Am Strand

…Wenn er an sie dachte, staunte er, dass er das Mädchen mit der Geige hatte gehen lassen. Natürlich wusste er längst, dass ihr aufopferungsvoller Vorschlag letztlich bedeutungslos gewesen war. Sie hatte nur die Gewissheit seiner Liebe gebraucht und die Bestätigung, dass keine Eile geboten war, da das ganze Leben noch vor ihnen lag. Mit Liebe und Geduld – hätte er doch bloß beides gehabt – wären sie schon zurechtgekommen. Welch ungeborene Nachkommen hätten dann ihre Chance erhalten, welches junge Mädchen mit Stirnband im Haar wäre sein geliebtes Kind geworden? So kann sich der Lauf eines Lebens ändern – durch Nichtstun. Am Strand von Dorset hätte er Florence nachrufen, ihr nacheilen können. Damals wusste er nicht und hätte es auch nicht wissen wollen, dass sie ihn nie stärker, nie verzweifelter als in jenem Moment geliebt hatte, als sie von ihm ging und in ihrem Kummer überzeugt war, ihn zu verlieren, dass der Klang seiner Stimme ihr wie eine Erlösung vorgekommen, dass sie sofort umgekehrt wäre. Statt dessen verharrte er in eisigem, rechthaberischem Schweigen und ließ sie in der einbrechenden Dunkelheit über den Strand davoneilen, während sich das Geräusch ihrer mühsamen Schritte in der Brandung sachter Wellen verlor, bis sie nur noch ein verschwommener, kleiner Punkt auf dem ungeheuer langen, schnurgeraden, im fahlen Licht schimmernden Kieselstreifen war.

Ian McEwan, „Am Strand“

Am Strand

Sie waren jung, gebildet und in ihrer Hochzeitsnacht beide noch unerfahren, auch lebten sie in einer Zeit, in der Gespräche über sexuelle Probleme schlicht unmöglich waren. Einfach sind sie nie…

Ian McEwan, „Am Strand“

Roman ° Diogenes

Umschlagillustration: Félix Vallotton, „Weißer Strand, Vasouy“, 1913 (Ausschnitt)

Abbitte

…Ich stehe am Fenster, spüre Wellen der Müdigkeit die letzte Kraft aus meinem Körper spülen. Der Boden scheint unter meinen Füßen zu wogen. Ich habe zugesehen, wie das erste graue Licht den Park und die Brücken über den verschwundenen See zum Vorschein brachte. Und den langen schmalen Weg, auf dem Robbie fortgefahren worden war, hinein ins Weiß. Ich stelle mir gern vor, dass es weder Willensschwäche noch ein unlauterer Winkelzug, sondern ein letzter Akt der Güte ist, Widerstand gegen Verzweiflung und Vergessen, dass ich meine Liebenden leben lasse und sie am Ende miteinander vereine. Ich gab ihnen Glück, doch war ich nicht so selbstsüchtig, mir von ihnen vergeben zu lassen. Nicht ganz, noch nicht. Hätte ich die Macht, sie auf meiner Geburtstagsfeier heraufzubeschwören … Robbie und Cecilia, noch am Leben, noch verliebt, Seite an Seite in der Bibliothek, lächelnd über die Heimsuchungen Arabellas? Unmöglich wäre es nicht.

Doch jetzt muss ich schlafen.

Ian McEwan, „Abbitte“

Abbitte

Das Theaterstück – für das Briony Plakat, Programmzettel und Eintrittskarten entworfen sowie einen umgekippten Wandschirm in eine Abendkasse verwandelt und eine Sammelbüchse mit einer roten Kreppmanschette ausgeschlagen hatte – war von ihr in einem zweitägigen Schaffensrausch geschrieben worden, über dem sie sogar ein Frühstück und auch noch das Mittagessen vergaß. Als alles bereit war, sah sie das fertige Werk ein letztes Mal durch, während sie auf die Ankunft ihrer Kusine und der beiden Vettern aus dem Norden wartete. Bis zur Heimkehr ihres Bruders blieb für die Proben nur noch ein einziger Tag Zeit. Bald schaurig schön, bald schrecklich traurig begann die herzergreifende Geschichte mit einem gereimten Prolog, der verkündete, dass jede Liebe, die nicht auf Vernunft basiert, zum Scheitern verurteilt ist. Die unbesonnene Leidenschaft für einen verruchten fremdländischen Grafen stürzt die Heldin Arabella ins Unglück, denn als sie Hals über Kopf mit ihrem Auserwählten in ein Seebad durchbrennt, erkrankt sie an Cholera. Vom Grafen und ihren Lieben verlassen, lernt sie, in einer Dachkammer ans Bett gefesselt, ihr Leid mit Fassung zu tragen. Doch das Schicksal gewährt ihr eine zweite Chance in Gestalt eines verarmten Arztes – in Wahrheit ein verkleideter Fürst, der sein Leben den Elenden und Bedürftigen weiht. Dank seiner Hilfe genesen, trifft Arabella diesmal eine kluge Wahl und wird reich belohnt: Sie versöhnt sich mit ihrer Familie und feiert mit dem heilkundigen Fürsten an „einem windigen, strahlend schönen Tag im Frühling“ Hochzeit…

Ian McEwan, „Abbitte“

Titel der Originalausgabe: „Atonement“ (engl., Sühne)