rückschau als sich selbst erfüllende Prophezeiung erscheint, so auch jene, kurz vor der todbringenden Diagnose.

Und ich frage mich heute, warum wir über le Carré nicht gesprochen haben. Vielleicht weil es all die anderen Dinge zu bereden galt, über denen noch viel mehr ungesagt blieb. Bis die Worte gänzlich versiegten, vielleicht weil sie vor einem gehen müssen. Am Ende zündete ich ihm seine Zigaretten an und reichte sie ihm, stumm, als wäre eine jede schon die letzte gewesen. Und als hätte all das, was wir noch zu sagen gehabt hätten, viel viel länger gedauert.

Der Spion, der aus der Kälte kam

Dieser endlos lange Schmerz, und die ganze Zeit denkt man: >Entweder ich falle in Ohnmacht, oder ich wachse an dem Schmerz, so dass ich ihn ertragen kann, die Natur wird es entscheiden<, und der Schmerz nimmt immer noch mehr zu, wie wenn ein Geiger sich auf der E-Seite nach oben spielt, man denkt, höher geht es nicht mehr, aber es geht doch – so ist das mit dem Schmerz, er steigert sich immer weiter, und das einzige Zutun der Natur besteht darin, einen von Ton zu Ton voranzubringen wie ein taubes Kind, das Hören lernen muss…

John le Carré, „Der Spion, der aus der Kälte kam“

Der Spion, der aus der Kälte kam

Jetzt hatte sie eine Scheu davor, zu viel an ihn zu denken, weil sie immer mehr vergaß, wie er aussah, und so streifte sie ihn mit ihren Gedanken immer nur kurz, wie man mit den Augen einen dunstigen Horizont entlangstreift, und das brachte ihr irgendetwas zurück, das er gesagt oder getan hatte, eine besondere Art, wie er sie angesehen oder, häufiger, ignoriert hatte. Denn das war das Schreckliche, wenn sie es sich bewusst machte: Sie hatte nichts, das sie an ihn erinnert hätte – kein Photo, kein Andenken, nichts…

Das war wohl der Grund, warum sie in der Bibliothek nicht kündigte – weil er wenigstens dort noch existierte, die Leitern, die Regale, die Bücher, die Karteikästen, all diese Dinge hatte er gekannt und berührt, und eines Tages kam er vielleicht zu ihnen zurück. Er hatte zwar gesagt, dass er nie zurückkommen würde, aber das mochte sie nicht glauben. So etwas zu glauben war, als wollte man niemals wieder gesund werden…

John le Carré, „Der Spion, der aus der Kälte kam“

Der Spion, der aus der Kälte kam

Am Strand stand ein Mädchen und warf den Möwen Brot hin. Sie wandte ihm den Rücken zu. Der Seewind spielte mit ihren langen schwarzen Haaren und zerrte an ihrem Mantel, so dass ihr Körper einem Bogen glich, den jemand aufs Meer hinaus spannte. Bei ihrem Anblick wusste er plötzlich, was es war, das Geschenk, das Liz ihm gemacht hatte und das er wiederfinden musste, wenn er je heim nach England gelangte: dieses Sorge-Tragen im Kleinen, dieser Glaube an ein normales Leben – dieser simple Akt, ein Stück Brot in einer Papiertüte zu zerkrümeln, damit zum Strand zu gehen und es an die Möwen zu verfüttern. Es war eine Achtung vor dem Trivialen, wie er sie nie hatte besitzen dürfen. Brot für die Möwen oder Liebe, was immer es war, er würde zurückkommen und es zu finden versuchen; Liz würde ihm dabei helfen. Eine Woche, vielleicht zwei, dann konnte er zu Hause sein. Control hatte gesagt, dass er behalten durfte, was sie ihm zahlten – und das würde üppig genug sein. Fünfzehntausend Pfund, dazu ein Bonus und eine Pension vom Circus, damit konnte ein Mann es wagen, wie Control es nannte, aus der Kälte herauszukommen…

John le Carré, „Der Spion, der aus der Kälte kam“

Der Spion, der aus der Kälte kam

1. Checkpoint

Der Amerikaner gab Leamas noch einen Kaffee und sagte: „Gehen Sie doch heim, schlafen Sie ein bisschen. Wir rufen Sie an, wenn er kommt.“

Leamas antwortete nicht. Er starrte durch das Fenster der Kontrollbaracke auf die leere Straße hinaus.

