Großes Solo für Anton

Der letzte Satz des dritten Teiles, der letzte Satz des sechsunddreißigsten Kapitels, der letzte Satz des Buches lautete: Du bist Gott.

XXIV

Gott kann nicht sagen:

Ich löse mich auf

„Das ist schön von dir“, sagte der Hase Jacob, „daß du noch mit mir redest, nachdem du Gott bist. Oder muß ich jetzt Sie zu dir sagen?“

„Noch nie hat jemand mit Gott per Sie geredet“, sagte Anton L.

Anton L. saß vor dem ehemals vornehmen Antiquitätengeschäft, dessen brennbaren Inhalt er seinerzeit verheizt hatte. Eine – wohl nicht ganz echte – steinerne Rokoko-Gartenbank hatte sich natürlich nicht verheizen lassen. Der Engel Sonja hatte sie aus dem Laden herausgetragen und davor hingestellt, damit sich Anton L. darauf setzen konnte. Er saß, die Knie übereinandergeschlagen, auf der Bank. Der Engel stand hinter ihm und hatte einen purpurvioletten Glorienschein ausgefaltet.

„Ich werde“, sagte Anton L., „nun, da ich Gott bin – vielmehr: da ich nun weiß, daß ich Gott bin, ich war es ja schon immer -, eine neue Menschheit erschaffen.“

„Das würde ich mir gut überlegen“, sagte der Hase, „jetzt gleich?“

„Ich habe mir alles überlegt -„

„Pardon, Gott“, sagte der Hase, „wenn ich dich unterbreche. Eine neue Menschheit? Ohne Menschheit geht es wohl nicht? Da steckt schon noch ein schöner Brocken menschlichen Vorurteils in dir. Man merkt, daß du erst vor kurzer Zeit befördert worden bist.“

„Was hast du gegen die Menschen? Ich habe die Menschen – nein: die Menschen habe ich nicht geliebt. Ich habe die Menschen sogar gehaßt; aber die Menschheit habe ich geliebt, heiß geliebt von ganzem Herzen.“

„Warum nur die Menschheit?“

„Ich verstehe dich nicht“, sagte Anton L.

„Die Menschheit ist doch eher ein dürftiger Gegenstand für eine so heiße Liebe. Das Leben, ja, das würde ich verstehen, das Leben an sich. Die Menschheit und die Hasheit und die Nashornheit und die Vogelheit und die Fischheit, die Wurmheit, die Ameisheit, die Pantoffeltierheit, die Baumheit, Grasheit, Farnheit, Moosheit, alles zu lieben, das verstünde ich. Aber die Menschheit? War denn dieser verkommene Haufen so viel wert?“

„Ich fürchte, du verstehst mich nicht.“

„Nein“, sagte der Hase, „das verstehe ich nicht. Ich habe nie verstanden, warum früher so viel Umstände wegen der Erlösung von den paar Narren gemacht wurde.“

„Du vergißt die großen Taten der Menschheit.“

„Große Taten?“ sagte der Hase. „Uns geschossen haben sie, im Wesentlichen.“

„Kurzum“, sagte Anton L., „ich diskutiere nicht weiter. Ein Gott diskutiert nicht. Ich habe mich entschlossen, die Menschheit neu zu erschaffen. Neu! Darauf liegt die Betonung. Basta.“

„Viel Vergnügen“, sagte der Hase.

„Ich werde einen neuen Anfang setzen. Ich werde morgen, zur Stunde, wenn ich die Sonne aufgehen lasse, die Menschheit rematerialisieren.“

„Die werden Augen machen.“

„Mit Hilfe des Buches, also durch eigene Kraft, wohlgemerkt, werde ich diese Tat bewirken. Ich werde ihr, also der Menschheit, trotz ihrer Erbärmlichkeit die Chance geben, die ich selber gehabt und, wie du sagen mußt, genutzt habe. Ich erinnere mich an das Jahr 1945. Damals stand ein Teil der Menschheit vor einer ähnlichen Situation. Viele ihrer Werte waren zerstört. Vorübergehend – damals nur vorübergehend! – wurde sie friedlich und geistiger gesinnt. Jetzt wird sie eine völlig zerstörte Welt vorfinden. Ihre friedliche und geistigere Gesinnung wird anhalten, zumal ich die Menschheit gewisser Eigenschaften berauben werde, die sich damals als negativ erwiesen haben.“

