Sakrosankt

Welche Macht der Blick auf ein wahres Leben hat. Sie las die schräg fließende Inschrift auf Spanisch: Tus besos me destierran. Sie setzte das Foto wieder ab. Ein Foto war sakrosankt, es schloss einen aus, immer. Das war also die Frau. Tus besos, deine Küsse…

James Salter, „My Lord“ aus „Letzte Nacht“ (Erzählungen)

Lichtjahre

Ihr Leben ist geheimnisvoll, es ist wie ein Wald; von weitem sieht es wie eine Einheit aus, man kann es begreifen, beschreiben, aber wenn man näher kommt, beginnt es sich zu trennen, sich in Licht und Schatten aufzulösen, die Dichte blendet einen. Hier drinnen gibt es keine klaren Formen, nur unendliche Facetten, die sich überallhin ausbreiten: fremdartige Geräusche, einfallendes Sonnenlicht, Laub, umgestürzte Bäume, kleine Tiere, die beim bloßen Geräusch eines knackenden Zweiges flüchten, Insekten, Stille, Blumen.

Und all dieses, das voneinander abhängt, das eng verwoben ist, all dies ist trügerisch. Im Grunde gibt es, wie Viri sagt, zwei Arten von Leben. Es gibt das, von dem die Leute glauben, daß man es lebt, und es gibt das andere. Es ist dieses andere, das Probleme macht, dasjenige, das wir gerne zu Gesicht bekommen würden.

James Salter, „Lichtjahre“

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Ein Spiel und ein Zeitvertreib

Schweigen. Ein Schweigen, das auch über mein Leben gekommen ist, ich habe nichts dagegen, das einzugestehen. Es sind nicht die großen Plätze Europas, die mir trostlos erscheinen, sondern die Myriaden von kleinen Städten, die sich fest gegen den Reisenden verschließen, Städte, die so still sind wie die Landschaft selbst. Die Läden der Häuser sind alle zugezogen. Nur gelegentlich kriecht eine Spur Licht hervor. Die Felder werden dunkel, Schwalben schießen über ihnen dahin. Ich fahre schnell durch diese Städte. Bevor der Abend kommt, bin ich wieder draußen, bevor das Neon der Kinos angeht, vor den einsamen Abendessen. Ich verbringe nie eine Nacht in ihnen.

Aber natürlich ist Dean in einem Sinne nie gestorben – seine Existenz ist über solche Zufälle erhaben. Man braucht Helden, und das heißt, daß man sie sich schaffen muß. Und sie werden durch unseren Neid, unsere Treue real. Wir sind es, die ihnen ihre Majestät geben, ihre Macht, die wir selbst nie besitzen könnten. Und sie wiederum geben uns etwas davon zurück. Aber sie sind sterblich, diese Helden, genau wie wir es sind. Sie halten nicht für immer. Sie verblassen. Sie verschwinden. Sie werden zurückgelassen, vergessen – man hört nichts mehr von ihnen.

Was Marie-Anne angeht, sie lebt jetzt in Troyes oder hat dort gelebt. Sie ist verheiratet. Wahrscheinlich hat sie Kinder. Sie gehen sonntags spazieren, das Sonnenlicht fällt auf sie. Sie besuchen Freunde, reden, gehen abends nach Hause, tief in dem Leben, das, wie wir alle finden, so ungemein erstrebenswert ist.