„Sie können nicht ewig warten, Sir. Vielleicht kommt er irgendwann später. Die Polizei soll einfach der Agency Bescheid sagen, dann sind Sie in zwanzig Minuten wieder hier.“

„Nein“, sagte Leamas, „es wird gleich dunkel.“

„Aber Sie können nicht ewig warten. Er ist jetzt neun Stunden überfällig.“

„Wenn Sie wegwollen, gehen Sie ruhig. Sie haben mir sehr geholfen“, fügte Leamas hinzu. „Ganz prima, ich werd’s Kramer sagen.“

„Aber wie lange wollen Sie warten?“

„Bis er kommt.“ Leamas ging zu dem Beobachtungsfenster und stellte sich zwischen die beiden regungslos dastehenden Polizisten. Ihre Feldstecher waren auf den ostzonalen Kontrollpunkt gerichtet.

„Er wartet, bis es dunkel ist“, murmelte Leamas. „Ich weiß es.“

John le Carré, „Der Spion, der aus der Kälte kam“

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Geheime Melodie

…Wir sind hier auch an der Küste, Noah. Jeden Morgen, wenn die Herbstsonne aufgeht, wird mir das Herz leicht. Jeden Abend, wenn sie untergeht, wird es mir wieder schwer. Aber wenn ich meinen Stuhl ans Fenster rücke und der Mond hell scheint, kann ich eine Meile hinter dem Gitter einen schmalen Streifen Meer sehen. Dort endet ihr England, und dort beginnt mein Afrika.

John Le Carré, „Geheime Melodie“

Bruno Salvador, genannt Salvo, auch genannt „Zebra“. Ein feiner Kerl, der seiner eigenen, als Sohn eines irisch-französischen Missionars und einer Eingeborenen im Kongo durchaus nicht unproblematischen Biographie mit einer gehörigen Portion Selbstironie begegnet. Diese Selbstironie bildet den Klangteppich, in den Le Carré seine vielstimmige Symphonie aus Heimtücke und Verrat webt, die so uralt ist wie der Mensch selber, der sie orchestriert. Und so vertraut, dass es die geneigte Leserin nur wundert, dass der Autor seiner Klangfarbe treu zu bleiben vermag, von der ersten bis zur letzten Seite. Kein zynischer Unterton, kein bitteres Lamento, nur ein enttäuschter Hoffnungsschimmer, der aber im Gegenlicht der Mächtigen dieser Welt wie eine geheime Melodie erhalten bleibt. Chapeau.

Geheime Melodie

Mein Name ist Bruno Salvador. Meine Freunde nennen mich Salvo, meine Feinde ebenso. Entgegen anders lautenden Behauptungen bin ich ein unbescholtener Bürger des Vereinten Königreichs und Nordirlands, von Beruf Konferenzdolmetscher für Swahili und die weniger bekannten, aber weit verbreiteten Sprachen des Ostkongo, vormals Teil von Belgisch-Kongo, daher auch meine Beherrschung des Französischen, ein weiterer Pfeil in meinem Köcher. Meine Dienste sind an den Londoner Zivil- und Strafgerichten so regelmäßig gefragt wie auf Dritte-Welt-Konferenzen jedweder Art, siehe meine erstklassigen Referenzen von führenden Konzernen unseres Landes. Meinen besonderen Fertigkeiten verdanke ich außerdem die Ehre, meine patriotische Pflicht gegenüber einer Behörde erfüllen zu dürfen, deren Existenz routinemäßig geleugnet wird. Ich bin nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, ich zahle gewissenhaft meine Steuern, ich bin kreditwürdig und habe ein gutes Standing bei meiner Bank. Dies sind unumstößliche Fakten, an denen kein noch so hohes Maß an bürokratischer Manipulation etwas ändern wird…

John Le Carré, „Geheime Melodie“