„Gib ihr keine Gewehre mehr.“

„Nicht nur keine Gewehre. Der Zugang zu allen Naturkräften, die ihr schädlich waren, soll ihr verwehrt werden.“

„Ein sehr schöner, theoretischer Gedanke.“

„Wieso theoretisch?“

„Mir scheint“, sagte der Hase, „du erfindest da einen Vegetarierverein, der in selbstgeflochtenen Sandalen herumläuft und sich an erbaulichen Traktaten erfreut -„

„Sie werden dir nichts mehr tun.“

„Sie werden dir etwas blasen, sage ich dir. Sie haben schon einmal einem Gott, der es gut mit ihnen gemeint hat, etwas geblasen.“

„Auch das habe ich durchdacht. Ich werde die vollendete Menschheit rematerialisieren. Ich werde alle schmerzlichen Entwicklungsstufen überspringen, ich werde der Menschheit die harte Schule der Fehler, die sie eigentlich noch machen müßte, schenken. Ich werde die letzte, reine Menschheit wiedererwecken.“

„Darf ich dir einen Vorschlag machen?“

„Ja?“

„Ich würde erst ein paar Muster anschauen. Nicht gleich alle auf einmal zurückholen.“

„Das ist vielleicht kein schlechter Gedanke.“

„Ich an deiner Stelle“, sagte der Hase, „würde, bevor ich morgens früh die gesamte Menschheit wieder über den bedauernswerten Planeten verstreue, heute abends noch ein paar hier aufmarschieren lassen, vor deinem Thron.“

„Heute abends?“

„Dann kannst du es dir immer noch überlegen.“

Anton L. drehte sich zweifelnd um zum Engel Sonja, der aber hielt nur den Glorienschein, wandte den Kopf zur Seite, und aus seinem klaffenden Kleid leuchtete der gloriose Leib.

„Also gut“, sagte Anton L.

Ein Beben schüttelte die Luitpold-Allee. Das Gebäude, vor dem Anton L. saß, bauchte nach vorn aus, die Fassade platzte, ein Regen von Steinen und Ziegeln fiel herab, aber der Engel Sonja hielt den Glorienschein wie ein Zelt über Anton L. und den Hasen, so daß die Steine und Ziegel abprallten.

Die Erde öffnete sich. Aus einer Spalte, die sich längs der Mitte der Straße hinzog, stieg ein Mensch, dessen Füße direkt an die Knie angewachsen waren; dafür hatte er Arme von der Länge einer Riesenschlange. Er patschte mit den Händen um sich her und torkelte gleich wieder in den Spalt, denn offensichtlich war er blind.

„Halt, der fällt wieder hinein“, rief Anton L.

Er fiel aber nicht wieder hinein, denn ein anderer stieg aus dem Spalt und schob den ersten wieder herauf. Der zweite war durchsichtig, hatte keine Haare und einen Schädel groß wie ein Wasserschaff, in dem ein bräunliches Gehirn pulsierte. Das Gehirn schied ständig einen Saft ab, der in den Körper herniedertroff und an den Füßen abgesondert wurde. Der zweite Mensch ergriff den ersten an einem Arm und begann daran zu saugen. Ein dritter Mensch entstieg dem Spalt. Er war groß und gewaltig und ging auf Haaren wie eine Raupe; als er sich wendete, sah man, daß er dünn wie Papier war. Der vierte war ein Zwerg, hatte aber ein männliches Geschlecht, so groß wie eine Kanone, dreimal größer als er selber. Er hatte Mühe, sein Geschlecht mit den Armen zu umfassen, nur dadurch, daß er sich zurückbeugte, konnte er das Gleichgewicht halten. Als der Zwerg des gloriosen Körpers von Sonja ansichtig wurde, stieg das Glied steil in die Höhe zur Baumesgröße. Der Zwerg fiel vornüber. Das Glied hieb den Papiermenschen, der auf Haaren ging, mitten durch. Der Mensch mit den langen Armen hatte inzwischen gespürt, daß irgendwer an seinem einen Arm saugte, konnte aber nicht sehen, was es war. Er begann, die Arme um sich kreisen zu lassen. Der Durchsichtige hielt sich verbissen fest und kreiste mit.