James Salter, „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“

Ein Spiel und ein Zeitvertreib

An bestimmte Dinge erinnere ich mich sehr genau. Sie sind nur durch die Zeit ein wenig verfärbt, wie Münzen in den Taschen eines vergessenen Anzugs. Die meisten der Einzelheiten sind indessen längst verwandelt und umgestellt, um wieder andere hervorzubringen. Einige sind offensichtlich gefälscht; deshalb sind sie aber nicht weniger wichtig. Man verändert die Vergangenheit, um die Zukunft zu gestalten. Aber in dem Muster, das sich schließlich daraus ergibt und sich dann jeder weiteren Veränderung widersetzt, liegt eine echte Bedeutung. Denn es besteht die Gefahr, daß mir die ganze Geschichte unter den Händen auseinanderfällt wie eine alte Zeitung, wenn ich noch weiter versuche, Sinn in den Ablauf zu bringen. Und den Gedanken kann ich nicht ertragen. Die aus Myriaden von Einzelheiten bestehende Vergangenheit geht in uns ein und verschwindet. Aber in ihrem Innern liegen irgendwo hart wie Diamanten die Fragmente, die auch die Zeit nicht zersetzen kann. Hat man den Mut, die Vergangenheit durchzusieben und die Fragmente zu sammeln, entdeckt man den wahren Zusammenhang.

James Salter, „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“

Dieb der Stadt

Ich dachte an die zehntausend berühmten Fotografien, die Atget von einem Paris machte, das nun verschwunden ist, jene großen, stummen Bilder, überschwemmt vom Braun des Goldchlorid – an die dachte ich und an ihren Urheber, der jeden Tag vor der Morgendämmerung draußen gewesen war und nach und nach die Stadt an sich brachte, sie denen stahl, die in ihr lebten – hier einen Baum, da eine Ladenfront, einen unsterblichen Brunnen.

James Salter, „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“

Eugène Atget, "Notre-Dame-de-Paris" (1922)
Eugène Atget, „Notre-Dame-de-Paris“ (1922)
Eugène Atget, "Boulevard de Strasbourg" (1912)
Eugène Atget, „Boulevard de Strasbourg“ (1912)
Eugène Atget, "Parc de Sceaux" (Juin 1925)
Eugène Atget, „Parc de Sceaux“ (Juin 1925)

Ein Spiel und ein Zeitvertreib

„Bedenke aber, daß das Leben in dieser Welt nichts ist als ein Spiel und ein Zeitvertreib…“

Koran, LVII 19

Autun, still wie ein Friedhof. Ziegeldächer, dunkel vom Moos. Das Amphitheater. Der große Platz in der Mitte der Stadt: der Champs des Mars. Jetzt, im Blau des Herbstes, taucht sie wieder auf, diese alte Stadt, im Provinzherbst, der einen im Mark berührt. Der Sommer ist vorbei. Der Garten welkt. Die Morgen werden kühl. Ich bin dreißig, ich bin vierunddreißig – die Jahre verdorren wie gefallene Blätter.

James Salter, „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“

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Alles, was ist

Er fügte hinzu: „Ich hoffe, du vergisst mich nicht.“

„Da kannst du beruhigt sein.“

Das waren die Worte, die er einsteckte und über die er noch oft mit den Fingern strich, dazu Bilder von ihr, die so konkret waren wie Fotografien. Er wollte ein Foto von ihr, hielt sich aber zurück, sie nach einem zu fragen. Er würde das nächste Mal selber eins machen und es im Büro zwischen den Seiten eines Buchs bewahren, ohne es zu beschriften, kein Name oder Datum. Er stellte sich bereits vor, wie es jemand zufällig fand und fragte, wer das sei. Und er würde es ihm einfach wortlos aus der Hand nehmen.

James Salter, „Alles, was ist“

Am Ende kommt es zu nichts von alledem. Auch die zweite große Liebe im Leben Philip Bowmans verläuft sich. Es wird noch eine dritte geben und eine vierte. Was aus der letzten wird, bleibt offen.

Unmerklich vergeht die Zeit in und mit diesem Buch. Ehe man sichs versieht, versiegt der Erzählstrom. Ein Mäandern um Miniaturen, wie sie die Gedächtnisborde eines jeden füllen und nur ab und an im Schlaglicht des Bewusstseins aufscheinen. Salters Miniaturen aber sind so zart und exquisit wie teures Porzellan. Er formuliert fein und zurückhaltend, fast als wolle er sie selbst nicht zerschlagen. Er weiß um das rechte Maß an Worten. Nicht mehr und nicht weniger lässt er seinen Miniaturen angedeihen. Von der ersten bis zur letzten Seite bleibt er seinem diesem Buch voran gestellten ersten Satz treu:

Irgendwann wird einem klar,

dass alles ein Traum ist,

und nur geschriebene Dinge

die Möglichkeit haben, wirklich zu sein.

