Tage des letzten Schnees

Die Form der Worte war perfekt, er hatte nie etwas Vergleichbares gesehen, es waren Kristalle, die immer neue Verbindungen eingingen, in schneller Abfolge, aber fließend, nicht willkürlich, sondern schlüssig und unausweichlich. Buchstaben, die niemand kannte. Worte, die niemand verstand. Sätze, die niemand je ausgesprochen hatte.

Er lehnte sich zurück, ohne den Blick abzuwenden, und dachte, dass es etwas anderes nicht mehr zu tun gab. Nur noch dieses eine. Er würde lernen müssen – und es würde lange dauern, vermutlich ein Leben lang -, er würde lernen müssen, früher oder später, diese Sprache zu sprechen.

Jan Costin Wagner, „Tage des letzten Schnees“

Das Licht in einem dunklen Haus

Der Gedanke, dass Olli größer und älter werden wird. Aus dem Jungen wird ein Mann, mit einem Beruf, einem Leben, das ihn von den wichtigen Dingen abhalten wird. Die Würfelspiele, die jetzt unsere gemeinsamen Stunden füllen, die Freude, der Ärger, werden eine Erinnerung sein. Diffus, blass. Vielleicht – wenn ich ihn später danach frage – wird er die Augen zusammenkneifen und mit dem Kopf nicken, um zu signalisieren, dass er ein Bild vor Augen hat. Aber in Wirklichkeit ist nichts da, nur meine Behauptung, es sei etwas da gewesen.

Du konntest nicht verlieren, werde ich sagen.

Am Ende bleibt eine verbogene Leitplanke. Eine Bremsspur, die niemand sucht. Ein Toter, den niemand vermisst. Eine Tote, die niemand kennt.

Mit Leea habe ich heute ein interessantes Gespräch geführt über die Frage, warum sie jedes Mal erwartungsvoll Werbebriefe mit der Aufschrift Infopost öffnet, anstatt sie einfach wegzuwerfen. Es könnte ja wider Erwarten etwas Interessantes darin sein, behauptet sie.

Die Sedigene-Aktie, Biotechnologie, wird von Analysten als neutral eingestuft, und draußen schneit es. Die Form der Eiskristalle ist sechseckig. Die Winkel betragen exakt sechzig und einhundertzwanzig Grad. Es bildet sich eine Art Vollkommenheit heraus, die mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen ist. Eine Vollkommenheit, die nicht den Anspruch erhebt, wahrgenommen zu werden.

So betrachtet, war Saara vielleicht ein Schneekristall. In einem Sommer, der viel zu heiß war, als dass sie – und wir – ihn hätten überleben können.

Jan Costin Wagner, „Das Licht in einem dunklen Haus“

Liebes Tagebuch

Liebes Tagebuch,

so sagt man doch, oder? Doch, ja. Ich denke, ja.

Alles aufschreiben, so, wie man es wahrgenommen hat.

Damit man sich erinnern kann. Später.

Aber was, wenn es nichts mehr zu schreiben gibt?

Manche Menschen verliert man für immer.

Manche Menschen sind leicht zu finden…

Jan Costin Wagner, „Das Licht in einem dunklen Haus“


Phänomenal. Ein Kimmo-Joentaa-Roman besser als der andere.

Und sonst?

Liebes Tagebuch, ja, so sagt man. Dir brauche ich nichts vorzumachen. Die Glücklichen verkünden die Frohe Botschaft, die Einsamen schweigen sich aus. Erkenne dich selbst. Ein süßer See. Darin das Licht. Der Blick über den Glasrand. Wohin du auch siehst: Täuschung – Irrtum. Erdbeerfelder. Oder etwas das du mit dem Irrtum verwechselst? Ein Leben lang. Und die Einsamen. Gegenseitig erkennen sie sich blind.

Das Schweigen

Nichts, dachte er. Gar nichts. Am Ende blieb nichts übrig außer Erinnerungen, vagen Vorstellungen, die genauso gut Fantasien sein konnten. Oder Träume, die man geträumt hatte und gleich darauf vergessen, um später noch einmal ein diffuses Bild zu sehen, in einem bestimmten, vollkommen beliebigen Moment…

Jan Costin Wagner, „Das Schweigen“

My course is set for an uncharted sea

Wir müssen uns Kimmo Joentaa als einen jungen Mann vorstellen. Zum Glück gibt es gesetzt den Fall, dass dies misslingen sollte, den Erzähler, der einen von Zeit zu Zeit an die Kandare nimmt, um zu verhindern, dass die Phantasie der geneigten Leserin vollkommen mit ihr durchgeht. Aber was heißt hier Phantasie. Nichts leichter, als sich in jemanden hineinzuversetzen, dem Schlafes Bruder gerade einen geliebten Menschen geraubt hat. So weit so schlimm. Diesen Stein rollt er von nun an vor sich her. Dass es ausgerechnet einen jungen Menschen treffen muss, will gar nicht in die Gefüge von Raum und Zeit passen, die wir uns manchmal als Trost zurechtlegen, von wegen der natürliche Lauf der Dinge und so. Seine Introvertiertheit macht es ihm auch nicht leichter, mir den Protagonisten dafür um so sympathischer. Wirklich ein durch und durch gelungener Gegenentwurf, dieser junge Polizist, zu all den toughen Krimifrauen, deren einzige Schwäche es ist, sich nach einem langen Tag am Seziertisch ein Glas gut gekühlten Weißwein zu genehmigen. Kimmo dagegen trinkt Milch zum Abendbrot in seinem einsamen Haus am naturgemäß eiskalten finnischen Ende der Welt.