Ein fünfter kam aus dem Spalt, der hatte eine so gewaltige Falte am Hals, daß er sich in sie wie in einen Mantel hüllen konnte. Ein sechster war am ganzen Körper voller Pilze, ein siebter hatte einen Saugmund wie ein Blutegel. Der achte hatte keine Haut und keine Knochen, er bewegte sich dadurch fort, daß er zu einer Lache zerfloß, ein wenig weiterrann und sich dann wieder aufschichtete wie weicher, roter Käse. Der mit dem Blutegelmund schlürfte ihn auf, worauf der Blutegel platzte. Es bildeten sich aus den Resten neue Exemplare.

Die nächsten waren Striche, wie aus Draht gebogen. Dann flatterten noch Schatten aus dem Spalt, wie Rauch, wie heller Rauch die einen, wie dunkler die anderen. Sie mischten sich und wirbelten in langen Streifen über den Boden. Dann kam ein roter Schlund mit weißen Zähnen.

Der Schlund stieß eine Zunge, groß wie eine Fahne, hervor, daran etliche von den Schatten kleben blieben. Ein langer, weißer Engerling aus Fett, groß wie ein kleines Luftschiff, erhob sich aus dem Spalt und schaute frech mit vierzehn Augen auf die Szene.

„Da ist -„, sagte Anton L.

„Was ist?“ fragte der Hase, der sich unter die steinerne Bank zurückgezogen hatte und zwischen Anton L.s Beinen hindurchsah.

„Da ist irgendein Fehler in meine Berechnung gekommen“, sagte Anton L.

„Im Gegenteil. Da ist absolut kein Fehler in deine Berechnung gekommen. Du hattest nur keinen rechten Begriff vom Ergebnis deiner kosmischen Multiplikation.“

Anton L. gab dem Engel einen Wink. Der Engel entfaltete einen weiteren Glorienschein und schleuderte ihn über die Brut, die aus dem Spalt gekrochen war. Der Glorienschein rundete sich zu einer Kugel, fing alles ein und verkleinerte sich zur Größe eines Goldfischglases, in dem sich nun das Schlängeln und Drängen und Paaren und Schlürfen in geschrumpfter Größe, überdeutlich wie unter einer Lupe, abspielte. Der Engel gab Anton L. die Kugel, der sie auf der flachen Hand vor sich hielt und betrachtete.

Der Hase kam wieder unter der steinernen Bank hervor.

„Es tut mir fast leid“, sagte der Hase, „so schlimm habe ich es mir selber nicht vorgestellt.“

Anton L. sagte gar nichts. Er blickte zum Engel, der aber nur wieder den Glorienschein hielt und den Blick ein wenig wendete. Er schaute haarscharf tangential an Anton L.s Kopf vorbei.

Anton L. stand auf und warf die Kugel in den Spalt zurück.

„Was nun?“ sagte der Hase.

„Kann Gott sich selber auflösen?“ fragte Anton L.

„Das glaube ich nicht“, sagte der Hase.

„Ich glaube es eigentlich auch nicht“, sagte Anton L., „Gott kann nicht sagen: Ich löse mich auf. Was passiert, wenn Gott sagt:

Ich löse mich auf -„

Die erste kalte Nacht brach herein. Als die Sonne am nächsten Tag aufging, hatten sich die ersten Blätter der Bäume verfärbt.

Der Erdstoß hatte das Fundament des Denkmals des Kurfürsten zerrüttet. Das schwere erzene Standbild war seitlich umgesunken und zu Boden gestürzt. Es war zweimal zerbrochen, einmal an der Hüfte, einmal am Hals. So lagen die Beine und der Unterleib nahe dem zerborstenen Sockel, der Oberkörper etwas weiter weg, der Degen hatte sich in den Boden gebohrt. Der Kopf war noch weiter fortgerollt. Er blickte nach oben in einen hellen, klaren Herbsthimmel, durch den ein Zug von Staren in den Süden flog.

Herbert Rosendorfer, „Großes Solo für Anton“

Großes Solo für Anton

Wenn der andere, der hier möglicherweise die kleine Seitentür geöffnet hatte, aber ein Mann war, so galt es, die Welt zu teilen. Es könnte schwierig werden. Ein Unter- oder Überordnungsverhältnis wäre fast unumgänglich. Es gibt ja im Grunde genommen nur drei Zahlen (gewisse Australneger zählen angeblich so): eins – zwei – viele. Eins = allein; zwei = nicht allein; drei = vier, fünf, sechs, unendlich. Der Sprung von null zu eins ist sozusagen die Schöpfung; der Sprung von eins zu zwei überbrückt die Kluft zwischen Sein und Möglichkeit; der Sprung von zwei zu drei ist die Entwicklung von der Qualität zur Quantität. Nach drei gibt es kein Halten mehr, drei sind so gut wie viele. Um jedem vielleicht aussichtslosen Kampf auszuweichen, beschloß Anton L., sich sofort unterzuordnen.