Thicker than raindrops on November thorn

In der Time Light Box waren diese Woche seltene Farbfotografien aus dem Ersten Weltkrieg zu sehen.

Reims, Marne, France: 1917. A little girl is playing with her doll. Two guns and a knapsack are next to her on the ground. World War I, Western Front. Autochrome Lumière Photo: Fernand Cuville (1887-1927).  ©R Schultz Collection / The Image Works
Reims, Marne, France: 1917. A little girl is playing with her doll. Two guns and a knapsack are next to her on the ground. World War I, Western Front. Autochrome Lumière
Photo: Fernand Cuville (1887-1927). ©R Schultz Collection / The Image Works

Diese erinnert mich an eine der wenigen Geschichten, die meine Mutter erzählt. Sie spricht nicht gerne über ihre Kindheit. Eigentlich ist es nur einer jener Geschichtensplitter, von denen jeder aus dem Fleisch des Familienkorpus‘ ragt wie die Spitze aus einem Eisberg. Ende des Zweiten Weltkrieges war sie sechs Jahre alt. Zu den Dingen, die in den Wirren von Kriegsende und Vertreibung innerhalb weniger Stunden in den Überlebenskoffer geworfen werden, gehört natürlich nicht die Puppe eines kleinen Mädchens, und so blieb diese zunächst zurück. Erst ein nachzügelnder Onkel mütterlicherseits, der weniger praktisch veranlagt war und mit der Sorge um das Seelenheil seiner Nächsten nicht selten den Spott der Familie auf sich zog, hatte die Puppe wenig später im Gepäck.

Tiefe Kopfnarben erinnerten diesen Onkel Zeit seines Lebens an die – sogenannten – „Schutzhäftlingen“ im Konzentrationslager Sachsenhausen vorbehaltene, „streng auf fachliche Belange“ beschränkte Behandlung von Zwangsarbeitern in den Werken eines Unternehmens, das nach Kriegsende munter weiter machte. Sich selbst zerrieb er fortan in Prozessen um eine irgendwie geartete Entschädigung. Nach zwölf Jahren wurden seine Klagen abgeschmettert. Ein Verhungernder am langen Arm der Ungerechtigkeit, so mag er es empfunden haben und verstarb bald darauf.

Wie die Verlängerung einstiger Schützengräben zieht sich eine tiefe Furche durch den Grund und Boden, auf dem Menschen, die ich zum Teil nur aus Erzählungen kenne, sich ein neues Leben aufbauen mussten. Auch meine Oma mütterlicherseits zerbrach an dieser Kluft zwischen Vorher und Nachher. Noch bevor es zur Scheidung ihrer zerrütteten Ehe kam, beschloss sie eines Abends, am nächsten Morgen einfach nicht mehr aufzuwachen. Da war mein Großvater schon härter gesotten. Mit zusammen gebissenen Zähnen wehrte er sich nach dem Krieg erbittert gegen die Erkenntnis, dass alles, woran er zuvor geglaubt hatte, nun nichts mehr wert sein sollte. Man könnte sagen, erfolgreich. Abhanden gekommener Idealismus wurde tatkräftig in materiellen Wohlstand umgemünzt. Nur manchmal wirkte er schwach. Wenn er nämlich morgens am Frühstückstisch saß und der kalte Angstschweiß, den ihm seine Alpträume des nachts auf die Stirn getrieben hatten, noch auf selbiger glänzte. Dann bekam man eine Ahnung von den Geistern, die den alten Nazi Nacht für Nacht riefen. Nach dem Frühstück mussten die Schnecken d’ran glauben, die wieder über seinen Gemüsegarten hergefallen waren und nun mit dem Spaten gevierteilt wurden.

