Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt

DIE TIEFE STELLE

Um das Kriegerdenkmal stehn Rosen. Sie sind ein Gestrüpp. So verwachsen, daß sie das Gras ersticken. Sie blühn weiß, klein zusammengerollt wie Papier. Sie rascheln. Es dämmert. Bald ist es Tag.

Windisch zählt jeden Morgen, wenn er ganz allein über die Straße in die Mühle fährt, den Tag. Vor dem Kriegerdenkmal zählt er die Jahre. Am ersten Pappelbaum dahinter, wo das Fahrrad immer in dieselbe tiefe Stelle fährt, zählt er die Tage. Und abends, wenn Windisch die Mühle zusperrt, zählt er die Jahre und Tage noch einmal.

Von weitem sieht er die kleinen weißen Rosen, das Kriegerdenkmal und den Pappelbaum. Und wenn Nebel ist, ist das Weiße der Rosen und das Weiße des Steins beim Fahren dicht vor ihm. Windisch fährt hindurch. Windisch hat ein feuchtes Gesicht und fährt, bis er dort ist. Zweimal hat das Rosengestrüpp kahle Dornen gehabt und das Unkraut darunter war rostig. Zweimal war die Pappel so kahl, daß ihr Holz fast zerbrochen wär. Zweimal war Schnee auf den Wegen.

Windisch zählt zwei Jahre vor dem Kriegerdenkmal und zweihunderteinundzwanzig Tage in der tiefen Stelle vor der Pappel.

Jeden Tag, wenn Windisch von der tiefen Stelle gerüttelt wird, denkt er: „Das Ende ist da.“ Seit Windisch auswandern will, sieht er überall im Dorf das Ende. Und die stehende Zeit, für die, die bleiben wollen. Und daß der Nachtwächter dableibt, sieht Windisch, über das Ende hinaus.

Und nachdem Windisch zweihundertzwanzig Tage gezählt und die tiefe Stelle ihn gerüttelt hat, steigt er zum ersten Mal ab. Er lehnt das Fahrrad an den Pappelbaum. Seine Schritte sind laut. Aus dem Kirchgarten flattern wilde Tauben. Sie sind grau wie das Licht. Nur der Lärm macht sie anders.

Windisch schlägt das Kreuz. Die Türklinke ist naß. Sie klebt an Windischs Hand. Die Kirchentür ist zugesperrt. Der heilige Antonius steht hinter der Wand. Er trägt eine weiße Lilie und ein braunes Buch. Er ist eingeschlossen.

Windisch friert. Er schaut die Straße runter. Wo sie aufhört, schlagen die Gräser ins Dorf. Am Ende dort geht ein Mann. Der Mann ist ein schwarzer Faden, der in die Pflanzen geht. Das schlagende Gras hebt ihn über die Erde.

Herta Müller, „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“

Atemschaukel

Von den Schätzen

Kleine Schätze sind die, auf denen steht: Da bin ich.

Größere Schätze sind die, auf denen steht: Weißt du noch.

Die schönsten Schätze aber sind die, auf denen stehen wird: Da war ich.

Ich weiß mittlerweile, dass auf meinen Schätzen DA BLEIB ICH steht. Dass mich das Lager nach Hause gelassen hat, um den Abstand herzustellen, den es braucht, um sich im Kopf zu vergrößern. Seit meiner Heimkehr steht auf meinen Schätzen nicht mehr DA BIN ICH, aber auch nicht DA WAR ICH. Auf meinen Schätzen steht: DA KOMM ICH NICHT WEG. Immer mehr streckt sich das Lager vom Schläfenareal links zum Schläfenareal rechts. So muss ich von meinem ganzen Schädel wie von einem Gelände sprechen, von einem Lagergelände. Mann kann sich nicht schützen, weder durchs Schweigen noch durchs Erzählen. Man übertreibt im einen wie im Anderen, aber DA WAR ICH gibt es in beidem nicht. Und es gibt auch kein richtiges Maß.

Aber die Schätze gibt es, da hat Tur Prikulitsch recht behalten. Meine Heimkehr ist ein verkrüppeltes, ständig dankbares Glück, ein Überlebenskreisel, der sich wegen jedem Dreck zu drehen beginnt. Er hat mich in der Hand wie alle meine Schätze, die ich weder ausstehen noch loslassen kann. Ich gebrauche meine Schätze seit über 60 Jahren. Sie sind schwächelnd und zudringlich, intim und widerlich, vergesslich und nachtragend, abgenutzt und neu. Sie sind Artur Prikulitschs Mitgift und von mir nicht zu unterscheiden. Wenn ich sie aufzähle, komme ich ins Straucheln.

Meine stolze Unterlegenheit.

Meine zugemaulten Angstwünsche.

Meine unwillige Eile, ich springe von Null sofort auf Total.

Meine trutzige Nachgiebigkeit, in der ich allen recht gebe, damit ich es ihnen vorwerfen kann.

Mein verstolperter Opportunismus.

Mein höflicher Geiz.

Mein matter Sehnsuchtsneid, wenn Leute wissen, was sie vom Leben wollen. Ein Gefühl wie stockende Wolle, kalt und kraus.

Meine steife Ausgelöffeltheit, dass ich von außen bedrängt und innen hohl bin, seit ich nicht mehr hungern muss.

Meine seitliche Durchschaubarkeit, dass ich beim Einwärtsgehen auseinander komme.

Meine plumpen Nachmittage, die Zeit rutscht langsam mit mir zwischen die Möbel.

Mein gründliches Imstichlassen. Ich brauche viel Nähe, aber ich gebe mich nicht aus der Hand. Ich beherrsche das seidene Lächeln im Zurückweichen. Seit dem Hungerengel erlaube ich niemandem mehr, mich zu besitzen.

Der schwerste meiner Schätze ist mein Arbeitszwang. Er ist die Umkehr der Zwangsarbeit und ein Rettungstausch. In mir sitzt der Gnadenzwinger, ein Verwandter des Hungerengels. Er weiß, wie man alle anderen Schätze dressiert. Er steigt mir ins Hirn, schiebt mich in die Verzauberung des Zwangs, weil ich mich fürchte, frei zu sein.

Am liebsten sitze ich an meinem weißen Resopaltischchen, 1 Meter lang und 1 Meter breit, ein Quadrat. Wenn der Uhrturm halb drei schlägt, fällt die Sonne ins Zimmer. Auf dem Fußboden ist der Schatten meines Tischchens ein Grammophonkoffer. Er spielt mir das Lied vom Seidelbast oder die plissiert getanzte Paloma. Ich hole das Kissen vom Sofa und tanze in meinen plumpen Nachmittag.

Es gibt auch andere Partner.

Ich habe auch schon mit der Teekanne getanzt.

Mit der Zuckerdose.

Mit der Keksschachtel.

Mit dem Telefon.

Mit dem Wecker.

Mit dem Aschenbecher.

Mit dem Hausschlüssel.

Mein kleinster Partner ist ein abgerissener Mantelknopf.

Ist nicht wahr.

Einmal lag unter dem weißen Resopaltischchen eine staubige Rosine. Da hab ich mit ihr getanzt. Dann habe ich sie gegessen. Dann war eine Art Ferne in mir.

Herta Müller, „Atemschaukel“

Atemschaukel

Vom Kofferpacken

Alles, was ich habe, trage ich bei mir.

Oder: Alles Meinige trage ich mit mir.

Getragen habe ich alles, was ich hatte. Das Meinige war es nicht. Es war entweder zweckentfremdet oder von jemand anderem…

Herta Müller, „Atemschaukel“