Herbert Rosendorfer, „Großes Solo für Anton“

Großes Solo für Anton

Es ist schwer genug, mit der Lektüre eines Buches anzufangen. Ein ungelesenes Buch sträubt sich mitunter gegen das Gelesenwerden. Der ungelesene Inhalt stemmt sich über die erste Seite hinaus dem Leser entgegen. Man muß den Widerstand brechen (es gibt auch andere, sozusagen feile und geile Bücher, die den Leser ansaugen; ob das die besseren sind, ist noch die Frage), man muß eine Bresche schlagen, das Vertrauen der ersten Seiten gewinnen, die dann, wenn sie einmal beruhigt und mit ihrem Schicksal, gelesen zu werden, zufrieden hinter einem liegen und einem den Rücken stärken, den Leser den weiter hinten liegenden Seiten als harmlos und ungefährlich weiterempfehlen. Und wenn man einmal die Mitte des Buches überschritten hat, fühlt man sogar einen leisen Druck in den Rücken. Die letzten Kapitel, die letzten Seiten weichen zurück, zur Seite, das Buch will den Leser nach hinten loswerden, verdaut haben oder absondern, so daß es sich wieder schließen und seine Wunde vernarben kann. In einem anderen Exemplar des gleichen Buches, das man angefangen hat, weiterzulesen, ist fast unmöglich. Da sträuben sich die schon gelesenen, aber eben in diesem Exemplar nicht gelesenen Seiten von vorn und zwingen den Leser mit dieser nahezu allmächtigen Zange förmlich aus dem Buch hinaus.

Herbert Rosendorfer, „Großes Solo für Anton“

Großes Solo für Anton

Die Angst löst Reduzierungsprozesse aus. Die Seele gibt einen erwachsenen Bezirk nach dem anderen auf, verwandelt sich zurück, verteidigt zum Schluß nur noch den Kern des Wesens, der schon da war, als man noch Kind war.

Herbert Rosendorfer, „Großes Solo für Anton“

Großes Solo für Anton

– Sollte der Fall eingetreten sein…, dachte Anton L. und trat auf die Veranda… daß ich durch irgendwelche mir unerklärlichen Umstände allein auf der Welt zurückgeblieben sein sollte, so richtet sich das Datum doch wohl nach mir. Es ist überhaupt die Frage, ob die Zeit durch andere Dinge vergeht als durch die Wahrnehmung des Vergehens. Die Gestirne wandern, ja – manche entstehen, andere zerfallen. Aber woraus entstehen sie? In was zerfallen sie? In Atome. Atome nützen sich nicht ab. Alles ruht in sich, ohne Zeit, wenn der Mensch nicht achtgibt. Der Mensch – das bin ich.

– Oder nützen sich Atome doch ab? Es ist merkwürdig, daß die Physik, wo alles genau geregelt ist, so bald schon an ein derartig nebuloses Gebiet wie die Philosophie grenzt, wo jeder denkt, was er grad will.

Herbert Rosendorfer, „Großes Solo für Anton“

Großes Solo für Anton

Der Endzweck der Welt ist ein Buch.

Stéphane Mallarmé

I

Sonnengeflechtsschwellung

Als Anton L. einige Tage später über die Sache nachzudenken begann – in den ersten Tagen hatte er keine Zeit dazu gehabt, war er damit beschäftigt gewesen, zu staunen und sein neues Leben einzurichten -, erinnerte er sich daran, daß er in der Nacht vom 25. auf den 26. einmal kurz aufgewacht war. Er hatte nicht auf die Uhr geschaut. Ein auffallend heller Schein, ein fahler, gelblicher Schein wie in einer Schneenacht, war durch den Spalt des Vorhanges gedrungen. Er war nur kurz wach gewesen, erinnerte sich Anton L.; nicht lang genug, um zu denken: es ist ein Schneesturm, und um dem entgegen zu denken: nein, nicht im Juni. Dann mußte er wieder eingeschlafen sein.