Ketola kicherte leise, während er durch den stärker werdenden Schneefall lief. Er mochte Kimmo, die Integrität dieses Mannes oder wie immer man das nennen wollte, war ein wenig penetrant, die Art, wie er alles so verdammt ernst nahm… aber er mochte ihn wirklich, und er hatte zwei volle Jahre lang mit dem Gedanken gespielt, mit Kimmo irgendwann länger über den Tod seiner Frau zu sprechen, weil er das Gefühl nicht los wurde, dass dieser Mann in aller Stille am Tod seiner Frau verrückt wurde, und mit Verrückten, vor allem mit Verrückten in jungen Jahren, kannte Ketola sich aus.

Das Zitat ist schon aus dem zweiten Band der Reihe, „Das Schweigen“, denn natürlich will ich wissen, wie es mit Kimmo weitergeht. Das dazu.

In „Diese schönen Tage“ von Patrizia Cavalli entdeckte ich diese Woche ein Gedicht mit dem Titel „Scheint auch der Tag vorübergezogen“:

Scheint auch der Tag vorübergezogen
wie der Flügel einer Schwalbe,
wie hingeworfener Staub
den man nicht auflesen kann
und die Beschreibung, die Erzählung
sind nicht nötig, nicht erhört
bleibt immer ein Wort übrig
ein Wörtchen nur
um vielleicht zu sagen
daß es nichts zu sagen gibt.

So geht es mir meistens am Ende eines Tages. Dann helfen weder Weißwein noch Milch. Weil mir die Zeilen so vertraut vorkamen, stöberte ich in meinen Notizen, und abgesehen davon, dass ich fündig wurde, stieß ich darüber hinaus in drei ganz unterschiedlichen Zusammenhängen noch auf jeweils einen Absatz, die gemeinsam plötzlich einen Sinn ergaben. Daraus wurde dann „Scheint auch die Nacht vorübergezogen“.

Das Gilben der Karten beginnt lange bevor es augenfällig wird, das Suchen der Farben aber hört niemals auf. Ja, es ist schön, wie sich alles verzweigt und verbindet.

Der Sohn entführte mich heute in die Welt des Monsieur Hu. Hier wird Ingwertee mit Minze empfohlen. Savoir vivre. Die kulinarische Landkarte jedenfalls ist groß…

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Dinge des Lebens

Michel Piccoli in "Die Dinge des Lebens"
Michel Piccoli in „Die Dinge des Lebens“

Zum ich weiß nicht wievielten Male Die Dinge des Lebens (Les choses de la vie) von Claude Sautet angeschaut. Einer meiner Lieblingsfilme. Nicht wegen des Kette rauchenden Michel Piccoli und der wie immer unvergleichlichen Romy Schneider, nicht wegen seiner technischen und ästhetischen Brillanz, sondern weil ich den Film das erste Mal mit meiner Oma sah. Da war ich noch keine 15.

Ein erfolgreicher Architekt, der in einem ungeklärten Dreiecksverhältnis lebt, wird bei einem Autounfall schwer verletzt und stirbt zwei Stunden später. Während der Fahrt lässt er les choses de son vie Revue passieren.

Ob der Film es tatsächlich vermag, den vermeintlichen Belanglosigkeiten eines Lebens aus der Perspektive des Todes Bedeutung zu verleihen, will ich nicht beurteilen. Für mich schöpft er seinen Wert aus der oben erwähnten Zweisamkeit und allem, was jemals über Leben, Liebe und Tod zwischen meiner Oma und mir ungesagt blieb. All das finde ich ausgesprochen in seinen bewegten Bildern, jedes Mal, wenn sie über den Bildschirm flimmern.

Mikael Persbrandt und William Jøhnk Nielsen in "In einer besseren Welt"
Mikael Persbrandt und William Jøhnk Nielsen in „In einer besseren Welt“

Ein anderer Film, der mich wie lange keiner sehr berührt hat, war In einer besseren Welt (Hævnen) der dänischen Regisseurin Susanne Bier. Eine so feinfühlige wie komplexe Allegorie auf die biblischen Motive von Schuld und Rache. Obwohl der Film darauf verzichtet, eindeutige Antworten zu geben und die Fehlbarkeit für immer in unser Genom implantiert ist, bleibt am Ende eine leise Zuversicht. Es fallen so schöne Sätze wie: „Vom Tod trennt uns nur ein hauchzarter Schleier, und wenn ein Mensch stirbt, der uns nahe steht, hebt sich dieser Schleier für einen kurzen Moment, und wir sehen dem Tod ins Gesicht.“ An den Jungen gerichtet, der den Anblick seiner Mutter nicht vergessen kann. Im Tod sah sie aus wie ein Kind. Als wäre sie nie seine Mutter gewesen. „Bis er wieder fällt, dann wird alles wieder besser.“

Ich habe mich schon als Kind mit dem Tod beschäftigt. Natürlich ohne ihn wirklich denken zu können. Der Tod war einfach eine andere Art von Leben. Ob ich mich selbst darin wiedererkennen würde? Oder wäre Ich dann ein Anderer? Es war dieses Über-sich-selbst-Hinausgehen, das ich mir nicht vorstellen konnte und das mir eigentlich schon ein Leben lang Angst macht. Warum das schon immer so war und woher es rührt, kann ich mir mit Ereignissen in diesem Leben nicht erklären. Ich glaube nichts und halte alles für möglich.

Im Moment lese ich „Eismond“ von Jan Costin Wagner. Eine Empfehlung von Jarg. Es ist wirklich schön:

Er versuchte sich den letzten Moment seines Lebens vorzustellen und den ersten Moment danach, den es nie geben würde.

Er versuchte sich einen Moment vorzustellen, den es nicht gab.

In seinem Kopf summte eine Melodie, die immer wiederkehrte und von der er nicht wußte, woher er sie kannte.