An einem dieser Tage kaufte die kleine Pagophila von ihrem Taschengeld eine kleine Weinbergschnecke aus Ton. Es war die erste einer ganzen Sammlung, die sich über die Jahre anhäufen sollte und mit der der alte Mann von nun an auf dem gedeckten Mittagstisch neben seiner Salatschüssel vorlieb nehmen musste. Es war die einzige Form des Widerspruchs, die er jemals duldete.

Mein Opa väterlicherseits war zwar kein Nazi aber als Angehöriger einer deutschen Minderheit im Ausland vom Größenwahn doch so geblendet, dass er seinen kaum volljährigen einzigen Sohn mit Freuden für die Sache in den Krieg ziehen ließ. Verziehen hat dieser ihm das später nie. Eine unverhohlene Hassliebe verband und trennte die beiden für den Rest ihrer Leben. Mehr als die abenteuerliche Geschichte seiner Flucht aus einem französischen Kriegsgefangenenlager erzählte mein Vater jedoch nicht, und die Geschichte der Verschleppung meines Opas in ein russisches Arbeitslager kannte ich vor Herta Müllers „Atemschaukel“ nur aus der Sicht meiner Großmutter.

Ihre Erzählungen aber gehören für mich zum Ergreifendsten, an das ich mich erinnere. Wie sie sich in jener Zeit alleine durchschlagen musste. Wie ihr Mann eines Tages plötzlich wieder vor ihr stand. Wie dieser Zwei-Meter-Hüne bis auf die Knochen abgemagert war. Wie sie ihn wieder aufpäppelte. Obwohl die kleine Pagophila jedes Mal weinen musste, wenn die Großmutter ihrerseits unter Tränen erzählte, wollte sie die Geschichten immer wieder hören.

Irgendwie haben diese beiden es geschafft, noch viele Jahre ein gutes Leben miteinander zu führen. Vielleicht weil sie aus der Zeit gefallen waren. Geduldig hielt mein Opa die Schüssel, so oft und so lange meine Oma ihre Teige rührte. Elektrische Küchenhelfer kamen ihr ebensowenig ins Haus wie eine Pflegekraft, als ein Schlaganfall ihn für ein ganzes Jahrzehnt ans Bett fesselte. Es war und blieb das gemeinsame Ehebett. Bis zum Schluss. In der Stunde seines Todes riss er plötzlich die Arme hoch, zog seine Frau an sich, küsste sie ein letztes Mal und machte dann für immer die Augen zu.

Wenn ich es nicht so erlebt hätte, müsste ich jetzt womöglich Rechenschaft darüber ablegen, was dieses vermeintliche Rührstück mit der vermeintlichen Realtiät zu tun hat. Es waren das Foto und ein Satz bei Salter: „Nichts auf der Welt gleicht dem Geräusch einer deutschen Pistole, die durchgeladen wird.“

Alles, was ist

Beatrice hatte, vielleicht wegen des Todes ihres Vaters, der ihr klar in Erinnerung blieb, schon immer eine schleichende Furcht vor dem Herbst. Es gab einen Moment, meistens spät im August, wenn der Sommer mit gleißender Kraft auf die Bäume traf, Bäume in vollem Laub, und dann kam ein Tag, merkwürdig still, wie in Erwartung, sich des Moments bewusst. Und sie wussten Bescheid, alle wussten Bescheid, die Käfer, die Frösche, die Krähen, die feierlich über den Rasen schritten. Die Sonne stand im Zenit und umarmte die Welt, aber es ging zu Ende, alles, was man liebte, war in Gefahr.

James Salter, „Alles was ist“

Tagesanbruch

Paul Almasy, "Shell-Tankstelle in der Wueste bei Hassi-Messaoud, Algerien" (1963)
Paul Almasy, „Shell-Tankstelle in der Wueste bei
Hassi-Messaoud, Algerien“ (1963)

Tagesanbruch. So ist auch das erste Kapitel von „Alles, was ist“ überschrieben. Mit einem fast biblisch anmutenden Zug bringt James Salter seinen Philip Bowman in Stellung. Genau dreizehn Seiten später besiegelt die Versenkung der Yamato, eines vermeintlich unbesiegbaren Schlachtschiffes, das den archaischen Namen des japanischen Ur-Reiches trägt, das Ende des Pazifikkrieges auf See. Die geneigte Leserin weiß, dass es die USA dabei nicht bewenden ließen. Der Autor lässt es damit gut sein. Mehr braucht es auch nicht, um zu ahnen: Bowman hat zwar überlebt und gehört zu den Gewinnern, aber wenn es nach der Kompositionslehre des Krieges geht, wird er von nun an hilflos seinem Schicksal überlassen sein wie ein matter König im Schach.