Dieser helle, fahl-gelbliche Schein war das einzige gewesen, was Anton L. in der Nacht vom 25. auf den 26. Juni aufgefallen war und was er später als Hinweis deuten konnte, wenn er nach Erklärungen suchte. Viel half es ihm freilich auch nicht weiter…

Herbert Rosendorfer, „Großes Solo für Anton“

Die Nacht der Amazonen

Todernstes und Todtrauriges aus der Zeit des Nationalsozialismus kenne ich zur Genüge. Der Humor, mit dem Herbert Rosendorfer sich dieser Epoche deutscher Geschichte widmet, ist zwar bissig und aber nie verbissen. Das genau ist nämlich mein Problem im Umgang mit der Historie: Ich werde ziemlich schnell ziemlich verbissen, zum Beispiel wenn mein Sohn den Führer mimt. Dann weiß ich immer nicht, ob ich lachen oder ihn belehren soll. Er mimt den GröFaZ nämlich, ganz im Vertrauen, ziemlich gut. Und Komik, diese Erkenntnis habe ich aus der Lektüre der „Nacht der Amazonen“ gewonnen, trifft den Nagel oft besser auf den Kopf als tierischer Ernst…

*

„Ja – ach, Herr Dirrigl, auch da?“

„Freilich, müssen ja alle. Grausig.“

„Ja. Sehr grausig. Ich weiß auch nicht, ob das richtig ist…“

„In gewisser Weise ja, andererseits aber nein. Was vorbei ist, sollte vorbei sein. Und schließlich sollte man uns, die so viel durchgemacht haben, eher etwas Aufmunterndes, Aufbauendes zeigen. Die Marika Rökk zum Beispiel. Und nicht solche KZ-Filme.“

„Ganz Ihrer Meinung. Es ginge ja auch keiner freiwillig hinein.“

„Zur Marika Rökk schon.“

„Ich wäre ja auch nicht in den Film gegangen, wenn man nicht – den Stempel, eben, für die Lebensmittelkarten. Obwohl einem der Appetit fast vergehen könnte, nachdem man das gesehen hat. Diese Gerippe! Diese Leichenberge… die Gaskammern…“

„Ich hab‘ die meiste Zeit gar nicht hingeschaut, Herr Kammerlander, gar nicht hinschauen können.“

„So ist es mir auch gegangen. Aber die Augen zu, ist dann doch langweilig.“

„Dabei, Herr Kammerlander, ist es natürlich völlig falsch, diese ganzen Hungergestalten da in diesen Film zu treiben. Die anderen müßten den Film anschauen. Die Nazi.“

„So ist es.“

„Aber – was reden wir. Die Welt ist schlecht, ob die oder jene regieren. Und als Hausbesitzer bist du ja überhaupt unten durch. Eine Luftmine hat mein Dach abgedeckt, und nicht genug damit: achtundzwanzig Flüchtlinge einquartiert. Ich bitte Sie, Herr Kammerlander, sich das plastisch vorzustellen. Achtundzwanzig Flüchtlinge! Davon sechs Kleinkinder. Das ist doch der reine Kommunismus.“

„Man muß halt schon wieder das Maul halten.“

„Übrigens: der junge Herr Davidson ist zurückgekommen. Sie wissen schon: der Sohn von den Davidsons, die bis… na ja, bis eben 1938 bei mir im dritten Stock gewohnt haben. Er heißt jetzt Davies, ist Offizier, spricht aber noch – das ist sehr lustig – spricht echt Münchnerisch. Der kleine Davidson. War ein herziges Buberl, damals. Ach Gott, wie die Zeit vergeht.“

„Waren das nicht die, von denen Sie damals den fast neuen Eisschrank für fünf Mark… hm… abgelöst haben?“

„Ja, ja. Kann sein. Er hat mich besucht, der kleine Davidson – also Lieutenant Davies, so ein baumlanger Mensch jetzt, natürlich, ein fescher Mensch – hat gebeten, ob er einen Blick in die Wohnung seiner Eltern werfen darf, im dritten Stock. Natürlich, selbstverständlich, habe ich gesagt – war mir sehr recht, dann hat er gesehen, was das für Zustände sind – achtundzwanzig Flüchtlinge, davon sechs Kleinkinder, haben grad alle gleichzeitig geschrien.“

„Und nach dem Eisschrank hat er nicht gefragt?“

„Was Sie immer mit dem Eisschrank haben, Herr Kammerlander, wenn ich ihn nicht… abgelöst hätte, dann hätte es ein anderer getan. Oder: noch schlimmer, er wäre ihnen einfach weggenommen worden. Ich bitte!“

„Was ist denn eigentlich aus den Davidsons geworden?“

„Ich sage ja: er heißt jetzt Davies und ist Lieutenant, also Leutnant, und er wird, wenn er ausgemustert wird, nach Cleveland zurückkehren…“

„Ich meine: die alten Davidsons?“

„Ach so. Ja. Nein. Die sind – das weiß ich nicht. Die sind ja 1938… die waren ja förmlich froh, daß ich ihnen den Eisschrank abgelöst habe, weil – einen Eisschrank können sie ja nicht nach… also dorthin mitschleppen, nicht wahr, aber Bargeld… waren ja förmlich froh…“

„Sie haben nichts mehr von ihnen gehört?“

„Nein. Wissen Sie… die sind sehr früh… sehr früh fort. So früh steh‘ ich nicht auf. Und den Lieutenant Davies wollte ich nicht fragen, ob er was von seinen Eltern weiß. Es könnte ja sein… ich will nicht an den Wunden rühren. Er ist da über die Flüchtlinge drübergestiegen, hat sehr nachdenklich zum Fenster hinausgeschaut. Ihn haben ja die Eltern 1935 zu seiner Tante nach Österreich getan, und später ist er mit dieser Tante nach Amerika. Hat sehr nachdenklich zum Fenster hinausgeschaut. >Im Haus da drüben<, hat er mich gefragt, >also, in dem Haus, das da gestanden ist, da hat doch der Sellmaier Maxl gewohnt, der neben mir in der Bank gesessen ist…?< >1943<, habe ich gesagt, >Schildkrötenstellung bei Pawlograd.< >Ach<, hat er nur gesagt, aber auch sehr nachdenklich. Soll ruhig wissen, habe ich mir gedacht, daß auch wir… und so weiter. Ja, dann hat er Kaugummi verteilt und so rosa Bonbons aus Watte quasi an die Flüchtlingskinder – und mir, Herr Kammerlander, hat er eine ganze, noch geschlossene Dose Nes-Café gegeben und zwei Stangen Lucky Strike. Ja, ja – waren immer ruhige, anständige Mieter, die Davidsons.“

„Wenn man das geahnt hätte -„

„Was meinen Sie?“

„Na ja: das, was man hier in dem Film gesehen hat. Diese Greuel.“

„Ungeheuer. Unmenschlich. Diese SS: die reinsten Hyänen.“

„Und äußerlich – gewiß, der Totenkopf auf ihrem Käppi, aber das hat man doch eher als… na ja, als Abzeichen quasi, statt Adler oder so… aber daß die… der junge Kernpichler, ein netter, freundlicher Mann, fesch, sehr fesch, eine Zeitlang hat es so ausgesehen, daß er meine Gisela… meine mittlere Tochter, nicht wahr… waren praktisch schon verlobt… der war bei der SS. Ich habe ja nicht geahnt, was in diesem Menschen vorgeht.“

„Das hat niemand geahnt.“

„Da hat keiner die leiseste Ahnung haben können, Herr Dirrigl.“

„Also ich, Herr Kammerlander, ich – da kann ich die Hand dafür ins Feuer legen, ich habe davon, von diesen Greueln nichts gewußt.“

„Ich auch nicht. Das müßten Sie, Herr Dirrigl, eigentlich bezeugen können. Gut – das bißchen NSKK… gut… ich bin dazugegangen, um nicht zur Partei direkt gehen zu müssen… und daß meine Frau vom Gauleiter das Mutterkreuz… innerlich, Herr Dirrigl, war ich immer dagegen.“

„Ich auch.“

„Ich glaube, Herr Dirrigl, daß – speziell in Bayern – überhaupt niemand dafür war. Niemand. Außer natürlich ein paar Bonzen: Fiehler, Giesler, Esser, Weber, und die auch nur, weil sie Vorteile daraus gezogen haben. Für anständige Menschen, Herr Dirrigl, speziell in Bayern, war der Nationalsozialismus von vornherein suspekt.“

„So ist es.“

„Und, Herr Dirrigl, eins kann ich Ihnen sagen: wenn wir nur die leiseste Ahnung von diesen Greueln gehabt hätten, dann wäre die Bevölkerung auch offen dagegen gewesen.“

„Eben.“

„Wir haben aber keine Ahnung gehabt.“

„Erst jetzt.“

„Jetzt ist es zu spät. Aber das werden die Amerikaner natürlich nicht begreifen.“