Wie das Leben spielt. Es ist die Blaue Stunde und gleich wird unerbittlich die Nacht in mein Lebenszimmer einfallen, und wir werden uns anschweigen, wie immer um diese Zeit. Aber noch klingt dieses erste Kapitel in mir nach wie Beethovens Schicksalssinfonie.

Einmal hatte er in der Ferne, tief und geschmeidig durch das Wasser gleitend, das getarnte Flaggschiff gesehen, die New Jersey, mit Halsey an Bord. Es war, als würde man in Regensburg von Ferne Karl den Großen sehen.

Wow! Also, Karl der Große ist mir hier noch nie begegnet, aber vielleicht muss man dafür auch in Okinawa gewesen sein. In seinem Buch „Die Blaue Stunde“ erwähnt William Boyd sogar Obertraubling: Umgesetzt hat Kranewitter diese schwerverständliche Theorie in seinem Meisterwerk, dem Lothar-Haus (1924-1929) in Obertraubling bei Regensburg. In dem Fall sind der vermeintliche Architekt Oscar Kranewitter und das ominöse Lothar-Haus aber der Phantasie des Autors entsprungen. Was ich damit sagen will: Vor Einfällen dieser Art habe ich Respekt. Sie atmen für mich diesen Geist, der selbst einem unsäglichen Kaff hinterm Mond, wo der Hund verreckt ist und die Bordsteine nach der Blauen Stunde hochgeklappt werden, Bedeutung zu verleihen vermag.

Für einen Moment hat Bowman also dem Jüngsten Tag ins Antlitz geblickt, und ich frage mich, noch bevor ich das nächste Kapitel aufschlage, wie sein Leben wohl weitergehen wird. Wie Töne, die darum ringen, gespielt zu werden, hängen die Antworten auf alle meine Fragen im Raum und warten vielleicht darauf, gefunden zu werden Vielleicht auch nicht. Selbst wenn man die Vorhänge seines Lebenszimmers den ganzen Tag geschlossen hält, die Schwärze sickert doch durch das sepiafarbene Gewebe, und das Licht saugt sie unweigerlich bei Tagesanbruch wieder ein. Das Leben plätschert einfach immer weiter.

Alles, was ist. Ja. Ich bin gespannt.

Alles, was ist

1. Tagesanbruch

Die ganze Nacht hindurch, im Dunkel, preschte das Wasser vorbei.

Reihe um Reihe lagen Hunderte von Männern schweigend übereinander in den eisernen Kojen unter Deck, viele mit dem Gesicht nach oben, die Augen noch offen, obwohl fast Morgen war. Die Lichter waren gedämpft, die Motoren dröhnten unaufhörlich, die Ventilatoren zogen feuchte Luft, fünfzehnhundert Mann mit Tornistern und Waffen, schwer genug, um sie geradewegs auf den Grund zu ziehen, als würde ein Amboss ins Meer fallen, ein Teil der riesigen Flotte mit Kurs auf Okinawa, der großen Insel südlich von Japan. Im Grunde war Okinawa Japan, das fremde, unbekannte Land. Der Krieg, der seit dreieinhalb Jahren andauerte, befand sich in seinem Schlussakt. In einer halben Stunde würden die ersten Männer sich zum Frühstück aufreihen, es im Stehen essen, Schulter an Schulter, ernst, ohne zu sprechen. Das Schiff bewegte sich ruhig durch das Wasser, hier und da ein dumpfes Geräusch. Der Stahlrumpf knarrte.

James Salter, „Alles, was ist“

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