„Wir dürfen eins nicht machen, Herr Kammerlander, wir dürfen nicht zulassen, daß man uns anständige Deutsche mit den Nazi verwechselt.“

„So ist es. Aber jetzt, glaube ich, muß ich heim, mein Wamperl muß noch Gassi geführt werden.“

„Ja. Und – also, wenn Sie ab und zu etwas aufbewahren wollen, also – ich meine: man kriegt ja ab und zu etwas, was verderblich wäre, und möchte doch… dann: Sie können es gern herüberbringen und in unseren Eisschrank tun. Der funktioniert noch wunderbar und steht an sicherer Stelle. Die Flüchtlinge kommen da nicht hin.“

„Werde ich gern davon Gebrauch machen, Herr Dirrigl. Danke.“

„Bitte. Man muß zusammenstehen in Zeiten der Not.“

Herbert Rosendorfer, „Die Nacht der Amazonen“

Die Nacht der Amazonen

Personenbeschreibung: 173 cm groß –

(also nicht so arg groß, einen Meter dreiundsiebzig, nicht grad ein Riese oder Recke oder Hüne. Wenn ihn, viele Jahre später Herr Ernst Hanfstaengel, genannt Putzi, als Anderthalb-Mann beschreibt, so ist das doch ein wenig übertrieben; vielleicht hat die ferne Erinnerung Herrn Hanfstaengel getäuscht.)

Haar: braun

(die Farbe sollte in seinem Leben noch eine bedeutende Rolle spielen.)

Herbert Rosendorfer, „Die Nacht der Amazonen“

Briefe in die chinesische Vergangenheit

Siebenunddreißigster und letzter Brief

(Montag, 24. Februar)

Mein lieber Dji-gu.

So schreib ich Dir doch noch einen kurzen Brief. Deinen letzten habe ich noch erhalten. So sage ich Dir also genau den Tag und die Stunde meiner Ankunft.

Heute ist Vollmond. In sieben Tagen, merke Dir das genau, ist es soweit. Das Wetter ist kalt, aber sonnig. Die Großnasen, die in allen, selbst in unwichtigen Dingen die Zukunft berechnen wollen, versuchen sogar das Wetter vorauszusagen. Ab und zu treffen diese Voraussagungen sogar ein. Jetzt, so heißt es, glaube man, dass das Wetter für die nächsten Tage so bleiben wird. Vom Frühling ist hier noch keine Spur zu bemerken, aber das macht mir jetzt nichts mehr aus, denn Du schreibst, dass in Deinem Park schon die Magnolien blühen, und so werde ich in einen heimatlichen Frühling reisen. In sieben Tagen, und zwar genau zu Beginn der Stunde des Pferdes*. Ist das Werk vollbracht, dann sich zurückziehen, das ist des Himmels Sinn (Tao**). Ich habe mein Werk im Geheimen vollbracht. Es war kein leichtes Werk. Die Großnasen haben nichts bemerkt davon, dass sie von mir beobachtet wurden. Sie werden es auch nicht bemerken. Meinen Zeitgenossen werde ich meine Erkenntnisse verschweigen. Warum? das habe ich Dir schon geschrieben.

Herr Shi-shmi hat mich aufgefordert, ja dringend gebeten, meine Erkenntnisse über diese Welt, seine Welt der Großnasen von Min-chen und Ba Yan niederzuschreiben, die letzten Tage zu benutzen, um meine Eindrücke zusammenzufassen. Er würde, sagte er, für die spätere Veröffentlichung sorgen. Er sagte, dass meine Erkenntnisse, die sozusagen eine angeborene Unvoreingenommenheit hätten, für die Großnasen von unschätzbarem Wert seien.

Ich habe abgelehnt. Ich zweifle nicht am Wert meiner Erkenntnisse für die Großnasen. (So gering der Wert für meine Zeitgenossen wäre.) Es fiele mir auch nicht schwer, mich hinzusetzen in den restlichen Tagen und – vielleicht sogar in der Sprache der Großnasen, damit sie sich die Übersetzung sparen können – meine Eindrücke, eben alles das etwa, was ich in diesen vielen Briefen an Dich geschrieben habe, in geraffter und geordneter Form zu Papier zu bringen. Ich habe abgelehnt. Ich weiß, was mit dem Büchlein, der Schrift jenes rätselhaften Kao-tai geschähe: die Großnasen würden es lesen; wenn es hochkommt, würden sie es aufmerksam lesen. Sie würden zustimmend nicken und sich dann dem zuwenden, was sie für den Ernst des Lebens halten. Gegen diesen Ernst des Lebens ist nicht anzukommen.

Ich habe Herrn Shi-shmi die Geschichte mit dem Grenzwart des Blumenlandes erzählt, aus dem XXII. Buch des Chuang-tzu, die Geschichte, in der der Herrscher Yen das Blumenland besichtigt und der Grenzwart versucht, dem Yen von Sinn (Tao) und Leben (Te) zu erzählen, Yen aber begreift es nicht. Der Grenzwart wird böse, und die mir unvergesslichen Schlusszeilen lauten: „Mit diesen Worten ließ ihn der Grenzwart stehen. Yen ging ihm nach und sagte: >Darf ich fragen…?< Der Grenzwart aber sprach: >Vorbei.<„

Ich bin nicht so vermessen, mich mit dem Grenzwart oder gar mit dem überaus erhabenen Chuang-tzu zu vergleichen. Dennoch sage ich: Kao-tai aber sprach zu den Großnasen: vorbei.

Das soll mein letztes Wort aus der Welt der Großnasen sein, abgesehen von einem Gruß an Dich, den ich in ganz kurzer Frist wieder in die Arme schließen werde

als Dein Kao-tai

Mandarin und Präfekt der kaiserlichen Dichtergilde „Neunundzwanzig moosbewachsene Felswände“ in K’ai-feng im Reich der Mitte.


*Stunde des Pferdes (Wu) = Doppelstunde von 11 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags; Kao-tai kündigt also seine Rückkehr für den 3. März 11 Uhr an.

**Schlusszeilen eines Gedichtes aus dem >Tao-te-ching<.


Herbert Rosendorfer, „Briefe in die chinesische Vergangenheit“

Briefe in die chinesische Vergangenheit

Der Mandarin Kao-tai, Kwan der vierthöchsten Rangstufe und Präfekt der Dichtergilde „Neunundzwanzig moosbewachsene Felswände“, gelangt mittels eines Zeit-Kompasses aus der Stadt Kai-feng im China des 10. Jahrhunderts in das heutige München. Auf eigens für die Reise entwickeltem Zeitwander-Papier schreibt er seinem Freund Dji-gu im tausend Jahre entfernten „dort“ die Briefe in die chinesische Vergangenheit, in denen er ihm von seinen unvorstellbaren Erlebnissen im „hier“ erzählt:

Erster Brief

(Mittwoch, 10. Juli)

Treuer Freund Dji-gu.

Die Zukunft ist ein Abgrund. Ich würde die Reise nicht noch einmal machen. Nicht das schwärzeste Chaos ist mit dem zu vergleichen, was unserem bedauernswerten Menschengeschlecht bevorsteht. Wenn ich könnte, würde ich sofort zurückkehren. Ich fühle mich in eine Fremde von unbeschreiblicher Kälte hinausgeworfen. (Obwohl auch hier Sommer ist.) Für heute nur soviel: ich bin, in Anbetracht der ungewöhnlichen Art meiner Reise, leidlich gut angekommen. Ich kann nur rasch diese Zeilen kritzeln und den Zettel an den Kontaktpunkt legen. Ich hoffe, Du findest ihn. In Liebe grüßt Dich Dein

Kao-tai

…Hier – ich müsste eigentlich nicht „hier“ sagen, sondern „jetzt“. Aber dieses „jetzt“ ist so unvorstellbar fremd, dass es mir schwerfällt an die Identität dieses „Ortes“ mit dem Ort zu glauben, an dem Du – durch tausend Jahre getrennt – lebst. Tausend Jahre, das weiß ich nun, sind ein Zeitraum, den der menschliche Verstand nicht fassen kann. Gewiss: Du kannst zählen – eins, zwei, drei… bis tausend – und Dir dabei vorzustellen versuchen, es vergehe jedesmal ein Jahr dabei, Geschlechter, Kaiser, ganze Dynastien wechselten, die Sterne wanderten… Aber ich sage Dir: tausend Jahre sind ein so gewaltiger Berg von Zeit, dass selbst die kühnsten Vögel phantastischer Gedanken ihn nicht zu überfliegen vermögen.

Tausend Jahre sind nicht „jetzt“ und „damals“. Tausend Jahre sind „hier“ und „dort“. Ich werde beim „hier“ bleiben…

Herbert Rosendorfer, „Briefe in die chinesische Vergangenheit“